{"id":343,"date":"2009-03-27T12:42:26","date_gmt":"2009-03-27T10:42:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=343"},"modified":"2009-03-27T12:42:26","modified_gmt":"2009-03-27T10:42:26","slug":"die-grunen-hugel-afrikas-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=343","title":{"rendered":"DIE GR\u00dcNEN H\u00dcGEL AFRIKAS (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schwarze Oper: Christoph Schlingensief inszeniert \u201eMea Culpa\u201c an der Wiener Burg &#8211; eine Farce, eine Grenzerfahrung, eine Schlacht. Der Schamane beherrscht das Chaos und tr\u00e4umt &#8211; von seinem Festspielhaus in Afrika.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von R\u00fcdiger Schaper<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nLange Schatten wirft das 19. Jahrhundert, zumal in Wien. Eine sch\u00f6ne, unheimlich sch\u00f6ne Ausstellung ist dort in der Albertina zu sehen. Sie zeigt die \u201eFotografie und das Unsichtbare\u201c, und dieses technisch-k\u00fcnstlerische Kuriosit\u00e4tenkabinett korrespondiert auf ebenso sch\u00f6ne und unheimliche Weise mit Christoph Schlingensiefs neuer theatralischer Expedition \u201eMea Culpa\u201c am Burgtheater. Spirituelle Kr\u00e4fte sind am Werk.<\/p>\n<p>Was haben diese Wissenschaftler und fotografischen Pioniere zwischen 1840 und 1900 nicht alles auf hochempfindliche Platten gebannt! R\u00f6ntgen- und Mikroskopaufnahmen von Fischen und Pflanzen, Bilder von Blitzen am Himmel und elektrischen Entladungen auf der Haut, die auratischen Strahlungen menschlicher Medien, die Oberfl\u00e4che des Mondes und die Flugbewegung der V\u00f6gel, eine Sonnenfinsternis und die Geburt einer Laus. Wie fantastisch kommt die Welt hier durcheinander \u2013 und ins Lot. William Henry Fox Talbots \u201e Mikrofotografie von Mottenfl\u00fcgeln\u201c springt ins Auge, als habe die entschl\u00fcsselte Natur einem Gustav Klimt und seiner dekorativen \u201eAdele\u201c (heute eines der teuersten Gem\u00e4lde der Welt) den Weg vorgezeichnet.<\/p>\n<p>Zum Geheimnis will auch der Schamane Christoph Schlingensief zur\u00fcck. Zum Ursprung des Gesamtkunstwerks. Tief hinein in den Stollen unter dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel, wo die Mythen der Moderne schlummern, zur\u00fcck in die Zeit vor Freud, als Hysterie Kunst war und noch kein klinisches Ph\u00e4nomen. Zur\u00fcck zum Menschlich-Animalischen. Ein weiteres Mal beschw\u00f6rt er Richard Wagner, Joseph Beuys und seinen Lungenkrebs (\u201eIch gie\u00dfe eine soziale Plastik aus meiner Krankheit. Die Krankheit ist die ultimative perverse Kunstform.\u201c). Wirft Heerscharen von Musikern, Choristen, Gesangssolisten und Schauspielern in die innere Schlacht um sein Leben, seine Kunst. Stopft eine wabernde, wogende \u201eReady- Made-Oper\u201c in die Burg, die in der Vision eines Festspielhauses in Afrika gipfelt.<\/p>\n<p>Diesmal aber ist es eine Morgend\u00e4mmerung der Schlingensief\u2019schen Hausg\u00f6tter. Eine Opern-Farce. Mit Musicaleinschl\u00e4gen: Es l\u00e4sst sich gar nicht sagen, was der Komponist Arno Waschk alles zusammenr\u00fchrt und sampelt, von \u201eParsifal\u201c bis Roy Orbison und wummernden Horrorfilmkl\u00e4ngen. Darsteller wuseln \u00fcber die Drehb\u00fchne, Filmprojektionen flimmern wie Trockengewitter \u00fcber Mensch und Material. Schlingensiefs \u00dcberblendungstechnik hat sich perfektioniert, das Chaos wirkt beherrscht. Es ist der dunkle Untergrund der komischen Attacken, mit denen er aus der Hermetik der Todesvisionen ausbricht \u2013 keine Himmelfahrtsmesse wie vor einem halben Jahr bei der Ruhr-Triennale, als Schlingensief seine \u201eKirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c zelebrierte, mit Krankenbettszenen und letzten szenischen \u00d6lungen und Wirren.<\/p>\n<p>Die Duisburger Grenzerfahrung kann man nicht wiederholen. Es war eine einmalige, ersch\u00fctternde, erhebende k\u00fcnstlerische Heldentat, und es gab damals Kritiker, die sich weigerten, dar\u00fcber zu schreiben, weil es zu intim gewesen sei. Das war es in der Tat. Entbl\u00f6\u00dfung. Selbstbeschw\u00f6rung. Und doch soll Schlingensiefs Krebs-Requiem am 1. Mai das Berliner Theatertreffen er\u00f6ffnen \u2013 kaum vorstellbar. Denn die Zeit ist, gottlob, dar\u00fcber hinweggegangen.