{"id":354,"date":"2009-04-21T16:03:32","date_gmt":"2009-04-21T14:03:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=354"},"modified":"2009-04-21T16:03:32","modified_gmt":"2009-04-21T14:03:32","slug":"ich-will-mein-sterben-aushalten-zdf-aspekte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=354","title":{"rendered":"&#8222;ICH WILL MEIN STERBEN AUSHALTEN!&#8220; (ZDF ASPEKTE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Tagebuch von Christoph Schlingensief. Aus: aspekte vom 17.04.2009<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nZeige Deine Wunde! Das war \u00fcber Jahrzehnte Christoph Schlingensiefs Appell. Und er hat auf der B\u00fchne oder vor der Kamera immer danach gehandelt. Sich nicht geschont. Christoph Schlingensief trug bei seinen Aktionen immer seine eigene Haut zu Markte. Fr\u00fcher konnte man das vielleicht manchmal f\u00fcr kokett halten, f\u00fcr blasphemisches Rollenspiel. Es war immer mehr. Das erweist sich jetzt.<\/p>\n<p>Im Januar 2008 wurde bei Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert. Als er sp\u00fcrt, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist und in die M\u00fchlen der Medizin ger\u00e4t, beginnt er, Tagebuch nicht zu schreiben, sondern zu sprechen. Jeden Abend spricht er in ein Diktaphon: Nicht nur die \u00e4rztlichen Bulletins, sondern alles, was ihm durch den Kopf geht, vor allem gesteht er seine \u00c4ngste ein, vor der Operation, dem Ergebnis der histologischen Untersuchung, der Chemotherapie.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Du l\u00f6st dich in Wurmschei\u00dfe auf!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Er hadert, mit Gott, vor allem mit der Kirche. &#8222;Lieber Gott, ich w\u00fcrde so gerne sagen, dass ich auf dich und deine Leute schei\u00dfe.&#8220; Er hadert mit seinen Eltern, am meisten mit sich selbst. &#8222;Ich bin schon lange tot. Und jetzt bin ich noch t\u00f6ter.&#8220; Er rettet sich in Lakonie, Galgenhumor &#8222;Ja, Christoph, das bist jetzt du, du l\u00f6st dich in Wurmschei\u00dfe auf!&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensiefs Bericht kann sich schon deswegen niemand entziehen, weil er jeden auf eine sehr drastische Weise an die eigene Sterblichkeit erinnert. Das Buch ist der Versuch, sich und die Krankheit von au\u00dfen zu betrachten, dadurch Autonomie zu bewahren. Das macht es lesenswert. Schlingensief hat ein Selbstermutigungstalent, sich immer wieder aus der Depression herauszuziehen &#8211; durch seine Art, mit sich und anderen im Gespr\u00e4ch zu bleiben, sich mitzuteilen. Sich trotz Rundum-Versorgung das eigene Denken nicht abnehmen zu lassen, ist ihm wichtig, und gleichzeitig, darin liegt eine Paradoxie, auch eine gewisse Gelassenheit zu lernen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Eine Hinterlassenschaft ist mir wichtig&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Immer wieder sucht er nach Gr\u00fcnden f\u00fcr die Krankheit: &#8222;Werde ich jetzt f\u00fcr irgendetwas bestraft?&#8220; Keine Bedeutung mehr f\u00fcr andere zu haben, kein Besonderer mehr zu sein, davor hat Schlingensief die gr\u00f6\u00dfte Angst. &#8222;F\u00fcr uns bist du nix. Das ist der wahre Alptraum.&#8220; Er macht sich Gedanken dar\u00fcber, welches Bild er am Ende seines Lebens abgeben wird: &#8222;Eine Hinterlassenschaft ist mir wichtig&#8220;. Aber er kennt auch seine Lust an der Selbstdarstellung, und f\u00e4hrt sich, wenn er zu verstiegen formuliert, selber in die Parade: &#8222;Mach mal halblang. Komm runter, komm mal wieder ins Bild.&#8220; Er \u00fcberlegt, wie man am besten Kontakt zu Leuten aufnimmt, die schon gestorben sind und wo er am liebsten wiedergeboren werden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Nach gl\u00fccklich \u00fcberstandener Chemotherapie schwadroniert er sich ins Leben zur\u00fcck: &#8222;Ich hab keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.&#8220; Manchmal gelingen dabei imponierend leichte und imponierend kluge Formulierungen: &#8222;Das ist eben das Paradox mit Gott. Da ist einer weg, ist nicht da, aber troztdem ganz nah bei uns. Wenn jemand nicht da ist, dann ist er vielleicht einfach das Ganze. Wenn jemand da ist, dann sieht man, dass sein Haaransatz zur\u00fcckgeht oder er beim Reden lispelt. Wenn jemand da ist, dann sieht man halt die Bescherung. Deshalb ist Gott lieber nicht da. Dann kann er alles sein und selbst in seiner Abwesenheit anwesend sein.&#8220; Wer so salopp 2000 Jahre Philosophiegeschichte auf den Punkt bringen kann, der ist hier unverzichtbar.<\/p>\n<p>Zum Buch:<\/p>\n<p><strong>Christoph Schlingensief: &#8222;So sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Tagebuch einer Krebserkrankung, Kiepenheuer&#038;Witsch, April 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tagebuch von Christoph Schlingensief. 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