{"id":410,"date":"2009-09-14T22:43:27","date_gmt":"2009-09-14T20:43:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=410"},"modified":"2009-09-14T22:43:27","modified_gmt":"2009-09-14T20:43:27","slug":"unsterblichkeit-kann-toten-merkur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=410","title":{"rendered":"\u201eUNSTERBLICHKEIT KANN T\u00d6TEN\u201c (MERKUR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber die R\u00fcckkehr seiner Krebserkrankung, seinen Glauben und seine Oper<\/strong><\/p>\n<p>Der Krebs ist zur\u00fcck \u2013 dennoch ist Christoph Schlingensief voller Pl\u00e4ne. Gerade ist der 48 Jahre alte Regisseur in M\u00fcnchen zu Gast, wo gestern seine Oper \u201eMea Culpa\u201c an der Staatsoper gezeigt wurde. N\u00e4chste Vorstellung: heute, 19 Uhr). Wir trafen den an Lungenkrebs erkrankten K\u00fcnstler, der Anfang des Jahres das Buch \u201eSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u201c bei Kiepenheuer &#038; Witsch ver\u00f6ffentlicht hat, zum Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>\u201eMea Culpa\u201c ist der letzte Teil einer Trilogie, in der Sie sich mit Ihrer Krebserkrankung auseinandersetzen. Er gilt als der optimistischste. Was bedeutet Ihnen heute Optimismus?<\/strong><\/p>\n<p>Es sind zwei Wege. Beim ersten sp\u00fcre ich innerlich eine Kraft und kann sagen: Ich bin auf einem guten Weg. Dann gibt es noch Zweckoptimismus: Das hei\u00dft, man braucht Bilder der Illusion, um sich auf diesen eine Woche, einen Tag, eine Stunde weiterzubewegen. So macht das ja der gro\u00dfe Teil unserer Gesellschaft. Und das finde ich gar nicht schlecht. Man braucht Bilder, um optimistisch zu sein. Man muss nur wissen, ob man noch Herr \u00fcber diese Bilder ist. Man kann n\u00e4mlich ein super Auto fahren \u2013 und trotzdem wird deine Laune nicht besser.<\/p>\n<p><strong>Und \u201eMea Culpa\u201c markiert Ihren Stimmungsumschwung nach der OP?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist die Arbeit, bei der ich wieder angefangen habe zu lachen. Ich habe zwar im Krankenhaus schon mal so einen Moment gehabt, aber es war danach immer eher mies. Dabei lache ich ja sehr gerne. Aber damals war eben alles bitter. Bis ich bei der Arbeit f\u00fcr \u201eMea Culpa\u201c merkte, wie absurd so ein Menschenleben eben ist, wie absurd der Kampf darum. Und wie absurd muss es dann im Jenseits erst sein, wenn man da sitzt und hofft, dass mal wieder Verwandte vorbeikommen?!<\/p>\n<p><strong>Das klingt fast schon kabarettistisch.<\/strong><\/p>\n<p>Glaube und Religion will ich nicht l\u00e4cherlich machen. Das Kabarettistische liegt mir gar nicht. Ich finde den Dadaismus ganz sch\u00f6n. Der war in seinen besten Zeiten etwas Gesellschaftsf\u00e4higes, Aufr\u00fchrerisches. Das war zwar manchmal ein b\u00f6ser Blick auf die Welt \u2013 aber immer ein befruchtender. \u201eMea Culpa\u201c ist auch so ein Abend.<\/p>\n<p><strong>Das Theater, die Oper als eine Art Religion?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin im Gro\u00dfen und Ganzen gebunden an die Bilder des katholischen Glaubens, die mir beigebracht wurden. Und eben diese Bilder machen mir vieles kaputt. Sie reduzieren meine innere Lust am Leben, am \u00dcberleben und vielleicht auch am Jenseits auf Kreuzwege, auf gebrochene Gliedma\u00dfen, auf Dornenkrone und Menschen, die mit Hundeblicken zum Himmel gucken. Ich bin Katholik, aber ich finde, der Katholizismus macht diese gro\u00dfe Sache der Erl\u00f6sung, die ja viele Fragezeichen hat, klein. Wenn Sie durch Kirchen gehen, sehen Sie nur solche Bilder. Das ist wie im M\u00e4rchenpark. Fr\u00fcher hat mir das etwas gegeben. Inzwischen kann ich mit diesem M\u00e4rchenpark immer weniger anfangen \u2013 und bin trotzdem noch gl\u00e4ubig. Nur muss ich einen anderen Weg daf\u00fcr finden. Den Mann mit dem wei\u00dfen Bart brauche ich da nicht als Bild.