{"id":338,"date":"2009-03-27T12:17:04","date_gmt":"2009-03-27T10:17:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=338"},"modified":"2009-03-27T12:17:04","modified_gmt":"2009-03-27T10:17:04","slug":"schlingensief-macht-das-burgtheater-zur-kirche-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=338","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF MACHT DAS BURGTHEATER ZUR KIRCHE (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit B\u00fchnenstars wie Fritzi Haberlandt und Joachim Meyerhoff hat der schwer kranke Christoph Schlingensief eine ReadyMadeOper&#8220; in \u00d6sterreichs Hauptstadt inszeniert. Was das sein soll, hat sich unserem Autor tats\u00e4chlich erschlossen. Und er lie\u00df sich obendrein zu Tr\u00e4nen r\u00fchren.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Ulrich Weinzierl<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nUnd das soll ordentliches Theater sein? Die Frage scheint berechtigt. Die im Saal sitzen, stellen sie jedoch nicht. Darin, in solchem Vergessenmachen, liegt die erstaunliche Kraft dieser Urauff\u00fchrung. Sie rechtfertigt sich durch sich selbst, schafft ihre eigenen Gesetze. Das Unvollkommene, hier wird\u2019s Ereignis. Mit herk\u00f6mmlicher B\u00fchnenpraxis hatte und hat jene des Christoph Schlingensief stets so viel zu tun wie die blutigen Orgien-Mysterienspiele von Hermann Nitsch: fast gar nichts, nicht mehr als ein Froschkonzert mit Belcanto. Apropos Gesang: Naturgem\u00e4\u00df wird in der Wiener \u201eBurg\u201c \u00fcppig getr\u00e4llert, Schlingensiefs \u201eMea Culpa\u201c hei\u00dft nicht umsonst und mit einer Verneigung vor Marcel Duchamp im Untertitel \u201eEine ReadyMadeOper\u201c. <\/p>\n<p>Klar, dass die vokalen Darbietungen meist kein Ohrenschmaus f\u00fcr Stimmfetischisten sind. Wagner und Grieg, Schubert, Schumann und Bach klingen in der Regel besser. Was nicht von vornherein ziemlich daneben oder kl\u00e4glich wirkt, verzerrt die Elektroakustik absichtlich ins Schrille, Komische. Auch das st\u00f6rt im Grunde niemanden. Es geh\u00f6rt dazu, sch\u00f6n ist h\u00e4sslich, h\u00e4sslich sch\u00f6n, wird schlussendlich bejubelt.<\/p>\n<p>War man also Zeuge der allm\u00e4hlichen Gemeindewerdung eines keineswegs blo\u00df aus Schlingensief-Groupies bestehenden Publikums? Ungl\u00e4ubige d\u00fcrften zudem einwenden: Ein klassischer Fall von moralischer Erpressung. Melde gehorsamst: Mitgef\u00fchl geschlossen zum Appell angetreten! Immerhin ist der Charismatiker Christoph Schlingensief, wie mittlerweile urbi et orbi bekannt, schwer krank gewesen. Ein besonders aggressiver Tumor beraubte den 48j\u00e4hrigen Nichtraucher der halben Lunge, Metastasen mussten in der Folge zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden. Wer den Blick in den Abgrund getan hat, f\u00fchrt fortan eine buchst\u00e4blich prek\u00e4re Existenz. Der Patient, zumal da er den Krebs mit seiner k\u00fcnstlerischen Arbeit in einer Art kreativen Selbsttherapie wacker thematisierte, bekommt die Tapferkeitsmedaille und wird in eine ungewisse Zukunft entlassen. <\/p>\n<p>So einfach verh\u00e4lt es sich indes und gottlob nicht. \u201eMea Culpa\u201c ist der Abschluss einer autobiografischen Trilogie im Zeichen der Krankheit, im Schatten des Todes. Walter Braunfels\u2019 Oper \u201eJeanne d\u2019Arc\u201c konnte in Berlin blo\u00df nach dem Konzept des bereits Erkrankten von einem Team seiner Vertrauten szenisch uraufgef\u00fchrt werden. \u201eDie Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c, ein so genanntes \u201eFluxus-Oratorium\u201c, inszenierte der vor\u00fcbergehend Genesene im vergangenen Herbst bei der Ruhrtriennale in Duisburg schon selbst als \u201eRequiem f\u00fcr einen Untoten\u201c. Und jetzt, nicht lange vor Ostern, feiert Christoph Schlingensief in Wien sein theatralisches Pfingsten: Auferstehung, das vorl\u00e4ufige Ende einer Passionsgeschichte. Nicht einmal, dass er sie um eine \u201esch\u00f6ne Leich\u2019\u201c betrog, haben die Wiener diesem sehr irdischen Reserve-Christus \u00fcbel genommen. <\/p>\n<p>Die Genrebezeichnung passt genau. Schlingensiefs \u201eReadyMadeOper\u201c collagiert in der Tat \u201eobjets trouv\u00e9s\u201c, Fundst\u00fccke aus dem kollektiven