{"id":392,"date":"2009-06-27T02:06:35","date_gmt":"2009-06-27T00:06:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=392"},"modified":"2009-06-27T02:06:35","modified_gmt":"2009-06-27T00:06:35","slug":"ein-opernhaus-fur-ouagadougou-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=392","title":{"rendered":"EIN OPERNHAUS F\u00dcR OUAGADOUGOU (DIE ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief, schwer an Krebs erkrankt, durch Afrika reist und einen Bauplatz f\u00fcr sein Festspielhaus sucht <\/strong><\/p>\n<p><em>VON ANITA BLASBERG<\/em><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief lehnt an einer Lehmh\u00fctte mitten in Burkina Faso, Westafrika, und schlie\u00dft die Augen. Eben hat ein heftiger Schauer die Luft abgek\u00fchlt, aber die Lehmwand der H\u00fctte hat die Hitze des Tages noch gespeichert. \u00bbWundersch\u00f6n\u00ab, sagt Schlingensief, \u00bbdiese W\u00e4rme.\u00ab Er hat sein Hemd durchgeschwitzt, um ihn herum toben Kinder, Ziegen laufen durch den Sand. Es gibt keine Stra\u00dfe, die in dieses winzige Dorf f\u00fchrt, und es kommt nicht oft vor, dass sich ein Wei\u00dfer hierher verirrt. Aber er ist jetzt da.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/titelfoto.jpg\" width=\"450\" height=\"256\" alt=\"ZEIT Dossier vom 25.06.2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Vier Stunden lang ist Schlingensief in einem chinesischen Minibus von Ouagadougou, der Hauptstadt, in dieses Niemandsland gefahren, zwischendurch hatte er einen Schw\u00e4cheanfall. Aber jetzt, am Abend, sitzt er mit seinen Begleitern im Hof des H\u00e4uptlings und verspeist in der Finsternis, die nur von einer Taschenlampe erhellt wird, ein frisch geschlachtetes Huhn. Als der H\u00e4uptling aus der Lehmh\u00fctte tritt und ihn begr\u00fc\u00dft, h\u00e4lt er Schlingensiefs Hand lange fest. Dann fragt er auf Mor\u00e9e, der Landessprache, in die Runde: \u00bbWas ist mit eurem Freund los? Geht es ihm nicht gut?\u00ab<\/p>\n<p>Er solle auf Flugreisen verzichten, hatte Schlingensiefs Arzt gesagt, Menschenaufl\u00e4ufe meiden, keine H\u00e4nde sch\u00fctteln. Die Infektionsgefahr. Eine einzige Lungenentz\u00fcndung k\u00f6nne ihn t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, vor 48 Jahren in Oberhausen geboren, Theater- und Opernregisseur, Filmemacher und Aktionsk\u00fcnstler, krebskrank, sitzt in diesem Dorf namens Gando zwischen H\u00fctten mit D\u00e4chern aus Stroh. Acht Kilogramm hat er abgenommen in den vergangenen Monaten. Dies isteine Reise gegen den Rat seiner \u00c4rzte, scheinbar wider alle Vernunft, wie so oft.<\/p>\n<p>Im Januar vergangenen Jahres hatten die \u00c4rzte bei ihm ein Karzinom in der Lunge diagnostiziert, b\u00f6sartigen Krebs. Der linke Lungenfl\u00fcgel und Teile des Zwerchfells mussten sofort entfernt werden, danach kam die Chemotherapie. Aber in den n\u00e4chsten acht Tagen wird er bei 42 Grad im Schatten durch Burkina Faso hetzen, wird mit Kindern und Ministern sprechen. Christoph Schlingensief, der Todkranke, will der Welt ein Festspielhaus hinterlassen, ein Opernhaus bauen. Hier in Gando k\u00f6nnte es stehen, wo es keinen Strom gibt und kein Licht und wo die Frauen mit der Kraft ihrer Arme Hirse stampfen. Vielleicht ist das hier seine letzte gro\u00dfe Inszenierung, seine letzte gro\u00dfe Suche. Aber was sucht er?<\/p>\n<p>Es ist der zweite Tag seiner Reise, als Christoph Schlingensief in einem B\u00fcro des Goethe-Instituts in Ouagadougou in einer Runde bunt gekleideter Afrikaner sitzt. Surrend kreist ein Ventilator, Schlingensief ist nerv\u00f6s. Er kann kein Wort Franz\u00f6sisch, aber er muss ihnen erkl\u00e4ren, warum er was Konkretes, N\u00fctzliches. In den Tagen vor der Operation schrieb Schlingensief sein Testament. Sein letzter Wille ist, dass dieses Opernhaus gebaut wird. Sein Verm\u00e4chtnis.<br \/>\nGleich nach der Chemotherapie flog er nach Kamerun, aber dort brach er zusammen, er konnte kaum das Hotel verlassen. Demn\u00e4chst will er sich in Mosambik und Tansania umsehen. Am Vormittag hat er mit einer Delegation des Kulturministers von Burkina Faso einige Baubrachen besichtigt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ZEIT_dossier_20090625.jpg\" width=\"450\" height=\"224\" alt=\"ZEIT Dossier vom 25.06.2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Nach seinem Vortrag im Goethe-Institut blickt Schlingensief in ratlose Gesichter. \u00bbSie sind ein gro\u00dfer Mann, der daran glaubt, was er macht\u00ab, hebt schlie\u00dflich ein Theaterbesitzer an, \u00bbaber was genau ist Ihr Plan?