{"id":341,"date":"2009-03-27T12:30:24","date_gmt":"2009-03-27T10:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=341"},"modified":"2009-03-27T12:30:24","modified_gmt":"2009-03-27T10:30:24","slug":"wir-treffen-uns-in-der-einsamkeit-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=341","title":{"rendered":"WIR TREFFEN UNS IN DER EINSAMKEIT (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Peter Michalzik \u00fcber Christoph Schlingensiefs &#8222;Mea Culpa&#8220; in Wien<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief ist heute Joachim Meyerhoff. Meyerhoff tr\u00e4gt einen dunkelgr\u00fcnen Samtanzug und m\u00f6chte uns von seiner Idee \u00fcberzeugen, in Afrika ein Opernhaus zu errichten: keine Kulturvermittlung mehr, sondern Kulturverschmelzung. Schlingensief meint ernst, was Meyerhoff sagt. Das afrikanische Opernhaus ist sein Traum.<\/p>\n<p>In diesem afrikanischen Opernhaus spielt der dritte und letzte Akt der jetzigen Auff\u00fchrung, er hei\u00dft &#8222;Ein Blick ins Jenseits&#8220;. Dort tr\u00e4umt Schlingensief-Meyerhoff von Andreas, einem Schulfreund, der sich das Leben genommen hat und der im Jenseits auf den einst Geliebten wartet. Dann tr\u00e4umt er von seinem toten Vater, dem er sagt, dass er ihn so lieb gehabt habe, dass es aber auch gut sei, dass er sich vom Acker gemacht habe. Mein armer Sohn, sagt der Vater. Der schreit: Ich bin nicht arm. Ich habe hier noch so viel vor.<\/p>\n<p>&#8222;Mea Culpa&#8220; hei\u00dft Schlingensiefs gro\u00dfer, ergreifender Theaterabend im Wiener Burgtheater, er nennt ihn eine &#8222;Readymade-Oper&#8220;. Das ist diese aus un\u00fcbersehbar vielen Zitaten, Bildern, Musiken, Gedanken und Gef\u00fchlen gebaute B\u00fchnen-\u00dcberw\u00e4ltigung sicher, vor allem anderen aber ist sie eine neue Art von Psychodrama. Eine Auff\u00fchrung, die um Schlingensief, seine Seele und seine Krankheit, den Krebs, kreist wie ein gewaltiger Strudel, angezogen und zum Rotieren gebracht von einem Schwarzen Loch, das niemand kennt, nicht einmal der Meister, dem Schlingensief uns alle aber n\u00e4her bringen will. Es ist hier dunkel und fern, aber auch wahr und gro\u00df, es ist der Tod.<\/p>\n<p>Schlingensief stellt sein Innerstes so deutlich aus, dass es wie eine Passionsfrucht inmitten der meist finsteren B\u00fchne schwebt, tropfend vom roten Saft des bitter Erfahrenen, zu praller Reife gebracht von der dunklen Sonne des Durchlebten. Entweder leiden wir an diesem Abend mit, oder wir erleben nichts. Schlingensief macht es uns nicht schwer. Denn alles und jedes, was unsere Welt um den Krebs und die Todeserfahrung herum gebaut hat, alles was sie tut, um die mysteri\u00f6se Krankheit und den Tod zu bew\u00e4ltigen und zu verdr\u00e4ngen, wird von Schlingensief zun\u00e4chst durch den Kakao gezogen, einschlie\u00dflich seiner selbst und seiner Auff\u00fchrung. So befreit er uns, um uns mit ins dunkle Nichts zu nehmen.