{"id":376,"date":"2009-05-08T14:03:09","date_gmt":"2009-05-08T12:03:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=376"},"modified":"2009-05-08T14:03:09","modified_gmt":"2009-05-08T12:03:09","slug":"der-trapezkunstler-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=376","title":{"rendered":"DER TRAPEZK\u00dcNSTLER (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Kreuzberg fliegen Steine, auf dem Berliner Theatertreffen die Oblaten: Christoph Schlingensief er\u00f6ffnet das Festival mit seiner &#8222;Kirche der Angst&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Von R\u00fcdiger Schaper<\/em><\/p>\n<p>Wie oft schon gab es beim Theatertreffen die unangenehmsten Transportsch\u00e4den. Die Jury w\u00e4hlt etwas in Wien oder M\u00fcnchen oder gar in der sogenannten Provinz begeistert aus, die Lastwagen kommen hier an, laden aus \u2013 und b\u00f6se \u00dcberraschung! Die Auff\u00fchrung funktioniert nicht in der fiesen Hauptstadt, das Publikum ist not amused. Diesmal scheint alles anders zu sein. Die Techniker der Ruhr- Triennale und der Berliner Festspiele haben Hervorragendes geleistet, Sponsoren und staatliche Kulturinstitutionen haben sich angestrengt, auf dass Christoph Schlingensiefs Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir in Berlin zur Er\u00f6ffnung des Theatertreffens gezeigt werden kann.<\/p>\n<p>Und der Auftakt war feierlich, hier passt das Wort einmal. Schlingensiefs unb\u00e4ndiger Lebenswillen steckt an. Seine auratische Pr\u00e4senz sp\u00fcren nicht nur die dreihundert Zuschauer auf der Seitenb\u00fchne, die zu einer modernen Kirche umgebaut wurde, sondern auch die vierhundert Menschen, die die Vorstellung im Foyer auf der Leinwand verfolgen. Hortensia V\u00f6lckers, die k\u00fcnstlerische Leiterin der Bundeskulturstiftung, h\u00e4lt eine Rede voller Empathie. Sie spricht von jener seltsamen Erfindung des Mimenspiels, in dem sich der Homo sapiens wiedererkennt. Schlingensiefs Kunst, sein Kampf gegen den Krebs, r\u00fchrt an die tiefsten emotionalen Schichten. Lange sitzt man drau\u00dfen um das Lagerfeuer im Festspielgarten und versucht zu verstehen, was da vor sich geht, spirituell und intellektuell. Was geschehen ist seit September vergangenen Jahres, als Schlingensiefs &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220; im Duisburger Industriepark Nord seine Urauff\u00fchrung erlebte.<br \/>\nAnzeige<\/p>\n<p>Damals war man nur \u00fcberw\u00e4ltigt \u2013 allein schon von der neoromanischen Architektur der Thyssen-Gebl\u00e4sehalle, dieser Kathedrale der Schwerindustrie. Wer Duisburg erlebt hat, die an ein Wunder grenzende Wiederkehr des K\u00fcnstlers aus der Klinik, wird es nie vergessen. Dieses aufw\u00fchlende Hochamt f\u00fcr Agnostiker. Und es musste auch klar sein, dass ein solcher Moment unwiederholbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Schon im Oktober, bei einer kleineren, rauen, tiefschwarzen Version der Kirche der Angst im Gorki-Studio in Berlin, war wieder alles anders, die Auff\u00fchrung verschattet von einer neuen und bedrohlichen \u00e4rztlichen Diagnose. Und nun, da er in der Zwischenzeit mit Mea Culpa eine gro\u00dfe Readymade-Oper am Burgtheater in Szene gesetzt und ein Buch herausgebracht hat, verschiebt sich die Wahrnehmung ein weiteres Mal.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Kunst ist nicht von seinem Leben, seiner Gesundheit zu trennen. So glaubte man. Jetzt aber verselbst\u00e4ndigt sich die Kirche der Angst ein St\u00fcck von ihrem Gr\u00fcnder und Erfinder. Die Waagschale neigt sich zum Theater hin, zum inszenierten Spiel. Die flirrenden, flackernden Filmprojektionen, die Prozessionen, die donnernden Ch\u00f6re, die auf dem Krankenbett diktierten Texte wirken wie Bestandteile eines transparenten Ganzen, die Temperatur k\u00fchlt unweigerlich ab im Festivalbetrieb. Christoph Schlingensief ist wieder auf der Erde angekommen. Es geht ihm besser.<\/p>\n<p>Er wird gefeiert. Wann je wurde einem Theater- und Performancek\u00fcnstler solche Zuneigung entgegengebracht? Die Zyniker sind verstummt. Das Wort autonom hat am Abend des 1. Mai, wenn Schlingensief am Fluxus-Altar steht und den Abendmahlritus variiert (&#8222;Trinkt euer eigenes Blut!&#8220;), einen eigent\u00fcmlichen Klang. In Kreuzberg brennt\u2019s, auf dem Theatertreffen fliegen Oblaten. Autonom gegen\u00fcber einer inhumanen Medizinmaschinerie, autonom im Kulturbetrieb, das ist Schlingensiefs Vision. Wie er da steht, wirkt er wie ein Friedensf\u00fcrst.<\/p>\n<p>Der Raum \u00fcberpr\u00fcft uns, so steht\u2019s zu Beginn der theatralen Messe geschrieben. Und es ist wahr: Der Raum hat die Botschaft ver\u00e4ndert. Denn es ist ein Theaterraum, hier sind Theatererinnerungen lebendig. Hier muss wieder zum Kunstwerk werden, was einmal die Grenzen zur Realit\u00e4t \u00fcberschritten hat. In solchen Grenzbereichen zu leben und zu arbeiten, hoch oben in der Kuppel, wie Kafkas Trapezk\u00fcnstler, das h\u00e4lt keiner aus.<\/p>\n<p>Am Samstagabend hat Christoph Schlingensief wieder gezeigt, was f\u00fcr ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Entertainer er ist \u2013 im Gespr\u00e4ch mit Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier, der Journalistion Carolin Emcke und dem Regisseur Volker L\u00f6sch. Die Zeit des Leidens scheint vor\u00fcber, die Aufzeichnung f\u00fcr den ZDF-Theaterkanal nimmt er spielend allein in die Hand: Er redet so feurig wie locker \u00fcber Afrika und Joseph Beuys, seinen Ruhrgebietskatholizismus und das heidnische Berlin: &#8222;Ich m\u00f6chte im Himmel nicht alle Leute wiedertreffen.&#8220; Nach dem Gottesdienst hat Christoph Schlingensief auch die Lacher auf seiner Seite. Nie war er so einnehmend wie heute. Steinmeier versprach ihm Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Festspielhaus in Afrika. Iin Kamerun, Burkina Faso oder Mosambik soll es entstehen, das neue Bayreuth.<\/p>\n<p><em>ZEIT ONLINE  6.5.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kreuzberg fliegen Steine, auf dem Berliner Theatertreffen die Oblaten: Christoph Schlingensief er\u00f6ffnet das Festival mit seiner &#8222;Kirche der Angst&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/376"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=376"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/376\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}