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Ihre Bilder dann aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat auch etwas mit Optimismus zu tun. Medizinisch gab es gerade schlechte Nachrichten \u2013 und zack, war ich an neuen Bildern dran. In meinem Kopf fing es an zu rasen. Ich kann wieder denken \u2013 und das ist das Sch\u00f6nste \u00fcberhaupt. Oper und Theater ist im besten Fall Gedankenbefruchtung. Ich finde, \u201eDenken\u201c m\u00fcsste ein religi\u00f6ser Akt sein.<\/p>\n<p><strong>Bezogen auf Ihre Krankheit bedeutet das?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe eine Zelle in mir, die unsterblich ist. Das ist Krebs ja. W\u00e4re er es nicht, k\u00f6nnte man ihn in der Therapie einfach wieder ausschalten. Da bliebe dann vielleicht noch ein Knubbel, oder es w\u00e4re schmerzhaft \u2013 aber es w\u00e4re dann auch wieder weg. Da das mit der Krebszelle nicht funktioniert, weil sie unsterblich ist, ist sie so gef\u00e4hrlich. Unsterblichkeit kann t\u00f6ten. Das ist mein Gedanke f\u00fcr die n\u00e4chste Inszenierung, die ich in Z\u00fcrich mache. Unsterblichkeit kann t\u00f6ten, bedeutet aber auch: Da es der Anspruch von mir und von Religion ist, Unsterblichkeit anzustreben, kann ich im selben Moment davon ausgehen, dass ich Millionen Menschen auf dem Gewissen habe. Und wer kann nicht sterben? Gott! Unser Allm\u00e4chtiger ist also auch unsterblich. Interessant.<\/p>\n<p><strong>Birgt diese viele Arbeit nicht auch Gefahren?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe immer gern gearbeitet. Meine Eltern waren fr\u00fcher teilweise der Meinung, ich sollte jetzt mal Pause machen. Ich hatte aber nie das Gef\u00fchl, dass ich Pause machen muss, weil ich nie das Gef\u00fchl hatte, dass ich zu viel arbeite. Wenn man mir das wegn\u00e4hme, w\u00e4re das furchtbar f\u00fcr mich. Deshalb habe ich auch gro\u00dfe Solidarit\u00e4t f\u00fcr Leute, die ihre Arbeit verloren haben. Das muss f\u00fcr viele \u2013 nicht f\u00fcr alle \u2013 furchtbar sein.<\/p>\n<p><strong>Wie verkraftet Ihr K\u00f6rper die Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Arzt sagt: \u201eSolange sie positiven Stress haben, ist alles toll. Wenn sie sich aber genervt f\u00fchlen, dann m\u00fcssen sie das unterbrechen.\u201c Das mache ich jetzt auch h\u00e4ufiger: Ich gehe etwa \u00f6fter nach einem Gespr\u00e4ch schneller weg, bleibe nicht mehr endlos sitzen. Oder ich gehe abends allein fr\u00fcher ins Bett, und meine Frau bleibt noch auf oder trifft Freundinnen. Fr\u00fcher habe ich bei Inszenierungen oft, weil ich zu viel Zeit hatte, zu lange \u00fcberlegt \u2013 und habe die Sachen dann vielleicht zerst\u00f6rt. Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksb\u00fchne, hatte immer Angst, dass ich vor der Premiere alles kaputt mache \u2013 aus Langeweile. Weil ich eigentlich fertig war, noch Zeit hatte und dann angefangen habe, alles noch mal zu b\u00fcgeln.<\/p>\n<p><strong>Sie sprachen von Ihrer Zeit an der Volksb\u00fchne. Inwiefern hat sich Ihr Blick auf Ihre zur\u00fcckliegenden Arbeiten seit der Krebsdiagnose ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Gehen Sie heute kritischer mit Ihrem bisherigen Werk um? Ich kann heute \u00f6fter mal zugeben, wenn etwas nicht so gut war. Ich \u00e4rgere mich zum Beispiel richtig \u00fcber mich, dass ich vor vier Jahren, als ich f\u00fcr mein Projekt \u201eAfrican Twin Towers\u201c in einem Slum in Namibia einen Animatographen aufgebaut habe, den nicht dort gelassen habe. Aber ich dachte damals: \u201eDas ist Kunst, das muss ich irgendwo zeigen.