{"id":42,"date":"2005-10-19T18:21:51","date_gmt":"2005-10-19T16:21:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=42"},"modified":"2005-10-19T18:21:51","modified_gmt":"2005-10-19T16:21:51","slug":"is-there-anybody-out-there-drehtagebuch-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=42","title":{"rendered":"Is there anybody out there? (Drehtagebuch Teil 1)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Is there anybody out there?. Erster Teil des Schlingensief Drehtagebuchs (19.10.2005). Von Claus Philipp.<\/strong><br \/>\n<code><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/code><\/p>\n<p>Mittwoch, 11.30. Vor gut drei Stunden ist die H\u00e4lfte des Teams in Richtung Fish River Canyon, f\u00fcr einen zweit\u00e4gigen Trip und Aussendreh, abgefahren. Gro\u00dfartig, ohne Drehbeobachter. Nicht genug damit, dass ich hier jetzt relativ nutzlos in der Landschaft herumh\u00e4nge: Gestern vermutlich leichter Sonnenstich, erst heute ein K\u00e4ppi besorgt, vorher die halbe Nacht kotzend auf dem Klo. H\u00e4nge also leicht sediert im Innenhof des Obelix Village Lodge oder versuche\tE-Mails zu schreiben, oder ernsthaft die Frage anzugehen, wie man so ein Online-Tagebuch angeht, oder einen Drehbericht, wie auch immer. &#8222;Du kannst ruhig schreiben, was hier abgeht&#8220;, meint Dramaturg J\u00f6rg van der Horst. &#8222;So \trichtig eskalieren tut die Lage ja noch nicht.&#8220; Als ich am Sonntag mit Patti Smith hier ankam, war n\u00e4mlich ein, so Christoph Schlingensief, &#8222;schwarzer Tag&#8220;. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt er \u00fcber seinen schwerkranken Vater, von Telefonaten mit zuhause, seiner Mutter\tin Oberhausen, die um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine, Christophs Abwesenheit, gerade jetzt, ringt: &#8222;Hoffentlich tust du genau das, was du dir gew\u00fcnscht hast und wirklich machen willst.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SCHIFF18.jpg\" width=\"450\" height=\"264\" alt=\"SCHIFF18\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Komisch das Gef\u00fchl, auch dies sei l\u00e4ngst ein &#8222;dokumentarisch&#8220; gestalteter Bestandteil des Films. &#8222;The African Twin Towers&#8220; erz\u00e4hlt ja zumindest phasenweise gerade diese Geschichte: Ein Regisseur rast mit h\u00f6chster Ambition nach S\u00fcdwestafrika und reibt sich im Dienste von Wagnerfestspielen auf. Schlingensief: &#8222;Ich werde jetzt ein paar Tage allein ins Hinterland fahren und ihr macht hier von mir aus mit eurem Film&#8216; weiter&#8220;. &#8222;Was will er?&#8220;, fragt Irm Herrmann. &#8222;Er will uns hier zur\u00fccklassen&#8220;, stichelt Robert Stadlober, und, einige Minuten sp\u00e4ter, durchaus guter Dinge: &#8222;Beim einem Dreh in Rum\u00e4nien, da haben Sie uns einmal das gesamte belichtete und unbelichtete Filmmaterial geklaut. Das war viel schlimmer als das hier.&#8220; Am Schneidetisch sehe ich mir ein paar Szenen an: C.S., wie er die &#8222;Familie Wagner&#8220; inszeniert, wie sie die Drehb\u00fchne des Animatographen, oben im Township der zwangsausgesiedelten Armen der \u00c4rmsten, in Gang setzen. Der Wind reisst an ihren Gew\u00e4ndern und Haaren, als w\u00fcrde er alle gleich wegtragen. Man muss gegen ihn anbr\u00fcllen. Im Hintergrund schwarze Slumbewohner, am\u00fcsiert bis erstaunt. Christoph ist das Ganze dennoch zu kompakt: &#8222;Diese Zweidimensionalit\u00e4t, das brauch ich nicht mehr, bei &#8218;Terror 2000&#8216; w\u00e4re ich damit noch zufrieden gewesen, aber jetzt: Nein, das ist nicht das was ich will. Das sind bestenfalls ein paar nette, lustige Szenen.&#8220; Der Produzent Frieder Schlaich wei\u00df noch nicht recht, was er von der angek\u00fcndigten Abreise halten soll. Irm Hermann: &#8222;Extra wegen ihm habe ich jetzt kurzfristig ein H\u00f6rspiel in Deutschland abgesagt. Wenn der jetzt abhaut, dann reise ich ab.&#8220; Stadlober bl\u00e4ttert m\u00e4\u00dfig aufmerksam in Enzensbergers &#8222;Der kurze Sommer der Anarchie&#8220; herum. &#8222;Was will der Christoph?&#8220;, fragt Norbert Losch. Stadlober: &#8222;Er will uns hier allein zur\u00fccklassen.