{"id":43,"date":"2005-10-28T10:38:10","date_gmt":"2005-10-28T08:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=43"},"modified":"2005-10-28T10:38:10","modified_gmt":"2005-10-28T08:38:10","slug":"die-wagners-im-township","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=43","title":{"rendered":"Die Wagners im Township"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schlingensief in Aktion: Bewohner der L\u00fcderitzbuchter Armensiedlung Area 7 werden zu Schauspielern<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"10\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p><em>Von Irmgard Schreiber, Allgemeine Zeitung Namibias<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Im L\u00fcderitzbuchter Township ,,Area 7&#8243; herrscht gro\u00dfer Trubel am Vorabend von Christoph Schlingensiefs Geburtstag. Rund 200 Bewohner des Elendsviertels stehen am Sonntag um die Drehb\u00fchne herum, die einige Tage zuvor zwischen den Wellblechh\u00fctten erbaut wurde. Gespannt, skeptisch, am\u00fcsiert schaut man dem Spektakel zu, dass die deutsche Filmcrew von ,,African Twin Towers&#8220; hier veranstaltet. <\/p>\n<p>Christoph ist sauer. Auf die Allgemeine Zeitung im Allgemeinen, auf deren d\u00fcmmliche Kulturreporterin im Besonderen. Als ich am Sonntagmorgen den Afrika-Korrespondenten des ,,Spiegel&#8220; zum Obelix-Village fahre, um bei seinem Interview mit Schlingensief M\u00e4uschen zu spielen, f\u00e4hrt der Berliner Filmregisseur aus der Haut. Was ich denn \u00fcberhaupt noch hier wolle, fragt er und klappert irritiert mit dem Kaffeegeschirr im Fr\u00fchst\u00fccksraum der L\u00fcderitzbuchter Pension. Warum ich mit meiner Berichterstattung \u00fcber unzufriedene Schauspieler die Stadt Windhoek gegen L\u00fcderitz aufhetzen w\u00fcrde, ich solle doch lieber nach Hause gehen, ,,Wei\u00dfw\u00fcrschte&#8220; fressen und Sarotti-Schokolade lutschen. Auf dem Weg hinaus ruft er meiner Begleiterin ein ,,Heil Hitler&#8220; zu. <\/p>\n<p>Wir eilen im Stechschritt zur\u00fcck zu unserem Wagen. Am fr\u00fchen Nachmittag fahren wir hinaus zur Wellblechsiedlung Area 7. Dort, zwischen den Container-\u00e4hnlichen H\u00fctten, steht der Animatograph: eine kreisrunde Drehb\u00fchne, darauf ein verwittertes Schifferboot mit angebauter H\u00fctte und Podium. Bunte Slogans ohne erkenntliche Botschaft sind auf dem gesamten B\u00fchnenbild verteilt. Es sieht aus, als h\u00e4tte sich eine Schulklasse im Kunstunterricht ausgetobt. Die Leute von Area 7 haben dabei mitgewirkt, erz\u00e4hlt ein b\u00e4rtiger Mann in zerrissener blauer Kutte. Liebevoll malt er mit wei\u00dfem Pinsel einige Worte an die Bootswand, die er von einem Zettel kopiert. Was sie bedeuten, frage ich ihn. ,,Ich wei\u00df nicht&#8220;, sagt er, der Klaus Beyer hei\u00dft, schon mehrmals mit Schlingensief zusammengearbeitet hat und als renommierter Autorenfilmemacher gilt. Sp\u00e4ter wird er in die Rolle des Hagen von Tronje schl\u00fcpfen. ,,Das hat man mir gegeben&#8220;, mit freundlichem L\u00e4cheln h\u00e4lt er seinen zerknitterten Spickzettel hoch. <\/p>\n<p>Schon lange bevor die restlichen Schauspieler eintreffen, sind die Kameras