{"id":412,"date":"2009-09-14T21:58:30","date_gmt":"2009-09-14T19:58:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=412"},"modified":"2009-09-14T21:58:30","modified_gmt":"2009-09-14T19:58:30","slug":"ich-wurde-gern-in-den-tag-hinein-leben-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=412","title":{"rendered":"ICH W\u00dcRDE GERN IN DEN TAG HINEIN LEBEN (WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief \u00fcber Krebs und sein Festspielhaus in Afrika <\/strong><\/p>\n<p><em>Von Matthias Heine<\/em><\/p>\n<p>In seiner Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg empf\u00e4ngt der krebskranke Christoph Schlingensief im Bademantel. Vor einer Woche hat er erfahren, dass sich neue Metastasen gebildet haben. Nun macht er eine Eigenbluttherapie, die Fieber ausl\u00f6st. Trotzdem ist er gut gelaunt. Gerade sind er und seine Frau Aino Laberenz von ihrer Hochzeitsreise in die Dolomiten zur\u00fcckgekommen. Vorher war Schlingensief in Mosambik, dem dritten Land, das der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler als Standort f\u00fcr sein Festspielhaus in Afrika ins Auge gefasst hat. Matthias Heine sprach mit ihm, kurz vor seiner Abreise nach Bremen, wo er gestern Charlotte Roches Gast in der Talkshow &#8222;3 nach 9&#8220; war.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Wie war es in Mosambik?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Mosambik hat eine Riesenk\u00fcste, an der die Drogen \u00fcberall rankommen und \u00fcberall weg k\u00f6nnen. Da werden wirklich extrem viele Gelder angeschwemmt. Es ist ungeheuer korrupt. Man kann auf dem Marktplatz von Maputo acht- bis zw\u00f6lfj\u00e4hrige M\u00e4dchen praktisch im Schutze der Polizei kaufen. Es fahren Rolls Royce durch die Stadt, und Hugo Boss hatte gerade er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Sie haben Henning Mankell getroffen, der seit langem in Mosambik lebt und dort ein Theater leitet.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ja. Wir haben uns in der Berlinale-Jury kennengelernt. Sein Theater liegt in der Innenstadt im Einkaufsbezirk von Maputo. Dort ist alles sehr gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Und was h\u00e4lt Henning Mankell von Ihrer Idee eines Festspielhauses in Afrika?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Der sagte mir: &#8222;Ich finde das Projekt gut, und ich gebe dir Geld.&#8220; Er kommt am Wochenende auch nach M\u00fcnchen, um sich das Gastspiel meiner Inszenierung &#8222;Mea Culpa&#8220; anzusehen. Aber Mosambik ist trotzdem nicht der Ort f\u00fcr das Festspielhaus. Es l\u00e4uft derzeit auf Burkina Faso hinaus.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Wie war es dort?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich habe den Studenten in der Uni erz\u00e4hlt, dass wir in Deutschland um zw\u00f6lf Uhr nachts, wenn keiner es mitbekommt, die Schwarzen abschieben. Ein paar Monate sp\u00e4ter hatten wir Verhandlungen mit dem Au\u00dfenministerium wegen des Geldes, mit dem Steinmeier das Festspielhaus unterst\u00fctzen will. Da gibt es viele Leute, die erst mal abwarten wollen, ob der Westerwelle den Schlingensief auch noch m\u00f6gen wird. So ein Beamter sagte zu meiner Herstellungsleiterin: &#8222;Wir haben einen Brief gekriegt von der Stellvertreterin des Botschafters in Burkina. Darin steht, dass Herr Schlingensief sich sehr negativ \u00fcber Deutschland ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte. Das ist doch das reine Spitzeltum.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Was spricht denn so sehr f\u00fcr Burkina?