{"id":344,"date":"2009-03-27T22:36:58","date_gmt":"2009-03-27T20:36:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=344"},"modified":"2009-03-27T22:36:58","modified_gmt":"2009-03-27T20:36:58","slug":"schmerzenswerk-wie-alterswerk-deutschlandradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=344","title":{"rendered":"SCHMERZENSWERK WIE ALTERSWERK (DEUTSCHLANDRADIO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief inszeniert sein St\u00fcck &#8222;Mea Culpa&#8220; am Burgtheater Wien<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Michael Laages<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Wer wei\u00df schon, wie lange das noch gut geht: Christoph Schlingensief ist todkrank, er lebt mit einer halben Lunge, ist gezeichnet von seiner Krebserkrankung. Und doch setzt er ganz und gar auf Arbeit &#8211; als einziges Mittel gegen das Sterben. In seinem St\u00fcck &#8222;Mea Culpa&#8220; am Wiener Burgtheater spricht Schlingensief von den vorletzten Dingen.<\/strong><\/p>\n<p>Der Fausttraum also soll sich nun in Afrika erf\u00fcllen, jener Moment des letzten Gl\u00fccks, in dem sich mit Goethe &#8222;zum Augenblicke&#8220; sagen lie\u00dfe &#8222;Du bist so sch\u00f6n!&#8220; soll die Er\u00f6ffnung eines Festspielhauses sein.<\/p>\n<p>Im Modell, das Christoph Schlingensief gegen Ende der Ready Made Oper mit dem selbstankl\u00e4gerischen Titel Mea Culpa gleich mehrfach auf die B\u00fchne des Wiener Burgtheaters wuchtet, \u00e4hnelt das Heart of Africa-B\u00fchnenhaus zwar durchaus noch ein bisschen dem auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel von Bayreuth &#8211; doch mit der Zeit soll es selber Ma\u00dfstab werden f\u00fcr den Austausch zwischen den Kulturen. Und eines Tages &#8211; auch das Teil vom Traum &#8211; werden die Festspielbesucher aus aller Welt in Bayreuth sagen: &#8222;Guck mal, das sieht ja aus wie das in Afrika!&#8220;<\/p>\n<p>Mea Culpa ist &#8211; das sei vorweg mit allem Ernst gesagt -ein ebenso erstaunlicher wie ber\u00fchrender Theaterabend. Erstaunlich, weil er zwar abendf\u00fcllend mit dem Wissen um Schlingensiefs lebensbedrohliche Krebserkrankung umgeht, die nach dem Ausflug ans Opernhaus von Manaus schnell und \u00fcber die Ma\u00dfen heftig ausbrach, zugleich aber in Jammerkitsch nur dann verf\u00e4llt, wenn der Regisseur genau den zeigen und sich vehement gegen ihn zur Wehr setzen will.<\/p>\n<p>Ber\u00fchrend ist Mea Culpa vor allem durch das Ma\u00df an Ehrlichkeit, das den Abend durchzieht &#8211; und zwar nicht nur dann, wenn Schlingensief selbst im zweiten Teil auf die B\u00fchne tritt, Filme aus und \u00fcber Manaus zeigt, um danach unter der Leselampe gemeinsam mit den Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen Briefe von Menschen vorzulesen, die sich vorbereiten aufs Sterben. Und dabei eben nicht verstummen.<\/p>\n<p>Darum wiegelt auch Schlingensiefs Alter Ego auf der B\u00fchne, der Schauspieler Joachim Meyerhoff, kurz vor Schluss ab, wenn er als Lieblingslied von einer alten S\u00e4ngerin unendlich anr\u00fchrend eine Wagner-Arie vorgesungen bekommt, wie zum Abschied: Nichts da, bitte noch nicht &#8211; es sei ja wundersch\u00f6n gewesen, aber er habe doch noch so viel zu tun hier unten.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist ja so: wenn man krank wird, richtig schwer krank, dann sieht man die kleinen Dinge, die man fr\u00fcher immer \u00fcbersehen hat, in ganz anderem Licht &#8211; und mir geht das jetzt so mit diesem Lied. Jaja, das kann heilen!&#8220;<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht eben leicht, bei der immensen Bewegung und Ber\u00fchrung dieser zweieinhalb Stunden f\u00fcr eine Weile bei den schlichteren Fakten zu bleiben. Also: Mea Culpa ist, der Untertitel der Ready Made Oper sagt es, ein Spiel mit fertigen Versatzst\u00fccken, mit sehr viel Wagner, inklusive S\u00e4ngern, Orchester, Chor und Kompositionen von Arno Waschk, die ihrerseits mit Wagner anderen Partikeln spielen.