{"id":434,"date":"2009-11-02T08:35:57","date_gmt":"2009-11-02T06:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=434"},"modified":"2009-11-02T08:35:57","modified_gmt":"2009-11-02T06:35:57","slug":"es-ist-ziemlich-geil-hier-zu-sein-basler-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=434","title":{"rendered":"\u00bbES IST ZIEMLICH GEIL, HIER ZU SEIN\u00ab (BASLER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur Christoph Schlingensief ist ein religi\u00f6ser Mensch. Und das nicht erst, seit er an Lungenkrebs erkrankt ist. In den Himmel will er aber noch nicht. Nach Afrika schon.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Guido Kalberer<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr Schlingensief, Sie sehen besser aus als vor einigen Monaten.<\/strong><br \/>\nDie Tabletten, die ich zurzeit einnehme, verhindern die Bildung von Metastasen. Die Krebsableger sind so gut wie weg. Ich weiss aber nie, wie lange es mir gut geht. Der Gesundheitszustand wechselt st\u00e4ndig. Nach wie vor wache ich jeden Morgen mit dem Stopp-Zeichen vor der Fresse auf \u2013 und das belastet mich. Es geht nicht um Lappalien, schlecht geschlafen oder keine Br\u00f6tchen mehr da, sondern es ist immer eine Trauer in mir, eine Art von Melancholie, ja Depression.<\/p>\n<p><strong>Die Unschuld ist pass\u00e9.<\/strong><br \/>\nJa, die ist endg\u00fcltig weg. Wenn ich etwas plane, spielt stets die Frage mit, ob ich das auch wirklich noch machen kann. Die Ungewissheit und die permanente M\u00f6glichkeit, eine schlechte \u00dcberraschung zu erleben, das belastet am meisten. Manchmal ist es aber auch eine gute \u00dcberraschung.<\/p>\n<p><strong>Kehrt der Alltag zur\u00fcck?<\/strong><br \/>\nAllm\u00e4hlich. Ich habe wieder angefangen zu joggen, ganz langsam, super langsam \u2013 aber ich versuche es.<\/p>\n<p><strong>Und die Arbeit?<\/strong><br \/>\nDie funktioniert besser als fr\u00fcher. Meine Arbeiten werden konzentrierter, weil ich mich nicht mehr so verzettle und mich nicht in alles einmische. Ich h\u00f6re den Schauspielern besser zu \u2013 und schaue sie auch besser an. Und \u00fcberlege mir genauer, was wirklich wichtig ist. Ich habe auch nicht mehr den Drang, gelungene Sachen gleich wieder kaputt zu machen.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie raus aus dem hektischen Trubel?<\/strong><br \/>\nDas klingt vielleicht etwas komisch oder widerspr\u00fcchlich: Ich bin zu Hause v\u00f6llig raus aus dem Trubel, ich habe keinen Drang nach \u00d6ffentlichkeit mehr und f\u00fchre die wichtigsten Gespr\u00e4che lieber im kleinen Kreis unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit. Gleichzeitig finde ich es skandal\u00f6s, dass sogenannte Totgeweihte offenbar grunds\u00e4tzlich alleine mit ihrer Situation fertig werden sollen. \u00abDas Sterben findet einsam statt, wortlos und handlungslos\u00bb: Dass ich mich daran nicht halte, wurde mir von katholischer Seite schon vorgeworfen, verbunden mit Drohungen.<\/p>\n<p><strong>Das Sterben ist heute aber kein Tabu mehr in der \u00d6ffentlichkeit.<\/strong><br \/>\nDer Umgang mit Sterbenden ist vielleicht noch ein \u00f6ffentliches Thema, aber der Umgang mit dem eigenen Sterben, dar\u00fcber gibt es keine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung \u2013 mit diesem Problem, mit dem sich jeder irgendwann auseinandersetzen muss, wird man systematisch allein gelassen. Das ist wie eine Exkommunikation, letzte \u00d6lung &#8230; Ich will das \u00e4ndern, und ich will meine Erfahrungen austauschen. Ich halte mich nicht an das Schweigegebot und k\u00e4mpfe f\u00fcr mein Projekt, in Afrika ein Festspielhaus zu errichten \u2013 nicht zuletzt deshalb, weil dort der Deckel, der uns vom Jenseits trennt, noch nicht so zugeklappt ist.