{"id":446,"date":"2009-12-12T01:30:23","date_gmt":"2009-12-11T23:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=446"},"modified":"2009-12-12T01:30:23","modified_gmt":"2009-12-11T23:30:23","slug":"las-vegas-an-der-limmat-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=446","title":{"rendered":"LAS VEGAS AN DER LIMMAT (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ren\u00e9 Polleschs \u201eCalvinismus Klein\u201c in Z\u00fcrich \u2013 mit Christoph Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/IMG_9296_Bildgr____e___ndern_01.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 min.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Was ist das Theater denn anderes als Kommunikation zwischen B\u00fchne und Zuschauerraum, ein wenig Katharsis und ein Glas Rotwein nachher? An das kathartische Moment des Theaters glaubt Ren\u00e9 Pollesch bekanntlich nicht und an seine Relevanz ebenso wenig. Denn was w\u00e4re, wenn man seine Begleitung nach dem Schlussapplaus einfach an die Schauspieler delegieren k\u00f6nnte? Sollen die sich doch miteinander am\u00fcsieren!<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne des Z\u00fcrcher Pfauen stehen dann allerdings lediglich Carolin Conrad und Martin Wuttke. Ein paar mehr Zuschauer waren denn doch zu Ren\u00e9 Polleschs Urauff\u00fchrung \u201eCalvinismus Klein\u201c erschienen \u2013 vor allem wohl, weil die ersten drei Vorstellungen auch als Kooperation mit Christoph Schlingensiefs \u201eUnsterblichkeit kann t\u00f6ten. Sterben lernen! (Herr Andersen stirbt in 60 Minuten)\u201c angek\u00fcndigt waren.<\/p>\n<p>Keine Frage, Barbara Frey nutzt die Anfangszeit ihrer Intendanz am Schauspielhaus f\u00fcr Experimente. F\u00fcrs Schauspielhaus auch hatte Ren\u00e9 Pollesch erstmals das Nachspielverbot seiner Dramen aufgehoben. \u201eCalvinismus Klein\u201c funktioniert frei nach Robert Pfallers These von den Stellvertretern, an die wir unser Genie\u00dfen, wenn nicht gar das Leben delegieren. Der Rest ist Pollesch-Selbstzitat, bis hin in Janina Audicks B\u00fchnenbild. Projektionsfl\u00e4chen steigen vom Schn\u00fcrboden auf und ab, in der Mitte steht ein Rondell mit allerlei Raumentw\u00fcrfen, zudem werden Vorder- und Hinterb\u00fchne durch Videoprojektionen durchl\u00e4ssig. Dazu die Las-Vegas-Fantasie einer antiken S\u00e4ule, ein paar Stufen, die sich als Schubladen erweisen \u2013 und auf Befehl f\u00e4llt auch schon mal ein pl\u00fcschiges Klappbett herunter.<\/p>\n<p>Martin Wuttke und Carolin Conrad sind hier ein derart osmotisches Paar, dass der Text schon mal vom einen auf den anderen \u00fcbergehen kann. Schaut sie ihn auf seine Auslassungen \u00fcber die calvinistische Askese gro\u00df an, n\u00f6lt er zur\u00fcck: \u201eVersteh doch mal!\u201c Spricht sie von der Existenz der K\u00f6rper, f\u00fcr die Aino Laberenz einen Impresarioanzug mit pinkfarbenem Jackett und Filmdiven-Roben entworfen hat, zupft sie unentspannt am Schlitz des figurbetonten Kleides. Und einmal wird auf ihren Aufschrei \u201eWo ist mein Lippenstift?\u201c ein mannshohes Exemplar auf die B\u00fchne geschoben.<\/p>\n<p>Doch solche albern-unterhaltsamen Momente sind selten. W\u00e4ren da nicht die beiden hervorragenden Schauspieler, ihre Diskurse \u00fcber interpassives und interaktives Theater k\u00f6nnten einem herzlich egal sein. Und den \u00dcberbau f\u00fcr \u201eCalvinismus Klein\u201c \u2013 vom Ausweiden des Theaters auf seine Mechanismen \u00fcbers inhaltsleere Ausspielen des Boulevards bis zu den Kalauern \u2013 hat man schon reichlich frischer inszeniert gesehen.<\/p>\n<p>Entsprechend willkommen ist der vorzeitige Einzug der Schlingensief\u2019schen Theatertruppe. Bis dahin kommt es h\u00e4ufig zu Liveschaltungen: Man sieht Herrn Andersen (Jean Chaize) unterm Holzkreuz auf dem Z\u00fcrcher Altstadtpflaster zusammenbrechen und Christoph Schlingensief auf einer Trage, umringt von einem Chor in roten und schwarzen Messgew\u00e4ndern. Und schon dr\u00fccken eine blau bemantelte Maria, eine Frau mit altmodischem Kinderwagen und Schlingensief in wei\u00dfem Gewand als Papst Mabuse auf die B\u00fchne und Conrad und Wuttke glatt an die Wand.<\/p>\n<p>\u201eUm mich geht es nicht, ausnahmsweise nicht\u201c, beteuert Schlingensief \u2013 doch im n\u00e4chsten Moment l\u00fcmmelt er bereits an der Rampe, gibt kund, er wolle nicht mehr nach Deutschland zur\u00fcck, zieht eine Zeitung heraus und liest in radebrechendem Schweizerdeutsch Statements von Unterst\u00fctzern der Anti-Minarett-Initiative vor. Das w\u00e4re es also wieder, das Theater als moralische Anstalt.<\/p>\n<p>So trashig sich Schlingensiefs Aktionstheater gibt, so ernst ist es doch um dieses Spiel vom Sterben, das die Gemeinschaft als religi\u00f6ses Erlebnis zitiert. \u201eDas ist doch yesterday\u201c, hei\u00dft es einmal in \u201eCalvinismus Klein\u201c, doch das \u201eF\u00fchlen wollen\u201c l\u00e4sst das Publikum sich nicht nehmen. Mag sein, dass hier zwei Menschen einander \u201everwandt\u201c sind, wie Schlingensief meint; die Theaterkonzepte der beiden Regisseure sind es nicht.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.12.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ren\u00e9 Polleschs \u201eCalvinismus Klein\u201c in Z\u00fcrich \u2013 mit Christoph Schlingensief<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/446"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=446"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/446\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}