&#8220; Tja. Patti Smith, mit leichtem Sprachvorteil, weil sie des Deutschen nicht m\u00e4chtig die ganze Bedr\u00fccktheit bestenfalls atmosph\u00e4risch mitkriegt: &#8222;Ich hab ihm versprochen, dass ich nach Namibia kommen werde, mit meinem alten schwarzen Lieblingsmantel und meiner Klarinette. Na, und da bin ich jetzt &#8211; ich will helfen.&#8220; Nach dem langen Flug von Br\u00fcssel \u00fcber Frankfurt und Windhoek ziemlich \u00fcberm\u00fcdet, findet sie die ganze Situation auf mysteri\u00f6se Weise interessant, &#8222;ein Abenteuer&#8220;. Immer noch schw\u00e4rmt sie vom Parsipark in Neuhardenberg. Sp\u00e4ter kann C. S., positiven R\u00fcckmeldungen nicht\tabhold, diese Faszination wieder nachvollziehen. Weiterhin beh\u00e4lt er sich die Abreise vor, vorher soll aber immerhin noch das Schiff hinauf auf den Berg, in die sogenannte Area 7, auf die Drehb\u00fchne des zuk\u00fcnftigen Animatographen. Das &#8222;Schiff&#8220; ist ein uraltes von Wind und Sand abgeschliffenes kleines Fischerboot. Christoph (als Odin angetan mit schwarzer Langhaarper\u00fccke und Augenklappe), Klaus Beyer (als Hagen voin Tronje), Bj\u00f6rn Thors (als Jesus und Noah in einer Person), Karin Witt (als Edda) treiben am darauffolgenden Vormittag ein ziemlich hypnotisches Orgien-Hysterientheater.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC02133.JPG\" width=\"450\" height=\"337\" alt=\"DSC02133\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Die schwarzen Arbeiter, die links und rechts schieben, was das Zeug h\u00e4lt, sind begeistert. Viele freuen sich \u00fcber Schwarzwei\u00df-Polaroids, die Patti von ihnen macht, mit einer steinzeitlichen Kamera. In ihrem Mantel und wie sie sich am Stra\u00dfenrand hinkauert, wirkt sie wie die absurdeste Set-Fotografin aller Zeiten. Hinter dem Boot eine brutale Kerbe die Stra\u00dfe hinunter,\tChristoph fotografiert sie mit zunehmender Begeisterung. Dann wieder: &#8222;Halleluja!&#8220; Hallende Rezitative aus der &#8222;Edda&#8220; und aus der &#8222;Bibel&#8220;. Bj\u00f6rn ist nicht nur ein genial abgefuckter Jesus, sondern auch ein begnadeter Steuermann. Nur einmal kippt das Schiff, sehr &#8222;Fitzcarraldo&#8220;-m\u00e4\u00dfig. Fast h\u00e4tte der herabkrachende Mast Patti Smith erschlagen. Als wollten himmlische M\u00e4chte best\u00e4tigen, dass die Botschaft angekommen ist, j\u00e4he Regen und Hagelschauer oben beim Animatographen. Nachdem ich mit dem Bus lange hinter dem Boot hergefahren bin, finde ich mich beim Versuch, das Auto ausser Sichtweite der Kameras zu parken, pl\u00f6tzlich in der alten Township, dem sogenannten Cent Hotel wieder,  eine riesige Anh\u00e4ufung von Abfall und Wellblechh\u00fctten, die man von L\u00fcderitz aus nicht sehen kann\/will. In meinem privaten L\u00fcderitzfilm ist das ein Schnitt wie ein Filmriss. Sp\u00e4ter an diesem Montag folgt eben hier, auf einem Friedhof, der auch eine perfekte Location f\u00fcr Zombie-Filme von George Romero abgeben w\u00fcrde, ein weiterer Dreh.<\/p>\n<p>Patti Smith beginnt mit Kindern zu spielen. Sie halten ihr Haar f\u00fcr eine Per\u00fccke, lassen sich nur mit pers\u00f6nlichen Zupfen und Anfassen vom Gegenteil \u00fcberzeugen. Ein paar der Kids haben schnell einen Songtexte gelernt: &#8222;People have the Power.&#8220; &#8211; Norbert Losch: &#8222;Was macht denn die \u00fcberhaupt?&#8220; Es f\u00e4llt der Begriff  &#8222;Rockstar&#8220;. Losch, zum Produzenten: &#8222;Frieder, jetzt machste aber schnell ein Foto von uns beiden. Das nehm ich f\u00fcr meine Memoiren.&#8220;<\/p>\n<p>Fortsetzung folgt. Lesen Sie morgen: Wie man in L\u00fcderitz mit &#8222;arroganten&#8220; K\u00fcnstlern umgeht; die Arbeitsverh\u00e4ltnisse rund um den Animatographen; ein Abend frei nach &#8222;Chapaqua&#8220; und Viscontis &#8222;Die Verdammten&#8220;&#8230;.<\/p>\n<p><em>Claus Philipp, Kulturressortleiter und Filmkritiker des STANDARD, ist derzeit zu Besuch beim Dreh in L\u00fcderitz. 2006 wird er ein Buch \u00fcber die Filme und Aktionen von Christoph Schlingensief herausgeben. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Teil des Schlingensief Drehtagebuchs aus Afrika (19.10.2005). 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