{"id":342,"date":"2009-03-27T12:39:56","date_gmt":"2009-03-27T10:39:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=342"},"modified":"2009-03-27T12:39:56","modified_gmt":"2009-03-27T10:39:56","slug":"der-tod-muss-warten-basler-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=342","title":{"rendered":"DER TOD MUSS WARTEN (BASLER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief ringt mit seinem Krebs in seinem St\u00fcck \u00abMea Culpa\u00bb. Wien war ber\u00fchrt und applaudierte.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Stephan Hilpold, Wien<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEr wolle noch nicht, sagt am Ende der Schauspieler Joachim Meyerhoff, der an diesem Abend das Alter Ego von Christoph Schlingensief gibt: Er bleibe noch ein wenig hier. Der Tod muss warten. Zumindest eine Weile noch.<\/p>\n<p>\u00abMea Culpa\u00bb heisst der bedr\u00fcckend grosse und grossartig ber\u00fchrende Abend, den der 48-j\u00e4hrige deutsche Aktionsk\u00fcnstler, bei dem Anfang 2008 Lungenkrebs diagnostiziert wurde, am Wiener Burgtheater inszeniert hat. \u00abEine ReadyMadeOper\u00bb nennt Christoph Schlingensief die Soiree im Untertitel. Aber eigentlich k\u00f6nnte man sie als ein Theater gewordenes Memento Mori bezeichnen. Wobei weniger der Mahnruf im Vordergrund steht als der Dialog mit der Krankheit und dem Tod, das Ringen mit ihnen und ihren Verk\u00fcndern. Nach Abenden in Duisburg und Berlin verhandelt Schlingensief damit ein weiteres Mal seine schwere Krebserkrankung.<\/p>\n<p>Diesmal dreht sich alles um \u00abParsifal\u00bb. Die Oper Richard Wagners hat Schlingensief bekanntlich 2004 am Gr\u00fcnen H\u00fcgel in Bayreuth inszeniert. Damals hat sich der Katholik Schlingensief an der religi\u00f6sen Ikonografie dieses B\u00fchnenweihfestspiels abgearbeitet, und sie hat ihn nicht mehr losgelassen. Die Erl\u00f6sung der Religion mit den Mitteln der Kunst wich einer Hinterfragung des Erl\u00f6sergedankens mit dem Zeichenarsenal der Religion, zu dem etwa Prozessionen z\u00e4hlen. \u00abJede Kreativit\u00e4t ist Heilkraft pur\u00bb, heisst es am Ende des ersten des in drei Akte gegliederten Abends. Ob hinter diesem Satz ein Ausrufe- oder Fragezeichen kommt, ist eines der Themen.<\/p>\n<p>\u00dcberforderungs-Kunst<\/p>\n<p>\u00abEin Blick aus dem Jenseits ins Hier\u00bb ist der erste Teil \u00fcberschrieben. Er spielt in einem Sanatorium, das die Krankheit mit den Mitteln des Ayurveda kurieren will und das sich zu einer Probeb\u00fchne f\u00fcr den \u00abParsifal\u00bb, einem Krankenbett, einer Kirche oder einer riesigen Filmleinwand wandelt \u2013 wo immer die Drehb\u00fchne gerade stehen bleibt. \u00abAnimatograph\u00bb hat Schlingensief diese Drehb\u00fchnenkonstruktion (Janina Audick) in fr\u00fcheren Arbeiten genannt. Sie liefert in Sekundenschnelle Einblicke ins schlingensiefsche Universum. Wie immer bei diesem \u00dcberforderungs-K\u00fcnstler quillt es auch diesmal \u00fcber \u2013 von Joseph Beuys bis Elfriede Jelinek, von Marcel Duchamp bis J\u00f6rg Immendorff sind die alten Bekannten alle dabei. Nur, dass ihre Dechiffrierung diesmal kaum eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Viva Musica Festival Orchestra aus Bratislava im Verein mit dem Chor der Universit\u00e4t Wien immer wieder den von Arno Waschk um- und weiterkomponierten \u00abParsifal\u00bb anstimmt, hangelt sich Meyerhoff in der Rolle von Schlingensief (und begleitet von Margit Carstensen als Sanatoriumsdirektorin und Irm Hermann als Krankenmuse) von den Stationen der Krankheit \u00fcber die Gespenster der Vergangenheit bis zu den Heilsversprechen der Zukunft. Das ist genauso pathetisch wie unpeinlich und oft genauso naiv wie wahrhaftig. Das L\u00e4cherliche und das Weihevolle sind an diesem Abend Verb\u00fcndete im Geiste.<\/p>\n<p>\u00abSchreiben Sie es auf, wenn Sie Krebs haben\u00bb<\/p>\n<p>Im zweiten Akt tritt Schlingensief selbst auf. Dem Vorwurf, mit seiner Krankheit hausieren zu gehen, statt sie still und heimlich im Krankenbett auszuleiden, setzt er ein Manifest der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung entgegen. \u00abSchreiben Sie es auf, wenn Sie Krebs haben\u00bb, ruft Christoph Schlingensief: \u00abIch lese es gerne.\u00bb<\/p>\n<p>Im dritten Akt hat sich das Festspielhaus in Bayreuth in ein Opernhaus in Afrika gewandelt. Dessen Errichtung ist Schlingensiefs grosses Projekt. Im Rahmen von \u00abMea Culpa\u00bb steht das \u00abHeart of Africa\u00bb-Opernhaus aber auch f\u00fcr die Idee der lebensumgreifenden Kunst. Vielleicht wird die Krankheit durch die Kunst hervorgerufen. Dann kann auch nur die Kunst sie besiegen. An diesem Abend ist Schlingensief genau das gelungen. Viel Applaus.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Basler Zeitung vom 22.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief ringt mit seinem Krebs in seinem St\u00fcck \u00abMea Culpa\u00bb. 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