\u00ab<br \/>\n\u00bbAuf welcher Sprache wollen Sie inszenieren?\u00ab, fragt die Kinobetreiberin.<br \/>\n\u00bbWas erwarten Sie von uns?\u00ab, will die Frau vom Informationsministerium wissen.<br \/>\nSchlingensief zitiert Beuys: Die Ursache liegt in der Zukunft. \u00bbWir wissen noch nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das verstehen.\u00ab<br \/>\nDie Afrikaner nicken h\u00f6flich. Kann das sein &#8211; ein Deutscher, der keinen Plan hat?<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter sitzt Schlingensief im klimatisierten Restaurant des Hotels Independance vor einem Bier und sch\u00fcttelt den Kopf. All diese Fragen, diese Skepsis! Fast wie in Deutschland! Er hat sich unwohl gef\u00fchlt. Wie ein Sch\u00fcler, der die richtigen Antworten geben muss. Schlingensief hasst richtige Antworten. Schon in der Schule stand unter seinen Arbeiten \u00bbThema verfehlt\u00ab.<\/p>\n<p>Er mag keine festen Pl\u00e4ne, keine Drehb\u00fccher. Einfach loslegen mit nichts als einer Idee, sich selbst und alle anderen \u00fcberfordern, so hat er immer gearbeitet. \u00bbMan h\u00e4lt sich am Leben, indem man sich Ziele sucht, die etwas von Gr\u00f6\u00dfenwahn haben\u00ab, hat er vor Jahren in einem Interview gesagt. Als er den Anruf bekam, ob er in Bayreuth den Parsifal inszenieren wolle, hatte er keine Ahnung von Oper, sagte aber zu. Als er 1998 mit seiner Partei \u00bbChance 2000\u00ab bei der Bundestagswahl antrat, hatte er zwar kein Programm, aber nach zw\u00f6lf Wochen 16 000 Mitglieder.<\/p>\n<p>\u00bbWisst ihr was?\u00ab, ruft er in die Runde seiner Begleiter. \u00bbWir sagen dieses ganze Laber-Programm ab!\u00ab Er will am n\u00e4chsten Morgen drauflosfahren, Ouagadougou erkunden. Mit Mohammed, demsch\u00fcchternen \u00dcbersetzer, der Germanistik studiert. Schon am ersten Tag ist Schlingensief Mohammeds Neugier aufgefallen.<\/p>\n<p>\u00bbMohammed ist doch der Einzige hier, der normales Zeug redet, oder?\u00ab Schlingensief langweilt der routinierte Kulturbetrieb, auch hier in Afrika. Der Mann vom Goethe-B\u00fcro guckt, als habe er Zahnschmerzen. Er hat bereits Termine mit der Regierung gemacht, aber Schlingensief ist jetzt in seinem Element. Erwartungen hat er noch nie gern erf\u00fcllt.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief erkundigt sich nach der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sich ein Todkranker zur\u00fcckzieht, hei\u00dft es meist, er sterbe in W\u00fcrde. Schlingensief schreit seinen Schmerz heraus. Im ersten Jahr nach der Diagnose hat er dem Krebs drei Theaterst\u00fccke und einen Bestseller abgetrotzt. Sein Buch So sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! ist ein einziges Jammern und Br\u00fcllen. Ungefiltert wie ein Kind hat er im Krankenhaus seine\u00c4ngste in ein Tonbandger\u00e4t gesprochen, die dann als Abschrift in sein Buch gelangten. \u00bbAch, Mann, ist das alles eine Kacke, so eine unendliche Kacke.\u00ab<\/p>\n<p>Es war Anfang Mai, als Schlingensief auf dem Podium des Berliner Theatertreffens Platz nahm. Seine Kirche der Angst war das Er\u00f6ffnungsst\u00fcck und er der Star. Als er den vollbesetzten Saal betrat, raunten die Zuschauer: \u00bbSieht schlecht aus, guck mal. Ein Jahr vielleicht noch, maximal.\u00ab Sie betrachteten ihn wie ein seltsames Tier, das ihnen seine klaffenden Wunden zeigte. Und weil diese Wunden auch ihre sein k\u00f6nnten, klatschten sie so laut und so lange, als wollten sie ihn mit ihrer Liebe gesund klatschen. Pl\u00f6tzlich wurde ihm von allen Seiten gehuldigt, fast so, als wolle man ihm das Sterben erleichtern. Die Feuilletonisten nannten seine Arbeiten nun \u00bbreif\u00ab oder \u00bbverst\u00f6rend\u00ab. Die, die ihn als Provokateur abtaten, sind verstummt. Einen Sterbenden verurteilt man nicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ZEIT_dossier_20090625_3.jpg\" width=\"267\" height=\"450\" alt=\"ZEIT Dossier vom 25.06.2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen in Ouagadougou sitzt Schlingensief in der Hotelbar und zwingt sich, einen Pfannkuchen mit Marmelade zu essen. Aber der Magen rebelliert. Da ist wieder die Angst, gegen die er zu Hause eine Therapie macht. St\u00e4ndig horcht er in sich hinein, befragt seinen K\u00f6rper: Der Brustkorb so hart. Der Bauch so komisch. Kein Appetit. \u00bbDie Unschuld ist weg\u00ab, sagt er, \u00bbnichts ist mehr wie fr\u00fcher.