{"id":445,"date":"2009-12-12T02:48:11","date_gmt":"2009-12-12T00:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=445"},"modified":"2009-12-12T02:48:11","modified_gmt":"2009-12-12T00:48:11","slug":"aktiv-sterben-passiv-spielen-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=445","title":{"rendered":"AKTIV STERBEN, PASSIV SPIELEN (FR)"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Peter Michalzik und Dirk Pilz<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nF\u00fcr alle, die mit den \u00f6rtlichen Gegebenheiten in Z\u00fcrich nicht ganz vertraut sind, hier der Kurzreisef\u00fchrer: Der Pfauen ist die B\u00fchne des Z\u00fcrcher Schauspielhauses in der R\u00e4mistrasse, das Theater am Neumarkt ist ein Theater am Neumarkt. Der Pfauen ist gro\u00df, das Neumarkt klein, beide liegen nah beieinander, dazwischen aber liegt noch das Kunsthaus. Christoph Schlingensief machte w\u00e4hrend seiner Auff\u00fchrung vom Neumarkt zum Kunsthaus und weiter in den Pfauen eine Prozession, direkt hinein in die dortige Auff\u00fchrung von Ren\u00e9 Pollesch. Das sorgte, nicht nur bei Pollesch, f\u00fcr sch\u00f6ne Verwirrung.<\/p>\n<p>Wo \u00fcberhaupt sollte man hingehen? Im Pfauen zeigte Pollesch sein neues St\u00fcck &#8222;Calvinismus Klein&#8220;, w\u00e4hrend der krebskranke Schlingensief parallel im Neumarkt sein neues St\u00fcck &#8222;Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten.&#8220; zur Auff\u00fchrung brachte. W\u00e4hrend Schlingensiefs Arbeit eine einfache, pers\u00f6nliche Skizze zum &#8222;Sterben&#8220; ist, setzt Pollesch sich mit &#8222;Liebe&#8220; und dem &#8222;interpassiven Theater&#8220; auseinander. Hier folgt, da der teilbare Theaterkritiker noch nicht erfunden ist, die &#8222;interaktive Doppelkritik&#8220; mit Clash im Pfauen und Epilog im Neumarkt.<\/p>\n<p>Wie redet man \u00fcber das Sterben? Eine Antwort auf die Frage w\u00e4re fast schon ein Antwort auf die Frage: Wie stirbt man? Das ist Schlingensiefs Frage. &#8222;Ich atme ein, ich atme aus&#8220; sagt Herr Andersen und geht damit auf die B\u00fchne, genauso wie seine Frau.<\/p>\n<p>Weder f\u00fcr Jean Chaize noch f\u00fcr Brigitte Cuvelier ist das Deutsche die Muttersprache, beide strengen sich sehr an, deutlich zu sprechen. Andersen erf\u00e4hrt, dass er in 60 Minuten sterben muss, seine Frau jammert dar\u00fcber mehr als er. Die beiden sch\u00f6nen T\u00f6chter Andersens interessieren sich nicht sehr f\u00fcr den Vater. Und flugs geht es auf den ersten Elementarsatz zu: &#8222;Der K\u00fcnstler kann das Nichtk\u00f6nnen, das muss auch der Sterbende lernen: das K\u00f6nnen des Nichtsk\u00f6nnens.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Alles kugelt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist Programm: Alles ist hier Skizze, blo\u00df keine Stilisierung, blo\u00df kein k\u00fcnstliches Gef\u00fchl. &#8222;Und nachher gehen wir lecker Pizza essen&#8220;, sagt Frau Andersen zum Nichtk\u00f6nnen. Daneben kugelt ein Baby im Kinderwagen eine Treppe hinunter und man kugelt sich \u00fcberhaupt am Boden, auch das betont unprofessionell, dazu viel Wagner vom Band und viel Video. Ein typisches Schlingensief-Chaos, diesmal in der ganz kleinen Form. Dazwischen werden wir und Herr Andersen immer wieder daran erinnert, wie viele Minuten er noch zu leben hat. &#8222;Noch 47 Minuten.