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief geht es besser. Er reflektiert die zur\u00fcckliegenden anderthalb Jahre im Zeichen der Krebserkrankung, der Operation, der Erholungsphasen. \u201eMea Culpa\u201c ist darum aber nicht weniger pers\u00f6nlich. Nur leichter zu ertragen. Pl\u00f6tzlich tut sich ein wei\u00dfer Speisesaal auf, gepflegtes Interieur, bev\u00f6lkert von Lemuren. Wir sind G\u00e4ste einer Ayurveda-Klinik, mit Margit Carstensen und Irm Hermann als schwarze Wellness-Engel. Eine \u00e4tzende Satire, wenn auch etwas gezwungen. Aber es muss heraus, es muss bew\u00e4ltigt sein, dieses Leise- und Langsamtreten der entm\u00fcndigenden Kuren.<\/p>\n<p>\u201eMea Culpa\u201c, sagt Dramaturg Carl Hegemann, \u201eist die Antwort auf die zentrale Frage Schlingensiefs und vieler kranker Menschen: Wer ist schuld? Die Antwort lautet: Der Fragende selbst! Dem souver\u00e4nen Kranken ist es lieber, die Schuld an seinem Elend auf sich zu nehmen, als seine Souver\u00e4nit\u00e4t preiszugeben.\u201c Joachim Meyerhoff, sonst ein Schauspieler-Berserker, spielt hier eine auff\u00e4llig ruhige, beobachtende Rolle, den reinen Toren Parsifal. Ein sediertes Schlingensief\u2019sches Alter Ego. Eine Travestie des fragilen Multimedia-Titanen, dem es an Selbstironie nicht mangelt. Meyerhoff steht in seinem gr\u00fcnen Cordanzug und staunt. Fritzi Haberlandt, trotzig-adrett, verk\u00f6rpert seine treue Gef\u00e4hrtin; im wahren Leben ist es Aino Laberenz, die Kost\u00fcmbildnerin. Sie hat die \u201eMea Culpa\u201c-Massen bunt gekleidet, wie f\u00fcr eine Revue.<\/p>\n<p>Ein umjubelter Abend in der Burg. Gro\u00dfe Energieleistung, gewaltige Erleichterung. Aber man sp\u00fcrt auch das Dilemma. Wann hat sich ein K\u00fcnstler derart nackt und angreifbar gemacht wie Schlingensief? Sein Werk, sein Leben, seine Krankheit zu einem unerh\u00f6rten Ganzen so verschmolzen? Die Logik ist f\u00fcrchterlich, ein voyeuristischer Abgrund: Es f\u00e4llt schwer zuzugeben, dass die befreiende Farce weniger ber\u00fchrt als die drohende Trag\u00f6die. Wie kann sich ein K\u00fcnstler von dem einmal so nahen finalen Punkt zur\u00fcck- und weiterentwickeln, was kommt nach der alles verschlingenden Messe?<\/p>\n<p>Schlingensief hat es in Duisburg schon angedeutet. Da lief das letzte Geleit, die pomp\u00f6s-funebre Prozession r\u00fcckw\u00e4rts aus der Kirche wieder heraus. In Wien stellt der dritte Akt (\u201eEin Blick ins Jenseits\u201c) die Tr\u00e4ume und Albtr\u00e4ume auf die F\u00fc\u00dfe. Schlingensief mag ein irrer Vision\u00e4r sein, aber mit dem afrikanischen Opernhaus ist es ihm wohl ernst. Mit dem Festspielort auf den \u201egr\u00fcnen H\u00fcgeln Afrikas\u201c; in Bayreuth, auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel, werde man noch vor Neid erblassen. In diesem letzten Akt begreift man auch, worum es sich hier handelt: Nach Wagner mag es klingen, aber gespielt wird das gro\u00dfe barocke Welttheater.<\/p>\n<p>Da kommt er, Schlingensief selbst, leise und weise. Steht auf der Br\u00fccke und kommentiert Filmaufnahmen aus dem brasilianischen Manaus, wo er den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c inszeniert hat, am Amazonas. Christoph Fitzcarraldo Wagner. \u201eDas war wichtig\u201c, sagt er und ist gleich wieder verschwunden. Das war wichtig, aber es war doch noch nicht alles. Stofftiere, ein Hase, ein Lamm, werden in einer Voodoo-Massenszene traktiert, es ist die symbolische Er\u00f6ffnung des afrikanischen Festspielhauses, das nun erst mal in Wien steht (B\u00fchne von Janina Audick) und sich dreht und dreht. In der Schlusssequenz verdichtet sich das Chaos, Funken spr\u00fchen.<\/p>\n<p>Lange hat sich das aufgebaut \u2013 diese Magie, dieser wirre Kosmos, der endlich schwingt. Es ist die Magie des Totenreichs, was da unwiderstehlich lockt und kreiselt. Afrika, das k\u00f6nnte die Erl\u00f6sung sein, aber auch das Ende der Reise in das Herz der Finsternis. Fausts letzte Worte sind zu h\u00f6ren, verweile doch &#8230; Gibt er jetzt auf, bezahlt er seine Schuld mit seiner Seele, holt Schlingensief der Teufel?<\/p>\n<p>Vom B\u00fchnenhimmel schwebt die gro\u00dfe Lunge aus der Berliner \u201eJohanna\u201c-Oper herab, der kranke Lebensbaum. Doch Meyerhoff alias Schlingensief (er hat ja Erfahrung als Mephisto) springt auf und zieht den Vorhang zu. Ruhe im Orkus! \u201eIch mag noch nicht\u201c, f\u00e4hrt es aus ihm heraus, als er aus seiner Lethargie erwacht. \u201eIch mag noch nicht.\u201c<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.03.2009)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwarze Oper: Christoph Schlingensief inszeniert \u201eMea Culpa\u201c an der Wiener Burg &#8211; eine Farce, eine Grenzerfahrung, eine Schlacht. 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