<\/p>\n<p><strong>Wieso eigentlich Afrika?<\/strong><br \/>\nSeit 1993 war ich \u00f6fter auf dem afrikanischen Kontinent in sehr unterschiedlichen L\u00e4ndern. Dort laufen die Uhren wirklich anders, wenn sie \u00fcberhaupt laufen. Ich f\u00fchle mich an vielen Orten in Afrika wohler als irgendwo sonst. Auf Reisen durch Afrika f\u00fchlte ich mich angstfrei. Und gesch\u00fctzt vor dieser ganzen Negativstrahlung, die zum Beispiel in Berlin herrscht. Eine andauernde Unzufriedenheit, zu der man ja auch seinen Teil beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Ist Krebs psychosomatisch bedingt?<\/strong><br \/>\nIch weiss es nicht, aber ich habe eine Erkl\u00e4rung, die vielleicht naiv, aber mir plausibel ist: Der Mensch hat eine Lebenslinie, und drumherum gibt es so etwas wie ein Polster, eine Art Toleranzg\u00fcrtel. Wenn man in diesem vorgegebenen Rahmen bleibt, ist es gut; wenn man sich aber dauernd verstellen muss oder etwas tun muss, was man nicht kann oder was zu viel des Guten ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn das auf die Dauer nicht gut geht. Krebs ist nur eine m\u00f6gliche Folge. Ich denke, neben den genetischen Ursachen und den Umweltsch\u00e4digungen gibt es auch solche, die mit der Struktur unseres Daseins verbunden sind. Wer sich in seiner Haut permanent unwohl f\u00fchlt, kriegt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein k\u00f6rperliches Problem. Ich habe mich selbst nach gelungenen Theaterauff\u00fchrungen mit Zweifeln \u00fcber das Gebotene gequ\u00e4lt. Das Sch\u00f6ne durfte einfach nicht sch\u00f6n sein \u2013 da hatte ich echt eine Macke im Kopf.<\/p>\n<p><strong>Tritt Krebs nicht zuf\u00e4llig auf \u2013 mal bei dem, mal bei der?<\/strong><br \/>\nNein, so w\u00fcrde ich das nicht sagen. Krebs hat ein Gesicht und sehr oft auch eine Geschichte. Eine \u00e4usserst individuelle Angelegenheit. Und viele Krebskranke, die in sich hineinh\u00f6ren, ahnen meist, wo ihre psychischen Schw\u00e4chen sind. Und die Psyche hat einen starken Einfluss auf das Immunsystem. Das ist jedem bekannt. Warum soll das bei der Entstehung von Krebs keine Rolle spielen? Im Theater hat man alle Freiheiten, das steht im Grundgesetz, \u00abdie Kunst ist frei\u00bb. Aber die Frage ist, was die Freiheit mit einem macht. Ich glaube, die individuelle \u00dcberstrapazierung des Freiheitsraums kann genauso gef\u00e4hrlich sein wie totale Unfreiheit. \u00abMan kann auch in die H\u00f6he fallen, so wie in die Tiefe\u00bb, das sagte schon Friedrich H\u00f6lderlin. Regisseure und Schauspieler sind oft so etwas wie Leidensbeauftragte, sie machen auf der B\u00fchne das, was andere nicht machen \u2013 daf\u00fcr m\u00fcssen sie h\u00e4ufig auch mehr aushalten oder erleiden. Oft geht es wirklich um Leben und Tod, und Theater hat ja auch die Pflicht, Gedanken zu denken und auszusprechen, die in der Gesellschaft sonst nicht laut gedacht werden. Die B\u00fchne soll ja nicht einfach nur das abbilden, was wir alle ohnehin schon sehen. Aber was ist, wenn wir uns dabei vergaloppieren und uns selbst nicht mehr trauen? Wenn die Verstellung zu stark wird und sonst nichts mehr da ist?<\/p>\n<p><strong>Was war Ihre gr\u00f6sste Angst \u2013 neben der Todesangst?<\/strong><br \/>\nDie meisten krebskranken Menschen haben Angst, nicht mehr dazuzugeh\u00f6ren und sozusagen schon lebendig f\u00fcr tot erkl\u00e4rt zu werden. Ich selbst hatte Angst, meinem Beruf nicht mehr nachgehen zu k\u00f6nnen, den Leuten im Theater nichts mehr erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Und dann gab es immer die Angst, ein Projekt anzunehmen \u2013 ich wusste ja nie, ob ich am n\u00e4chsten Tag noch fit bin.