{"id":357,"date":"2009-04-22T14:20:42","date_gmt":"2009-04-22T12:20:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=357"},"modified":"2009-04-22T14:20:42","modified_gmt":"2009-04-22T12:20:42","slug":"warum-ich-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=357","title":{"rendered":"&#8222;(&#8230;) IN DIESEM WAHNSINNSBUCH&#8220; (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief, der Regisseur und Energiek\u00fcnstler, hat Krebs. Jetzt hat er sein Krankheitstagebuch ver\u00f6ffentlicht. Es ist eine Kampfschrift f\u00fcr das Leben geworden, so, wie er sich das gew\u00fcnscht hat.<\/strong><\/p>\n<p><em>VON VOLKER WIEDERMANN<\/em><\/p>\n<p>Und einmal ist da wieder dieses gro\u00dfe Lachen. Dieses gro\u00dfe, gewaltige Schlingensief-Lachen, als diese sonderbare Frau in sein Krankenzimmer kommt. Er war ihr kurz vorher schon auf dem Krankenhausflur begegnet, es war einer seiner ersten Wege zu Fu\u00df nach seiner schweren Operation, bei der man ihm einen Lungenfl\u00fcgel und einen Teil des Zwerchfells herausoperiert hatte.<\/p>\n<p>Sie trug ein Betttuch in der Hand und sah aus, als sei sie unterwegs in irgendeinen Wellnessbereich. Aber sie ging wohl nur verwirrt umher, und sp\u00e4ter kam sie also zu Christoph Schlingensief ins Zimmer. Er fragt h\u00f6flich, was es gebe, sie sagt nur \u201eHerr Decker, Herr Decker\u201c. Darauf Schlingensief: \u201eHerr Decker ist nicht hier.\u201c In dem Moment taucht eine Putzfrau auf, zeigt auf den Boden und ruft: \u201eAch du Schei\u00dfe, Kacke!\u201c Und Schlingensief richtet sich auf in seinem Bett, schaut und sieht, dass ihm die wirre Dame tats\u00e4chlich ein H\u00e4ufchen vor die T\u00fcr gesetzt hat. Und der Patient lacht und lacht. \u201eIch hab&#8216; so derma\u00dfen gelacht, dass ich meine Narbe festhalten musste.\u201c<\/p>\n<p>Er ist unversehens in eine seiner eigenen Inszenierungen hineingeraten, in eine Schlingensief-Theaterinszenierung: \u201eSie kam mir vor wie eine alte, entgleiste Anh\u00e4ngerin von ,Chance 2000&#8242;, die mir auf diese Weise ihre Verehrung zeigen wollte\u201c, schreibt Christoph Schlingensief in seinem \u201eTagebuch einer Krebserkrankung\u201c, das in diesen Tagen unter dem Titel \u201eSo sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein\u201c erscheint.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hle dich selbst!<\/strong><\/p>\n<p>\u201eChance 2000\u201c, das war Schlingensiefs legend\u00e4re \u201ePartei der letzten Chance\u201c aus dem Bundestagswahlkampf 1998, in der er unter dem Motto \u201eW\u00e4hle dich selbst\u201c Verlorenen, Geisteskranken, \u00fcbersehenen Danebenstehern eine Stimme gegeben und sie auf die Stra\u00dfe, auf die B\u00fchne und in die Zeitungen gebracht hatte. Verr\u00fcckte Menschen, einsame Menschen, mit einer riesigen Freude daran, einmal im Leben auf sich aufmerksam zu machen. Auf den Plakaten, die sie trugen, stand gro\u00df \u201eIch\u201c.<\/p>\n<p>Daran erinnert sich der Patient jetzt, am 5. Februar 2008, in seinem wei\u00dfen Zimmer. Die Operation ist gut verlaufen. Aber was hei\u00dft schon \u201egut\u201c, wenn einem ein Lungenfl\u00fcgel fehlt, wenn ein St\u00fcck Gore-Tex ins Zwerchfell eingen\u00e4ht wurde, wenn eine lange, lange Chemotherapie bevorsteht, die ihm jeder in den allerdunkelsten Farben ausmalt: \u201eIhre Freunde werden sich von Ihnen abwenden. Sie werden stinken, die Haare verlieren. Sie k\u00f6nnen sich gar nicht vorstellen, wie gro\u00df das Elend wirklich wird, und am Ende wissen Sie nicht mal, ob das alles hilft.\u201c<\/p>\n<p><strong>Elend, traurig und sch\u00f6n<\/strong><\/p>\n<p>So sieht die Zukunft aus. Dabei ist die Gegenwart schon dunkel genug. Es ist ein schreckliches Buch, das der Regisseur und Energiek\u00fcnstler Christoph Schlingensief da geschrieben hat, ein elendes, ein wahnsinnig trauriges, ein sehr, sehr sch\u00f6nes Buch. Der Krebs hat die Macht \u00fcbernommen \u00fcber ein Leben, das, zumindest in seinem \u00f6ffentlichen Teil, immer vor allem aus Energie, v\u00f6lliger Freiheit, Pl\u00f6tzlichkeit, mitrei\u00dfendem Enthusiasmus, Wut, immer neuen \u201eProjekten\u201c und gigantischer Ausprobierfreude zu bestehen schien. Schlingensief als teilnehmender Regisseur auf der B\u00fchne, das hei\u00dft ja immer elektrische Luft (und die Angst des unbeteiligten Zuschauers, dass man jeden Augenblick geohrfeigt werden k\u00f6nnte oder irgendwie sonst Teil des Dramas wird). Jetzt also: Unfreiheit total. Die Krankheit bestimmt, wie es weitergeht.