\u00ab Schlingensief guckt jetzt auf 3sat den Thementag Tod, er m\u00f6chte andauernd schlafen &#8211; er, der fr\u00fcher mit vier Stunden auskam. Es gehe bei ihm \u00bbnicht mehr um langfristige Pl\u00e4ne\u00ab, hatte der Radiologe vor einem Jahr gesagt. Er hat es als unglaubliche Beleidigung empfunden: mit 47 Jahren eine Grenze gesetzt zu bekommen, er, der Grenzen nur benutzt hat, um sie zu \u00fcberschreiten. Jetzt hat die Krankheit die Macht \u00fcbernommen. Und vielleicht ist diese Reise, dieser Traum von einem Festspielhaus, dieser langfristige Plan, ein Versuch, die Macht \u00fcber das eigene Leben zur\u00fcckzugewinnen. Und sei es zum letzten Mal.<\/p>\n<p>Als drau\u00dfen vor den Fenstern des Hotels ein Angestellter eine Leiter am Pool vorbeitr\u00e4gt, steigen Tr\u00e4nen in seine Augen. \u00bbGuck mal, wie kr\u00e4ftig\u00ab, sagt Schlingensief, \u00bbund wie der schwitzt.\u00ab Er hat ja auch so gern geschwitzt, hat geschuftet und geschleppt und gebr\u00fcllt. Auf der B\u00fchne und im Leben.<\/p>\n<p>Seine Augen sind dunkle Kn\u00f6pfe. Er ist d\u00fcnn geworden, gealtert. Das, was in seinem Gesicht auch mit Mitte 40 noch aussah wie Kinderspeck, ist weg. Er hat noch immer diese sch\u00f6nen, kr\u00e4ftigen Handwerkerh\u00e4nde, aber die Haare darauf wachsen nur langsam nach. Seine Haut entz\u00fcndet sich an den Armen, an den Augen. \u00bbAlles schmeckt nach Pappe\u00ab, sagt er, eine Nebenwirkung der Tabletten, die er jeden Tag schluckt. Sie haben die Metastasen in seinem verbliebenen Lungenfl\u00fcgel verschwinden lassen, kurz vor dem Abflug war er noch einmal im Kernspintomografen. \u00bbDas ist ein Wunder, ein Geschenk\u00ab, sagt Schlingensief. \u00bbEin Aufschub, um das hier noch durchzuziehen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Sonne \u00fcber Ouagadougou steht schon im Zenit, und Schlingensief hat sich von Mohammed,dem jungen \u00dcbersetzer, den Pr\u00e4sidentenpalast zeigen lassen, ein altes Kino und eine Kathedrale, die die Franzosen halb fertig im roten Sand hinterlassen haben. Schlingensief sitzt in einem alten Mercedes ohne Klimaanlage und l\u00f6chert Mohammed mit Fragen: \u00bbHast du eine Freundin? Wo wohnst du? Was willst du mal werden?\u00ab Mohammed ist ein freundlicher, gewissenhaft antwortender Junge von 22 Jahren. Er tr\u00e4gt Sandalen und ein verschossenes rosafarbenes Hemd. Schlingensief will wissen, ob Mohammed schon mal Malaria hatte und wie viel Miete man zahlt f\u00fcr ein Zimmer in Ouagadougou. Die Miete, sagt Mohammed, sei so hoch wie die Getr\u00e4nkerechnung in dem Hotel, in dem sie gerade eine Cola getrunken haben.<\/p>\n<p>\u00bbWie findest du das Hotel?\u00ab, fragt Schlingensief.<br \/>\n\u00bbBeschissen\u00ab, sagt Mohammed. Kaum einer hier k\u00f6nne sich einen Arzt leisten, aber der Pr\u00e4sident baue protzige Hotels.<\/p>\n<p>Ob es dann bald eine Revolution gebe, fragt Schlingensief. Was Mohammed \u00e4ndern w\u00fcrde, wenn er Pr\u00e4sident w\u00e4re? Schlingensief h\u00f6rt ihm aufmerksam zu, mit jeder Frage und jeder Antwort kehrt sein Tatendrang zur\u00fcck. Der Mercedes k\u00e4mpft sich durch Mopedkarawanen und \u00fcber Schlaglochpisten, vorbei an fliegenden H\u00e4ndlern. Bettelnde Kinder strecken ihre H\u00e4nde durchs Fenster, immer kramt Schlingensief in seinen Hosentaschen. Am Ende des Tages h\u00e4lt er im Gewusel am Stra\u00dfenrand, um Mohammed einen neuen Gaskocher zu kaufen. \u00bbIch k\u00f6nnt noch ewig rumfahren!\u00ab, ruft er. \u00bbIch will unbedingt noch ein Krankenhaus besichtigen. Und einen gro\u00dfen Markt. Und eine Schule.\u00ab Man m\u00fcsse ihm dringend die W\u00f6rter \u00bbsofort\u00ab, \u00bbunbedingt\u00ab und \u00bbist mir egal\u00ab auf Franz\u00f6sisch beibringen, scherzen sie in seinem Team.