{"id":368,"date":"2009-04-23T01:14:50","date_gmt":"2009-04-22T23:14:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=368"},"modified":"2009-04-23T01:14:50","modified_gmt":"2009-04-22T23:14:50","slug":"tagebuch-einer-krebserkrankung-ist-ein-liebesroman-berliner-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=368","title":{"rendered":"TAGEBUCH EINER KREBSERKRANKUNG IST EIN LIEBESROMAN (BERLINER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Carl Hegemann \u00fcber Christoph Schlingensiefs &#8222;Tagebuch einer Krebserkrankung&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Carl Hegemann<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!&#8220;, hei\u00dft Christoph Schlingensiefs Tagebuch. Die Gewissheit, dass unsere von Konflikten zerrissene, h\u00f6chst unvollkommene und vielfach besch\u00e4digte irdische Umgebung der sch\u00f6nste Ort ist, an dem sich Menschen \u00fcberhaupt aufhalten k\u00f6nnen (vielleicht auch weil er der einzige ist) kommt einem vielleicht erst, wenn man mit einem katholischen Geistlichen \u00fcber die letzten Dinge und das, was uns im Jenseits erwartet, gesprochen hat. Man kann sich den Himmel noch so sch\u00f6n ausmalen, er ist nicht ohne einen endg\u00fcltigen und umfassenden Abschied vorstellbar, einen Abschied von allem, was einem vertraut ist, von allem was man liebt. Von den gro\u00dfen und den kleinen Dingen. Das ist schrecklich und eigentlich nicht zu ertragen.<\/p>\n<p>Schlingensief, der seinen Kinderglauben nie vergessen hat und sich in einen Gro\u00dfteil seines Werkes an der Entt\u00e4uschung abarbeitet, dass dieser Glaube sich bei n\u00e4herem Hinsehen als L\u00fcge erweist, kommt durch die unmittelbare Konfrontation mit einer potenziell t\u00f6dlichen Erkrankung dazu, diese Welt, die ihm seinen Glauben ausgetrieben hat, zum sch\u00f6nsten Ort \u00fcberhaupt zu erkl\u00e4ren, zumindest jedenfalls zu einem sch\u00f6neren als dem Himmel der vermeintlichen Erl\u00f6sung. Und er \u00e4rgert sich, dass er das nicht schon fr\u00fcher, als er noch gesund war, gemerkt hat, und dass er auch nicht gemerkt hat, dass die ihm vertraute \u00e4sthetische Todessehnsucht offenbar nur bei Leuten vorkommt, die sich gesund f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Sein f\u00fcr den Druck nur leicht \u00fcberarbeitetes Tonband-Tagebuch, liest sich wie ein Roman und zwar nicht wie der Roman einer Krebserkrankung sondern, ja, wie ein Liebesroman. Ein Liebesroman vor dem Hintergrund einer Krebserkrankung, der dann auch folgerichtig mit der Verlobung der beiden Hauptfiguren Aino (Laberenz, d. Red.) und Christoph endet und mit der beruhigenden Einsicht, das diese Verbindung, wie sie im Laufe der Geschichte zwischen den beiden entstanden ist, unabh\u00e4ngig von ihrer realen Zeitdauer ein komplettes Leben generiert, ein ganzes Leben, dem nichts fehlt. Das Wunderbare an dieser Liebesgeschichte ist auch, dass sie weder larmoyant noch kitschig ist, sondern beinhart und ohne jede Besch\u00f6nigung das Grauen der Krankheit und die bitteren Konsequenzen zeigt. Das Buch ist keine Neuauflage der &#8222;Love Story&#8220;, auch wenn es ihr thematisch manchmal nahekommt, sondern ein akribischer Bericht \u00fcber so ziemlich das Schrecklichste, was Menschen widerfahren kann.<\/p>\n<p>Man fragt sich nur immer beim Lesen: Was macht mich so fr\u00f6hlich? Das Buch verk\u00fcndet ja gerade keinen Weg zur Unsterblichkeit und keinen Trost im Jenseits, auch keine physischen oder psychischen Therapieans\u00e4tze, es erz\u00e4hlt nur ganz einfach, was man erleben kann, wenn man Krebs bekommt und was einem da alles so durch die Birne rauscht. Damit bek\u00e4mpft es detailliert und konkret die Tabuisierung von Todesangst und Sterbenm\u00fcssen. Und das ist etwas, das in unserer ausschlie\u00dflich am erfolgreich Leben orientierten Gesellschaft offensichtlich sehr ungew\u00f6hnlich ist. Wo selbst das Scheitern nur als Chance zu k\u00fcnftigen Erfolgen wahrgenommen werden kann und wo irreversibles Scheitern im Tod kein \u00f6ffentliches Thema ist, wo schon das Wort Krebs bei Betroffenen und Angeh\u00f6rigen oft mit einem Tabu belegt ist, hat die vollkommene Unbefangenheit von Schlingensiefs Berichterstattung etwas zutiefst Befreiendes.