{"id":336,"date":"2009-03-27T12:03:58","date_gmt":"2009-03-27T10:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=336"},"modified":"2009-03-27T12:03:58","modified_gmt":"2009-03-27T10:03:58","slug":"schlingensief-oper-wir-sind-eins-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=336","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF-OPER: \u201eWIR SIND EINS\u201c (DIE PRESSE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs Ready-made-Oper\u201eMea Culpa\u201c schenkt im Burgtheater die Chance eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einblicks in Leben und Leiden eines kulturell Euphorisierten. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs f\u00fchrt ein Landesteg vom Zuschauerraum auf die Burgtheaterb\u00fchne. Am Ende des zweiten Akts wird hier endg\u00fcltig die Realit\u00e4t in die davor schon mehrmals gebrochene Theaterillusion eindringen und Christoph f\u00fcr kurze Zeit \u201eChristoph\u201c abl\u00f6sen, also Christoph Schlingensief den Schauspieler Joachim Meyerhoff, der in dessen Ready-made-Oper \u201eMea Culpa\u201c sein Alter Ego darstellt. Ziemlich gut \u00fcbrigens, die sich manchmal vor Begeisterung \u00fcberschlagende Stimme erkennt man sofort, trotzdem ist Meyerhoff keine Kopie, sondern setzt mit Hornbrille und raspelkurzen Haaren einen seltsamen Akzent in Richtung Schniegel-Schlingensief. Das hier soll eben nicht der charismatische Selbstdarsteller sein, sondern ein Allerweltstyp, jeder Todkranke, jeder derart unvorbereitet mit einer Krankheit schuldlos schuldig Gewordene.<\/p>\n<p>Suche nach Heilung. Dementsprechend blass wandert dieser \u201eChristoph\u201c auch als naiver Tor auf der Suche nach Heilung durch die biografisch inspirierten Szenen aus Schlingensiefs Leben, von der Ayurvedaklinik, ins Krankenhaus, in seine Tr\u00e4ume von einem Festspielhaus in Afrika. Auf einer m\u00e4chtigen, mit einer Kulissenstadt anger\u00e4umten Drehb\u00fchne ziehen die Bilder vorbei, vorw\u00e4rts, r\u00fcckw\u00e4rts, langsamer, schneller. \u00c4hnlich rastlos wechseln die Gef\u00fchlslagen, von schrill bis kom\u00f6diantisch bis melodramatisch bis tragisch, am Ende ist man zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt und darf dann doch noch einmal lachen.<\/p>\n<p>Aus Dutzenden musikalischen, literarischen, philosophischen und popkulturellen Versatzst\u00fccken lustvoll zusammengeklaut, komponiert im Sinne von zusammengesetzt, ist diese \u201eReadymade-Oper\u201c Schlingensiefs zug\u00e4nglichste Arbeit der j\u00fcngeren Zeit. Ein Volksst\u00fcck ohne Moral, das faszinierend das schafft, was Schlingensief so einzigartig macht: die Durchdringung der Genres und die Aufl\u00f6sung der Grenzen zwischen Spiel und Realit\u00e4t. Film, bildende Kunst, Theater, soziales Engagement, Alltag flie\u00dft hier zusammen, in eine publikumsgerecht \u00fcbersetzte Lebenszusammenfassung eines kulturell euphorisierten Zeitgenossen.<\/p>\n<p>Das Festspielhaus in Afrika etwa, immer wieder taucht es auf, als Kulisse, Modell, Sehnsucht: Schlingensief will es wirklich errichten, in Burkina Faso soll es die seiner Meinung nach untergehende Kultur Europas mit der aufsteigenden Afrikas verbinden. \u201eDas ist deine pers\u00f6nliche Meinung\u201c, protestiert eine Schauspielerin auf der B\u00fchne. Klar, ist auch sein Leben, sein St\u00fcck.