<\/p>\n<p>Die meisten seiner Begleiter kennen ihn seit Jahren. Jeder von ihnen hat Projekte abgesagt, um bei Schlingensiefs Reise dabei zu sein. Zweifel hat keiner. Wenn er es nicht hier baut, sagen sie, dann baut er es in Mosambik, Tansania oder sonst wo.<br \/>\nAber was treibt diesen Mann quer durch Afrika? Wenn man ihn das fragt, windet er sich. \u00bbVielleicht bin ich hier, um herauszufinden, warum ich hier bin\u00ab, sagt er.<\/p>\n<p>Eine typische Schlingensief-Antwort. Er mag keine Festlegungen, keine Begr\u00fcndungen. Wenn er sich erkl\u00e4ren soll, ergreift er die Flucht. Dann sagt er gar nichts \u2013 oder gleich so viel auf einmal, dass er hinter einem Nebel aus Worten verschwindet. Schlingensief f\u00fcrchtet nichts mehr als Urteile, vielleicht war er auch deshalb so unschl\u00fcssig bei der Frage, ob ein Journalist dabei sein solle in Afrika. Es tue ihm leid, dass er es sich doch anders \u00fcberlegt habe, hatte er kurz vor dem Abflug in einer Mail geschrieben, aber es w\u00e4re ihm lieb, wenn er allein reisen k\u00f6nne. \u00bbF\u00fcr mich ist dieses Festspielhaus ein gro\u00dfes Geheimnis. Ein Geheimnis, das Zeit braucht und bewahrt werden muss\u00ab, schrieb  Schlingensief. Er sei nicht mehr so selbstbewusst wie fr\u00fcher. Drei Schlingensief Tage sp\u00e4ter sagte er doch zu.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, der fr\u00fcher kein Medienspektakel auslie\u00df, setzt sich in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen mit dem R\u00fccken zur Wand. Seinen Anblick im Spiegel kann er kaum ertragen. Zur Vorstellung seines eigenen Buches ist er nicht erschienen; Fiebersch\u00fcbe hatte er in der Nacht zuvor bekommen, Panik. \u00bbDer heilige St. Christoph des Feuilletons und des Boulevards\u00ab, hatte das Theaterforum nachtkritik.de ge\u00e4tzt. Auf der Internetseite der Illustrierten Gala steht sein Foto unter der Rubrik Stars und Schicksalsschl\u00e4ge. Er, der sich nie gesch\u00fctzt hat, braucht auf einmal Schutz. Er, der die Kontrolle immer verachtet hat, sucht sie nun.<\/p>\n<p>Es war ein Abend im April, als Schlingensief im Zug von Hamburg nach Berlin fuhr. Er kam von einem Auftritt bei Beckmann. \u00bbIch muss nickern\u00ab, sagte er vor der Fahrt, aber dann h\u00f6rte er nicht mehr auf zu reden. Es sollte das erste tiefere Gespr\u00e4ch nach mehreren Treffen werden. Es war wohl kein Zufall, dass es zustande kam, als die T\u00fcren des Zugs sich schlossen und Schlingensief nicht mehr weglaufen konnte. Er wirkte durchscheinend, aufgew\u00fchlt, es ging ihm schlecht.<\/p>\n<p>Er habe dar\u00fcber nachgedacht, was er \u00fcber all die Jahre eigentlich gemacht hat, sagte er mit leiser Stimme. \u00bbIch will wissen, wieso ich wie ein Irrer rumgesponnen hab. Mir so viel Zeug ausgedacht hab.\u00ab Filme, Kunstaktionen, Talkshows, Theaterst\u00fccke, Opern, Installationen. Immer h\u00f6her, immer weiter. Das Burgtheater, Bayreuth, Museum of Modern Art.<\/p>\n<p>Seit der Diagnose hat er sich immer wieder seine Aktionen angeschaut, auf seiner eigenen Homepage. \u00bbWas war der Kern meiner Arbeit?\u00ab Was wird von ihm bleiben? Wer ist er? Wer war er? Wussten ja immer nur die anderen, wer er war. Schlingensief sucht nun nach Sinn, er, der nie schl\u00fcssig sein wollte und von dessen Theaterabenden man sich nur erz\u00e4hlen konnte wie von einem Unfall, dessen Zeuge man wurde.<\/p>\n<p><strong>Den H\u00f6rsaal betritt er mit einer Flasche Bier in der Hand<\/strong><\/p>\n<p>Er habe das Gef\u00fchl, sagte Schlingensief, dass das Soziale seiner Arbeit nie richtig wahrgenommen wurde. \u00bbIch bin ja Christ\u00ab, sagte er, \u00bbauch wenn das komisch klingt.\u00ab Hielt er Ungerechtigkeiten nicht aus, zog er mit dem Eifer eines ehemaligen Messdieners gegen sie zu Felde. Zw\u00f6lf Jahre lang hatte er dem Pfarrer in der Herz-Jesu-Kirche in Oberhausen zur Seite gestanden.<\/p>\n<p>Nach einer Vorstellung im Hamburger Schauspielhaus quartierte er sich 1997 mit seinem Ensemble eine Woche lang in der Bahnhofsmission gegen\u00fcber ein und lieh Obdachlosen und Junkies sein Megafon und damit eine Stimme. 