<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein religi\u00f6ser Mensch, wie Ihr Buch \u00abSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u00bb zeigt.<\/strong><br \/>\nIch war zw\u00f6lf Jahre lang Messdiener. Das kriegen Sie nicht mehr aus dem Hemd.<\/p>\n<p><strong>Gab es nie eine atheistische Phase?<\/strong><br \/>\nNein. Ich war immer gl\u00e4ubig. Der Gedanke, dass es keinen Gott gibt, ist nicht auszuhalten. Noch ein Universum, noch ein Universum und noch ein Universum \u2013 das ist mir einfach zu unheimlich. Das \u00fcbersteigt meinen Horizont, und ich f\u00fchle mich zu klein und ohnm\u00e4chtig, um nicht sagen zu m\u00fcssen, dass es irgendetwas Gr\u00f6sseres geben muss. Es kann ja auch eine Kraft sein oder ein Hyper-Gott. Punktum. Solange wir nicht \u00fcber Leben und Tod selbst bestimmen k\u00f6nnen, glaube ich an Gott. Nur mit der Karnevalsgesellschaft im Vatikan hab ich nichts am Hut.<\/p>\n<p><strong>Kennen Sie wenigstens Zweifel?<\/strong><br \/>\nDoch, doch. Ich kenne sehr wohl den Kampf mit dem Glauben und f\u00fchle mich auch wie ein permanenter Zweifler. Ich will auch Gott widersprechen d\u00fcrfen \u2013 das ist klar. Einen Himmel ohne Probleme oder einen Himmel, in dem ich nicht auf lauter alte Bekannten treffe, f\u00e4nde ich extrem langweilig. Aber leider l\u00e4ufts ja darauf hinaus: Totsein bedeutet absolute Leidens- und Problemlosigkeit!<\/p>\n<p><strong>Hat die Krankheit Ihren katholischen Glauben verst\u00e4rkt?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde mal sagen: stark ver\u00e4ndert. Ich war ein Gl\u00fcckskind, sehr beh\u00fctet und habe alle Aktionen mit grossem Gottvertrauen gemacht nach dem Motto: Wird schon gut gehen. Und jetzt geht gar nichts mehr gut, im eigenen K\u00f6rper hat es angefangen. Ich habe, wie glaube ich viele Menschen, immer gedacht, was richtig Ernstes kann mir nicht passieren. So gesehen, hat die Krankheit den Mantel des Wohlbeh\u00fctetseins weggerissen. Aber das hat auch Vorteile. Man weiss pl\u00f6tzlich genau: Es gibt so viel zu tun hier, und es ist ziemlich geil, hier zu sein. Und ich muss die Dinge jetzt machen \u2013 und nicht irgendwann sp\u00e4ter einmal.<\/p>\n<p><strong>Sind Sie etwas esoterisch geworden?<\/strong><br \/>\nNa ja, esoterisch w\u00fcrde ich nicht sagen, aber ich glaube, unser aufgekl\u00e4rtes Denken enth\u00e4lt immer noch viele magische Elemente. Das l\u00e4sst sich gar nicht vermeiden, zumindest, wenn man an die eigene Sterblichkeit und das unbekannte Jenseits denkt. Ich w\u00fcrde es Spiritualit\u00e4t nennen. Ein K\u00fcnstler ist immer spirituell. Theater hat etwas Spirituelles und Metaphysisches. Das verbindet es mit Afrika, wo es nichts gibt, das nicht spirituell w\u00e4re. Das ist der gute Geist, den ich in Afrika sp\u00fcre und der bei uns h\u00f6chstens noch maschinell oder chemisch hergestellt wird. Als Surrogat oder als \u00abnaturidentischer Aromastoff\u00bb oder auch als \u00abbio\u00bb. Es ist tats\u00e4chlich so, dass ich heute einen Baum anders ansehe als fr\u00fcher \u2013 ich brauche ihn deswegen ja nicht gleich zu umarmen. Grosse Theatererlebnisse sind immer solche, bei denen der Abend selbst zu atmen beginnt \u2013 das ist Spiritualit\u00e4t. Das kann man nicht anordnen oder kaufen, das geschieht mit Hilfe von Antennen, die die Menschen haben. Bei manchen allerdings sind diese verbogen oder ganz abgerissen.<\/p>\n<p><em>Basler Zeitung, Tages-Anzeiger, 31.10.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur Christoph Schlingensief ist ein religi\u00f6ser Mensch. Und das nicht erst, seit er an Lungenkrebs erkrankt ist. In den Himmel will er aber noch nicht. 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