{"id":395,"date":"2009-07-03T17:14:24","date_gmt":"2009-07-03T15:14:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=395"},"modified":"2009-07-03T17:14:24","modified_gmt":"2009-07-03T15:14:24","slug":"kreisende-gedanken-finden-einen-boden-oon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=395","title":{"rendered":"KREISENDE GEDANKEN FINDEN EINEN BODEN (O\u00d6N)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Montag las der seit 2008 an Lungenkrebs leidende Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief im \u00fcbervollen Linzer Wissensturm aus seinem Buch \u201eSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u201c. Die O\u00d6N trafen den 48-j\u00e4hrigen Berliner zum Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Peter Grubm\u00fcller<\/em><\/p>\n<p><em>O\u00d6N: Der Titel Ihres Buches, bedurfte es Ihrer Krankheit, um zu dieser Erkenntnis zu kommen?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Im besten Fall nicht. Ich frage mich auch selbst, warum ich so etwas erleben muss, damit ich solche Momente erstmals sp\u00fcre. Das ist paradox, aber menschlich. Wenn ich andere Menschen beobachte, die in den Tag hineinleben, als w\u00e4ren ihnen alle Gefahren wurscht. Das ist auch gut so, weil man nicht permanent auf Zehenspitzen herumlaufen soll. Aber ich wundere mich \u00fcber die Leichtigkeit, mit der manche Leute Drogen nehmen oder jeden Psychostress in sich hineinfressen, auch weil sie die Liebe, die sie nicht mehr annehmen k\u00f6nnen, anderen geben wollen. Ich selbst merke, dass ich auch schon wieder Tempo aufnehme und zu mir sagen muss: Komm! Abschalten!<\/p>\n<p><em>O\u00d6N: Gehorchen Sie Ihren Selbstermahnungen?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich bin fast schon wieder so extrem wie fr\u00fcher. Aber ich bin etwas lahmer, das bringt mich dazu, dass ich Leute im Caf\u00e9 angucke und mich frage, was die alles zur Selbstdarstellung unternehmen. Handy an, Handy aus, da was aufschreiben, dort reden. Fr\u00fcher hatte ich auch zwei Handys, jetzt hab\u2019 ich nur mehr eines. Man denkt, man ist besch\u00e4ftigt. Ich kenne Leute, die gehen zur Arbeit, obwohl sie arbeitslos sind. Nur, damit Verwandte denken, dass sie noch einen Job haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/121734_1_xio_fcmsimage_20090630185101_006011_4a4a427536ef0_230779744_1001.jpg\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"Christoph Schlingensief\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p><em>O\u00d6N: In Ihrem \u201eMea Culpa\u201c im Burgtheater will der Held trotz vieler Angebote aus dem Jenseits ins Leben zur\u00fcck. Waren Sie kurz davor, Angebote aus dem Jenseits anzunehmen?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich dachte oft daran, mich umzubringen. Ein Gedanke ist ja auch, mit Schmerzmitteln nach Afrika zu gehen und dort zu sterben. Das ist romantisch, ich setzte es aber nicht um, sondern ich hab\u2019 mit meiner Freundin und Freunden eine Abmachung. Sie gucken, dass ich mich nicht durch weitere Chemo-therapien so weit von meiner Seele entferne, dass ich mir selbst fremd werde. Wenn ich einmal sterben werde, sterbe ich nicht mit Schmerzen. Jesus hat man auch in die Seite gestochen \u2013 nicht, weil es sch\u00f6n aussah, sondern weil es den Tod beschleunigt hat. Das war auch damals ein Akt der Sterbehilfe. Meine Freunde haben sich bereit erkl\u00e4rt, mich als Mensch sterben zu lassen und nicht mit drei Schl\u00e4uchen im Arsch und f\u00fcnf im Kopf.<\/p>\n<p><em>O\u00d6N: Gr\u00fcbeln Sie jetzt beim Applaus, was beklatscht wird? Ihre Kunst oder Ihr medial beachteter Umgang mit der Krankheit?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Im Burgtheater lachten die Leute oder waren zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt, das passierte nicht meinetwegen, sondern wegen des St\u00fccks. Und wenn manche jetzt meinen, ich h\u00e4tte Erfolg, weil ich krank bin, dann sage ich, dass viele Kranke vielleicht auch wegen des Buches anfangen, \u00fcber sich selbst zu reden. Es ist gro\u00dfartig, wenn die Menschen erfahren, dass sie \u00fcber \u00c4ngste reden d\u00fcrfen, weil \u00c4ngste das Schlimmste sind, was man erlebt.<\/p>\n<p><em>O\u00d6N: Warum halsen Sie sich auch noch dieses Burkina-Faso-Projekt (Bau von Schulen und einer Oper, Anm.) auf?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich halse mir nichts auf, das ist die gr\u00f6\u00dfte Kraftquelle. Ich wollte immer k\u00fcnstlerische Projekte machen, in denen Soziales mit dabei ist. Das war schon bei der Obdachlosen-Geschichte in Berlin so oder beim Container-Projekt in Wien, aber ich hab\u2019 danach nie gesehen, dass Leute praktisch davon profitiert haben. In der Schule, die wir in Burkina Faso bauen werden, lernen die Kinder schreiben, ihren Namen auf ein Zettelchen, das sie dann ihrer Freundin zustecken, das ist Zukunftsbeschreibung. Sie sollen ja nicht gleich einen Uni-Abschluss machen. Das ist eine soziale Plastik. Ich baue etwas, das es gibt, das aber noch nicht zu sehen ist.<\/p>\n<p><em>O\u00d6N: Spielt der Antrieb \u201eDas soll einmal von mir bleiben\u201c dabei eine Rolle?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, ich bin nicht der mit dem Denkmal. Irgendwann bin ich bei der Oper gelandet und hab\u2019 mir gedacht, jeden Abend mit Wagnerianern zu essen ist kein Vergn\u00fcgen, das kann es nicht sein. Dann war ich in Bagdapur (Nepal, Anm.) und traf einen Mann, dessen Sohn im Alter von vier Jahren \u00fcberfahren wurde. Es gab dort kein Krankenhaus, das Kind ist verblutet. Was hat er dann gemacht? Er hat Arzneien besorgt und ein R\u00f6ntgenger\u00e4t, inzwischen auch ein Altenheim gebaut. Ich war begeistert, so, als h\u00e4tten die kreisenden Gedanken endlich einen Boden gefunden. Mein Bed\u00fcrfnis war es immer, einen Grund f\u00fcr das zu finden, was ich eigentlich tue. Und ich brauche das Gef\u00fchl, es nicht nur f\u00fcr mich zu tun.<\/p>\n<p><em>1.7.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montag las der seit 2008 an Lungenkrebs leidende Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief im \u00fcbervollen Linzer Wissensturm aus seinem Buch \u201eSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u201c. 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