{"id":34,"date":"2005-09-29T21:34:51","date_gmt":"2005-09-29T19:34:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=33"},"modified":"2005-09-29T21:34:51","modified_gmt":"2005-09-29T19:34:51","slug":"kunst-kennt-keine-sieger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=34","title":{"rendered":"&#8222;Kunst kennt keine Sieger&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Preises f\u00fcr Junge K\u00fcnstler im Hamburger Bahnhof hat Christoph Schlingensief ein &#8222;Kunst-Abschaffungs-Manifest&#8220; (S\u00fcddeutsche Zeitung) vorgetragen &#8211; und wurde von den Kunstschaffenden nicht verstanden.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Gabriela Walde<\/em><\/p>\n<p>Eine Preisvergabe lebt bekanntlich nicht nur von der Kunst, sondern vor allem von Skand\u00e4lchen. Als eine schwarzgewandete Madonna herself 2001 den renommierten britischen Kunst-Award &#8222;Turner prize&#8220; mit einem rotzigen &#8222;Right on, motherfuckers&#8220; kommentierte, da surrten die TV-Kameras, \u00fcberschlugen sich die Schlagzeilen und die Verleihung war in aller Munde.<\/p>\n<p>Von derartiger Publikumswirksamkeit kann der &#8222;Preis der Nationalgalerie f\u00fcr junge Kunst&#8220;, der sich am britischen Vorbild mi\u00dft, einstweilen nur tr\u00e4umen. Vor allem nach der Blamage der Preisverleihung am Mittwoch abend. Dabei ist er mit immerhin 50 000 Euro h\u00f6her dotiert als Turner.<\/p>\n<p>Madonna kam zwar an diesem Abend nicht im Hamburger Bahnhof, daf\u00fcr aber der Theaterschamane Christoph Schlingensief, der immer Schwung in die Bude bringt. Egal wie. Voraussetzung bei Einladung dieser Art ist, da\u00df man wei\u00df, da\u00df man von ihm stets das bekommt, was man nicht erwartet.<\/p>\n<p>So stieg er mit Wuselschopf und neuem Sakko brav aufs Podium, erkl\u00e4rt den Preis kurzerhand f\u00fcr ung\u00fcltig, weil es &#8222;in der Kunst keine Sieger&#8220; gibt, &#8222;die Kunst eh tot ist&#8220;, und das &#8222;leere Kanzleramt sowieso das gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk dieser Republik&#8220; sei. Seine Performance, nur die wenigsten verstanden das. Die Laudatio wurde fortgesetzt von Staatsministerin Christina Weiss.<\/p>\n<p>In diese Persiflage des Kunstbetriebes reiht sich die Siegerin Monica Bonvicini mit ihrer Arbeit &#8222;Never again&#8220; ein. Zur Leistungsschau angetreten war sie zusammen mit John Bock, Angela Bulloch und Anri Sala. Allesamt Wahlberliner und auf dem internationalen Kunstparkett keine Unbekannten mehr.<\/p>\n<p>In Bonvicinis raumf\u00fcllender Installation rasseln die Ketten gewaltig, das schwarze Leder schwingt. Eine Sado-Maso-Spielwiese, \u00d6sen und andere Schlingen m\u00f6gen da schwarze Sehns\u00fcchte befl\u00fcgeln. Jedem das seine. Knien, schaukeln, kretschen. Alle Positionen sind hier bei gnadenlosem Kunstlicht im musealen Darkroom des Hamburger Bahnhofs erlaubt. Doch die meisten Besucher stehen ein wenig ratlos davor &#8211; darf man oder darf man nicht? Wer h\u00e4ngt schon gerne im Museum an schwarzen Fu\u00dffesseln.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerin als Domina des Kunstbetriebs, der sich die Kunst einverleibt und nach Belieben wieder ausspuckt? Rituale regeln den Kunstbetrieb als Wirtschaftsfaktor, Abh\u00e4ngigkeiten die Verh\u00e4ltnisse: Auch die Kunst ist nur eine kleine Hure im gro\u00dfen eitlen Gesellschaftszirkus. Gibt es in der Kunst schlechten Geschmack? Will uns die 40j\u00e4hrige Italienerin, die in Berlin lebt, in Wien an der Akademie lehrt, dies alles sagen?<\/p>\n<p>Die Ketten m\u00f6gen zwar laut und cool klirren, doch das Versprechen wird nicht eingel\u00f6st. Die gute Frau ist selbst vitaler Teil der Szene, die sie ausstellt &#8211; und auch wunderbar bedient. Moncia Bonvicini hatte zu ihrem Sieg jedenfalls nur ein paar Worte zu sagen: &#8222;Let&#8217;s have a party!&#8220; Die Party war dann auch das beste des Abends. Vielleicht klappt&#8217;s beim n\u00e4chsten Mal besser. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Preises f\u00fcr Junge K\u00fcnstler im Hamburger Bahnhof hat Christoph Schlingensief ein &#8222;Kunst-Abschaffungs-Manifest&#8220; (S\u00fcddeutsche Zeitung) vorgetragen &#8211; und wurde von den Kunstschaffenden nicht verstanden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}