&#8220;<\/p>\n<p>Dann die Prozession zum Neumarkt. Sie wird von vielen singenden Messdienern begleitet. Frau Andersen ist jetzt Maria, Herr Andersen wird Christus, tr\u00e4gt sein Kreuz und bricht darunter zusammen. Eine Z\u00fcrcher Passion. Im Kunstbau wird Andersen das erste Mal in den Sarg gelegt. Ein Schild verk\u00fcndet der Stadt: &#8222;Aktion Aufrecht sterben&#8220;, ein Megaphon kracht, jemand ruft: &#8222;das Gef\u00fchl des Schmerzes&#8220;. Da erschallt der Ruf: &#8222;Habemus Papam!&#8220; Schlingensief erscheint als Papst und mit Wuselper\u00fccke auf einer S\u00e4nfte: &#8222;Ich kann Euch leider nicht helfen! Lasst uns in den Pfauen gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Dort, im Pfauen bei Ren\u00e9 Polleschs &#8222;Calvinismus Klein&#8220;, hat Martin Wuttke seit knapp einer Stunde immer wieder gerufen: &#8222;Ich verstehe das nicht!&#8220; Die Hand wischt dazu fahrig die Stirn hinauf. &#8222;Warum m\u00fcssen wir immer selbst lieben? Ich will, dass das endlich jemand anderer f\u00fcr mich macht.&#8220; Wuttke rennt die Treppe hinauf, verheddert sich im Vorhang, und Carolin Conrad schiebt die Stirn in Falten: &#8222;Ich kann deiner Logik nicht folgen.&#8220; Aber um Logik geht es auch nicht. Es geht in Ren\u00e9 Polleschs j\u00fcngstem Werk um das &#8222;interpassive Theater&#8220;, sagt Wuttke, um &#8222;die Unaktive im Bad!&#8220;, sagt Conrad, um den &#8222;Boulevard-Schmerz&#8220; wird Schlingensief gleich sagen.<\/p>\n<p>Niemand kann so sch\u00f6n verwechslungskom\u00f6dienselig Theorien, Theaterformen und Thesen ineinander schachteln und gleichzeitig so glaubenseifrig seine Dogmen predigen wie Ren\u00e9 Pollesch. Deshalb auch der Schmerz: Polleschs Theater will, dass wir an Erkenntnis gewinnen, es will aber auch, dass wir nicht dauernd unseren Kopf anschalten. Immer streiten diese zwei Seelen in seinem B\u00fchnenspiel, und fast immer siegt die Am\u00fcsierlust des Publikums &#8211; es wurde auch in Z\u00fcrich viel und herzhaft gelacht. Wahrscheinlich gibt es im Stadttheaterbetrieb derzeit kein besseres Boulevardtheater, zumal wenn es mit zwei Schauspielern wie Conrad und Wuttke gesegnet ist.<\/p>\n<p><strong>Eine widerliche Kunstform<\/strong><\/p>\n<p>Mit Calvin hat diese Show in der Zwingli-Stadt Z\u00fcrich allenfalls am Rande zu tun. \u00dcberhaupt ist die neueste Polleschiade kaum mehr als eine fahrige Vorstudie zum &#8222;interpassiven Theater&#8220;. Wuttke und Conrad verwechseln es dauernd mit dem &#8222;interaktiven Theater&#8220;, diese &#8222;widerliche Kunstform der Geselligkeit&#8220;. Interpassives Theater w\u00e4re, sagt Wuttke, &#8222;wenn der Schauspieler am Ende mit deiner Begleitung nach Hause geht. Dann musst du das nicht tun.&#8220; Das interpassive Theater ist Entlastungstheater. &#8222;Aber ein interpassives Theaterst\u00fcck, was soll das sein?&#8220; Carolin Conrad holt sich ein neues Kleid, Martin Wuttke verzweifelt. Boulevard eben.