{"id":429,"date":"2009-10-17T18:33:03","date_gmt":"2009-10-17T16:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=429"},"modified":"2009-10-17T18:33:03","modified_gmt":"2009-10-17T16:33:03","slug":"mein-traum-ware-dass-der-krebs-einfach-stillstunde-bz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=429","title":{"rendered":"&#8222;MEIN TRAUM W\u00c4RE, DASS DER KREBS EINFACH STILLST\u00dcNDE&#8220; (BZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anfang 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich der Regisseur auch in seiner Kunst viel mit der Krankheit besch\u00e4ftigt. Am Sonntag um 11 Uhr ist er zu Gast im Theater Freiburg. Ein Interview mit dem 48-J\u00e4hrigen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Herr Schlingensief, wie geht es Ihnen im Moment?<br \/>\n<strong>Christoph Schlingensief:<\/strong> Ich gehe jetzt gleich in die R\u00f6hre [gemeint ist der Computertomograph, die Red]. Von daher bin ich gerade etwas angespannt. Vor sechs Wochen wurden Metastasen in der rechten Lunge entdeckt &#8211; deshalb bin ich jetzt wieder mit Medikamenten zugange. Vor zwei Tagen war ich eher down. Man kommt sich gel\u00e4hmt vor. Heute f\u00fchle ich mich wie vor einer Klassenarbeit oder einer Premiere, dabei wollte ich eigentlich nie mehr in meinem Leben eine Klassenarbeit schreiben. Mein Traum w\u00e4re, dass der Krebs einfach stillst\u00fcnde oder zur\u00fcckginge. Das w\u00e4re das Tollste. Sonst geht es mir aber sehr gut: Die Lesereise ist klasse, die Leute sind unheimlich bei der Sache. Das gibt mir sehr viel Kraft und macht Spa\u00df.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Hatten Sie zwischenzeitlich schon einmal das Gef\u00fchl, \u00fcber den Berg zu sein?<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Man ist nie ganz sicher, das habe ich gelernt. Man kann dank der Schulmedizin diese Krankheit teilweise als chronisch einstufen, bis vor einigen Jahren war Krebs ja das absolute Todesurteil. Auf diese Entwicklung setze ich nat\u00fcrlich \u2013 darauf, dass sich in den n\u00e4chsten drei Jahren, so ich denn durchhalten sollte, noch mehr tun wird. Das Schlimme an dieser Krankheit ist, dass sie einen zerm\u00fcrbt und einem immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Da muss man mental dran bleiben und sich auch mal selbst bel\u00fcgen und sagen: &#8222;Mir geht\u2019s doch prima&#8220;. Aber nat\u00fcrlich wei\u00df ich: Der Krebs ist ein Dreckschwein, auch wenn er mir einige neue Wege und Blickrichtungen ge\u00f6ffnet hat. Nat\u00fcrlich w\u00e4re ich ihn gerne los.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Es gibt auch Kritik daran, dass Sie sich und Ihre Krankheit so \u00f6ffentlich machen.<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Ja, es gibt Typen, die sagen, dass kranke Menschen die Klappe halten und in W\u00fcrde sterben sollen. Das finde ich sehr arrogant. Ich bekomme Berge von Briefen, viele erkrankte Menschen sagen, dass sie wegen ihrer Sprachlosigkeit einen gro\u00dfen Alptraum erleben. Dass ihnen niemand zuh\u00f6rt und sie nicht wissen, ob andere auch ihre \u00c4ngste empfinden. Bei 8 Millionen B\u00fcchern \u00fcber die Liebe und 5000 B\u00fcchern \u00fcber den neuen Porsche k\u00f6nnen 60 B\u00fccher \u00fcber Krebs die Suppe nicht versalzen.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Wieso haben Sie Ihre Krankheit in einem Buch verarbeitet?<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Ich habe das urspr\u00fcnglich nur f\u00fcr mich selbst nachts in mein Diktierger\u00e4t geredet, immer dann, wenn ich Angst hatte und keiner da war. Das war wie eine M\u00fclltonne. Eine Befreiung. Ich habe mir das dann gar nicht mehr angeh\u00f6rt. Als Intendant Armin Petras vom Berliner Gorki-Theater mich fragte, ob ich das inszenieren will, habe ich die Texte f\u00fcr eine Ausstellung im Kunstverein Innsbruck abgetippt. Und nach der ersten Inszenierung am Gorki [&#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220;, die Red.] kam dann die Idee auf, ob ich das als Buch herausbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Mussten Sie Ihr Leben durch den Krebs komplett umstellen oder haben Sie versucht, weiterzumachen wie bisher?