1998 brachte er mit seiner Partei Chance 2000 Arbeitslose, all die \u00fcbersehenen Danebensteher, auf die B\u00fchne eines Zirkuszeltes in Berlin; auf den Plakaten, die sie trugen, stand in gro\u00dfen Buchstaben \u00bbICH\u00ab. 1999 stellte er einen Container mit zw\u00f6lf abgelehnten Asylbewerbern vor das WienerOpernhaus, und die \u00d6sterreicher durften jede Woche einen Ausl\u00e4nder herausw\u00e4hlen. Es war die Zeit des Fernsehformats Big Brother. Der Gewinner durfte eine \u00d6sterreicherin heiraten.<\/p>\n<p>Schlingensief hat die wunden Punkte der Gesellschaft sichtbar gemacht, mit der Treffsicherheit eines empfindsamen Kindes, das Dinge anspricht, die Erwachsene erfolgreich verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Kurz vor der Krebsdiagnose, bei Dreharbeiten in Nepal, hatte Schlingensief einen Mann getroffen, dessen Sohn nach einem Unfall starb, weil es weit und breit keinen Arzt gab. Der Mann baute ein Krankenhaus. \u00bbDas hat ihn tief beeindruckt\u00ab, sagt seine Freundin, \u00bbda entstand der Wunsch, etwas zu schaffen, was den Menschen hilft.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch gucke die Menschen jetzt l\u00e4nger an, schaue in Gesichter\u00ab, sagte Schlingensief damals im Zug. Das habe er fr\u00fcher kaum gemacht. \u00bbWann hab ich mich denn je um jemand anders gek\u00fcmmert?\u00ab, fragt er. \u00bbIch habe niemandem beim Umzug geholfen. Kein einziges Mal\u00ab. Als sein Vater 2007 im Sterben lag, fuhr er nicht nach Oberhausen, sondern hielt auf einer B\u00fchne die Hand eines Darstellers. Schlingensief hasst sich bis heute daf\u00fcr.<\/p>\n<p>\u00bbVielleicht m\u00fcsste ich mal Urlaub machen, Mauritius w\u00e4r toll oder die Osterinsel.\u00ab Aber es ist ihm noch nicht einmal gelungen, die Kur nach der Operation zu beenden. \u00bbIch sehne mich nach dem Einfachen\u00ab, sagte er. Dann scrollte er durch die Fotos in seinem Handy. Seine Grundschule. Die Apotheke des Vaters. Er nach der Operation, an Schl\u00e4uchen. Er in einem Hotel an der Ostsee. \u00bbDas war, als ich mich umbringen wollte\u00ab, sagte er, \u00bbaber nach zehn Tagen hat Aino mich nach Hause geholt.\u00ab Dann die Fotos seiner neuen Berliner Wohnung. Der Kaktus, den er gesund gep\u00e4ppelt hat. Dreimal war er eingeknickt, aber im Fr\u00fchjahr hat er zum ersten Mal gebl\u00fcht. \u00bbFr\u00fcher h\u00e4tte ich das kitschig gefunden. So etwas r\u00fchrt mich jetzt.\u00ab Er wolle nie mehr in diesen blinden Trott verfallen, \u00bbnoch mehr, noch schneller\u00ab, sagte Schlingensief, \u00bbsondern ein Leben f\u00fchren, das einen Sinn ergibt und sich den Menschen n\u00e4hert\u00ab.<\/p>\n<p>Es war schon sp\u00e4t, als das alles ungefiltert aus ihm heraussprudelte. Schlingensief denkt, w\u00e4hrend er spricht, nicht umgekehrt. Manchmal hat man das Gef\u00fchl, Stille \u00e4ngstigte ihn. Im Krankenhaus hatten die Schwestern einmal sein Morphium vergessen \u2013 aber er sp\u00fcrte die Schmerzen nicht. Er hatte die ganze Zeit in sein Tonband gesprochen.<br \/>\nIhm fehlt die \u00e4u\u00dfere Schutzh\u00fclle, die andere Menschen haben, und doch bleibt er fast undurchschaubar. Bei anderen Menschen versucht man zu ergr\u00fcnden, was sie hinter ihrem Schweigen verstecken. Bei Schlingensief ist es umgekehrt: Er verschl\u00fcsselt sich durch manisches Offenbaren.<\/p>\n<p>Es herrscht gespannte Stille im H\u00f6rsaal der Universit\u00e4t von Ouagadougou, als die afrikanischen Germanistikstudenten sich in die Reihen dr\u00fccken, um den K\u00fcnstler aus Deutschland zu h\u00f6ren. Der Saal ist voll besetzt, nur Schlingensief ist noch nicht aufgetaucht. \u00bbLampenfieber\u00ab, murmeln sie in seinem Team. Als sie Wetten abschlie\u00dfen, ob er noch kommt, betritt er den Saal, mit einer halb leeren Flasche Bier in der Hand.<\/p>\n<p>Schlingensief hatte lange unentschlossen in seinem Hotelzimmer gesessen. Er wollte nicht schon wieder so einen Bewerbungsvortrag halten. Das macht ihm Angst in letzter Zeit: seine Ideen zu erkl\u00e4ren, vor so vielen Menschen. \u00bbEs gibt keinen \u00e4ngstlicheren Menschen als Christoph\u00ab, sagt seine Freundin. Selbst tags\u00fcber fahre er Fahrrad mit Licht. Und als er vor Jahren in Afrika einen Film drehte, schluckte er fast alle Malaria-Tabletten der gesamten Crew, weil er sich die Krankheit eingebildet hatte.<\/p>\n<p>Aber als er sich jetzt hinters Pult setzt und dann die Technik versagt, bessert sich seine Laune schlagartig. \u00bbWas ist Theater?