{"id":346,"date":"2009-03-28T00:39:26","date_gmt":"2009-03-27T22:39:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=346"},"modified":"2009-03-28T00:39:26","modified_gmt":"2009-03-27T22:39:26","slug":"mit-dem-sterben-hat-es-noch-zeit-nachtkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=346","title":{"rendered":"MIT DEM STERBEN HAT ES NOCH ZEIT (NACHTKRITIK)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mea Culpa. Eine ReadyMadeOper \u2013 Christoph Schlingensiefs Schmerzenswerk<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>von Michael Laages<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nWien, 20. M\u00e4rz 2009. Der &#8222;Faust&#8220;-Traum soll sich in Afrika erf\u00fcllen, jener Moment des letzten Gl\u00fccks, in dem sich mit Goethe sagen lie\u00dfe: &#8222;Du bist so sch\u00f6n!&#8220;, soll die Er\u00f6ffnung eines Festspielhauses sein. Im Modell, das Christoph Schlingensief gegen Ende von &#8222;Mea Culpa&#8220; auf die B\u00fchne des Wiener Burgtheaters wuchtet, \u00e4hnelt das &#8222;Heart of Africa&#8220;-B\u00fchnenhaus zwar noch dem auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel von Bayreuth \u2013 doch mit der Zeit soll es selber Ma\u00dfstab werden f\u00fcr den Austausch zwischen den Kulturen. Und eines Tages w\u00fcrden die Festspielbesucher in Bayreuth sagen: &#8222;Kuck mal, das sieht ja aus wie das in Afrika!&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wider den Jammer-Kitsch<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Mea Culpa&#8220; ist \u2013 das sei vorweg mit allem verf\u00fcgbaren Ernst gesagt \u2013 ein ebenso erstaunlicher wie ber\u00fchrender Theaterabend. Erstaunlich, weil er zwar abendf\u00fcllend mit dem Wissen um Schlingensiefs lebensbedrohliche Krebserkrankung umgeht, zugleich aber in Jammer-Kitsch nur dann verf\u00e4llt, wenn der Regisseur genau diesen zeigen und sich vehement gegen ihn zur Wehr setzen will; ber\u00fchrend ist &#8222;Mea Culpa&#8220; vor allem durch das Ma\u00df an Ehrlichkeit, das den Abend durchzieht \u2013 nicht nur dann, wenn Schlingensief selbst im zweiten Teil auf die B\u00fchne tritt, Filme von seinem Ausflug ans Opernhaus im brasilianisch-amazonischen Manaus zeigt, um danach unter der Leselampe gemeinsam mit den Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen Briefe von Menschen vorzulesen, die sich vorbereiten auf das Sterben.<\/p>\n<p>Und dabei eben nicht verstummen \u2013 weshalb auch Joachim Meyerhoff, Schlingensiefs &#8222;alter ego&#8220; auf der B\u00fchne, als er von einer alten S\u00e4ngerin unendlich anr\u00fchrend eine Wagner-Arie vorgesungen bekommt, abwiegelt: Noch nicht, bitte noch nicht \u2013 es sei ja wundersch\u00f6n gewesen, aber er habe doch noch so viel zu tun hier unten.<\/p>\n<p><strong>Welt-Wunde Wagner im Wellness-Hotel<\/strong><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht eben leicht, bei der immensen Bewegung und Ber\u00fchrung dieser zweieinhalb Stunden bei den schlichteren Fakten zu bleiben \u2013 also: &#8222;Mea Culpa&#8220; ist (die Genrebezeichnung &#8222;ReadyMadeOper&#8220; sagt es) ein Spiel mit fertigen Versatzst\u00fccken, mit sehr viel Wagner, weshalb auch das Viva Musica Festival Orchester aus Bratislava, der Chor der Universit\u00e4t Wien und der mit Wagner-Arien und anderen vorgegeben Partikeln weiter komponierende Arno Waschk einen gro\u00dfen Teil der Wirkung dieses Puzzles erzielen. Ausgehend von der Welt-Wunde, die im &#8222;Parsifal&#8220; geheilt werden soll, f\u00fchrt uns Schlingensief im ersten Teil in ein einigerma\u00dfen albernes Wellness-Kurhotel, wo Margit Carstensen die Chefin und Irm Hermann die Haus-Duse gibt, Joachim Meyerhoff einen potenziellen Patienten und Fritzi Haberlandt seine Lebensgef\u00e4hrtin, die wir uns durchaus auch als junge Freundin (und mittlerweile Nachlassverwalterin) des verstorbenen Malers J\u00f6rg Immendorff vorstellen d\u00fcrfen, dessen t\u00f6dliche ALS-Krankheit ein wesentliches Motiv in Schlingensiefs &#8222;Kunst und Gem\u00fcse&#8220; 2004 an der Volksb\u00fchne gewesen war. <\/p>\n<p>Wie oft hat Christoph Schlingensief die Krankheit beschworen! &#8222;Mea Culpa&#8220; \u2013 stimmt das vielleicht wirklich? Wird krank, wer zu viel von Krankheiten redet? Schlingensief spricht nat\u00fcrlich auch an diesem Abend von der Notwendigkeit, sich offensiv hinein zu begeben in den Krebs, ihn sozusagen von innen her aufzufressen. &#8222;So ein Bl\u00f6dsinn!