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Vor allem Francis, mein Architekt, ein H\u00e4uptlingssohn. Der hat f\u00fcr unser Festspielhaus ein Modulsystem entwickelt: Das sind kleine 16-Quadratmeter-R\u00e4umchen, die sich aneinander anschlie\u00dfen wie Bausteine. Viele denken ja, ich setze da ein zweites Bayreuth hin. Aber das ist ja nicht mal im Ansatz die Idee. Es wird Wohnm\u00f6glichkeiten geben, eine Filmklasse, eine Fotoklasse und eine Musikklasse.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Die Idee eines Festspielhauses in Afrika klingt f\u00fcr viele nach einem gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Plan wie in Werner Herzogs Film &#8222;Fitzcarraldo&#8220;. Andere sprechen von Kulturkolonialismus und sagen, die Afrikaner ben\u00f6tigen ganz bestimmt niemanden, der ihnen europ\u00e4ische Oper nahe bringt. Wozu k\u00f6nnte Afrika ein Festspielhaus brauchen? Und wie sind Sie auf die Idee gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Das war, als ich in Manaus in Brasilien inszeniert habe. Dort steht ja wirklich das Opernhaus wie ein Ufo in der Stadt. Und Afrika spielte bei mir immer schon eine gro\u00dfe Rolle seit 1993. Damals war ich mit Tabea Braun zusammen. Deren Vater war Missionspriester in S\u00fcdafrika; der ist ausgewiesen worden, weil er sehr engagiert gegen Apartheid gek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Manche sagen, das Festspielhaus sei die Erl\u00f6sungsidee eines kranken Europ\u00e4ers &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich mache das nicht, um mich noch mal zu verwirklichen. Oder um gesund zu werden. Allerdings sp\u00fcre ich in Afrika manchmal Kr\u00e4fte, die ich hier nicht habe. Ich m\u00f6chte, ganz pathetisch gesagt, auch etwas zur\u00fcckgeben: Ich habe immer Fl\u00e4chen bekommen, auf denen ich etwas ausprobieren konnte. Selbst bei dem alten Wolfgang Wagner, wo man dachte, der hat ja nicht alle Tassen im Schrank, als er mich in Bayreuth den &#8222;Parsifal&#8220; inszenieren lie\u00df &#8211; und dass er mich geholt hat, war ja auch der Beweis f\u00fcr seinen Zustand (lacht). Aber ich versp\u00fcre nat\u00fcrlich st\u00e4rkeren Zeitdruck als fr\u00fcher. Das ist die Schei\u00dfe: Ich w\u00fcrde gerne noch mal einfach in den Tag hinein leben.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Warum unterst\u00fctzt der Bundesau\u00dfenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Ihr Projekt?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Er kam bei der Berlinale an meinen Tisch. Steinmeier wollte wirklich mal wissen, was das f\u00fcr eine Idee ist. So \u00e4hnlich habe ich das mit Horst K\u00f6hler auch schon erlebt. Der kam in einer Auff\u00fchrungspause meiner Operninszenierung &#8222;Die Heilige Johanna&#8220; auf mich zu. Als ich ihm von den Afrikapl\u00e4nen erz\u00e4hlte, hat er mir zwei Leute gegeben, die wir jetzt immer kontaktieren, wenn wir Fragen haben.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: M\u00fcssen Sie jetzt SPD w\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich habe keinerlei Verpflichtungserkl\u00e4rung unterschrieben, dass ich jetzt im Wahlkampf mit Steinmeier und G\u00fcnter Grass irgendwo winken muss. Allerdings habe ich keine Skrupel zu sagen: Das Wichtigste ist, dass man einfach diese FDP wegjagt. Ich mag diese Partei nicht, weil dort viele Leute genau die neoliberale Marktwirtschaft propagiert haben, die den Dreck angerichtet hat, in dem wir jetzt stecken. Und dass diese Leute jetzt zusammen mit der CDU das Sagen haben sollen &#8211; das g\u00f6nne ich ihnen einfach nicht. Ich will nicht sehen, wie Guido Westerwelle als Au\u00dfenminister in Israel heruml\u00e4uft. Der hat schon so viel Schei\u00dfe gebaut &#8211; diese Aktion 18, das ging einfach gar nicht. Es sollen doch bitte nicht die Leute darauf reinfallen, die jetzt glauben, wenn sie die FDP w\u00e4hlen, zahlen sie f\u00fcnf Prozent weniger Steuern.