{"id":347,"date":"2009-03-29T23:00:42","date_gmt":"2009-03-29T21:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=347"},"modified":"2009-03-29T23:00:42","modified_gmt":"2009-03-29T21:00:42","slug":"ein-bisschen-angst-bleibt-immer-kurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=347","title":{"rendered":"&#8222;EIN BISSCHEN ANGST BLEIBT IMMER&#8220; (KURIER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber das Heilig-Getue um Wagner, das Gl\u00fcck bei der Arbeit, seinen Umgang mit Krebs und Kritik. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie ersten Auff\u00fchrungen von &#8222;Mea Culpa&#8220; am Burgtheater sind vorbei, doch Christoph Schlingensief kommt mit seiner ReadyMadeOper wieder . Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Entwicklung seiner Arbeit und seiner Krebs-Erkrankung \u2013 was f\u00fcr den K\u00fcnstler untrennbar verbunden ist.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>KURIER: &#8222;Mea Culpa&#8220; wurde sehr bejubelt. Wie waren die Tage am Burgtheater f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich freue mich sehr \u00fcber diesen Erfolg. Nicht nur, weil er mir zeigt, dass dieser Abend die Gef\u00fchle des Publikums ber\u00fchrt, sondern vor allem auch, weil so viele Leuteso \u00fcberzeugend an dieser Arbeit beteiligt sind, die man nicht unbedingt auf der B\u00fchne des Burgtheaters erwartet.<\/p>\n<p><strong>Darunter ist die ehemalige Staatsopern-Chors\u00e4ngerin Elfriede Rezabek, die mit 82 Jahren den &#8222;Liebestod&#8220; singt . ..<\/strong><\/p>\n<p>Das ist so wahr, so rein, so wagnergenau, dass ich fast jedes Mal heulen musste. Und f\u00fcr Elfriede ist es der gr\u00f6\u00dfte Traum, der hier in Erf\u00fcllung gegangen ist. Jeden Abend kommt sie und bedankt sich. Sie trauert um ihren Mann, und wie ich es verstehe, singt sie jeden Abend f\u00fcr ihn. Das ist die Kraft, die der Wagnermusik im Musikgesch\u00e4ft so oft verloren geht.<\/p>\n<p><strong>Nach all ihren Arbeiten mit Richard Wagners Musik, wie stehen Sie heute zu ihm?<\/strong><\/p>\n<p>Richard Wagner war ganz sicher ein gro\u00dfer Chaot. Kein Heiliger. Er war Frauenheld, geldarmer Depp, in gewisser Weise drogenabh\u00e4ngig, unordentlich, fanatisch, revolution\u00e4r und beschissen antisemitisch. Was Bayreuth aus ihm gemacht hat, hat nichts mehr mit Wagner zu tun. Zum Gl\u00fcck haben nun Eva und Katharina \u00fcbernommen, damit dieses Heilig-Getue endlich beendet wird.<\/p>\n<p><strong>Werden Sie sich weiter mit Wagner besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/p>\n<p>(lacht) Ich werde Wagner allein in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren fast sieben Mal inszenieren. Und ich werde ihn so zeigen, dass sein wahrer Kern wieder zum Vorschein kommt. Dann ist Bayreuth ein Opernhaus wie jedes andere auch auf der Welt.<\/p>\n<p><strong>Ihr Ruhrtriennale-Projekt ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ist es m\u00f6glich, diese Arbeit, die &#8222;Mea Culpa&#8220; voranging, wieder so zu zeigen, wie sie war?<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde sie nur dem Raum im Haus der Berliner Festspiele anpassen. Die &#8222;Kirche der Angst&#8220; ist eine Arbeit aus dem September 2008. Da war ich noch sehr zerbrechlich, sehr unsicher, und gleichzeitig so \u00fcberrascht, wie viele wundersch\u00f6ne Geschenke zu mir gekommen sind: Endlich wieder mit meinen liebsten Freunden zu arbeiten, mit einem wunderbaren Team.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Mea Culpa&#8220; wirkt da schon hoffnungsfroher &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Es hat sich viel getan. Ich nehme zwar noch nicht richtig zu, aber ich habe mehr Kr\u00e4fte und Freude als je zuvor. Ich habe soviel gelacht, und man merkt diesem Abend auch an, dass es hier nicht nur um &#8222;meine Leidensgeschichte&#8220; geht, sondern dass diese Texte, Episoden f\u00fcr eine Gesellschaft stehen, die sich vor Kranken, Alten f\u00fcrchtet, oder wo Kranke Angst haben sich zu \u00e4u\u00dfern. Millionen von Menschen haben so einen Krebs und leiden still vor sich hin. Ich habe mich nach Texten von Kranken gesehnt, um mal zu h\u00f6ren, ob die sich auch gesch\u00e4mt haben, ob die auch Angst hatten, dass sie vielleicht verlassen werden oder dass sie sexuelle Probleme bekommen haben, usw &#8230; Ich versuche, das f\u00fchlbar zu machen.<\/p>\n<p><strong>Bei der Premiere waren Theater-, Musik- und Kunstkritiker im Publikum &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>In der sechsten Vorstellung sa\u00df Paulus Manker neben Michael Heltau, der Operndirektor aus Br\u00fcssel neben dem aus Helsinki, Kuratoren aus New York neben denen aus Tokio, usw &#8230; Die Leute interessiert nicht mehr, ob da eine Nike Wagner auf ihrem Wagner rumhockt und schlechte Luft verbreitet. Endlich geh\u00f6ren all diese Dinge ein bisschen so zusammen, wie es auch Wagner mal vorhatte, aber unter den \u00f6ffentlichen und privaten Bedingungen seiner Zeit nicht auf die Reihe brachte. Die Geschichten, die er auf die B\u00fchne bringt, sind ja im Kern sehr kindlich. Auch mir gefallen ehrliche S\u00e4tze von Kindern. Aber: Was die Opernkunst seit Jahrhunderten den Leuten als geistiges Spitzenniveau verkauft, ist meist nicht mehr als aufgeblasene Dummheit.