\u00ab, fragt er in den Raum. \u00bbLeute stehen auf der B\u00fchne und haben Angst, Fehler zu machen!\u00ab Zaghaftes Gel\u00e4chter. \u00bbUnd jetzt will ich dar\u00fcber sprechen, warum ich Theater mache\u00ab, sagt er, nimmt einen Schluck Bier, und dann erz\u00e4hlt er von seiner Verhaftung, nachdem er auf der B\u00fchne \u00bbT\u00f6tet Helmut Kohl!\u00ab gerufen hat. \u00bbMan wollte mich damals drei Jahre lang qu\u00e4len, h\u00e4ckseln und verbrennen, aber das Theater hat mich gerettet: Es erlaubt einfach alles, was man in der Realit\u00e4t nicht ausprobieren darf.\u00ab<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ZEIT_dossier_20090625_4.jpg\" width=\"270\" height=\"450\" alt=\"ZEIT Dossier vom 25.06.2009\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Der \u00dcbersetzer, ein Professor f\u00fcr Germanistik, kichert verlegen. Und stockt, als Schlingensief auf Jesus und Mohammed zu sprechen kommt. \u00bbMohammed, Jesus und alle Geister, die wir anrufen, sind eine Person, und die sind wir selbst.\u00ab Die Nonnen ganz hinten fl\u00fcstern \u00bbGrave, c\u2019est grave\u00ab, krass, unglaublich, aber sie bleiben sitzen. Gleich daneben murmeln junge Musliminnen dasselbe. Schlingensief ist jetzt in Fahrt. Schlie\u00dflich kommt er zu seiner Oper.<\/p>\n<p>\u00bbAlle k\u00fcnstlerischen Richtungen flie\u00dfen in der Oper zusammen\u00ab, ruft er. An der Wand in seinem R\u00fccken leuchtet ein Geb\u00e4ude in Form einer Schnecke auf, das er mit dem Architekten und dem B\u00fchnenbildner entworfen hat. Verschiedene Kammern und R\u00e4ume solle diese Schnecke haben, sagt Schlingensief, \u00bballes ganz durchl\u00e4ssig!\u00ab. Eine gro\u00dfe B\u00fchne, mehrere Probeb\u00fchnen, ein Kino, einen Raum f\u00fcr Requisiten und Kost\u00fcme, einenf\u00fcr \u00dcbernachtungsg\u00e4ste und schlie\u00dflich eine kleine Schule, eine Krankenstation. Die Schnecke ist beliebig erweiterbar, sie kann wachsen.<\/p>\n<p>\u00bbEin Hotel soll es auch geben\u00ab, sagt Schlingensief. \u00bbIch w\u00fcnsche mir viele Besucher von allen Kontinenten. Das Opernhaus soll eine St\u00e4tte des Austauschs und Probierens sein, ohne oben und unten.\u00ab Eine Art Forschungslabor. Und eigentlich hat er solche Labore ja \u00fcberall erzeugt, wo er hinkam \u2013 auf B\u00fchnen und in Zirkuszelten, spontan auf der Stra\u00dfe oder in der U-Bahn. Doch dieses Labor w\u00fcrde ihn \u00fcberdauern.<\/p>\n<p>Dann beginnt Schlingensief von seiner Krankheit zu sprechen und davon, dass er Tabletten schlucke, die 1500 Euro kosten, Monat f\u00fcr Monat. Ein Raunen geht durch den Saal. Schlingensief spricht jetzt so schnell, dass der Dolmetscher kaum noch mitkommt. \u00bb1500 Euro!\u00ab, ruft Schlingensief. \u00bbDie k\u00f6nntet ihr euch nicht leisten. Nur um mein Leben ein bisschen zu verl\u00e4ngern.\u00ab Am Ende seines Vortrags schmiert Schlingensief mit Spucke den Namen \u00bbBeuys\u00ab an die Tafel. \u00bbLeben und Kunst\u00ab, zitiert er, \u00bbgeh\u00f6ren zusammen!\u00ab<\/p>\n<p>Das Licht geht an, die Studenten tuscheln. Sie haben zwar nicht alles verstanden, aber ihre Augen leuchten. Sie sagen, die Energie dieses K\u00fcnstlers habe sie beeindruckt.<\/p>\n<p><strong>\u00bbKann ihn mal jemand bremsen?\u00ab, fragen seine Freunde<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag steht Schlingensief im Gewimmel des Zentralmarkts von Ouagadougou, als eine seiner Tanten anruft, Trude aus Oberhausen. Es ruft dauernd jemand an in diesen Tagen. Nur um sicherzugehen. \u00bbAlles super hier\u00ab, ruft Schlingensief ins Telefon. \u00bbIch kann atmen. Die anderen sind viel schlapper als ich, Gr\u00fc\u00dfe an alle, ja?\u00ab Es ist erstaunlich: Ausgerechnet in Afrika, wo sein Leben in Gefahr sein soll, kehren seine Kr\u00e4fte zur\u00fcck. \u00bbIch kann wieder schlafen\u00ab, sagt er, \u00bbich habe wieder Hunger.\u00ab Es sind 42 Grad im Schatten, und er l\u00e4uft seit Stunden durch die Hitze. Am Morgen hat er eine Tanzschule besucht und sich mit einer Handkamera durch die T\u00e4nzer geschl\u00e4ngelt, bis er so nass geschwitzt war wie sie. Die anderen in seinem Team st\u00f6hnen: \u00bbKann ihn mal jemand bremsen?