&#8220; sagt Meyerhoff dazu, Schlingensiefs B\u00fchnen-Ich, und klettert wieder aus der Krebszelle aus Pappmach\u00e9 heraus.<\/p>\n<p><strong>Diesseits und jenseits der Grenze<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ein Blick aus dem Jenseits ins Hier&#8220; ist der erste Teil \u00fcberschrieben; er endet damit, dass Meyerhoff als Schlingensief Wagner inszeniert. &#8222;Jenseits der Grenze&#8220; spielt der zweite, der un\u00fcbersichtlichere Teil \u2013 Wagners Kundry tritt auf, hat aber prompt alles verpatzt: falsche Zeit, falscher Ton. Und Mira Partecke st\u00fcrzt sich aus der Rolle in eine schreiende Selbstbezichtigung \u2013 sie (das heisst: der Autor) habe schon immer alles falsch gemacht, vor allem als K\u00fcnstler niemals das wirklich Richtige und Wichtige getan, niemals auch vermitteln k\u00f6nnen, dass doch alles immer ganz ernst gemeint gewesen sei \u2013 nun aber sei es fast zu sp\u00e4t: sagt die Schauspielerin und simuliert einen Selbstmord.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt sind es die Frauen, denen Schlingensief immer wieder die verzweifelteren Passagen \u00fcber das eigene Scheitern (und generell wohl das Scheitern der M\u00e4nner) in den Mund legt. &#8222;Exzess&#8220; verspricht der zweite Teil, alles, was &#8222;Jenseits der Grenze&#8220; denkbar sei, aber die &#8222;Dionysische Barbarei&#8220;, mit Nietzsche beschworen, h\u00e4lt sich in Grenzen \u2013 um sich dann allerdings umso sch\u00f6ner im Traum vom Festspielhaus zu realisieren. Von da aus wirft Schlingensief noch einen &#8222;Blick ins Jenseits&#8220;, wo der B\u00fchnen-Schlingensief dem toten Vater begegnet, der sich schon so freut darauf, bald wieder mit ihm zusammen zu sein. Aber wie gesagt: So weit ist es noch nicht. Und Sohnemann setzt Papa vor die Jenseits-T\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Zum Heulen sch\u00f6n<\/strong><\/p>\n<p>Vieles an diesem Abend ist so liebenswert uneitel, dass der W\u00fcterich, der Rabauke, der Kaputtmacher Schlingensief fast in Vergessenheit ger\u00e4t. Schmerzenswerk sieht beinahe aus wie Alterswerk: milde, mit &#8222;Ave Maria&#8220; garniert. Aber auch das wird ihm niemand ernstlich vorwerfen m\u00f6gen. &#8222;Mea Culpa&#8220; ist ein Abend der Innenansichten, ein Panoptikum der Reflexion \u00fcber einen unaufl\u00f6sbar schrecklichen Prozess: das Leben eben.<br \/>\nEs gibt alles, was es immer gab bei diesem Unikat des Theaters, viel naives Laienspiel und liebenswerte Unbeholfenheiten ereignen sich neben aller aufgeplusterten Ambition. Die Mischung ist einzigartig, das Personal begl\u00fcckend. Janina Audick hat in die &#8222;Burg&#8220; eine Burg gebaut, mit vielen Spiel-Nischen und Raum f\u00fcr Film-Projektion; Aino Laberenz hat herrlich tief in die Kisten mit den bunten Fummeln drin gegriffen. Und wie f\u00fcr den Film-Titan Robert Altman treten einige der bedeutenderen Burg-Mimen Schlingensief zur Seite, auch wenn nur ein R\u00f6llchen dabei heraus springt. Sie wissen ja, f\u00fcr wen sie es tun.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Mea Culpa<br \/>\nReadyMadeOper von Christoph Schlingensief<br \/>\n<\/strong>Regie und musikalische Leitung: Christoph Schlingensief, Komposition: Arno Waschk, B\u00fchne: Janina Audick, Kost\u00fcme: Aino Laberenz.<br \/>\nMit: Viva Musica Festival Orchester Bratislava, Chor der Universit\u00e4t Wien, Margit Carstensen, Fritzi Haberlandt, Irm Hermann, Joachim Meyerfeldt, Mira Partecke, Hermann Scheidleder, Christoph Schlingensief, Arno Waschk und sehr viele andere.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mea-culpa.at\" target=\"_blank\">www.mea-culpa.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.burgtheater.at\" target=\"_blank\">www.burgtheater.at<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Erschienen auf Nachtkritik.de am 20.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mea Culpa. Eine ReadyMadeOper \u2013 Christoph Schlingensiefs Schmerzenswerk<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/346"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=346"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}