<\/p>\n<p>Traum von Afrika. Die zweite dominante Spur durch dieses zweist\u00fcndige Lebensspiel ist das Ereignis, durch das Schlingensief \u201eeine Grenze \u00fcberschritten hat\u201c, wie er sagt, seine Bayreuther Inszenierung des \u201eParsifal\u201c, die sich als traumatisch herausstellt. Die von Laien wie S\u00e4ngern gleicherma\u00dfen mit Todesernst vorgetragenen Passagen daraus sind ein Bekenntnis zum Scheitern, eine Zelebrierung des Unvollkommenen. Alles, was Schlingensief damals nicht sein konnte, als er sich an seinen Anspr\u00fcchen zerrieb. Durch seine Krebserkrankung versucht er zu erkennen \u2013 ist alles nicht mehr so wichtig.<\/p>\n<p>Nie kommen derartige Weisheiten aber selbstmitleidig daher, sondern immer distanziert, mit der M\u00f6glichkeit versehen, das Geschehen auch ironisch zu verstehen. Wenn etwa ein schwarzes Glitzer-Revuegirl im Vorbeilaufen demonstrativ das ber\u00fchmteste Requisit der Bayreuther Schlingensief-Inszenierung, den toten Hasen, ins Publikum h\u00e4lt. Und Kundry (Mira Partecke) ihren Auftritt verhaut: \u201eHallo, ich bin die Kundry\u201c, platzt sie mitten in die Afrikavision des zweiten Aktes. \u201eIch hab&#8217;s verpatzt. Dabei wollte ich zum ersten Mal sagen, was ich wirklich denke.\u201c Dann schie\u00dft sie sich in den Mund.<\/p>\n<p>Umgeben vom Rudel. Bald darauf geht Schlingensief selbst auf die B\u00fchne, f\u00fchrt sich ins Geschehen ein, indem er seine projizierten Filme erkl\u00e4rt, die wichtigen \u201eDunkelphasen\u201c. Das \u201eSich-Zur\u00fcckziehen\u201c aus dem Licht. \u201eIch bin da nicht alleine.\u201c Nein, ist er nicht. Er ist umgeben von seiner Truppe, seinem Rudel \u2013 Karin Witt, die einen gro\u00dfartigen kleinw\u00fcchsigen Bischof spielt, das christliche Heilsversprechen anf\u00fchrend. Die Fassbinder-Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen, die u.a. als strenge \u00c4rztinnen, esoterische Kurleiterinnen, Hysterikerinnen oder m\u00fctterliche Freundinnen erscheinen. Eine gro\u00dfartige Fritzi Haberlandt spielt die Freundin der sterbenden K\u00fcnstler, hei\u00dft er jetzt Christoph oder J\u00f6rg Immendorff. Ihre Monologe, in denen sie Privates offenbart, sind nie peinlich, in ihrer Intimit\u00e4t aber schwer zu ertragen.<\/p>\n<p>Isoldes Liebestod. Gegen Ende wird es immer melodramatischer, wenn Christoph seinen verstorbenen Papa trifft, ihn aber wieder zur\u00fcck auf die Wolke schickt. Alles gipfelt aber in einer Szene, die unglaublich kitschig sein k\u00f6nnte, w\u00e4re sie schon je zuvor so auf einer B\u00fchne zu sehen gewesen, an dieser por\u00f6sen Schnittstelle zwischen Kunst und Leben: Da singt eine alte Frau, Elfriede Rezabek, in schneewei\u00dfem Divenkleid vor dem roten Vorhang des Festspielhauses in Afrika, Christoph sein Lieblingslied, Isoldes Liebestod. Und sinkt zu Boden. Hinter ihr erscheint erwartungsvoll die ganze Truppe. Doch Christoph will nicht: \u201eDas war so sch\u00f6n, ich dank euch so sehr, aber ich mag noch nicht, ich mag einfach noch nicht.\u201c Und zieht den Vorhang zu. Keine Erl\u00f6sung. Nur eine Erkenntnis noch, vorgetragen von einem Gesicht, das sich aus dem Vorhang schiebt: \u201eIch liebe mich im anderen. (&#8230;) Ich erkenne mich selbst im anderen. Wir sind eins. Tsch\u00fc\u00fcs.\u201c<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(&#8222;Die Presse&#8220;, Print-Ausgabe, 22.03.2009)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs Ready-made-Oper\u201eMea Culpa\u201c schenkt im Burgtheater die Chance eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einblicks in Leben und Leiden eines kulturell Euphorisierten. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/336"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}