{"id":335,"date":"2009-03-27T12:01:06","date_gmt":"2009-03-27T10:01:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=335"},"modified":"2009-03-27T12:01:06","modified_gmt":"2009-03-27T10:01:06","slug":"der-kurarzt-als-bilderwerfer-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=335","title":{"rendered":"DER KURARZT ALS BILDERWERFER (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit der verwirrend dichten Opern-Revue &#8222;Mea Culpa&#8220; gelingt es Christoph Schlingensief auf hinrei\u00dfende Weise, die &#8222;Burg&#8220; in eine Therapiestation zu verwandeln<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nWien &#8211; In Mea Culpa verwischt Christoph Schlingensief eine heikle Markierung: Er ignoriert die Schwelle, die die Gesunden von den Kranken trennt. Indem er seine Krebserkrankung zum Thema einer Oper erhebt, die er obendrein auf der gr\u00f6\u00dften deutschsprachigen Schauspielb\u00fchne zur Urauff\u00fchrung bringt, setzt er den Kunstbezirk unter Druck: Eine wunderbare Einrichtung wie das Burgtheater muss unter verschwenderischer Aufbietung ihrer Kunstmittel mit der ganzen &#8222;Wahrheit&#8220; \u00fcber uns Menschen herausr\u00fccken.<\/p>\n<p>Am Ende des Tages, wenn die Kulissen auf Janina Audicks Drehb\u00fchne endlich zur Ruhe gekommen sind, wenn Isoldes letzter Liebestod von Elfriede Rezabek ber\u00fcckend sch\u00f6n gesungen ist und ein unbeschreiblicher Jubel losbricht, dann ist Schlingensief mit seiner Erkrankung ganz allein. &#8222;Das war so sch\u00f6n. Ich danke euch sehr! Aber ich mag einfach noch nicht!&#8220;, sagt Joachim Meyerhoff, der als wunderbares Alter Ego seines Regisseurs den Kranken gegeben hat.<\/p>\n<p>Meyerhoff tritt seine Parsifal-Reise in einer Ayurveda-Klinik an: in einer gutb\u00fcrgerlichen Verwahranstalt mit merkw\u00fcrdigen Pflegern (Hermann Scheidleder als Rokoko-Diener), mit einer Gedichtrezitatorin (Irm Hermann), mit einer asiatischen Zotenrei\u00dferin (Sachiko Hara), die als bedrohlich wirkende Fachkraft f\u00fcr Einl\u00e4ufe und sexuelle Dienstleistungen verantwortlich zeichnet. Schlingensief setzt seiner eigenen, &#8222;kleinen&#8220; Leidensgeschichte die gro\u00dfen Symbole auf.<\/p>\n<p><strong>Der Laie als Star<\/strong><\/p>\n<p>Seine Oper (&#8222;Erster Akt: Ein Blick aus dem Jenseits ins Hier&#8220;) schummelt sich \u00fcber eine Parsifal-Wiedergabe gleichsam in ihr eigentliches Thema hin\u00fcber. Sie dekoriert sich anspielungsreich mit Schlingensief-Material: erkl\u00e4rt den leidenden K\u00fcnstler zu einem Mischwesen, halb schuldiger Amfortas, halb reiner Tor. In ihr werden aber auch Laien zu Stars erkl\u00e4rt und Narren zu Weisen erhoben. Eine kleinw\u00fcchsige Darstellerin erscheint im p\u00e4pstlichen Ornat; Fritzi Haberlandt vom Berliner Gorki-Theater gibt Meyerhoffs sauert\u00f6pfische Lebensgef\u00e4hrtin.<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcr Schritt \u00fcbersiedelt der mit der niederschmetternden Krebsdiagnose versehene Regisseur, also Meyerhoff, in ein Traumland, dessen erkenn- und deutbare Ausma\u00dfe ein modellhaftes Gegen-Bayreuth bilden: Der K\u00fcnstler m\u00f6chte ein &#8222;Festspielhaus Afrika&#8220; errichten. Es zeugt von Schlingensiefs kunstreligi\u00f6sem Ernst, dass die Heilung der Wunde &#8222;Sterblichkeit&#8220; aus der Idee des Gesamtkunstwerks kommen soll.<\/p>\n<p>Man glaubt, sich an den &#8222;echten&#8220; &#8222;Parsifal&#8220; zu erinnern: Der Speer, der die Wunde schlug, soll sie auch wieder schlie\u00dfen helfen. Es ber\u00fchrt eine kindliche Dimension in Schlingensiefs Werk, dass er die Aspekte der Lebenswelt mit denjenigen der Kunst so bedenkenlos kurzschlie\u00dft wie kein anderer. Wenn er selbst, am Ende des zweiten Aktes (&#8222;Jenseits der Grenze&#8220; und &#8222;Ein Blick ins Jenseits&#8220;), via Landungsbr\u00fccke \u00fcber das Parkett die B\u00fchne ansteuert, eigenes Filmmaterial in Augenschein nimmt und sich an den Sekret\u00e4r setzt, um mit der Verlesung von Krankenpost den Moribunden wie auch den Gesunden Mut zu machen, dann wird das ganze K\u00f6nnen dieses legitimen Wagner-Erben ersichtlich.<\/p>\n<p>Schlingensief mag kein zweiter Beuys sein. Aber er ist sich auch nicht zu schade, das kleinste Realit\u00e4tspartikelchen aufzulesen, um es seinen bet\u00f6rend bilderflackernden Materialskulpturen anzuheften. In gar nicht so wenigen Augenblicken bilden in &#8222;Mea Culpa&#8220; Realit\u00e4tssinn und Kunstgl\u00e4ubigkeit, aber auch Selbstbezogenheit und Sozial-Engagement eine szenisch zupackende Einheit. Diese ist als Therapie gedacht und bleibt vom Zerfall bedroht &#8211; aber welche menschliche Einrichtung w\u00e4re das nicht? F\u00fcrs Erste wurde das szenische Hochamt (mit dem Viva Musica Festival Orchestra) mit frenetischem Jubel angenommen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(Ronald Pohl, DER STANDARD\/Printausgabe, 23.03.2009)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der verwirrend dichten Opern-Revue &#8222;Mea Culpa&#8220; gelingt es Christoph Schlingensief auf hinrei\u00dfende Weise, die &#8222;Burg&#8220; in eine Therapiestation zu verwandeln<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/335"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=335"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/335\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}