{"id":339,"date":"2009-03-27T12:21:53","date_gmt":"2009-03-27T10:21:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=339"},"modified":"2009-03-27T12:21:53","modified_gmt":"2009-03-27T10:21:53","slug":"zeige-deine-wunde-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=339","title":{"rendered":"ZEIGE DEINE WUNDE (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Pers\u00f6nliche muss auf die B\u00fchne des Wiener Burgtheaters: In seiner Inszenierung der Readymade-Oper &#8222;Mea culpa&#8220; erz\u00e4hlt Christoph Schlingensief von seiner Krebserkrankung.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVON EVA BEHRENDT<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n&#8222;Das Werk des Heiligen ist in erster Linie sein Leben.&#8220; So weit ist es also schon gekommen: Man kehrt von einem Schlingensief-Abend am Wiener Burgtheater nach Hause zur\u00fcck und f\u00e4ngt sofort an, sich in Walter Niggs &#8222;Gro\u00dfe Heilige&#8220; zu vertiefen. &#8222;Der Heilige tritt als der unbedingte Mensch dem D\u00e4mon der Zerst\u00f6rung entgegen&#8220;, schreibt der Schweizer Theologe. So kann man den Regisseur im Kampf gegen Krankheit und Tod unbedingt beschreiben. Und w\u00e4re nicht auch die Hagiografie, also die Heiligengeschichtsschreibung, dem Charismatiker Schlingensief angemessener als eine Rezension?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, der Anfang vergangenen Jahres lebensbedrohlich an Lungenkrebs erkrankte, hat seine Krankheit auf eindrucksvolle Weise zum Sujet seiner Kunst gemacht. F\u00fcr die Ruhrtriennale inszenierte er im September im Duisburger Gebl\u00e4sewerk &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; als grandiose Fluxus-Beerdigungsmesse f\u00fcr &#8222;den zuk\u00fcnftig Verstorbenen&#8220;, in der wiederaufgenommenen Skizze &#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220; am Berliner Maxim Gorki Theater berichtete er im November, dass es nach der j\u00fcngsten Diagnose f\u00fcr den verbliebenen Lungenfl\u00fcgel &#8222;schei\u00dfe&#8220; aussehe. Jetzt, nach einer gl\u00fccklicherweise anschlagenden Therapie, erz\u00e4hlt der stabilisierte Patient seine Leidensgeschichte in der Readymade-Oper &#8222;Mea culpa&#8220; weiter, als kinderbibelbuntes Fortsetzungs-Stationendrama aus dem Leben des beispielhaften Ausnahmekranken, der, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, gar nicht nur Ausnahme sein will.<\/p>\n<p>Ohnehin ist Schlingensief kein reiner, sondern eher ein schmutziger oder komischer Heiliger, der darauf beharrt, dass kein pr\u00fcfender Gott, sondern er selbst seinen Krebs zu verantworten hat. Auf dem Theater l\u00e4sst er sich diesmal vom Schauspieler Joachim Meyerhoff vertreten, der im gr\u00fcnen Samtanzug mit Schlaghose Sanftmut und Begeisterung verstr\u00f6mt. Nach einem Opernvorspiel vor den Toren der Pappgralsburg, die Janina Audick auf die Drehb\u00fchne hat zimmern lassen, zieht das K\u00fcnstlerdouble zusammen mit Fritzi Haberlandt in der Doppelrolle als Schlingensiefs Verlobte und J\u00f6rg Immendorffs junge Witwe in die Krankenhauszimmer auf deren R\u00fcckseite ein. Hier, in der Ayurvedaklinik in Bad Schandau, wo Schlingensief tats\u00e4chlich zur Kur war, moderiert Margit Carstensen eine Jubil\u00e4umsfeier zum 40. Geburtstag, pr\u00e4sentiert Irm Herrmann das bizarre Gipsmodell eines k\u00fcnftig zu bauenden Ayurvedaturms in Dubai, steigt Meyerhoff in eine lehmfarbene Krebszelle und wieder hinaus, bis alle singen: &#8222;Wir wolln entspannen, bis die Welt sich nicht mehr dreht.