<\/p>\n<p>Ausgehend von der Welt-Wunde, die im Parsifal geheilt werden soll, f\u00fchrt uns Schlingensief im ersten Teil in ein dann ja doch einigerma\u00dfen albernes Wellness- und Ayurveda-Kurhotel, wo Margit Carstensen die Chefin und Irm Hermann die Haus-Duse gibt, Joachim Meyerhoff einen Patienten und Fritz Haberlandt seine Lebensgef\u00e4hrtin, die wir uns auch als junge Freundin des verstorbenen Malers J\u00f6rg Immendorff vorstellen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Immendorff und die ALS-Krankheit, an der er so gr\u00e4sslich zu Grunde ging, waren ja auch das zentrale Motiv einer fr\u00fcheren Schlingensief-Arbeit. Wie oft hat gerade er generell die Krankheit beschworen! Herbei beschworen? Wird krank, wer zu viel von Krankheiten redet? Ist er selber schuld? Mea Culpa &#8211; stimmt das vielleicht wirklich?<\/p>\n<p>Schlingensief spricht nat\u00fcrlich auch an diesem Abend von der Notwendigkeit, sich offensiv hinein zu begeben in die Krankheit, sich in den Krebs hinein, und ihn also sozusagen von innen her aufzufressen. &#8222;So ein Bl\u00f6dsinn!&#8220; sagt Meyerhoff dazu, Schlingensiefs B\u00fchnen-Ich, und klettert aus einer Krebszelle aus Pappmaschee, in die er testweise schon mal hinein gekrabbelt war. Wer wei\u00df schon, welches Ich da Recht bekommen wird.<\/p>\n<p>&#8222;Ein Blick aus dem Jenseits ins Hier&#8220; ist der erste Teil \u00fcberschrieben; er endet damit, dass Meyerhoff als Schlingensief Wagner inszeniert. &#8222;Jenseits der Grenze&#8220; spielt der zweite, der un\u00fcbersichtlichste Teil &#8211; Wagners Kundry tritt auf, verpatzt aber alles: falsche Zeit, falscher Ton.<\/p>\n<p>Und Mira Partecke st\u00fcrzt sich aus der Rolle in eine schreiende Selbstbezichtigung &#8211; sie, das heisst: der Autor, habe ja immer alles falsch gemacht, als K\u00fcnstler nie das getan, was eigentlich n\u00f6tig war, nie auch vermitteln k\u00f6nnen, wie ernst alles gemeint war. Darum hat niemals jemand richtig verstanden &#8211; nun aber sei es fast zu sp\u00e4t, sagt die Schauspielerin und simuliert einen Selbstmord.<\/p>\n<p>&#8222;Exzess&#8220; verspricht der zweite Teil, alles, was &#8222;Jenseits der Grenze&#8220; denkbar sei &#8211; doch es bleibt bei Worten, nichts als Worten. Die &#8222;Dionysische Barbarei&#8220;, mit Nietzsche beschworen, h\u00e4lt sich in Grenzen, spirituelle Entgrenzung, wie Schlingensief sie in Brasilien sah, fehlt.<\/p>\n<p>Dann aber folgt der herrliche Traum vom Festspielhaus in Afrika; und schlie\u00dflich wirft Schlingensief einen &#8222;Blick ins Jenseits&#8220;, wo der B\u00fchnen-Schlingensief dem toten Vater begegnet, der sich schon so freut darauf, bald wieder mit ihm zusammen zu sein. Aber wie gesagt: So weit ist es noch nicht. Und Sohnemann setzt Papa vor die Jenseits-T\u00fcr.<\/p>\n<p>Szenen wie diese sind zum Heulen sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Vieles an diesem Abend ist so liebenswert uneitel, dass der W\u00fcterich, der Rabauke, der Kaputtmacher Schlingensief fast in Vergessenheit ger\u00e4t. Schmerzenswerk sieht aus wie Alterswerk: milde, mit Ave Maria garniert.<\/p>\n<p>&#8222;Denk an Deinen Sch\u00f6pfer in den Tagen Deiner Jugend &#8211; eh die b\u00f6sen Tage kommen und die Jahre sich nahen, in denen Du sagen wirdt: Sie gefallen mir nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mea Culpa&#8220; ist ein Abend der Innenansichten, ein Panoptikum der Reflexion \u00fcber einen unaufl\u00f6sbar schrecklichen Prozess: das Leben eben. Darin gibt es viel naives Laienspiel und liebenswerte Unbeholfenheiten neben aller Ambition.<\/p>\n<p>Die Mischung ist einzigartig, das Personal begl\u00fcckend. Janina Audick hat in die Burg eine Burg gebaut, mit vielen Spielnischen und Raum f\u00fcr Filmprojektion. Aino Laberenz hat tief in die Kisten mit den bunten Fummeln drin gegriffen. Und wie ehedem halb Hollywood beim Filmtitanen Robert Altman, so treten hier einige der bedeutenderen Burgmimen Schlingensief zur Seite, auch wenn nur ein R\u00f6llchen dabei raus springt.<\/p>\n<p>Sie wissen ja, f\u00fcr wen sie es tun. Sie wissen nicht, wie lange noch.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Diesen Beitrag als MP3-Datei h\u00f6ren: <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/drk_20090321_2317_6a5891a1.mp3\" target=\"_blank\">MP3-Datei<\/a> (2 MB)<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>DeutschlandRadio Kultur vom 21.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief inszeniert sein St\u00fcck &#8222;Mea Culpa&#8220; am Burgtheater Wien<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/344"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=344"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/344\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}