<\/p>\n<p>Am Anfang, die Aufzeichnungen beginnen am 15. Januar 2008, steht die Ungewissheit. Ein PET steht bevor. Bislang ist es nur ein Verdacht, doch jetzt kommt er in \u201edie R\u00f6hre\u201c, um Gewissheit zu haben. \u201eDiesmal wird das Ergebnis aber die \u00d6ffnung zu einem Weg sein, der noch gegangen werden muss.\u201c<\/p>\n<p>Das Ergebnis lautet \u201eTumor\u201c. Und Christoph Schlingensief beschreibt sich selbst, wie er in seiner Heimatstadt Oberhausen, wo die Untersuchung stattgefunden hat, am Zaun seines alten Kindergartens steht und auf seine Freundin wartet, die sich mit dem Radiologen noch einmal das CT ansieht. \u201eIch habe das eigentlich alles sehr k\u00fchl aufgenommen\u201c, schreibt er. Christoph Schlingensief ist 47 Jahre alt. Doch \u201ek\u00fchl\u201c wird er nicht lange bleiben. Schon wenige Zeilen sp\u00e4ter hei\u00dft es: \u201eDie Angst ist gelandet.\u201c Sie wird bleiben, die Angst, auf den n\u00e4chsten 250 Seiten, die das Tagebuch umfasst. Bis zum Ende des Jahres, an dem das Tagebuch seiner Erkrankung endet.<\/p>\n<p><strong>Ein Therapiebuch<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr ein Buch? Zun\u00e4chst, ja, ein Therapiebuch f\u00fcr den Patienten selbst. Es kann ja gar nicht anders sein: Ein Mann, der sein Leben damit verbracht hat, die Welt in eine Schwingung zu versetzen, Menschen aus ihrer Lethargie herauszuaktivieren, dass ein solcher Mann im Krankheitsk\u00e4fig verr\u00fcckt zu werden droht, noch viel mehr als jeder andere, den ein solches Leid bef\u00e4llt, das liegt ja auf der Hand.<\/p>\n<p>Schlingensief diktiert und diktiert in ein kleines Diktafon hinein. Am Anfang ist er noch sichtlich um eine Inszenierung bem\u00fcht, selbst noch ganz verzaubert von all den neuen Bildern, die ein solch radikal neuer Lebenszustand mit sich bringt: \u201eEs gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schlie\u00dflich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus \u00dcberblendungen bestehen und auf die die Leute v\u00f6llig unterschiedlich reagieren.\u201c Er geht dann zum Grab seines Vaters, der ein Jahr zuvor gestorben ist, und erinnert sich an die Dunkelheit, die dessen letzte Lebenszeit umgab; er schw\u00f6rt sich selber ein, dass er \u201ediese schwarze Energie nicht will\u201c, dass er unter keinen Umst\u00e4nden in diesen Pessimismus hineinrutschen wird, pathetisch verspricht er, dass er ein Opernhaus in Afrika bauen wird, wenn er aus dieser Sache heil wieder rauskommt. Und als w\u00e4re das jetzt nicht schon dick genug versprochen, kommt auch noch die Natur hinzu: \u201eEs war ein total sch\u00f6ner Moment. Und dann &#8211; das h\u00f6rt sich jetzt spinnert an -, aber in dem Moment, als ich das gesagt hatte, wurde der Himmel so rot wie der Brokatstoff in den Bildern, die ich vor ein paar Tagen bei diesen Halluzinationen gesehen hatte.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Sprachlosigkeit des Sterbens<\/strong><\/p>\n<p>Da denkt man dann schon mal kurz, ob es nicht vielleicht auch ohne Brokatsonne gehen w\u00fcrde und ob die Sache nicht schon dramatisch genug ist, aber erstens war es ja wahrscheinlich einfach die Wirklichkeit, und zweitens ist der Gestus des Stilkritikers bei einem Tagebuch, in dem es ums \u00dcberleben geht, sowieso irgendwie sehr fehl am Platz. Der Regisseur selbst hat in seinem Vorwort geschrieben, um was es ihm mit seinem Buch geht. Es sei, so hofft er, vielleicht eine Kampfschrift geworden \u201ef\u00fcr die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens\u201c. Ihm selbst habe es geholfen, das Schlimmste, was er je erlebt habe, zu verarbeiten, und jetzt habe er die Hoffnung, dass es anderen Erkrankten oder Angeh\u00f6rigen vielleicht auch ein wenig helfen k\u00f6nne. Vor allem aber soll es eine Kampfschrift f\u00fcrs Leben sein, f\u00fcr das Leben hier auf der Erde, f\u00fcr das Gl\u00fcck hier unten und die Liebe zu sich selbst.