&#8220;<\/p>\n<p>Diese kabarettistischen Bravourst\u00fcckchen, die die Krebstherapie liebevoll auf die Schippe nehmen, hebt Schlingensief in der ganz gro\u00dfen Oper zwischen Hochkultur und Trash auf. Ein Orchester aus Bratislava begleitet den Abend mit Sch\u00f6nberg, Schubert, Schumann und sehr viel Wagner, woraus Arno Waschk eine erstaunlich koh\u00e4rente Partitur komponiert hat, ein Trupp farbiger Darstellerinnen und S\u00e4nger tritt als Boten des afrikanischen Festspielhauses auf, das nach dem Willen des Regisseurs &#8222;die auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel vor Neid erblassen&#8220; lassen soll, und der Chor der Wiener Universit\u00e4t hebt zu einer vers\u00f6hnlichen Ode an die Freude an: &#8222;Der Mensch&#8220;, hei\u00dft es, &#8222;ist Herr der Gegens\u00e4tze.&#8220; Burgschauspieler und Laiendarsteller geben sich die Klinken in die Hand, Stimmen werden verzerrt, und wenn das Orchester schweigt, dr\u00f6hnt Filmmusik. Der trotz der Verschachtelung auf vielen Ebenen erstaunlich klare Musik- und Bilderreigen greift Elemente aus fr\u00fcheren Werken auf und sieht doch neu und anders aus.<\/p>\n<p>Getreu dem Beuys-Motto &#8222;Zeige deine Wunde&#8220; spricht Schlingensief auch an diesem Abend seine pers\u00f6nlichen Themen an, wenn auch meistens durch andere Figuren. Mira Partecke verzweifelt hysterisch als Kundry daran, dass sie immer missverstanden wird, sich aber nicht \u00e4ndern kann, und erschie\u00dft sich. Fritzi Haberlandt beschwert sich \u00fcber den manisch Verrisse sammelnden Freund. In einer anderen Szene kniet sie neben Joachim Meyerhoff auf einem Kirchenb\u00e4nklein wie kurz vor dem Jawort, eine offene Liebeserkl\u00e4rung des gel\u00e4uterten K\u00fcnstlers an die Freundin und Kost\u00fcmbildnerin Aino Laberenz. Meyerhoff-Schlingensief wiederum trifft seinen toten Vater, m\u00f6chte ihn eigentlich doch noch nicht wiedersehen und auch den Liebestod noch nicht sterben. Zuvor ist Schlingensief selbst aufgetreten, hager und hohl\u00e4ugig, und hat anhand eines Videos von seiner Wagner-Inszenierung in Manaus erkl\u00e4rt, wie wichtig die Dunkelphasen (der Kamera) f\u00fcr sein Leben sind: &#8222;Das ist der Moment, wo man sich bewegt, um eine andere Perspektive einzunehmen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mea culpa&#8220;, das Theater nach einer langen Dunkelphase, wirkt distanzierter als die &#8222;Kirche der Angst&#8220; &#8211; und doch umarmt es immer wieder das Publikum. Schlingensief l\u00e4sst Texte anderer, Wunden zeigender Kranker vorlesen, von Derek Jarman bis Jean-Luc Nancy, und relativiert damit seinen vermeintlich provokanten Sonderstatus als Tabubrecher, der seine Todesangst formuliert. &#8222;Schreiben Sie auch mal ein Buch, wenn Sie Krebs haben&#8220;, ruft er den Zuschauern zu und spielt schlau auf sein Krebstagebuch an, das im April erscheint. Auch dieser unheilige Heilige, so scheint es, sucht Anschluss an die anderen und ihre Liebe. Am Schluss schaut ein letztes Gesicht durch den roten Vorhang und sagt vergn\u00fcgt: &#8222;Wir sind eins. Tsch\u00fcss!&#8220;<\/p>\n<p><em>taz vom 22.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Pers\u00f6nliche muss auf die B\u00fchne des Wiener Burgtheaters: In seiner Inszenierung der Readymade-Oper &#8222;Mea culpa&#8220; erz\u00e4hlt Christoph Schlingensief von seiner Krebserkrankung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/339"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=339"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}