{"id":334,"date":"2009-03-27T11:58:21","date_gmt":"2009-03-27T09:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=334"},"modified":"2009-03-27T11:58:21","modified_gmt":"2009-03-27T09:58:21","slug":"ewiges-leben-ewiger-spass-wiener-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=334","title":{"rendered":"EWIGES LEBEN, EWIGER SPASS (WIENER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Spiel mit dem Tod: Schlingensiefs ReadyMadeOper &#8222;Mea Culpa&#8220;<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Petra Rathmanner<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEin Greis tappt einem H\u00fcnen entgegen. &#8222;Christoph!&#8220; \u2013 &#8222;Papa!&#8220;, rufen sie einander zu. Ein bereits verstorbener Vater trifft auf der B\u00fchne des Burgtheaters seinen schwer kranken Sohn. Die r\u00fchrende Begegnung m\u00fcndet in eine aberwitzige Debatte \u00fcber existenzielle Fragen \u2013 &#8222;Papa, was ist das, das ewige Leben?&#8220; \u2013 und gipfelt in einem Ausbruch des Spr\u00f6sslings, verk\u00f6rpert von Joachim Meyerhoff: Der Erzeuger wird ins Jenseits zur\u00fcck komplimentiert, der Sohn macht lautstark klar, dass er bleiben m\u00f6chte, hier, im Diesseits, unbedingt: &#8222;Ich habe noch so viel zu tun.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist, als ob Meyerhoff, der auf der B\u00fchne dem Alter Ego des Theatermachers Christoph Schlingensief Gestalt verleiht, erst durch das Bewusstsein des Todes das Leben als Wunder begreife.<\/p>\n<p><strong>Komik und Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>Das fortgesetzte Spiel mit dem Tod: Im Rahmen des Theaterabends &#8222;Mea Culpa&#8220; thematisiert der deutsche Regisseur erneut auf so pers\u00f6nliche wie ergreifende Weise seine im Vorjahr diagnostizierte Lungenkrebs-Erkrankung. Nach dem szenischen Bericht &#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220; und der Studie &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;, einer Art Fluxus-Requiem zu Lebzeiten Schlingensiefs, bearbeitet der Aktionist in &#8222;Mea Culpa&#8220; nun den an einer Stelle im Programmheft mit &#8222;Sterben m\u00fcssen, aber leben wollen&#8220; umschriebenen Ablebens-Komplex geradezu launig, leichtf\u00fc\u00dfig.<\/p>\n<p>Kitsch, Komik und Katastrophe liegen hier nah beieinander. Pointiert, mitunter ins Groteske \u00fcberzogen, f\u00fchrt Schlingensief die Grenzen der Schulmedizin und der alternativen Therapieformen vor; in revueartig aneinander gereihten Szenen geht er dabei unter anderem der Frage nach, welche Heilmittel die Kunst, insbesondere die Sparte Oper, bereith\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Ewige Entspannung<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem ersten Akt aus Richard Wagners &#8222;Parsifal&#8220;, vorgetragen vom Operns\u00e4nger Joseph Damian Ortiz Garcia, setzt der Abend ein; das Ende markiert Isoldes &#8222;Liebestod&#8220;-Arie, von der Laiendarstellerin Elfriede Rezabek gesungen: Schlingensief bezeichnet seine j\u00fcngste Theateraktion als &#8222;ReadyMadeOper&#8220;. Komponist Arno Waschk verzwirbelte musikalische Versatzst\u00fccke von Wagner, Bach oder Sch\u00f6nberg zu einem neuen, vom Viva Musica Festival Orchestra aus Bratislava und dem Chor der Universit\u00e4t Wien souver\u00e4n vorgebrachten Ganzen.<\/p>\n<p>Die regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Operneinlagen sind gleichsam Teil einer neuartigen Therapie: Die anspielungsreiche Drehb\u00fchne (Janina Audick) soll eine Ayurveda-Klinik darstellen, gleicht jedoch eher dem Bayreuther Festspielhaus, verfrachtet in eine ghetto\u00e4hnliche Landschaft, \u00fcberzogen von flirrenden Videoprojektionen.<\/p>\n<p>Die rund drei Dutzend Klinikinsassen und das Pflegepersonal studieren zur Genesung gemeinsam Arien und Ch\u00f6re ein. Zum Br\u00fcllen komisch ist der an das Theater Christoph Marthalers gemahnende Chor im Fr\u00fchst\u00fcckszimmer: &#8222;Wir wollen Entspannung, Entspannung bis in alle Ewigkeit.&#8220; Geleitet wird die Klinik von den majest\u00e4tisch auftretenden ehemaligen Fassbinder-Schauspielerinnen Margit Carstensen und Irm Hermann, die hier den imposanten Namen Ann Katrin Shiva Kosma Irma Sherman tr\u00e4gt. In Hochform agiert Joachim Meyerhoff; Fritzi Haberlandt \u00fcberzeugt als dessen Verlobte. Schlingensief selbst, der \u00fcblicherweise als Conf\u00e9rencier durch seine Theaterabende f\u00fchrt, erlaubt sich nur einen kurzen Auftritt, der nachhaltig Ersch\u00fctterung ausl\u00f6st: Der Regisseur tr\u00e4gt Krankenakten Krebskranker vor.<\/p>\n<p><strong>Flucht nach Afrika<\/strong><\/p>\n<p>Joachim Meyerhoff gelangt im Lauf des Abends zu folgender Erkenntnis: Potenzielle Heilung liegt in der Liebe, der Kreativit\u00e4t \u2013 und der Flucht nach Afrika: &#8222;Wenn man in Afrika ungl\u00fccklich ist, ist man immer noch gl\u00fccklicher, als wenn man in Europa gl\u00fccklich ist&#8220;, hei\u00dft es im St\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein Opernhaus f\u00fcr Afrika, das Schlingensief tats\u00e4chlich gr\u00fcnden m\u00f6chte, wird im letzten Akt von &#8222;Mea Culpa&#8220; er\u00f6ffnet und erweist sich f\u00fcr die Figuren als Rettungsanker vor Leid und Untergang.<\/p>\n<p>Das Nachdenken \u00fcber den Tod ist auch oft ein Nachsinnen \u00fcber das Leben. Das Sterbenm\u00fcssen und Lebenwollen, von dem der Abend dominiert wird, f\u00fchrt eindrucksvoll vor Augen, wie das finale Ringen mit der Endlichkeit Lebensfreude und Daseinintensit\u00e4t f\u00f6rdern kann.<\/p>\n<p>Vorhang, nicht enden wollender Applaus.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Wiener Zeitung, Printausgabe vom Dienstag, 24. M\u00e4rz 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Spiel mit dem Tod: Schlingensiefs ReadyMadeOper &#8222;Mea Culpa&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/334"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=334"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/334\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}