{"id":367,"date":"2009-04-23T01:10:31","date_gmt":"2009-04-22T23:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=367"},"modified":"2009-04-23T01:10:31","modified_gmt":"2009-04-22T23:10:31","slug":"der-himmel-darf-schlingensief-noch-lange-nicht-wollen-tagesanzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=367","title":{"rendered":"DER HIMMEL DARF SCHLINGENSIEF NOCH LANGE NICHT WOLLEN (TAGESANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief h\u00e4ngt mit aller Macht am Leben. Das beschreibt er in seinem \u00abTagebuch einer Krebserkrankung\u00bb.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Simone Meier<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEine Welt ohne Christoph Schlingensief geht nicht. Bei diesem Gedanken kapituliert die Vorstellungskraft, und das Auge weint fast wie auf Knopfdruck. Denn Christoph Schlingensief ist ja nicht nur der Theaterregisseur, der sich, seine Schauspieler, sein Publikum und alle Kritiker regelm\u00e4ssig \u00fcber den Rand der \u00dcberforderung hinausf\u00fchrt, der in Interviews Dinge redet, die oft zu hundert Prozent unverst\u00e4ndlich sind, der gar nichts f\u00fcr unzumutbar h\u00e4lt und dann doch fast in jeder seiner Arbeiten auch wieder r\u00fchrt, ber\u00fchrt, verf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief (48) ist wahrscheinlich auch der liebensw\u00fcrdigste Mensch, den das deutschsprachige Theater seit vielen Jahren kennt, ist klug, warmherzig, lustig, ein grossz\u00fcgiger Selbstvergeuder vor dem Herrn, ein seltsam beharrlicher Familienmensch auch, immer ist er allen sofort Bruder oder Sohn \u2013 nur Vater war er bisher noch nie, aber das m\u00f6chte er im richtigen Leben noch sehr gerne werden. Er versteht es, Menschen \u00fcber Jahre an sich zu binden, Menschen etwa wie die fr\u00fcheren Fassbinder-Diven Irm Hermann (66) und Margit Carstensen (69), die begeistert sind, dass da wieder einer an ihrer Seite steht, der wie einst Fassbinder die verr\u00fccktesten Ideen an sie herantr\u00e4gt und ihnen restlos alles zutraut.<\/p>\n<p><strong>Metastasen wie \u00abSchneeflocken\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Die Wechsel zwischen Schlingensief, dem grossen Rasenden, der in Z\u00fcrich den \u00abHamlet\u00bb mit echten, brachialen Neonazis best\u00fcckt und in Bayreuth Wagner inszeniert, und Christoph, der spontan mit einer Handvoll Leute eine lustige Carfahrt durch Berlin und eine Reichstagsbesichtigung organisiert, sind fliegend und flirrend. Einer geht mit dem andern immer Hand in Hand, Christoph Schlingensief ist stets ein ganzer Kosmos, ein System, das Private wird bei ihm immer \u00f6ffentlich in seiner Kunst, die kreative Vereinnahmung aller, die ihm quasi den kleinen Finger des Interesses hinstrecken, ist total. Grosse Fische wie Patti Smith hat er so schon zum Teil seiner Kunst und damit nat\u00fcrlich auch immer seines Lebens gemacht.<\/p>\n<p>Und dann wird dieser Feuerwerksk\u00f6rper aus Ideen und Emotionen pl\u00f6tzlich ersch\u00fcttert und ruhiggestellt. Weil bei Christoph Schlingensief Anfang 2008 Krebs diagnostiziert wird, weil ihn dieser Krebs zuerst einen Lungenfl\u00fcgel und einen grossen Teil seines Zwerchfells (es wurde durch einen Goretex-Lappen ersetzt) kostet, weil sich im Winter im andern Lungenfl\u00fcgel wieder wie \u00abErbsen\u00bb oder \u00abSchneeflocken\u00bb zwanzig neue Metastasen bilden. An dieser verzweifelten Stelle endet nun Christoph Schlingensiefs Tagebuch seiner Krankheit mit dem ergreifenden Titel \u00abSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u00bb. Er hat kurz nach der ersten Diagnose angefangen, die Tagebucheintr\u00e4ge auf sein Diktierger\u00e4t zu sprechen, sie umfassen die Zeit vom 15. Januar bis zum 27. Dezember 2008, und nat\u00fcrlich sind sie himmeltraurig.<\/p>\n<p>Es ist die Geschichte einer Krankheit und die Geschichte einer Liebe, die beide verschmelzen, so, wie bei Christoph Schlingensief immer alles verschmilzt, was f\u00fcr ihn z\u00e4hlt. Da ist der Krebs, der sein Leben elend macht, und da ist seine Freundin, die Berliner Kost\u00fcmbildnerin Aino Laberenz, die ihren Patienten mit bewundernswerter N\u00fcchternheit immer wieder in den Alltag zur\u00fcckholt und dabei nicht nur als Kranken-, sondern auch als Seelenpflegerin vieles auszustehen hat.