<\/p>\n<p>Das sind die sch\u00f6nsten und anr\u00fchrendsten Passagen in diesem Wahnsinnsbuch. Wenn er einfach schreibt: \u201eUnd ich lebe doch so gerne.\u201c Wenn er immer, immer wieder mit Gott rechtet, mit seinem Gott, ihn anklagt: \u201eUnd das, lieber Gott, ist die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung. Dass du ein Gl\u00fcckskind einfach so zertrittst.\u201c Alle Phasen einer solchen Krankheit muss er durchk\u00e4mpfen, den Unglauben, den unbedingten Willen zum Kampf, den Willen zum Optimismus, die dunklen Stunden, in denen all das Wollen gar nichts hilft, die Momente der totalen Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Selbst\u00fcberh\u00f6hung und die Tage in M\u00e4uschengr\u00f6\u00dfe. Und immer das Warten auf das Urteil, immer im Bann des n\u00e4chsten R\u00f6ntgenbildes, der n\u00e4chsten Einfahrt in \u201edie R\u00f6hre\u201c. Dazu immer, immer, immer die Frage: \u201eWarum?\u201c und \u201eWarum ich?\u201c und das Schweigen dazu. Es gibt keine Antwort. Der fr\u00fchere Messdiener Schlingensief n\u00e4hert sich Gott, entfernt sich von Gott, beschimpft Gott, will zu seinem Kinderglauben zur\u00fcck und findet ihn nicht mehr.<br \/>\nParsifal und Todesrausch<\/p>\n<p>Einen Moment gibt es, an dem der Sucher Schlingensief glaubt, den Augenblick gefunden zu haben, als das mit dem Krebs begann. Der Arzt nennt ihm den Zeitpunkt des Ausbruchs der Krankheit, Schlingensief rechnet zur\u00fcck und kommt zu: Bayreuth, 2004. Seine \u201eParsifal\u201c-Inszenierung. Damals hatte er gesagt, nach Bayreuth bekomme er Krebs. Sein behandelnder Arzt hat das nachgelesen und beschw\u00f6rt ihn jetzt: \u201eSagen Sie so etwas nie wieder!\u201c Und Schlingensief sinkt in den Wagner-Strudel. W\u00fctet gegen die \u201eTodesmusik\u201c, die \u201egef\u00e4hrliche Musik\u201c, die nicht das Leben, sondern den Tod feiere. Und f\u00fcrchtet das Hanno-Buddenbrook-Schicksal: Tod durch Wagner. Und \u201eden Fascholaden Bayreuth\u201c. Es musste wohl so kommen, dass Schlingensief, der sich in seiner Kunst wie kaum ein Zweiter von Bildern deutscher Geschichte infizieren lie\u00df, dass ausgerechnet er nun glaubt, an der deutschesten aller K\u00fcnste, an Richard-Wagner-Kunst, zu sterben.<\/p>\n<p>Doch auch dieses Motiv wird sich aufl\u00f6sen von Diktat zu Diktat. Irgendwann in der Mitte des Jahres brechen die Aufzeichnungen f\u00fcr eine Weile ab. Chemotherapie, Hoffnung auf neue Projekte, etwas Ruhe. Gegen Ende des Jahres setzt es mit dem gr\u00f6\u00dften Schrecken wieder ein: Auch der zweite Lungenfl\u00fcgel ist befallen. Die Hoffnung wird immer kleiner. Der Optimismus ist weg. Er beginnt Abschiedsbriefe in sein Handy zu tippen und diktiert: \u201eWenn ich in einem Buchladen in B\u00fcchern \u00fcber fremde L\u00e4nder bl\u00e4ttere, dann rollen schon die Tr\u00e4nen.\u201c<\/p>\n<p>Es ist der 24. M\u00e4rz 2009, an dem er das Vorwort zum Buch verfasst. Es liest sich, als habe Christoph Schlingensief auch endlich eines dieser Ich-Plakate seiner Chance-2000-Demonstranten \u00fcbernommen: \u201eDie Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der F\u00e4higkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu d\u00fcrfen und nicht nur in dem, was wir uns st\u00e4ndig an- und umh\u00e4ngen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, h\u00fcbsch, erfolgreich sind. Nein! Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren.\u201c<\/p>\n<p><em>FAZ, 21.04.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief, der Regisseur und Energiek\u00fcnstler, hat Krebs. Jetzt hat er sein Krankheitstagebuch ver\u00f6ffentlicht. 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