{"id":441,"date":"2009-11-28T01:33:39","date_gmt":"2009-11-27T23:33:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=441"},"modified":"2009-11-28T01:33:39","modified_gmt":"2009-11-27T23:33:39","slug":"blos-nicht-im-paradies-verbloden-rp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=441","title":{"rendered":"&#8222;BLO\u00df NICHT IM PARADIES VERBL\u00d6DEN&#8220;  (RP)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Theater-, Film- und Opernregisseur Christoph Schlingensief will in Afrika ein Operndorf bauen. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Projekte, die anderen helfen und einem selbst, \u00fcber Vermarktungsm\u00e4tzchen in Bayreuth und \u00fcber die Erwartungen an das Leben nach dem Tod. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Sie kommen morgen Abend ins Schauspielhaus Bochum, um aus dem Tagebuch zu lesen, das Sie in der akuten Phase ihrer Krebserkrankung gef\u00fchrt haben. Wieso tun Sie sich das an?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Wenn ich zuhause bleibe, geht meine Stimmung sehr schnell in den Keller. Dagegen motiviert es mich wahnsinnig, wenn ich abends auf die B\u00fchne gehe. Ich f\u00fchle mich dann zwar manchmal bleischwer, aber das Publikum reagiert extrem gut. Ich lese fast keine Zeile aus dem Buch, sondern erz\u00e4hle drei Stunden Geschichten aus dem Leben. Aber es gibt noch einen zweiten Grund f\u00fcr diese Lesereise: Ich sammle Geld f\u00fcr ein Operndorf in Afrika.<\/p>\n<p><em>Was reizt Sie an Afrika?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Ich f\u00fchle mich dort einfach sehr, sehr wohl. Anfang des Jahres habe ich einige Reisen dorthin gemacht, das war schwer, weil ich da noch d\u00fcnn war wie ein Strich. Aber inzwischen habe ich vier Kilo zugenommen und muss sagen, selbst wenn in Afrika die Sonne knallt, f\u00fchle ich mich dort besser als zuhause, wenn dort das Gr\u00fcbeln beginnt.<\/p>\n<p><em>Schon im Januar soll der Bau des Operndorfes beginnen. Wie haben Sie das so schnell vorangebracht?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Dieses Projekt bringt sich selbst voran, weil wir auf den Architekten Francis K\u00e9r\u00e9 gesto\u00dfen sind. Der hat in Berlin studiert und wollte in seiner Heimat Burkina Faso eine Schule bauen. Nun wird daraus ein ganzes Dorf mit Prim\u00e4rschule f\u00fcr 400 bis 500 Kinder samt integrierter Film-, Musikklasse, einem Theater, einem G\u00e4stehaus f\u00fcr K\u00fcnstler, Lehrer, Besucher, einer Krankenstation. Die Leute bringen all das selbst voran, weil K\u00e9r\u00e9 ihnen nicht einen Entwurf vorsetzt, sondern sie in die Planung einbezieht.<\/p>\n<p><em>Sie schreiben im Krebstagebuch, dass es f\u00fcr Kranke sehr schwierig ist, mit dem Verlust ihrer Autonomie umzugehen. Ist dieses Projekt f\u00fcr Sie auch R\u00fcckgewinnung dieser Autonomie?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Ja, aber nur nebenbei. Afrika tut mir gut, weil ich dort sein kann, ohne die \u00d6ffentlichkeit f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. In Berlin ist das anders. Au\u00dferdem habe ich Freude daran, dort mitbauen zu k\u00f6nnen. Das habe ich auch immer an Beuys bewundert: Der hat auch darauf geachtet, dass die Arbeit des anderen manchmal interessanter war als die eigene. Eine Grundbedingung f\u00fcrs Lernen. Und deshalb hei\u00dft es bei diesem Projekt auch: von Afrika lernen!<\/p>\n<p><em>Als Sie krank wurden, schreiben Sie auch, h\u00e4tten Sie eine unglaubliche Distanz zu den Gesunden gesp\u00fcrt. Ist das immer noch so?