<\/p>\n<p><strong>\u00abParsifal\u00bb war sein Verh\u00e4ngnis<\/strong><\/p>\n<p>Einerseits ist Christoph Schlingensief n\u00e4mlich so was wie der pflegeleichteste aller Krebspatienten. Schnell hat er seinen \u00abProfessor Kaiser\u00bb gefunden \u2013 \u00abeinen der besten Lungentypen\u00bb \u2013, den er als kompetente Vaterfigur adoptiert und dem er \u00fcbergl\u00fccklich gehorcht. Andererseits gehen ihm, dem Mann mit der \u00abKitschnudelfabrik\u00bb im Kopf, nat\u00fcrlich alle m\u00f6glichen Pferde sofort durch, und er steigert sich in mystische Szenarien: Er macht sich Gott, Christus und Maria zu besten Freunden, Maria und Aino werden eins, Christoph und Christus auch, er m\u00f6chte \u00abdie Bibel umschreiben\u00bb, und die Frage nach dem Sinn des Leidens in und an der Welt liegt wuchtig \u00fcber allem. Man muss da manchmal einfach ein paar Seiten \u00fcberspringen.<\/p>\n<p>Wie selbstverst\u00e4ndlich gipfelt der Wahn im Wagnerianischen, n\u00e4mlich in der Erkenntnis von Professor Kaiser, dass Schlingensiefs Tumor zum Zeitpunkt seiner \u00abParsifal\u00bb-Proben in Bayreuth zu wachsen begonnen habe. Das ist dramaturgisch nat\u00fcrlich grandios, fast hat man es erwartet, und es ist grossartig, wie Schlingensief dann \u00fcber den \u00abFascho-Laden\u00bb Bayreuth herzieht, der das Lieb\u00e4ugeln der Nazis mit Todeskult und Selbstausl\u00f6schung via Zyankalikapsel noch immer pflegen w\u00fcrde. In solchen Passagen ist er ganz der virtuose alte Welt- und Wertezertr\u00fcmmerer.<\/p>\n<p>Und dann ist er wieder einfach nur ein kleiner kranker K\u00f6rper. Beobachtet sich selbst und seine Systemst\u00f6rungen mit verbl\u00fcffender Ironie und tr\u00e4fen Kommentaren und ist dabei ein Mensch, der so sehr am Leben h\u00e4ngt, dass jede Zeile schmerzt. Als er zum Beispiel vier Tage nach seiner grossen Operation am 2. Februar im Lift vier Stockwerke hoch fahren kann und auf die Normalstation verlegt wird, freut er sich so sehr \u00fcber diese kleine Reise, \u00abals sei es die Mondlandung\u00bb. Und immer wieder sagt er: \u00abDanke, lieber Gott, dass ich Aino habe. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck.\u00bb Er wird da auch zum Kind, hilflos gegen\u00fcber der Krankheit, aber dankbar aufgehoben im Kreis seiner Liebsten. Patti Smith bemuttert ihn am Spitalbett, Peter Zadek, der selbst schwer krank gewesen war, vermittelt ihm einen Onkologen. Der grosse, gef\u00fchlige H\u00f6hepunkt, mit dem das Buch schliesst, sei hier nicht verraten, er ist erneut dramaturgisch perfekt, und \u00fcberhaupt weint man die letzten 20 Seiten eigentlich durch.<\/p>\n<p><strong>Sich selbst und uns treu geblieben<\/strong><\/p>\n<p>Mit einer medialen Inszenierung des eigenen Sterbens, wie sie die ebenfalls an Krebs erkrankte Engl\u00e4nderin Jade Goody zelebrierte, hat der Fall Schlingensief nur auf den ersten Blick zu tun. Nat\u00fcrlich lebt auch er wie Jade Goody von der Aufmerksamkeit, aber er hat sich mit seinen Kunstaktionen im vergangenen Jahr und mit seinem Buch nicht aus einem Milieu und einer Herkunft herausgehievt, die f\u00fcr ihn nicht mehr zu ertragen waren. Christoph Schlingensief war ein gl\u00fcckliches Kind und immer schon ein kreativer Exhibitionist. Dass er sich in seiner Krankheit nicht zur\u00fcckgezogen hat, zeigt nur, dass er sich und uns noch immer mit der gleichen Hingabe treu geblieben ist, und das ist gut so.<\/p>\n<p>Im Moment geht es ihm \u00fcbrigens etwas besser als am Ende des Buches, auch wenn er am Dienstagmorgen einen Auftritt in Berlin wegen eines Fieberschubs absagen musste. Aber die Metastasen im zweiten Lungenfl\u00fcgel sind dank einer erfolgreichen Therapie verschwunden. Seine Aino will er bald heiraten, und wer weiss, vielleicht leben die beiden dann noch lange und gl\u00fccklich und werden miteinander sehr, sehr alt. Denn eine Welt ohne Christoph Schlingensief, die ist nun wirklich nicht vorstellbar.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Tagesanzeiger vom 23.04.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief h\u00e4ngt mit aller Macht am Leben. 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