\u00ab<\/p>\n<p>Aber er ist ja sein ganzes Leben nur gerannt. Wie auf der Flucht hat er sich von Kunstwerk zu Kunstwerk gek\u00e4mpft, durch immer mehr Genres, immer fernere L\u00e4nder. Wenn es keine Widerst\u00e4nde gab, suchte er sie. In Bayreuth hat er vier Jahre durchgehalten, er, der Freigeist, auf dem Feldherrenh\u00fcgel der Hochkultur. Am Ende kommunizierte man nur noch \u00fcber Anw\u00e4lte. In einem seiner letzten St\u00fccke vor der Diagnose sa\u00df er in Z\u00fcrich nackt auf der B\u00fchne, mit Schokopudding beschmiert, und br\u00fcllte 90 Minuten lang von Erl\u00f6sung. Es war in Nepal, wenige Wochen vor der Diagnose, als er in ein G\u00e4stebuch schrieb: \u00bbAuf dass die kreisenden Gedanken einen Grund finden.\u00ab<\/p>\n<p>Fast jeden Tag telefoniert Schlingensief in Burkina Faso mit seiner Mutter in Oberhausen, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Er ist das einzige Kind seiner Eltern, gl\u00e4ubiger Katholiken. Neun Jahre hatten sie auf ihn gewartet, Christoph Maria tauften sie ihn, einen Jungen, der ein M\u00e4dchen werden sollte. Sechs Kinder hatten sie sich gew\u00fcnscht. Er lebt so schnell, dass es f\u00fcr sechs Leben reichen w\u00fcrde. Ein guter Sohn will er immer sein, ihnen gen\u00fcgen. Der Vater Apotheker, die Mutter Krankenschwester, Kirchgang, CDU, der Lions Club. Die Kirche habe ihn immer ge\u00e4ngstigt, sagt Schlingensief. Noch vor wenigen Jahren hatten die Eltern ein Problem damit, wenn er mit seiner Freundin bei ihnen \u00fcbernachtete.<\/p>\n<p>Das Leben seiner Eltern habe darin bestanden, Fehler zu vermeiden, sagt er. Als sein erster Film, Menu Total, 1986 bei der Berlinale Premiere hatte, verlie\u00df sein Vater das Kino weinend vor Entsetzen. Von den \u00fcbrigen Filmen zeigte der Vater der Mutter nur die Landschaftsaufnahmen.<\/p>\n<p>Wenn es nach zehn positiven Kritiken einen Verriss gab, br\u00fctete er nur \u00fcber dem Verriss, sagt Matthias Lilienthal, einer seiner Dramaturgen. Pubert\u00e4r sei er, das ist ihm oft vorgeworfen worden, oberfl\u00e4chlich. In schlechten Momenten hat er das geglaubt. Selbst als die New York Times ihn feierte, blieb Schlingensief der verunsicherte Junge aus Oberhausen, der zweimal an der Filmhochschule abgelehnt wurde. \u00bbDer Erfolg kam in seiner Wahrnehmung nie an.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDie Kirche der Angst ist mein einziges St\u00fcck, dem ich ohne Zweifel gegen\u00fcberstehe\u00ab, sagt Schlingensief an einem der Abende in Afrika. Er hat es w\u00e4hrend der Chemotherapie erarbeitet, es geht darin um seine Todesangst. Es ist schn\u00f6rkellos und ernst. Es wirkt, als habe ihn der Krebs n\u00e4her zu sich selbst gebracht.<\/p>\n<p>Man sieht ihn in Burkina Faso noch einmal aus dem Hotel st\u00fcrmen, weil er vergessen hat, dem Fahrer ein Trinkgeld zu geben. An keinem Bettler kommt er vorbei, ohne etwas aus der Tasche zu ziehen. Schlingensief, der sagt, er glaube nicht, dass nach dem Tod noch etwas kommt, wirkt jetzt manchmal wie ein Christ, der in den Himmel will. Er, der stets im Vorl\u00e4ufigen gelebt hat, arbeitet an der Bilanz seines Lebens. Sein Opernhaus soll aus Lehm gebaut sein. Eine Sozialstation, ein gutes Werk. Es wird in Afrika stehen, unverr\u00fcckbar. Vielleicht soll es auch eine Ablassleistung sein.<\/p>\n<p><strong>Er will noch heiraten und Vater werden<\/strong><\/p>\n<p>In Burkina Faso scannt Schlingensief in jeder freien Minute die Mails auf seinem Handy. Ein ZDF-Team will aus Nairobi kommen, um einen Beitrag \u00fcber ihn zu machen. Rupert Neudeck, der Gr\u00fcnder von Cap Anamur, bietet ihm Hilfe beim Bau des Festspielhauses an. Die Jury des Theatertreffens in Berlin hat kein bestes St\u00fcck, sondern drei beste Schauspieler ausgezeichnet. \u00bbClaus Peymann hat das durchgesetzt\u00ab, sagt Schlingensief. Peymann habe gegen sein St\u00fcck Kirche der Angst votiert, mit der Begr\u00fcndung, das sei doch kein Theater. Peymann! Eigentlich w\u00fcrde Schlingensief sich gerne aufregen, aber dann sch\u00fcttelt er nur den Kopf.<\/p>\n<p>\u00bbIch will nicht mehr Krieg f\u00fchren wie fr\u00fcher\u00ab, hat er in seinem Buch geschrieben. \u00bbDer Rummelplatz m\u00fcsste einfach mal geschlossen bleiben.\u00ab Im Sommer will er seine Freundin heiraten, sie haben sich eine gemeinsame Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin eingerichtet, auch \u00fcber Kinder denkt er nach. Er, der immer vor der Eindeutigkeit geflohen ist, will sich jetzt festlegen.