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Ich sp\u00fcre das immer in Wellen. Gerade ist es wieder so. Ich arbeite in Z\u00fcrich an einer Theaterperformance mit Ren\u00e9 Pollesch, es sind viele Freunde hier, auch meine Frau Aino, also ist eigentlich alles optimal. Aber wenn ich beobachte, wie die anderen abends so ausgehen bis sp\u00e4t in die Nacht und am n\u00e4chsten Tag wieder auf der B\u00fchne stehen, dann bin ich manchmal schon neidisch auf deren Kraft. Und es kann sein, dass ich mich f\u00fcr meine Schw\u00e4che dann nicht mag. Andererseits bin ich in den Proben, glaube ich, so effektiv wie nie zuvor.<\/p>\n<p><em>Warum gehen Sie mit Ihrer Krankheit so \u00f6ffentlich um?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Mein Leben ist immer auch Teil der Arbeit gewesen. Meine engsten Freunde kennen mich auch anders, Gespr\u00e4che, die ganz tief gehen, die gelangen nicht an die \u00d6ffentlichkeit, da zieh&#8216; ich schon eine Grenze. Und wenn ich h\u00f6re, dass irgendwelche Kritiker meinen, wir Kranke sollten einfach unseren Mund halten, weil wir die Ruhe vorm Sterben st\u00f6ren, dann bin ich der Letzte, der seinen Mund h\u00e4lt. Es ist wichtig, dar\u00fcber zu reden und nachzudenken.<\/p>\n<p><em>W\u00fcrden Sie nochmal in Bayreuth inszenieren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Ja, aber die neue Politik dort, etwa das Public Viewing, gef\u00e4llt mir gar nicht. Das Magengef\u00fchl, das man in Bayreuth, in diesem Klangk\u00f6rper von Opernhaus, empfinden kann, ist einmalig, das kann man nicht \u00fcbertragen. Und die ganzen Vermarktungsm\u00e4tzchen und Geschichten rund um die Familie empfinde ich als mickrig.<\/p>\n<p><em>Sie hadern in Ihrem Buch sehr mit der katholischen Kirche, warum?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Es ist f\u00fcr mich unglaublich, dass ich einer Kirche angeh\u00f6re, die an einem Punkt, an dem ich wirklich auf Beistand gez\u00e4hlt habe, nicht geholfen hat. Ich dachte, wenn man f\u00fchlt, dass alles den Bach heruntergeht, dann sei die Kirche der richtige Ort, um sich zu fangen. Aber dort hat man mir nur einen M\u00e4rchenpark pr\u00e4sentiert, Krippenfiguren, statt einen Gott, mit dem man auch streiten kann.<\/p>\n<p><em>Was k\u00f6nnte Sie mit der Kirche vers\u00f6hnen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Der Traum muss sein, Gott nicht als b\u00e4rtigen alten Mann zu pr\u00e4sentieren, der uns alle richten wird, sondern von der Liebe zu erz\u00e4hlen, die im Christentum steckt, und die uns allen Gelassenheit geben kann, selbst wenn man in einem so unglaublichen Vorgang wie einer Krebserkrankung steckt. Die Ewigkeit beginnt nicht erst mit dem Tod, sonst w\u00e4re sie ja begrenzt und nicht ewig. Das ist auch eine Beschreibung Gottes.<\/p>\n<p><em>Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?<\/em><\/p>\n<p><strong>Schlingensief<\/strong> Ich k\u00f6nnte diese Welt nur schwer verlassen, wenn ich mir nicht vorstellen k\u00f6nnte, dass es danach noch etwas zu denken und zu arbeiten gibt. Ich will nicht der Verbl\u00f6dung im Paradies anheimfallen, sondern weiter gefordert sein. Diese Vorstellung brauche ich, um Christ zu sein.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Interview: DOROTHEE KRINGS, RP Online 23.11.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Theater-, Film- und Opernregisseur Christoph Schlingensief will in Afrika ein Operndorf bauen. 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