{"id":41,"date":"2005-10-22T18:04:54","date_gmt":"2005-10-22T16:04:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=41"},"modified":"2005-10-22T18:04:54","modified_gmt":"2005-10-22T16:04:54","slug":"strange-days","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=41","title":{"rendered":"Strange Days (Drehtagebuch Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zweiter Tagesbericht aus dem Schlingensief Drehtagebuch. Von Claus Philipp.<\/strong><br \/>\n<code><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/code><\/p>\n<p><strong>22. 10. 2005: Strange Days<\/strong><br \/>\n<code><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"10\" border=\"0\"\/><\/code><\/p>\n<p>L\u00fcderitz: Ein in Fels und Sand hingestreutes Hafenst\u00e4dtchen, im S\u00fcden der W\u00fcste Namib. Allerorten erinnern Jugendstilbauten und deutsche Schilder &#8211; &#8222;Kegelbahn&#8220;, &#8222;Tischlerei&#8220;, &#8222;Bahnhof&#8220; &#8211; an die kolonialistische Vergangenheit. Island kommt einem als Vergleich in den Sinn, oder D\u00e4nemark, als w\u00e4rs aus einem Film von Lars von Trier. Fast st\u00e4ndig kalte wilde B\u00f6en vom Atlantik her. Man m\u00f6ge doch bitte das Auto stets gegen den Wind parken, r\u00e4t der Reisef\u00fchrer: Sonst halte man irgendwann einmal die ausgeh\u00e4ngte T\u00fcr in H\u00e4nden. Wenn der Sturm besonders heftig weht, ist alles wie entv\u00f6lkert, wie eine Westernkulissenstadt. Will man der Frage beikommen, was hier nicht stimmt, dann erh\u00e4lt man unterschiedlichste Antworten: Man h\u00f6rt von Distanz &#8211; allein die Bezinkosten f\u00fcr eine Fahrt in die Hauptstadt Windhoek sind atemberaubend -, Wirtschaftskrise, sozialem Druck. Man h\u00f6rt von Menschen, die es hierher verschlagen hat, Schwarzen wie Wei\u00dfen, die in der Hoffnung, dass die Hafenn\u00e4he und der Diamantenabbau im Umfeld Geld bringt, alle Verbindungen hinter sich abbrechen, nicht selten gleich Familie mitbringen oder aufbauen und dann festsitzen. Ein Schuldirektor verdient hier 15000 namibischeDollar im Monat &#8211; das sind umgerechnet 2000 Euro. Ein Automechaniker kann etwa 150 Rand pro Stunde verlangen: Das sind etwa 12 Euro. Oberhalb von L\u00fcderitz, in den schwarzen Slums &#8211; dem Cent Hotel und einem Lager f\u00fcr Zwangsausgesiedelte, der sogenannten Area 7 &#8211; erhalten Leute, die kurzfristig angeheuert werden, 30 Rand pro Tag.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SCHIFF10b.jpg\" width=\"450\" height=\"264\" alt=\"SCHIFF10b\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Und jetzt wird da oben, in Area 7, Schlingensiefs Animatograph fertiggestellt, am &#8222;Hauptplatz&#8220;, dort, wo Sonntags auch immer die mehrst\u00fcndigen Messen abgehalten werden. Den M\u00e4nnern aus dem Township, die mitarbeiten, wird etwa das Doppelte der \u00fcblichen L\u00f6hne gezahlt, vielleicht ein weiterer Grund f\u00fcr den Vorsteher von Area 7, &#8222;King&#8220; Martin, das Projekt abzusegnen, \u00fcber das er &#8211; wie die anderen unten in der Stadt, auch kaum mehr wei\u00df als: Hier wird am Sonntag ein St\u00fcck gespielt, ein Fest gefeiert, und das St\u00fcck und das Fest und die Projektionen in und rund um den Animatographen, sie werden wiederum Bestandteil sein des Films &#8222;African Twin Towers&#8220;, der hier in insgesamt 23 Drehtragen fertiggestellt werden soll. Und: &#8222;Wir werden uns bei den Hereros&#8220;, den Eingeborenen, &#8222;f\u00fcr die Verbrechen der Deutschen entschuldigen&#8220;, hat Christoph Schlingensief verk\u00fcndet. Bis dato nahm dies auch die &#8222;Allgemeine Zeitung Namibias&#8220; h\u00f6flich abwartend zur Kenntnis. Fast zur\u00fcckhaltend nimmt sich eine Schlagzeile &#8222;\u00c4rger rund um Schlingensief&#8220; (Schauspieler in Windhoek wurden gecastet, aber nie nach L\u00fcderitz geholt)  zwischen Berichten \u00fcber Agrarreformen Korruption oder mysteri\u00f6se Morde (eine enthauptete schwarze Frau, ein ermordeter Wissenschafter) aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SCHIFF23a.jpg\" width=\"450\" height=\"262\" alt=\"SCHIFF23a\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Der Animatograph ist eine Drehscheibe. Auf der Scheibe steht ein Schiff. Ans Schiff angebaut: Ein Wellblechcontainer, das Dach per Leiter erreichbar und als Auftrittsb\u00fchne nutzbar. Er wirkt wie eine Miniausgabe des &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220;-Containers, 2000 vor der Wiener Staatsoper, aber hier haben sich die Perspektiven drastisch verschoben. Rund um stehen hunderte Wellblechcontainer, wie mit dem Lineal gezogen in diese Hochebene platziert, dass sie beinahe an Peter Eisenmans Holocaust-Denkmal in Berlin erinnern. Andererseits: W\u00e4hrend in Wien Erregtheit und Zorn dominierten, erhebt sich hier rund um das immer weiter wuchernde Animatographen-Gebilde oft Kinderlachen: Die sehen das Schiff wie einen Abenteuer-Spielplatz. Gestern durften Sie Ihre Graffitis drauf malen: HOMEBOY steht da. Oder, von Schlingensief geschrieben: GODS TEARS CENTER.<\/p>\n<p>Unten in der Stadt &#8211; was denken die \u00fcber Film und Animatograph? Es ist mangels ersichtlicher Reaktionen schwer einzusch\u00e4tzen. Journalisten<br \/>\ngegen\u00fcber halten sich die meisten Wei\u00dfen bevorzugt bedeckt. Es ist selten, dass einmal jemand das Gef\u00e4lle zwischen Wei\u00df und Schwarz offen reflektiert, oder gar historische Altlasten diskutiert. Abends an der Bar kann es schon vorkommen, dass einer loslallt: &#8222;Das wissen wir schon, dass die in Europa immer schreiben, wie schlecht&#8217;s den Kaffern geht.&#8220; Oder: &#8222;Wenn dir&#8217;n Kaffer mit&#8217;m Messer kommt, schlag ihm vorher eine mit&#8217;m Stock auf&#8217;s Maul, wie&#8217;m Esel.&#8220; Ist diese Haltung repr\u00e4sentativ? Ganz sicher ist der Mann betrunken. Tats\u00e4chlich h\u00e4ufen sich andererseits die \u00dcbergriffe und \u00dcberf\u00e4lle in der Gegend. Jemand sagt, einmal mehr: &#8222;Die Armen werden immer \u00e4rmer.&#8220; Gleichzeitig: &#8222;Der soziale Neid der Weissen untereinander wird  immer gr\u00f6\u00dfer.&#8220; Gut m\u00f6glich, dass man das gegenw\u00e4rtig in allen Weltgegenden h\u00f6rt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Tagesbericht aus dem Schlingensief Drehtagebuch. 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