{"id":400,"date":"2009-07-14T11:38:46","date_gmt":"2009-07-14T09:38:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=400"},"modified":"2009-07-14T11:38:46","modified_gmt":"2009-07-14T09:38:46","slug":"diesen-krebs-sehe-ich-als-arschloch-an-orf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=400","title":{"rendered":"&#8222;DIESEN KREBS SEHE ICH ALS ARSCHLOCH AN&#8220; (ORF)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch \u00fcber die Angst, das Leben und die Kirche<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nKrankheit, insbesondere eine Krebserkrankung, die im Bewusstsein der meisten Menschheit noch immer als Todesurteil betrachtet wird, stellt aufgrund der begleitenden Therapien und Operationen eine Extremform des Souver\u00e4nit\u00e4tsverlustes dar.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p><center><object classid=\"clsid:D27CDB6E-AE6D-11cf-96B8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/download.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=5,0,0,0\" WIDTH=\"150\" HEIGHT=\"16\"><param NAME=movie VALUE=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/20090709_orf.swf\"><\/param><param NAME=quality VALUE=\"high\"><embed src=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/20090709_orf.swf\" quality=\"high\" WIDTH=\"150\" HEIGHT=\"16\" TYPE=\"application\/x-shockwave-flash\" PLUGINSPAGE=\"http:\/\/www.macromedia.com\/shockwave\/download\/index.cgi?P1_Prod_Version=ShockwaveFlash\"><\/embed><\/param><\/object><\/center><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, der K\u00fcnstler, Film-, Theater- und Wagner-Opernregisseur, wurde im J\u00e4nner 2008 schlagartig mit der Diagnose Lungenkrebs in eine solche Souver\u00e4nit\u00e4tskrise gesto\u00dfen. Wer &#8211; fragt der bis dahin Souver\u00e4ne &#8211; hat Schuld? Und wie wird dieses Weiterleben aussehen, wenn man von einem Moment auf den anderen aus der Lebensbahn geworfen wird, wenn der Tod pl\u00f6tzlich nahe r\u00fcckt?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/124713609832.jpg\" width=\"363\" height=\"180\" alt=\"Schlingensief ORF Juli 2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Ich hatte auch sch\u00fcchterne Momente&#8220;, sagt Schlingensief, &#8222;ich war beleidigt von dem Ding. Ich habe gesagt, wie kann so eine Schei\u00dfe in mir auftreten? Ich habe so viel Spa\u00df am Leben. Ich habe so viele Freunde, ich mache so viele lebensbejahende Dinge. Wie kann so ein Mist passieren?&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ein Buch gegen die Angst<\/strong><\/p>\n<p>Fragen stellen sich, brechen aus Schlingensief heraus, der sich kurz davor noch in der Mitte des Lebensalters w\u00e4hnte. Wenige Tage nach der Diagnose beginnt Christoph Schlingensief zu sprechen, mit sich selbst, mit Freunden, mit seinem toten Vater, mit Gott &#8211; fast immer eingeschaltet: ein Diktierger\u00e4t, das diese Gespr\u00e4che aufzeichnet.<\/p>\n<p><em>&#8222;Gerade war ich noch in der Luft und ich war auf gro\u00dfe Spr\u00fcnge aus und pl\u00f6tzlich soll alles anders sein?&#8220; <\/em><\/p>\n<p>In einem Tagebuch beginnt Christoph Schlingensief seine Stunden, Tage und Wochen seit der Diagnose der Krebserkrankung festzuhalten. Er entschlie\u00dft sich, dieses Tagebuch in Buchform zu ver\u00f6ffentlichen und damit die \u00d6ffentlichkeit teilhaben zu lassen an seiner eindringlichen Suche nach sich selbst, nach Gott und nach der Liebe zum Leben. Ein Lungenfl\u00fcgel muss entfernt werden, Chemotherapie und Bestrahlungen folgen, die Prognose ist ungewiss &#8211; f\u00fcr Schlingensief ein Alptraum der Freiheitsberaubung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"centered\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/1247136090858.jpg\" width=\"363\" height=\"180\" alt=\"1247136090858\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Das Buch ist nicht geschrieben worden, im Sinne von &#8218;ich berichte jetzt \u00fcber meine Krankheit&#8216;, sondern in den einsamen Stunden im Krankenhaus&#8220;, sagt Schlingensief. Das Buch &#8222;So sch\u00f6n kann es im Himmel gar nicht sein&#8220; habe keinerlei