<\/p>\n<p>Das Licht des Tages verliert sich schon an die Dunkelheit, als Christoph Schlingensief im Niemandsland Burkina Fasos auf einen gro\u00dfen Steinh\u00fcgel steigt und tief durchatmet: Nichts als Weite, rote Erde, B\u00e4ume. Stille. Der Steinh\u00fcgel liegt neben Gando, dem winzigen Dorf, in dem Schlingensief vom H\u00e4uptling begr\u00fc\u00dft wurde. Der H\u00e4uptling ist der Vater von Francis K\u00e9r\u00e9, dem Architekten, der ihm hier seine Heimat zeigt. Schlingensief hat sich in Gando auch den Friedhof angesehen, allein. Mitten unter den Lebenden werden sie hier begraben. Mitten im Dorf.<\/p>\n<p>Schlingensief legt sich auf einen der warmen, flachen Steine und schaut in den Himmel, der schon fast von der D\u00e4mmerung besiegt wurde, aber noch einen kurzen Moment im Zwielicht verharrt. Es ist der Augenblick des Gehenm\u00fcssens, Bleibenwollens. Schlingensief schlie\u00dft die Augen, r\u00fchrt sich nicht. \u00bbDie W\u00e4rme des Steines saugt mich an\u00ab, sagt er. \u00bbIch sp\u00fcre hier Wurzeln, Heimat.\u00ab Es scheint, als wolle er diesen Augenblick festhalten, sich dieses Gef\u00fchl des Angekommenseins einpr\u00e4gen. Erst als es finster ist, kann er sich l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Kaum ein Ort der Welt k\u00f6nnte weniger an Deutschland erinnern, an Schlingensiefs Wurzeln, als diese offene Weite Afrikas. Doch Schlingensief wirkt zum ersten Mal auf dieser Reise ganz bei sich, ganz ruhig. Ein Mann, dem pl\u00f6tzlich, in der Mitte seines Lebens, der Tod entgegenrast. Ein Mann, der sehr weit reisen muss, um zu sich selbst zu finden. Der sich auf dem Urkontinent die Urfragen stellt. Wer bin ich? Wof\u00fcr habe ich gelebt? Was ist noch nicht erledigt? Eine Ehe. Ein Kind. Ein Haus.<\/p>\n<p>Im Angesicht des Todes tritt hinter dem K\u00fcnstler der B\u00fcrgersohn hervor. Und Christoph Schlingensief l\u00e4sst es geschehen, mit Erleichterung. Es musste viel Leid zusammenkommen, bis er diese Eindeutigkeit zulassen konnte, vor den anderen und vor sich selbst.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag besucht Schlingensief die Schule von Gando. Er schaut beim Mathematikunterricht in der ersten Klasse zu, l\u00e4uft still durch die Stuhlreihen und beobachtet, wie die Kinder mit Kreide Rechenergebnisse auf Schiefertafeln schreiben. \u00bbWas f\u00fcr ein Potenzial\u00ab, wird er sp\u00e4ter sagen, \u00bbwas w\u00e4re blo\u00df, wenn die alle Kunst machen k\u00f6nnten!\u00ab Sein Opernhaus soll Leben und Kunst verschmelzen, ein Ort des Entdeckens sein. Schlingensief h\u00e4tte auch zu einer Bank gehen und eine Stiftung gr\u00fcnden k\u00f6nnen. Aber es muss noch einmal ein Schlingensief-Projekt sein, eine afrikanische Gro\u00dfanstrengung.<\/p>\n<p>\u00bbIch hoffe, ich komme wieder\u00ab, sagt Schlingensief beim Abschied. Doch er wei\u00df, dass er hier in Gando kein Opernhaus bauen kann. Er kann kein Kultur-Ufo in diese unschuldige Landschaft setzen. Aber er k\u00f6nnte einen Platz am Stadtrand von Ouagadougou finden, dort, wo Arm und Reich, Stadt und Land ineinanderflie\u00dfen, all die Widerspr\u00fcche. Er hat sich schon erkundigt, wie man an eine Baugenehmigung k\u00e4me.<\/p>\n<p>\u00bbWenn es gut geht\u00ab, sagt Schlingensief, \u00bbhabe ich noch f\u00fcnf Jahre.\u00ab<\/p>\n<p><em>Aus: Dossier, 25. Juni 2009 DIE ZEIT Nr. 27. Alle Fotos: Aino Laberenz.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/ZEIT_dossier_20090625.pdf\" target=\"_blank\">Diesen Artikel als PDF-Datei downloaden (1 MB)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/ZEIT_dossier_20090625.pdf\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ZEIT_dossier_20090625_Seite_1.jpg\" border=\"0\" width=\"302\" height=\"450\" alt=\"ZEIT Dossier vom 25.06.2009\" class=\"centered\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief, schwer an Krebs erkrankt, durch Afrika reist und einen Bauplatz f\u00fcr sein Festspielhaus sucht<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/392"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=392"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/392\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}