in Aktion. Eine beobachtet das Geschehen aus der Vogelperspektive von einem Lampenpfeiler aus. Eine weitere ist an einem langen Arm befestigt, der \u00fcber die K\u00f6pfe der Menge in Area 7 schwingt, eine dritte wechselt st\u00e4ndig aus den H\u00e4nden der Kamerafrau in die von Schlingensief. Seine Crew h\u00e4tte auch versteckte Mini-Kameras an Brillen befestigt, behauptet der Regisseur sp\u00e4ter gegen\u00fcber einem Radioreporter. <\/p>\n<p>Die Inszenierung, zu der die \u00d6ffentlichkeit eingeladen wurde, beginnt unmerklich, es gibt keinen Startschuss, denn eigentlich ist alles schon von vornherein Inszenierung &#8211; oder aber einfach nur gelebtes Leben. Die Zuschauer werden automatisch zu Akteuren, ob sie wollen oder nicht.  Schlingensief, mit einem Fell um die Schultern und einer schwarzen Zottelhaarper\u00fccke auf dem Kopf, malt ,,Area 7&#8243; in gro\u00dfen schwarzen Lettern auf ein Segeltuch. Sp\u00e4ter sollen die beschrifteten T\u00fccher von den zwei Masten des Bootes h\u00e4ngen, das sind die Twin Towers, die am 11. September zum Einsturz kamen. Eine einheimische Theatergruppe wird die Katastrophe vom World Trade Centre nachspielen.<br \/>\nOben auf dem Podium schreit Schauspieler Dirk Rohde mit heiserer Stimme ins Mikro, der Wind rei\u00dft ihm die Worte aus dem Mund. \u00dcber Entwicklungshilfe und die AZ zetert er, \u00fcber die Bundesministerin Wieczoreck-Zeul, und seine Faust droht dem Helikopter, der in diesem Moment am Himmel kreist. Neben ihm steht Schlingensief mit Kamera, er sagt den Text vor: ,,Kommt endlich runter, kriegt euren A? in den W\u00fcstensand!&#8220;, skandiert der Redner Richtung Helikopter, und Schlingensief winkt hektisch, noch einmal soll der Flieger seine Runde machen. Dann singt einer den ,,Revolution&#8220;-Song der Beatles, die Kinder des Townships sollen mitsingen, aber kaum eines kennt den Text. <\/p>\n<p>Irm Hermann betritt das Podium, mit hoch erhobenem Haupt, in einem quietsch-pinken Abendkleid und farblich passender Sonnenbrille. Sie war eine von Fassbinders Frauen, an der Seite von Hanna Schygulla spielte sie in den 60er und 70er Jahren in fast allen Filmen des eigenwilligen Regisseurs. ,,We welcome you in sis beautiful Schlamm (slum)&#8220;, verk\u00fcndet sie mit deutschem Akzent. Offenbar h\u00e4lt sie die Er\u00f6ffnungsrede f\u00fcr die Wagner-Festspiele in L\u00fcderitzbucht. Ein gro\u00dfer Erfolg solle das werden, alle Zeitungen wollten dar\u00fcber berichten, ganz viel Papier wollten sie damit bedrucken, und das sei toll, denn dann k\u00f6nnten die Leute hier Feuer machen und ihre Suppe kochen. <\/p>\n<p>,,Ich hasse meine Eltern&#8220;, ruft irgendwann Tochter Wagner ins Mikro, gespielt von Katharina Schlotauer, das Publikum wird aufgefordert mitzugr\u00f6len: ,,I hate my parents&#8220;. Auch Sohn Wieland stimmt mit ein: ,,Father, Mother, tell these people that you are only using them.