{"id":360,"date":"2009-04-22T14:45:05","date_gmt":"2009-04-22T12:45:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=360"},"modified":"2009-04-22T14:45:05","modified_gmt":"2009-04-22T12:45:05","slug":"ich-habe-noch-so-viel-vor-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=360","title":{"rendered":"&#8222;ES IST LIEBENSW\u00dcRDIG, VERR\u00dcCKT, EUPHORISCH (&#8230;)&#8220; (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regisseur Christoph Schlingensief hat ein ber\u00fchrendes Tagebuch seiner Krebserkrankung ver\u00f6ffentlicht. Sogar mit alten Feinden hat er seinen Frieden gemacht<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Matthias Heine<\/em><\/p>\n<p>Im Januar 2008 erfuhr der Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief, dass er Krebs hat. Ein Lungenfl\u00fcgel musste ihm entfernt werden. Nun liegt sein Tagebuch aus dieser Zeit als Buch vor. Es ist liebenswert, verr\u00fcckt, euphorisch und ein bisschen geschw\u00e4tzig. Eben wie der gro\u00dfe Kindskopf Schlingensief.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Menschen, der voriges Jahr noch den Medien verbieten lie\u00df, \u00fcber seine Krankheit zu berichten, ist Christoph Schlingensief sehr gespr\u00e4chig geworden. Aber wer k\u00f6nnte denn nicht nachvollziehen, dass auch dieser \u201eHalli-Galli-Christoph mit seinem Bed\u00fcrfnis, wahrgenommen zu werden\u201c (das schreibt er \u00fcber sich selbst) erst mal mit seiner Krankheit allein sein wollte, nachdem ihm im Januar 2008 eine niederschmetternde Diagnose gestellt wurde? <\/p>\n<p>Die blieb nicht lange geheim. In seinem Tagebuch notierte Schlingensief am 2. Februar: \u201eDass ich Lungenkrebs habe, dass ich einen brutalen Eingriff von f\u00fcnf Stunden hinter mir habe? das quasselt irgendso ein D\u00f6del in der Kneipe herum.\u201c Der D\u00f6del war der Schauspieler Udo Kier, und nach seiner Kneipenquasselei gegen\u00fcber Journalisten lie\u00df sich das Wort \u201eKrebs\u201c auch mit anwaltlicher Hilfe nicht wieder einfangen. <\/p>\n<p>Schlingensief hat es bald auch gar nicht mehr versucht, sondern hat in der ihm eigenen Weise die Flucht nach vorn angetreten: in die Kunst, die Selbstinszenierung und die (scheinbar) totale \u00d6ffentlichkeit. Das Ergebnis dieser Strategie waren bisher neben zwei Inszenierungen, die zum sch\u00f6nsten z\u00e4hlten, was der 48 Jahre alte Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler bisher hervorgebracht hatte (\u201eEine Kirche der Angst\u201c und \u201eMea Culpa\u201c), vor allem Dutzende Interviews. Jetzt liegt auch noch sein \u201eTagebuch einer Krebserkrankung\u201c vor, das unter dem Titel \u201eSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!\u201c erschienen ist. \u00dcbrigens als erstes von Schlingensiefs B\u00fcchern im Hardcover \u2013 als w\u00e4re ein Taschenbuch zu trivial f\u00fcr die gro\u00dfen Themen Tod und Gott. <\/p>\n<p>Noch in einem Eintrag vom 20. April 2008 r\u00e4tselt Schlingensief dar\u00fcber, wie es ihm wohl gelingen werde, sein fr\u00fcheres Ich \u201eumzubauen\u201c. Die Antwort lautet ein Jahr sp\u00e4ter eindeutig: gar nicht. Der post-operative Schlingensief ist eigentlich ganz der alte, mitteilsame Charmeur, den man lieben oder hassen muss \u2013 aber doch meistens eher lieben, vor allem, wenn man ihm pers\u00f6nlich begegnet. <\/p>\n<p>Sogar ehemalige Feinde umarmen ihn: Eine Berliner Boulevardzeitung, die fr\u00fcher seine Volksb\u00fchnen-Inszenierungen zum Anlass f\u00fcr Skandalschlagzeilen nahm, hat ihm ihren Kulturpreis verliehen. Die Berlinale, die er einst mit liebevollem Hass verspottete, weil sie seine Filme nicht zeigen wollte, machte ihn 2009 zum Mitglied der Wettbewerbsjury. Und nun hat er auch noch einen