literarischen Anspruch, es sei f\u00fcr ihn vielmehr eine Art Selbsttherapie w\u00e4hrend der langen Zeit im Krankenhaus gewesen: &#8222;Es ist f\u00fcr mich entstanden, denn es hat mir die Angst genommen&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Hinschauen, wenn das Leid kommt<\/strong><\/p>\n<p>Der Tod ist unbequem und Menschen, die den Tod thematisieren machen sich unbequem, weil sie die Lebenden an ihre Sterblichkeit erinnern. F\u00fcr Todkranke oder deren Angeh\u00f6rige kann es aber eine Erleichterung darstellen, sich auszutauschen, sagt der K\u00fcnstler: &#8222;Ich habe seitdem so viele Briefe bekommen, von Leuten, die Krebs haben und auch von Verwandten. Denn gerade die haben Fragen. Was ist dieses Leid, das der Betroffene da hat? Denn dar\u00fcber wurde in den Familien nicht gesprochen. Viele Kranke ziehen sich zur\u00fcck und gehen immer weg, wenn das Leid kommt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich hab mich ja selbst nie gemocht&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Einige Freunde hat er in der Phase der Krankheit verloren. Floskeln, wie &#8222;Ich dr\u00fccke dir die Daumen&#8220; oder &#8222;Das schaffst du schon&#8220;, sind ihm ein Gr\u00e4uel. Um seine Angst zu bek\u00e4mpfen, hat er ein Internetforum ins Leben gerufen, wo sich Krebspatienten und -patientinnen austauschen k\u00f6nnen: &#8222;Geschockte Patienten&#8220; ist der Titel.<\/p>\n<p><em>&#8222;Diesen Krebs sehe ich als absolutes Arschloch an. Der hat nichts in mir verloren. Der wird sich noch wundern, wen er ausgesucht hat, hab ich mir immer gedacht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Halt findet er aber auch durch autogenes Training und in seiner Beziehung: &#8222;Man versucht, sich die Momente zu schildern, wo es doch wieder toll war, zu leben. Es geht nicht darum, zu \u00fcberleben, um irgend etwas zu beweisen. Es waren so Momente, als ich kapiert habe: meine Freundin liebt mich wirklich. Ich habe selber nie gedacht, dass mich jemand so lieben k\u00f6nnte. Ich habe mich ja selbst nicht gemocht &#8211; auch wenn ich immer als selbstverliebter Egomane aufgetreten bin.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ein Opernaus f\u00fcr Burkina Faso?<\/strong><\/p>\n<p>Die Angst vor dem Tod habe zu einer neuen Einstellung zum Leben gef\u00fchrt, sagt Schlingensief: &#8222;Ich habe eine riesen Todesangst, das kann ich nicht abstreiten. Ich kann mich nicht damit anfreunden. Aber ich habe auch das Gef\u00fchl, ich habe noch das eine oder das andere zu tun, das ich immer machen wollte und nicht gemacht habe. Das ist nicht die Weltreise, auch nicht der Porsche.&#8220;<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief m\u00f6chte in Afrika ein Festspielhaus errichten. Wahrscheinlichster Standort: Burkina Faso. Mehrere Reisen haben den K\u00fcnstler bereits dorthin gef\u00fchrt: &#8222;Ich bin nicht kolonial unterwegs&#8220;, betont er, &#8222;ich sehe, dass ich viel von denen lernen kann. Und habe mich in Afrika irgendwie zuhause gef\u00fchlt.&#8220;<\/p>\n<p><em>&#8222;Ich sehe jetzt die Welt liebensw\u00fcrdiger, als ich es fr\u00fcher getan habe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Warum ein Festspielhaus? Weil die Kunst, das sei, wo der Mensch anfange, sich in seiner eigenen Existenz wieder zu sp\u00fcren, meint der K\u00fcnstler: &#8222;Das ist auch die Suche des Betrachters an der Kunst. Das Museum ist fast ein religi\u00f6ser Ersatz, ich kann ja Gott auch nicht sehen. Ich kann in der Kunst anfangen, in der Meditation und merken, dass ich hier auf der Spur bin, nicht belehrt zu werden. Ich kann etwas ertasten und selber den eigenen Standpunkt finden.&#8220;<\/p>\n<p><em>Im Gespr\u00e4ch, Donnerstag, 9. Juli 2009, 21:01 Uhr, ORF<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch \u00fcber die Angst, das Leben und die Kirche<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,4,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/400"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=400"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/400\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}