\u201c Das war nicht effektiv. Das muss ich mir heute eingestehen. Manchmal habe ich nur getrommelt, um h\u00f6rbar zu sein.<\/p>\n<p><strong>Ist der Aktionismus, der Zorn des fr\u00fchen Schlingensief einer neuen Zufriedenheit gewichen?<\/strong><\/p>\n<p>Das kann sein. Vielleicht freue ich mich heute manchmal mehr \u2013 weil die Situation drumherum halt nicht so ideal ist. Meine Krankheit ist ja auch f\u00fcr meine Frau Aino wahnsinnig belastend. Dann versuchen wir, uns eine Illusion, eine Hoffnung auszumalen. Die geht aber wieder kaputt. Das ist nicht leicht. Aber w\u00fctend werde ich heute auch noch \u2013 vor allem, wenn es um Ignoranz geht. Das habe ich jetzt bei der Flut in Burkina Faso erlebt: Da sitzen die Entwicklungshelfer im Hotel rum, fahren nicht raus zu den Leuten, schauen sich die Situation auf Handy-Videos an \u2013 und \u00fcberlegen sich, wie man eine Wasserpumpe anschaffen kann! Bis die mal in die Puschen kommen! Da werde ich w\u00fctend \u2013 wenn ich merke, dass es um Selbstgef\u00e4lligkeit geht, Leute die nur um sich selbst kreisen. Die eigentlich Entwicklungshelfer sind, aber die ganze Zeit auf einen Job mit bequemem Sessel in Berlin spechten.<\/p>\n<p><strong>Sie planen ein Opernhaus f\u00fcr Ouagadougou in Burkina Faso.<\/strong><\/p>\n<p>Dabei geht es nicht darum, dass ich den Leuten dort Bayreuth beibringe und zeige, was Wagner ist. Meine Herangehensweise ist eine andere: Das, was dort bereits vorhanden ist, muss sich kennenlernen, um zu begreifen, wie es sich entwickelt hat und in Zukunft weiterentwickeln kann. Deshalb f\u00e4ngt mein Projekt eben mit einer Schule an. Das entwickelt sich gerade wie von selbst und gibt mir sehr viel Kraft.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck nach Deutschland: Ende des Monats ist Bundestagswahl. Fr\u00fcher haben Sie den Wahlkampf mit Aktionen, gar der eigenen Partei \u201eChance 2000\u201c begleitet.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin immer noch so politisch wie fr\u00fcher. Nur fahre ich nicht mehr auf Plakatw\u00e4nde ab. Ich habe vor Kurzem ein wundersch\u00f6nes Plakat aus der \u201eChance 2000\u201c-Zeit gefunden, da lautete der Slogan: \u201eKein Konsens\u201c. Das ist eine zentrale Forderung an Politik und an den W\u00e4hler.<\/p>\n<p><strong>Was erhoffen Sie sich vom Wahlausgang?<\/strong><\/p>\n<p>Dass ein Au\u00dfenminister Guido Westerwelle nicht stattfindet. Die Neoliberalen haben doch immer propagiert, dass der Markt sich schon selber regelt und die Banker das im Griff haben \u2013 denen m\u00f6chte ich den Braten jetzt nicht geben. Denn in vier Jahren wird doch sowieso ganz anders regiert, dann kommt die Rot-Rot-Gr\u00fcne-Koalition. Dann wird es mal wieder hart in Deutschland, dann knallt\u2019s mal wieder. Aber bis dahin m\u00fcssen wir die n\u00e4chsten vier Jahre \u00fcberstehen. Und die verschenken wir bitte nicht an einen Typen wie Westerwelle, der nicht authentisch ist.<\/p>\n<p><em>Merkur Online vom 14.09.2009, das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Michael Schleicher.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber die R\u00fcckkehr seiner Krebserkrankung, seinen Glauben und seine Oper<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/410"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=410"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/410\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}