kunsthistorischen Ged\u00e4chtnis, ein munter durcheinander gewirbeltes Zitatenlexikon unserer Kultur \u2013 sei\u2019s das biblische Buch Kohelet, \u201ePrediger Salomo\u201c, das die Nichtigkeit der Nichtigkeiten verk\u00fcndet, sei\u2019s Elfriede Jelinek, die Schlingensief zu Ehren den Text \u201eTod-krank.Doc\u201c verfasste. Wie \u00fcblich verwendete er davon nur eine Wortdosis knapp \u00fcber der Promillegrenze. Ebenso sind Goethe samt \u201eFaust\u201c und mephistophelischer Katerweisheit (\u201edie Welt, sie steigt und f\u00e4llt\u201c) sowie Joseph Beuys in Schlingensiefs privater Walhalla gern gesehene G\u00e4ste. <\/p>\n<p>Letzterer, von ihm einst als f\u00fcnfter Evangelist rekrutiert, ist wohl der \u00e4sthetische Pate des Abends. Denn der entspricht bis ins Detail den Anforderungen der von Beuys propagierten \u201esozialen Skulptur\u201c \u2013 eine multimediale Assemblage aus t\u00f6nenden, bewegten, dreidimensionalen Bildern in einer vollger\u00fcmpelten rotierenden Kulissenstadt. Der bedenkenlos pl\u00fcndernde Gesamtkunstwerker Schlingensief inszeniert nicht B\u00fchnenfiguren, sondern uns, die Zuschauer und deren Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Die Wunde Wagner, auf Bayreuths Gr\u00fcnem H\u00fcgel empfangen und geschlagen, will sich nicht schlie\u00dfen. Ein gro\u00dfer Bogen h\u00e4lt Ouvert\u00fcre und Finale zusammen. Er spannt sich von \u201eParsifal\u201c \u00fcber den \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c, den Schlingensief im brasilianischen Manaus auf die B\u00fchne brachte, bis zum \u201eTristan\u201c. Der freilich geistert vorderhand einzig und allein in seinen Fantasien herum. In der Mitte: ein dreiaktiges Stationendrama der Schwellenerfahrungen am Rande des Nichts, lauter Expeditionen in den Bezirk der Heils- und Heilungsversprechen. Strenge Schulmedizin und Ayurveda-Brimborium, die Flucht in Kunstreligion, der verzweifelte Griff zum vermeintlichen Rettungsanker Liebe \u2013 alles wird durchexerziert, schwankend zwischen Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Wei\u00df der Teufel, warum der Name der scheu\u00dflichen Ayurveda-Directrice ausgerechnet Angelika Freifrau von Weinzierl lautet! Ich jedenfalls begehre, nicht schuld daran zu sein.<\/p>\n<p>Neben Laien und Stars der Schlingensief-Factory wie Margit Carstensen und Irm Hermann agieren Burgtheaterschauspieler, darunter ein fulminanter Joachim Meyerhoff als des Autors Alter Ego, das sogar in eine riesige Krebszelle zu kriechen hat. An seiner Seite \u2013 ihm ebenb\u00fcrtig \u2013 Fritzi Haberlandt in der Rolle der Freundin und Muse s\u00e4mtlicher sterbender K\u00fcnstler von J\u00f6rg Immendorff ab- und aufw\u00e4rts. <\/p>\n<p>Auch Schlingensief pers\u00f6nlich hat seinen kurzen Auftritt. Eine fragile, in ihrer Euphorie anr\u00fchrende Gestalt, die \u2013 obwohl eigentlich im Zentrum \u2013 sonst an der Peripherie bleibt. Ein letzter Rest von Utopie: Schlingensiefs Projekt eines Festspielhauses f\u00fcr Afrika beherrscht optisch und inhaltlich den dritten Akt. Ob es im Herz der Finsternis zu verwirklichen sein wird, steht in den Sternen. Doch eine andere Vision des apokalyptischen Vorreiters Christoph Schlingensief ist ohne Zweifel Realit\u00e4t geworden: Die von ihm gegr\u00fcndete \u201eChurch of Fear\u201c hat wegen des gewaltigen Mitgliederzustroms der \u00c4ngstlichen in der Krise Kathedralenausma\u00df angenommen.<\/p>\n<p>Der Glanzpunkt der Produktion: Eine ehemalige Opernchoristin, Elfriede Rezabek, singt Isoldes Liebestod. Wen das nicht ergreift, der hat seine Emotionen an der Garderobe abgegeben. Diese greise Isolde lockt ihren Tristan sirenengleich. Aber Christoph Schlingensief denkt noch lange nicht ans Ertrinken, Versinken in h\u00f6chster Lust, unbewusst. Der Himmel kann warten.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Die WELT vom 22. M\u00e4rz 2009<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit B\u00fchnenstars wie Fritzi Haberlandt und Joachim Meyerhoff hat der schwer kranke Christoph Schlingensief eine ReadyMadeOper&#8220; in \u00d6sterreichs Hauptstadt inszeniert. Was das sein soll, hat sich unserem Autor tats\u00e4chlich erschlossen. 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