&#8220; Robert Stadlober spielt ihn, der 23-j\u00e4hrige \u00d6sterreicher, der in dieser Woche zum besten deutschen Nachwuchsschauspieler gew\u00e4hlt wurde. Durch seine Rolle als gehbehinderter Teenager in dem Kinoerfolg ,,Crazy&#8220; (2000) wurde er \u00fcber Nacht bekannt. Helge-Schneider-Schauspieler Norbert Losch macht das Familienoberhaupt Wagner, in ,,African Twin Towers&#8220; werde der Niedergang der Familie Wagner inszeniert, sagt er. <\/p>\n<p>Eine Parodie auf die Welt der Wagners, der 11. September, der Ring der Nibelungen, die Edda, Bayreuth und das L\u00fcderitzbuchter Elendsviertel &#8211; alles das und noch mehr wird thematisiert in dieser kuriosen Theaterinszenierung, die gleichzeitig der H\u00f6hepunkt der Dreharbeiten f\u00fcr ,,African Twin Towers&#8220; ist. Klaus Beyer als Hagen von Tronje hackt mit einem Pappmach\u00e9-Schwert auf einen eisernen Drachen ein, der, von einem Bagger geschoben, die African Twin Towers attackiert. ,,I killed se dragon, I killed se dragon&#8220;, ruft er sp\u00e4ter siegestrunken mit piepsiger Stimme und schwingt das Schwert \u00fcber den K\u00f6pfen der Menge. Mutter Wagner ringt im Sand neben der Drehb\u00fchne mit einem Strau\u00df. Die amerikanische 70er-Jahre-Rock-Ikone Patti Smith sitzt am Rande des Podiums und tr\u00e4gt Gedichte vor, von korrupten G\u00f6ttern und der Macht des Rings handeln sie, von einem Hasen, der die Kinder anf\u00fchrt auf deren Suche nach einer neuen Humanit\u00e4t. Ein Mal sitzt Smith unten auf der Drehb\u00fchne, die irgendwann tats\u00e4chlich zu drehen beginnt, und fiepst in ihre Klarinette. Neben ihr steht ein \u00fcberdimensionaler gusseiserner Topf auf dem Feuer, in dem der Koch von Obelix Village das Abendessen zubereitet. Die Kinder von Area 7 laufen johlend und hupend hinter einem isl\u00e4ndischen Schauspieler her, dessen Hauptaufgabe darin besteht, das Publikum zu animieren. Alles passiert gleichzeitig, und die Kameras sind immer mitten im Geschehen. Hin und wieder droht die Situation zu eskalieren, wenn die Kinder die Drehb\u00fchne st\u00fcrmen, um auch einmal auf dem Podium stehen und in ein Mikro schreien zu d\u00fcrfen. <\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend, l\u00e4ngst wurden die Scheinwerfer eingeschaltet, ein kalter Wind bl\u00e4st stetig durch das Township, dr\u00e4ngelt sich die Menge um den gro\u00dfen Kochtopf. Da steht Schlingensief neben mir. Erleichtert sieht er aus, die wichtigsten Szenen sind im Kasten. Ob er mich zu einem kleinen Vers\u00f6hnungshappen einladen kann, fragt er mit spitzb\u00fcbischem L\u00e4cheln. Ich muss ihn misstrauisch gemustert haben. Wie die Leute hier denn essen sollen, frage ich ihn, es gibt ja keine Teller. ,,Ja aber die haben doch &#8211; hier&#8220;, sagt er und zeigt auf seine hohlen H\u00e4nde. Jetzt bin ich sauer.<\/p>\n<p>Am folgenden Tag erz\u00e4hlt Schlingensief dem Radioreporter, dass er die Szene mit der ,,komischen&#8220; deutsch-namibischen Journalistin am Kochtopf auf Kamera hat und in seinen Film einbauen will. Aha. Vielleicht hat so wenigstens eine Windhoeker Hobby-Schauspielerin noch den Weg in den Film gefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlingensief in Aktion: Bewohner der L\u00fcderitzbuchter Armensiedlung Area 7 werden zu Schauspielern. Von Irmgard Schreiber, Allgemeine Zeitung Namibias vom 27.10.2005<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}