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Sie waren mit der Berlinale-Jury auch bei Angela Merkel im Kanzleramt eingeladen.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Das war erschreckend. Da sitzen ihr Henning Mankell und Tilda Swinton beim Kaffeetrinken gegen\u00fcber, und sie stellt keine Fragen. Da wird nur gefragt, ob man noch ein St\u00fcckchen Kuchen m\u00f6chte. Im B\u00fcro zeigte sie uns so eine potth\u00e4ssliche Marmorplatte mit Kamelen an der Tr\u00e4nke, die ihr irgendein \u00d6lscheich geschenkt hatte. Das mussten wir uns alle angucken. Und als ich mal auf das Adenauer-Portr\u00e4t von Kokoschka zuging, was wirklich ein sch\u00f6nes Bild ist, dann sagte sie nur: &#8222;Ja, aber machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief, ha, ha, ha.&#8220; Mankell, Tilda und Wayne Wang haben hinterher unabh\u00e4ngig voneinander gefragt: &#8222;Ist die immer so?&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Welt: In Ihrem &#8222;Schlingenblog&#8220; ist ein Video zu sehen, das Sie als Michael-Jackson-Imitator zeigt. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Als Michael Jackson gestorben ist, kam ich in den Fr\u00fchst\u00fccksraum vom Juliushof in Wien, und die Schauspielerin Margit Carstensen sa\u00df total geknickt da: &#8222;Michael ist tot.&#8220; Daraufhin habe ich beschlossen, abends in der Vorstellung von &#8222;Mea Culpa&#8220; den Jackson zu machen. Bei der Probe habe ich w\u00e4hrend des Tanzens vergessen zu atmen. Als ich nach gut einer Minute hinter die B\u00fchne bin, habe ich gedacht, ich sterbe. Dann kam die Feuerwehr mit dem Beatmungsger\u00e4t. Abends hat das Publikum getrampelt, und Margit hat mich angestrahlt und war v\u00f6llig begeistert. Das macht ja gro\u00dfe Laune zu sagen: &#8222;Jetzt lachen wir mal wieder alle und jetzt h\u00f6ren wir mal auf, traurig zu gucken.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Wie geht es Ihnen denn gerade?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Das K\u00f6rperliche ist besser geworden. Durch die Wanderungen habe ich mehr Lungenvolumen bekommen. Und ich wiege auch f\u00fcnf Kilo mehr als in meiner tiefsten Zeit mit 69 im September 2008 w\u00e4hrend der Proben zu &#8222;Eine Kirche der Angst&#8220;. Der K\u00f6rper \u00fcberrascht einen: Zum Beispiel habe ich durch die Medikamente L\u00f6ckchen bekommen. Mit Francis und dem Team witzele ich immer: Nun kriege ich wegen Afrika auch noch L\u00f6ckchen.<\/p>\n<p><strong>Die Welt: Umso schlimmer muss Sie die R\u00fcckkehr des Krebses getroffen haben?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Wir haben nicht damit gerechnet. Wir haben nach dem Urlaub soviel Energie gehabt. Da merkst du auch, wie sehr der Mensch wirklich abh\u00e4ngig ist von Gl\u00fccksbildern. Das ist sein gutes Recht. Das hab&#8216; ich fr\u00fcher nicht so gesehen. Damals habe ich gedacht, man muss den Leuten beibringen, dass das alles T\u00e4uschung ist. Heute finde ich es besser, wenn sie sich bewusst t\u00e4uschen. Wie viele Frauen laufen in Berlin-Marzahn herum mit vier verschiedenen Farben im Haar und meinen, das sieht toll aus! Aber wenn sie es sch\u00f6n finden, dann ist das auch so. Man braucht solche Bilder. Auch wir haben diese T\u00e4uschung gebraucht. Wir haben sogar \u00fcber die Adoption eines Kindes nachgedacht, weil ich keine Kinder machen kann &#8211; nix drin in meinem Sack. Und jetzt ist dieses Bild wieder zerbrochen. Das war so hart.<\/p>\n<p><em>Die WELT, 12. September 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief \u00fcber Krebs und sein Festspielhaus in Afrika <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/412"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=412"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/412\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}