{"id":359,"date":"2009-04-22T14:32:45","date_gmt":"2009-04-22T12:32:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=359"},"modified":"2009-04-22T14:32:45","modified_gmt":"2009-04-22T12:32:45","slug":"der-tod-als-buhnenstuck-kolner-stadtanzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=359","title":{"rendered":"&#8222;DAS BEWEGENDE ZEUGNIS EINES UNB\u00c4NDIGEN LEBENSWILLENS&#8220; (K\u00d6LNER STADTANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief hat Lungenkrebs &#8211; und redet sich die Krankheit von der Seele. Sein jetzt erschienenes \u201eTagebuch einer Krebserkrankung\u201c ist die ersch\u00fctternde Dokumentation eines Mannes, der unb\u00e4ndigen Lebenswillen verspr\u00fcht.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Horst Willi Schors<\/em><\/p>\n<p>BERLIN &#8211; Es ist das reinste Horrorbuch und doch das bewegende Zeugnis eines unb\u00e4ndigen Lebenswillens trotz manchmal tiefster Verzweiflung und \u00abaufschreiender Seele\u00bb, eines Mannes, der doch glaubte, \u00abdas gro\u00dfe Los in diesem Leben\u00bb gezogen zu haben.<\/p>\n<p>Schlingensief wei\u00df, dass viele andere Menschen das gleiche Schicksal wie er erleiden und von einem Tag zum anderen aus der Bahn geworfen werden, sich dann vollkommen zur\u00fcckziehen und schweigen. Aber der 48-j\u00e4hrige Theaterregisseur will nicht alles in sich \u00abhineinfressen, alles immer nur nach innen kehren\u00bb, sondern aufschreiben, mitteilen und sogar auf der B\u00fchne verhandeln wie zuletzt mit seiner umjubelten \u00abMea culpa\u00bb-Inszenierung Ende M\u00e4rz am Wiener Burgtheater oder in der \u00abKirche der Angst vor dem Fremden in mir\u00bb bei der Ruhrtriennale, mit der er am 1. Mai auch das Theatertreffen deutschsprachiger B\u00fchnen in Berlin er\u00f6ffnen wird.<\/p>\n<p>Schlingensief schildert das in seiner Situation wohl unvermeidliche Wechselbad der Gef\u00fchle zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Auflehnen gegen \u00abdiese Bestrafung\u00bb (\u00abVielleicht habe ich auch nicht richtig gelebt\u00bb), die im Januar 2008 mit der schrecklichen Diagnose Lungenkrebs begonnen hatte. Im Dezember 2008 wurden weitere Metastasen im einzig verbliebenen Lungenfl\u00fcgel diagnostiziert, die nach Medikamentenbehandlung aber wieder verschwunden sind. \u00abDer Krebs ist weg, der Einschnitt bleibt.\u00bb Diagnose, Operation, zw\u00f6lf Wochen Chemo, verschiedene Prognosen &#8211; \u00abK\u00f6rper und Seele werden einfach nur noch durchgenudelt\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Achterbahn des Lebens <\/strong><\/p>\n<p>Ein Auf und Ab der Gef\u00fchle, eine Achterbahn des Lebens, die keine Theaterauff\u00fchrung wirklich darstellen oder vermitteln kann. Auch das hat ein Schlingensief inzwischen gelernt, der im Krankenbett auch starke Selbstzweifel an seiner bisherigen K\u00fcnstlerlaufbahn notiert. Er muss an den mit 37 Jahren gestorbenen Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder denken, \u00abdessen Leben hat sich am Ende immer schneller, schneller, schneller gedreht\u00bb.<\/p>\n<p>Der Katholik Schlingensief hadert mit Gott, kauft sich ein Buch \u00abDie Bibel. Was man wirklich wissen muss\u00bb und findet Trost bei einer Messe. Dann gibt es wieder Selbstmordgedanken, aber auch das Bekenntnis, \u00abdass ich das Leiden aushalten muss\u00bb, er will sich auch nicht \u00abin der Schweiz einschl\u00e4fern lassen, an irgendeiner Rastst\u00e4tte oder in einem Hotelzimmer &#8211; das ist ja grauenhaft, das hat doch mit Freiheit nix zu tun\u00bb. Aber die Momente, \u00abwo man denkt, man geh\u00f6rt nicht mehr so richtig dazu\u00bb, sind auch schier unertr\u00e4glich, und immer wieder \u00abpl\u00f6tzlich die Angst, wie ein Windsto\u00df, wie ein eiskalter Nebel, der um die Ecke kommen wollte\u00bb.<\/p>\n<p>Dann wieder neuer Lebensmut nicht zuletzt dank seiner Verlobten und Mitarbeiterin Aino, Psychologen bem\u00fchen sich um ihn, Telefonate mit Freunden und Kollegen wie Peter Zadek, die von ihrer Krankheit erz\u00e4hlen und ihm Mut machen. So wie auch Schlingensiefs Chefarzt, der die Operation vornahm und zu dem sogar so etwas wie ein Freundschafts- oder Vertrauensverh\u00e4ltnis entstand. Andere Klinikmitarbeiter, die ihn weiter behandelten, schockieren den Regisseur bei der Chemotherapie mit saloppen \u00abaufmunternden\u00bb Worten wie \u00abWir geben jetzt volle Kanne, es gibt keine Gnade\u00bb und prophezeien: \u00abSie werden gelb werden, Sie werden stinken. Sie werden kahlk\u00f6pfig. Ihre Freunde werden sich von Ihnen abwenden. Sie werden allein sein.\u00bb<\/p>\n<p>So wie Schlingensief seine Krankheit mit seiner spektakul\u00e4ren Inszenierung von Richard Wagners Weltabschiedswerk \u00abParsifal\u00bb bei den Bayreuther Festspielen (2004-2007) in Verbindung bringt (\u00abIch habe ein Tor ge\u00f6ffnet, das ich niemals h\u00e4tte \u00f6ffnen d\u00fcrfen\u00bb), so gerne w\u00fcrde er auch noch weiterleben, um Wagners \u00abTristan und Isolde\u00bb noch zu inszenieren. Oder sein \u00abGel\u00fcbde\u00bb zu erf\u00fcllen, ein Festspielhaus in Afrika ins Leben zu rufen. \u00abIch w\u00e4re froh, wenn sich dieses Afrikaprojekt als der Weg entpuppen w\u00fcrde, der zum Sieg \u00fcber die Krankheit f\u00fchrt.\u00bb Und wenn nicht, dann l\u00e4sst er sich dort eben von einer Kobra bei\u00dfen, wie er im Tagebuch \u00fcberlegt.<\/p>\n<p>An Wiedergeburt glaubt Schlingensief nicht. Die \u00abzentrale Frage\u00bb ist f\u00fcr ihn n\u00e4herliegender &#8211; \u00abwie ich diesen alten Halligalli- Christoph\u00bb, der \u00fcberall dabei sein und wahrgenommen werden will, \u00abumbauen kann\u00bb. Er hat ein tiefes Bed\u00fcrfnis, \u00abnoch etwas Sinnvolles zu tun\u00bb. Sehr viel Zeit r\u00e4umt er sich daf\u00fcr nicht mehr ein. \u00abTief in meinem Innern glaube ich, dass es sich noch um zwei oder drei Jahre handelt, die ich auf der Erde bin. Ist komisch, aber das sp\u00fcre ich so.\u00bb (dpa) <\/p>\n<p><em>K\u00d6LNER STADTANZEIGER, 20.04.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief hat Lungenkrebs &#8211; und redet sich die Krankheit von der Seele. 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