<\/p>\n<p>Und dann kommt Schlingensief auf die B\u00fchne: &#8222;Es geht nicht um mich!&#8220; Die Messdiener summen &#8222;Oh Haupt voll Blut und Wunden&#8220;, Schlingensief erinnert an seinen Neonazi-Hamlet vor acht Jahren in Z\u00fcrich und verliest in Schweizerdeutsch aus der &#8222;20-Minuten-Zeitung&#8220;, was die Z\u00fcrcher vom Minarett-BauverbotVolksentscheid halten: &#8222;Jo sicher, isch des guot so!&#8220; Wuttke und Conrad spielen einfach weiter, Schlingensief robbt die Rampe entlang: &#8222;Ich will eure Toilette sein.&#8220; &#8222;Und ich will Entlastung!&#8220; ruft Wuttke. Boulevard-Schmerz eben.<\/p>\n<p>Also schnell zur\u00fcck zum Sterben. Wieder wird unterwegs gesungen, &#8222;Tod ist ein langer Schlaf, Schlaf ist ein kurzer Tod&#8220;. Beim Epilog im Neumarkt h\u00f6ren wir viel &#8222;Parsifal&#8220;, auf dem Video sehen wir eine Spinne in Gro\u00dfaufnahme. Adorno sagt durch den Mund der Tochter Janine, dass die Musik nicht sterben kann. Herr Andersen legt seine Familienmitglieder um und wird dann endg\u00fcltig in den Sarg gelegt. Da tritt noch einmal &#8222;Papst Mabuse&#8220; Schlingensief auf.<\/p>\n<p>Schon den ganzen Abend lang war die Frage &#8222;Wie sterben?&#8220; gleichbedeutend mit der Frage &#8222;Wie kann ich in Gott sein?&#8220;<\/p>\n<p>Nun sagt Schlingensief uns, ganz einfach, dass er nicht an die Holzfiguren Josef und Maria an der Krippe glauben kann. Er sagt es aber so, dass man ihm glaubt, dass er gerne an die beiden glauben w\u00fcrde. Schlingensief kann und will ohne Glauben nicht leben &#8211; und nicht sterben. Er steigt jetzt in die mystische Welt von Meister Eckhart, Nikolaus von Cues und Slavoj Zizek.<\/p>\n<p>Gott ist, sagt Schlingensief, und meint es ganz ernst, Gott ist genauso zerrissen wie wir. Weil Gott nicht mit sich eins ist, k\u00f6nnen wir eins mit ihm werden. &#8222;Nur dann, wenn ich den unendlichen Schmerz der Trennung von Gott erlebe, teile ich eine Erfahrung mit Gott selbst, mit Christus am Kreuz.&#8220; Er meint das als Trost und M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Was Schlingensief in Z\u00fcrich zeigt und tut, ist kein Theater mehr und keine Kunst. Wenn es etwas ist, dann ist es Gottesdienst. Es ist noch n\u00e4her am Gottesdienst als es die &#8222;Kirche der Angst&#8220; war. Und was er sagt, ist sehr nahe an der Predigt. Das geht, ohne peinlich zu sein, weil er es nicht zu kaschieren sucht. Schlingensief fragt angesichts seines Sterbens naiv und \u00f6ffentlich nach Gott. Er ist jetzt wirklich ein Sterbelehrer. Wenn es noch Propheten geben k\u00f6nnte, m\u00fcsste man ihn einen Prophet nennen. Die Position jedenfalls ist vakant.<\/p>\n<p>Theater am Neumarkt: 8. Dezember Schauspielhaus Z\u00fcrich, Pfauen: 8., 14., 16., 18. Dezember<\/p>\n<p>www.temporaereleichenhalle.ch<br \/>\nwww.schauspielhaus.ch<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frankfurter Rundschau vom 6.12.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief machte w\u00e4hrend seiner Auff\u00fchrung vom Neumarkt zum Kunsthaus und weiter in den Pfauen eine Prozession, direkt hinein in die dortige Auff\u00fchrung von Ren\u00e9 Pollesch. 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