richtigen Professorentitel der Kunsthochschule Braunschweig bekommen. <\/p>\n<p>Was er durchmachen musste, um diese neue Liebe zu erringen, erz\u00e4hlt das Buch. Es beginnt mit einem Eintrag vom 15. Januar: \u201eHeute Nachmittag habe ich entschieden, ein PET machen zu lassen ? Man kann mit diesen Bildern also den Tumor identifizieren und Metastasen finden Das einzige Problem ist, dass auch jede Entz\u00fcndung zu sehen ist. Wenn die Bilder morgen also sagen, im Zentrum von meiner Lunge gibt es einen Tumor, dann ist das vielleicht nur eine Entz\u00fcndung, die aussieht wie ein Tumor. Diese kleine T\u00fcr bleibt offen.\u201c <\/p>\n<p>Sie hat sich dann rasch geschlossen. Sp\u00e4testens nach einer Punktierung herrscht Gewissheit: \u201eDoktor Bauer hat uns heute in sein Zimmer geholt und war direkt bei der Sache ? Das ist ein Ardenokarzinom. Das muss sofort raus. Und es w\u00fcrde jetzt eine harte Zeit auf mich zukommen, eine verdammt harte Zeit. Das werde kein leichter Weg: Operation, Chemo und Bestrahlung.\u201c <\/p>\n<p>Dieses Tagebuchzitat kennen Theaterbesucher schon aus Schlingensiefs Inszenierung \u201eEine Kirche der Angst\u201c im M\u00fclheim, mit der er sich im Herbst 2008 pers\u00f6nlich als Regisseur zur\u00fcckmeldete (die Oper \u201eSzenen aus dem Leben der Heiligen Johanna\u201c wurde ja nur von einem Team nach Schlingensief Anweisungen vom Krankenbett inszeniert). Das war damals noch ber\u00fchrender, erschreckender und auch peinlich, weil auf der B\u00fchne eingespielt wurde, was er w\u00e4hrend der Krankheit ins Diktafon gesprochen hatte. Entsprechend j\u00e4mmerlich und verheult klang seine Stimme.<br \/>\nIn der Nacht nach der Operation h\u00f6rt Schlingensief im Krankenhaus ein Kind schreien, und er bittet Gott, er solle doch ihn sterben und das Kind leben lassen. Doch als dann der Apparat, der seine Lebensfunktionen \u00fcberwacht, pl\u00f6tzlich Alarm schl\u00e4gt, fleht er Maria an: \u201eBitte, bitte, ich will leben, ich will noch ganz lange leben, ich hab noch ganz viel zu tun. In dem Moment h\u00f6rt das Kind auf zu schreien. O Gott, denke ich die haben mich beim Wort genommen, das Kind ist tot. So ein Mist, jetzt lebe ich und das Kind ist tot.\u201c Sp\u00e4ter erf\u00e4hrt er, dass das Kind wohlauf ist und nur eine leichte Operation hatte. Solche heimt\u00fcckischen H\u00e4ndel sind nicht Gottes Art. <\/p>\n<p>Vom Allm\u00e4chtigen ist naturgem\u00e4\u00df viel die Rede, wenn der ehemalige Messdiener und Religionsleistungskurs-Sch\u00fcler Schlingensief dem Tod ins Auge sieht. Unter Karfreitag, dem 21. M\u00e4rz, steht ein Eintrag, der in jedes christliches Erbauungsbuch geh\u00f6rt: \u201eDas Gottesprinzip ist im Laufe des Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottesprinzip kein Freudenprinzip? Warum denkt man nicht an Gott und preist ihn, wenn man sich freut, auf der Welt zu sein, wenn man sich freut, dass tolle Sachen passieren? Warum kommt er immer erst dann ins Spiel, wenn man feststellt: Na klasse, Familie weg und Krebs und wieder kein Sechser im Lotto. <\/p>\n<p>Man m\u00fcsste das Gottesprinzip viel st\u00e4rker als frohe Botschaft etablieren, als frohen Gedanken, als Freiheitsgedanken, als Friedensgedanken. In jedem Kopf, in jeder Religion, in jedem Wesen, \u00fcberall.\u201c Dieser Aufgabe hat der K\u00fcnstler Schlingensief sich zuletzt mit einer Energie gewidmet, die einem Angst macht, er k\u00f6nnte sich selbst quasi verbrennen, bevor ihm der Krebs etwas anhaben kann? <\/p>\n<p><em>WELT, 20.04.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regisseur Christoph Schlingensief hat ein ber\u00fchrendes Tagebuch seiner Krebserkrankung ver\u00f6ffentlicht. 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