<\/p>\n<p><strong>In &#8222;Mea Culpa&#8220; ist zu erfahren, dass Sie sich exzessiv mit Verrissen besch\u00e4ftigen, positives Medienecho aber ignorieren \u2013 ein R\u00fcckblick, oder ist das immer noch so?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat sich durch die Krankheit sehr gebessert. Ich bin gelassener geworden. Aber ich empfinde es als Gl\u00fcck, dass sowohl die &#8222;Kirche der Angst&#8220; als auch &#8222;Mea Culpa&#8220; sehr gelobt wurden, auch wenn sich das jederzeit wieder \u00e4ndern kann. Ich lese auch Kritiken \u00fcber die Arbeit von Kollegen gerne. Egal ob gut oder schlecht. Der Beruf des Kritikers hat absolut seine Berechtigung. Bei den lebendigen Kritikern kann man sogar manchmal etwas lernen, aus ihren Bemerkungen zu neuen Gedanken finden.<\/p>\n<p><strong>Spricht man \u00fcber ihre Auff\u00fchrungen, beginnen die meisten bald, zu analysieren, zu zerlegen, beweisen zu wollen. Ist nicht genau das die Falle, in die viele tappen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn sie interpretieren und analysieren, dann ist das nichts Schlimmes. Wenn sie es krampfhaft tun, weil es ihnen die Schule so beigebracht hat, dann werden sie merken, mit wie wenig Intuition sie dem Kunstwerk begegnen. Ich mag Menschen, die klug sind und trotzdem schrankenlos intuitiv geblieben sind.<\/p>\n<p><strong>In &#8222;Mea Culpa&#8220; hei\u00dft es, das von Ihnen geplante Festspielhaus in Afrika w\u00fcrde das Ende des Gastspiels bedeuten. Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Dass wir aufh\u00f6ren sollten, im Ausland unsere Gedichte vor \u00d6sterreichern oder Deutschen vorzulesen, um uns dann ganz international zu f\u00fchlen. Wir m\u00fcssen wie Humboldt einfach mal wieder raus, fremde Kulturen kennenlernen, damit wir unsere Heimat mit Sauerstoff versorgen. Vor drei Jahren hat man chinesisches Porzellan an der Grenze S\u00fcdafrika\/Botswana gefunden, aus der Zeit von 2500 Jahren v. Chr. \u2013 da muss man bei uns lange graben.Wir haben sehr viel in Afrika geklaut und unser unversch\u00e4mter Kolonialwahn hat alles niedergewalzt. Wir m\u00fcssen erstmal zur eigenen Ausbildung nach Afrika fahren.<\/p>\n<p><strong>Sie haben das ja auch schon drei Mal gemacht &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Ja, mir hat das extrem geholfen. Raus aus dem eigenen Schlamm, rein in etwas wirklich Neues, Fremdes, Faszinierendes &#8230; Alles was ich in Brasilien, am Amazonas, oder in Afrika gelernt habe, m\u00f6chte ich nie mehr missen! Und dann komme ich zur\u00fcck und zeige was ich gesammelt habe. Dinge aus Afrika nach Bayreuth zu bringen, das war das reinste Gl\u00fcck. Nix wie los! Schickt die jungen Leute raus in die Welt. Wir brauchen demn\u00e4chst Menschen, die uns helfen, hier zu \u00fcberleben. Die in Afrika kommen ohne uns ganz gut zurecht. Nicht jeder Internetanschluss f\u00fchrt zur Befriedigung.<\/p>\n<p><strong>Strengt ihre k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit Sie an, oder beziehen Sie daraus Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>Ich beziehe daraus sehr viel Kraft. Nur, wenn es zu Ende geht, &#8230; dann werde ich meist \u00e4ngstlich und traurig. Zum Gl\u00fcck l\u00e4uft &#8222;Mea Culpa&#8220; demn\u00e4chst wieder, und auch in der neuen Spielzeit von Matthias Hartmann, der das \u00fcbernimmt. Super !<\/p>\n<p><strong>Wie geht es Ihnen?<\/strong><\/p>\n<p>Danke gut! Ein bisschen Angst l\u00e4uft immer mit, aber wer hat das nicht. Ich habe es nur ein bisschen mehr. Ich liebe das Leben und das Arbeiten! Und ich liebe die Liebe meiner Freunde!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDiesen Artikel als PDF downloaden: <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/kurier_20090329.pdf\" target=\"_blank\">PDF<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Artikel vom 28.03.2009, Kurier.at, Caro Wiesauer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber das Heilig-Getue um Wagner, das Gl\u00fcck bei der Arbeit, seinen Umgang mit Krebs und Kritik. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/347"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=347"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/347\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=347"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=347"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=347"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}