<\/p>\n<p>Es beginnt mit dem &#8222;Parsifal&#8220;, den er vor sechs Jahren in Bayreuth inszenierte und mit dem er wahrhaftig meinte, sich und die Welt erl\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Hier, im Scheitern daran, sieht er den Keim seiner Krankheit. Sp\u00e4testens wenn &#8222;Die Wunde, die Wunde&#8220; geschrieen wird und Amfortas in eindeutiger Absicht auf Kundry liegt, und das ist sehr bald, wird seine heutige Haltung dazu sichtbar: Er lacht \u00fcber sich selbst genauso gel\u00f6st wie \u00fcber den verg\u00f6tterten Wagner. Dann spottet die Auff\u00fchrung befreit \u00fcber eine Ayurveda-Kurklinik, wo es vereinsmeierisch, g\u00f6tzenanbeterisch und geldstinkend zugeht. Schlingensief macht sich gen\u00fcsslich \u00fcber die selbstzufriedene Kunstwelt her, die sich in ihrer angepassten Dissidenz gef\u00e4llt. Er stellt dazu die ignorante Dummdreistigkeit der Schulmediziner blo\u00df. Und er macht sich entspannt \u00fcber hocherregte Theaterregisseure lustig. Wie tut das alles wohl.<\/p>\n<p>Schlingensief, der Regisseur, verwendet die vollgestellte Drehb\u00fchne aus dem &#8222;Parsifal&#8220; und seines Animatographen, um das alles und noch viel mehr unterzubringen, auf der B\u00fchne steht eine Krebszelle, im Hintergrund h\u00e4ngt leuchtend sein entfernter Lungenlappen. Voxi B\u00e4renklau legt wie in Bayreuth ein filmiges Flimmern \u00fcber die Dunkelszenerie, graues Grisseln mischt sich mit Menschen- und Tierbildern, wir sehen Egel und Flederm\u00e4use &#8211; ein Flimmern, das die F\u00fclle zu einer Einheit verschmilzt. Der Komponist Arno Waschk, Richard Wagner und viele Musiker betten das in ein vibrierendes Klanggeb\u00e4ude, das immer wieder ergreift und mit Schlingensiefs Gedankenspr\u00fcngen keine M\u00fche hat. Im Erschaffen eines gelassen str\u00f6menden Flusses f\u00fcr die sprudelnde Ideenf\u00fclle hat die Schlingensief-Mannschaft Meisterschaft entwickelt, da macht denen niemand etwas vor.<\/p>\n<p>Es versammelt sich eine gro\u00dfe, ebenso vielgestaltige Menschengemeinde auf der B\u00fchne. Die Kleinw\u00fcchsigen, Greise und Kranken, die Schlingensief so liebt, stehen und sprechen neben sechs S\u00e4ngern, dazu Orchester und Chor. Fritzi Haberlandt, Irm Hermann, die Ironikerin Margit Carstensen und der Kommunikator Joachim Meyerhoff vermischen sich mit vier schicken, jungen Schwarzen, die am Anfang Krankenschwestern und am Ende im afrikanischen Opernhaus Models spielen.<\/p>\n<p>&#8222;Mea Culpa&#8220; ist eine reife Arbeit, elegisch, parodistisch, exhibitionistisch. Die Haltung aber ist heiter. Und Schlingensief kommt &#8211; dann doch leibhaftig und nicht als Meyerhoff &#8211; als sein eigener Einspruch auf die B\u00fchne. Ja, sagt er, ich will mich \u00f6ffentlich machen. Auch wenn es anma\u00dfend ist. Ja, sagt er, macht Euch alle \u00f6ffentlich. Ja, in der Dunkelheit, dort wo wir alle allein sind, dort treffen wir uns dann. So bewegt sich Schlingensief mit neuer Liebe durchs Leben, was f\u00fcr eine sch\u00f6ne Nachricht. Und so bewegt er uns. Und macht Mut zu einer schwierigen Erkenntnis: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Dass der Chefredakteur der \u00f6sterreichischen Tageszeitung Die Presse in der sechsten Reihe die Dunkelheit mit leuchtendem Laptop erhellte, geh\u00f6rte nicht zur Auff\u00fchrung, sondern war nur schlechter Stil.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Frankfurter Rundschau vom 22.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Michalzik \u00fcber Christoph Schlingensiefs &#8222;Mea Culpa&#8220; in Wien<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/341"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=341"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/341\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}