<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Es gibt Leute, die bekommen eine Chemotherapie und gehen danach arbeiten. Ich konnte das nicht, ich war danach v\u00f6llig fertig. Ich habe weniger gekotzt, aber psychisch einen Knacks bekommen. Ich fand die Vorstellung schlimm, dass ich eine Chemo mache und mich alle Zellen regelrecht anschreien, warum ich das mache. Ich bin ab und zu von einer starken Depression gestraft. Wenn ich arbeite, dann geht das nur mit einem gro\u00dfartigen Team, mit Leuten, die wissen, dass ich nach zwei Stunden auch mal wieder weg bin, rumsitze und ein bisschen vor mich hinzittere. Arbeiten ist schon sehr wichtig, um nicht zu sagen lebensrettend. Nur kann ich nicht mehr wie fr\u00fcher f\u00fcnf Mal die Woche fliegen. Ich habe auch nicht mehr die Hektik wie fr\u00fcher, bin geduldiger und gelassener und bei der Arbeit konzentrierter. Ich kann jetzt ganz wenig anfangen mit vergeudeter Zeit und reinem Bl\u00f6dsinn.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Machen Sie Pl\u00e4ne f\u00fcr die Zukunft?<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Ja. 2012 ist eine Operninszenierung in Amsterdam geplant, und ich habe schon eine Anfrage f\u00fcr 2014. Die Leute sagen, dass es sie jetzt gar nicht interessiert, ob ich dann noch da bin oder nicht. An der Deutschen Oper Berlin habe ich &#8222;die Heilige Johanna&#8220; vom Krankenbett aus gemacht, das ging, weil wir alle zusammen gearbeitet haben. Es geht nur im Team &#8211; wenn ich zu schwach war, ging es ohne mich weiter, und ich konnte dann wieder kommen und es wieder umbiegen.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Und was hat es mit Ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr ein Festspielhaus in Afrika auf sich?<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Ab Januar soll mit dem Bau einer Schule f\u00fcr 500 Kinder begonnen werden &#8211; inklusive einer Musik- und eine Filmklasse. Dazu soll es eine Krankenstation f\u00fcr Aidskranke geben. Von der Ruhrtriennale habe ich ein ganzes Theater in elf Containern geschenkt bekommen \u2013 ein ganzer Bau f\u00fcr 500 Zuschauer. Wir brauchen 1,4 Millionen Euro, etwa 700.000 Euro haben wir bis jetzt beisammen. Ich habe Henning Mankell in Mosambik besucht, er steuert 100.000 Euro bei, da bin ich vor Begeisterung vom Stuhl gefallen. Ich treffe in diesem Monat auch noch Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler, auch das ausw\u00e4rtige Amt unter Frank-Walter Steinmeier hat 200.000 Euro gegeben. Und wir haben jetzt auf der Lesereise schon richtig Geld eingenommen, die Leute haben sogar noch zus\u00e4tzlich zum Eintrittspreis gespendet. Solange ich kann, werde ich sammeln. Ende des Monats werde ich nach Burkina Faso fliegen. Ich hoffe, dann die Vertr\u00e4ge zu machen.<\/p>\n<p><strong>BZ:<\/strong> Sie klingen voller Tatendrang.<br \/>\n<strong>Schlingensief:<\/strong> Mein Arzt hat mir mal gesagt, dass ich mir Afrika, Menschenansammlungen, das Herumfahren und Fliegen abschminken k\u00f6nnte. Ich habe das bis jetzt anders gemacht, war in Mosambik, Kamerun und Burkina Faso \u2013 ich glaube, dass das richtig f\u00fcr mich war und ich mehr erreichen konnte, indem ich mich bewegt habe. W\u00fcrde ich nur auf die Schulmedizin h\u00f6ren, dann s\u00e4\u00dfe ich nur hier h\u00e4tte Angst zu sterben. Das bringt nichts, daf\u00fcr ist die Zeit zu knapp.<\/p>\n<p>Aus: <em>Badische Zeitung vom 16. Oktober 200<\/em><\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Frank Zimmermann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich der Regisseur auch in seiner Kunst viel mit der Krankheit besch\u00e4ftigt. Am Sonntag um 11 Uhr ist er zu Gast im Theater Freiburg. 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