<\/p>\n<p>Die nicht nur bei ihm festzustellende Tendenz zur Enttabuisierung des Privatbereichs Sterben und Tod, die \u00f6ffentliche Behandlung dieser Themen auch in der Kunst (z. B. bei Gregor Schneider), scheint die unvermeidliche Gegenbewegung zu sein zu den gedankenlos um sich greifenden Versuchen, den Abschied der Menschen von der Welt endg\u00fcltig aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zu verbannen, etwa durch das seit einiger Zeit zu beobachtende Verschwinden der Leichenwagen, die pl\u00f6tzlich, fast \u00fcber Nacht unauff\u00e4llig &#8222;neutral&#8220; geworden sind. &#8222;Was ich nicht wei\u00df, macht mich nicht hei\u00df.&#8220; Und der Schock, der am Ende meines fr\u00f6hlichen Lebens steht, ist reine Privatsache, von der nur wenige andere Privatpersonen erfahren, die &#8211; um das Erfolgsbild nicht zu st\u00f6ren &#8211; die schrecklichen Details sch\u00f6n brav f\u00fcr sich behalten. &#8222;Sterben sei still, lautlos, wortlos und handlungslos&#8220;, ist einer der katholischen Kirchens\u00e4tze, die Schlingensief am meisten aufregen. Das gilt offenbar f\u00fcr die Sterbenden und ihre Angeh\u00f6rigen. Nicht dar\u00fcber sprechen! Dann ist alles gut.<\/p>\n<p>Bei Schlingensief wird die Sch\u00f6nheit unserer Welt nicht durch das Verschweigen des Grauens und das Ignorieren des Todes sondern umgekehrt durch deren fortw\u00e4hrende latente Anwesenheit sichtbar. Deshalb ist sein Buch so hoffnungsvoll. Sch\u00f6nheit und Liebe sind m\u00f6glich, obwohl wir sterben.<\/p>\n<p>Dass wir spielen k\u00f6nnen im Bewusstsein unserer Verg\u00e4nglichkeit, dass wir unsere Sterblichkeit nicht verdr\u00e4ngen m\u00fcssen, um Freude zu haben, sind Resultate von Schlingensiefs Krankheitsverarbeitung. Das ist nicht wenig und hart erk\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Jean Paul Sartre sagte 1979 kurz vor seinem Tod: &#8222;Ich habe Dinge in mir, die nicht ausgesprochen werden wollen.&#8220; Auf die Frage des Interviewers, ob er damit das Unbewusste meine, antwortete er: &#8222;Nein, ganz und gar nicht, ich meine Dinge, die ich wei\u00df, die ich aber niemals aussprechen w\u00fcrde.&#8220; Und er f\u00fcgte hinzu: &#8222;Es wird eine Zeit kommen, nach meinem Tode und vielleicht auch nach dem Ihren, wo die Menschen anfangen werden, immer mehr von sich zu sprechen und das wird mit einer veritablen Revolution einhergehen.&#8220;<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass Christoph Schlingensiefs Tagebuch ein Teil dieser Revolution ist. Zwei S\u00e4tze, die diametral entgegengesetzt sind, haben die Kryptoauseinandersetzung mit Sterben und Tod seit \u00fcber 2 000 Jahren gepr\u00e4gt, genauer gesagt seit Homer und seit dem Alten Testament: &#8222;Das Allerschlimmste f\u00fcr dich ist es, bald zu sterben, das Zweitschlimmste aber \u00fcberhaupt zu sterben.&#8220; Und: &#8222;Das Allerbeste f\u00fcr dich w\u00e4re es, nie geboren zu sein, das Zweitbeste aber bald zu sterben.&#8220; Vielleicht verlieren diese beide gleicherma\u00dfen f\u00fcrchterlichen S\u00e4tze einen Teil ihres Schreckens, wenn man sich dieser Revolution anschlie\u00dft.<\/p>\n<p><em>Carl Hegemann, Philosoph und Dramaturg, geh\u00f6rt zum Freundeskreis von Christoph Schlingensief und arbeitet seit 1993 mit ihm zusammen. Er lehrt als Professor an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater in Leipzig.<\/em><\/p>\n<p><em>Berliner Zeitung, 23.04.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carl Hegemann \u00fcber Christoph Schlingensiefs &#8222;Tagebuch einer Krebserkrankung&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/368"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=368"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/368\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}