{"id":380,"date":"2009-05-28T11:29:49","date_gmt":"2009-05-28T09:29:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=380"},"modified":"2009-05-28T11:29:49","modified_gmt":"2009-05-28T09:29:49","slug":"suada-des-schmerzes-deutschlandradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=380","title":{"rendered":"SUADA DES SCHMERZES (DEUTSCHLANDRADIO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der krebskranke Filmemacher, Theaterregisseur und Autor Christoph Schlingensief er\u00f6ffnet dem Leser in seinem neuesten Buch seine Seele. Ungesch\u00f6nt beschreibt er, wie verzweifelt ein Todgeweihter sein kann &#8211; und wie hungrig aufs Leben.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n&#8222;Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt&#8220;, sagte Joseph Beuys. Christoph Schlingensief tut das &#8211; auf radikale Weise: Er lotet seine Verwundungen aus, umkreist sie, beschreibt minuti\u00f6s, was ihm geschieht und wie er darauf reagiert.<\/p>\n<p>&#8222;Gestern Abend habe ich gebetet. Das habe ich ewig nicht mehr gemacht. Wobei mir vor allem dieses leise Sprechen, das Fl\u00fcstern mit den H\u00e4nden vor dem Gesicht, gut getan hat.&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensief betet, er schreit und weint, er spricht mit seinen \u00c4rzten und will seine Lebensgef\u00e4hrtin fortschicken, die Sache allein durchstehen. Sie bleibt bei ihm, und er ertr\u00e4gt es kaum, ohne sie zu sein, wenn sie ihrer Arbeit nachgeht. Schlingensief hadert, mit Gott, mit seinem Vater, der ein Jahr zuvor gestorben war, von dessen Mangel an Lebensfreude er sich in Mitleidenschaft gezogen f\u00fchlt, vielleicht sogar krank gemacht hat. Er r\u00e4soniert dar\u00fcber, ob nicht seine Parsifal-Inszenierung den Tumor in ihm wachsen lie\u00df. Er beruhigt sich, er lacht, er denkt nach, und: Er protokolliert sein Befinden, indem er auf ein Tonband spricht.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt nur diesen unverst\u00e4ndlichen Unmut auf den Vater und auch auf die Mutter. Ich will meine Eltern nicht. Ich will nicht! Papa ist schon weg, Mama soll auch noch weg. Die kann ihre Schokodickm\u00e4nner mitnehmen. Da kann sie den ganzen Tag Schokolade fressen. Die kann auch ihr Haus mitnehmen und ihre ganze Kirchenschei\u00dfe.&#8220;<\/p>\n<p>Mal erscheinen Schlingensiefs Notate wie infantiles Gebrabbel, mal wie eine Suada des Schmerzes, manchmal wie eine w\u00fctende und trostlose Gottsuche:<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr mich steht Maria f\u00fcr Liebe, W\u00e4rme, Zuneigung, Geborgenheit, Mutter, Schwester, was wei\u00df ich. Sie ist einfach die Personifikation von Geborgenheit und Liebe und Schutz. Auch die Begleiterin durch den dunklen Gedankenwald. Bei Jesus liegen die Dinge schon komplizierter. Er ist derjenige, der das Leidwesen in die Welt gebracht hat, jedenfalls f\u00fcr die christliche Religion. Nicht das Rechtswesen oder das Geldwesen, sondern das Leidwesen.&#8220;<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief l\u00e4sst sich in die Seele schauen. Was man dort sieht, ist nicht immer verst\u00e4ndlich, auch nicht immer sympathisch. Aber es ist unverstellt und auf ersch\u00fctternde Weise expressiv.<\/p>\n<p>Was f\u00fchlt ein Mensch, der berserkerhaft arbeitet, sich im Mittelpunkt gro\u00dfen Trubels wohl f\u00fchlt, ihn immer wieder selbst inszeniert, ein Mann, der rauschhaft und egozentrisch lebt, wenn er urpl\u00f6tzlich alles zu verlieren droht, jede Normalit\u00e4t, seine Arbeitsf\u00e4higkeit, seine Kraft, seine Autonomie, sogar sein Leben? Wie wird man fertig mit Angst und Panik?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief zeigt uns all das, was normalerweise beschwiegen wird und verborgen bleibt, das, was wir h\u00f6chstens selbst irgendwann erleben k\u00f6nnen. Das macht sein Buch kostbar. Schlingensief belehrt alle, die blo\u00df wohlfeile Worte anbieten: Todkrank sein ist anders, todkrank sein ist eine Achterbahnfahrt durch Gef\u00fchle und Befindlichkeiten, von denen man sich in gesunden Tagen keinen Begriff machen kann. Und es f\u00fchrt zu Fragen nach Sinn und Ewigkeit.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn man in solchen Situationen steckt, ist es das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck, Momente der Emotionalit\u00e4t und Spiritualit\u00e4t zu erleben. (\u2026) Nat\u00fcrlich gibt es Leute, die einfach cool rumliegen. Kompliment. Aber mich besch\u00e4ftigen diese Verbindungen zur Welt \u00fcber mir, sie w\u00fchlen mich auf, und ich sp\u00fcre, dass da in mir wieder etwas auftaucht, was ich vergraben hatte.&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensief ist nicht alt und lebenssatt, sondern noch einigerma\u00dfen jung und lebenshungrig. Er schimpft auf den Papst und geht zur Messe und zur Kommunion. Er beschw\u00f6rt das Leben und die Liebe und versucht, den Gedanken an den Tod zu fassen. Er sucht Gott und will sich nicht verlieren. Er m\u00f6chte frei sein, schreit seine Emp\u00f6rung, sein Entsetzen heraus.<\/p>\n<p>&#8222;Mein Gott, was f\u00fcr gigantische Kraftwerke von Leiden fliegen hier rum, das ist doch unglaublich! (\u2026) Da kann man doch nicht einfach nur die Mutter Gottes als leuchtende Christbaumfigur runterschicken, da muss man doch ganz anders rangehen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist Schlingensiefs Art, um Heilung zu bitten, um Erl\u00f6sung &#8211; nicht nur f\u00fcr sich. Und gleichzeitig tut er schonungslos das, was wir Menschen selbst und der K\u00fcnstler Schlingensief in besonderer Weise vermag: Sich r\u00fcckhaltlos mitzuteilen. Schlingensief geht dabei so weit wie irgend m\u00f6glich und zeigt so, wie lebendig er ist, wie lebendig man bleiben kann, auch wenn man wom\u00f6glich bald sterben muss.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Barbara Dobrick, Deutschlandradio, 27.05.2009<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Christoph Schlingensief: So sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!<br \/>\nTagebuch einer Krebserkrankung<br \/>\nKiepenheuer &#038; Witsch 2009<br \/>\n255 Seiten, 18,95 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der krebskranke Filmemacher, Theaterregisseur und Autor Christoph Schlingensief er\u00f6ffnet dem Leser in seinem neuesten Buch seine Seele. Ungesch\u00f6nt beschreibt er, wie verzweifelt ein Todgeweihter sein kann &#8211; und wie hungrig aufs Leben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/380"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=380"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/380\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}