{"id":331,"date":"2009-03-21T02:03:19","date_gmt":"2009-03-21T00:03:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=331"},"modified":"2009-03-21T02:03:19","modified_gmt":"2009-03-21T00:03:19","slug":"erlosung-ist-fur-mich-ein-albtraum-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=331","title":{"rendered":"\u00bbERL\u00d6SUNG IST F\u00dcR MICH EIN ALBTRAUM\u00ab (DIE PRESSE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Diesen Freitag hat am Burgtheater Christoph Schlingensiefs \u201eReady-Made-Oper\u201c \u201eMea Culpa\u201c Premiere. \u201eDie Presse\u201c traf den K\u00fcnstler w\u00e4hrend der Proben und sprach mit ihm \u00fcber die Grenzen zwischen Kunst und Leben.<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Die Presse:<\/strong> Ihr \u00f6ffentlicher Umgang mit Ihrer Krebserkrankung ist manchmal nicht leicht zu ertragen, diese ganzen Interviews, in denen Sie detailliert den Verlauf beschreiben, Sie bedienen f\u00fcr mich damit vor allem den Voyeurismus des Boulevards. Und im katholischen \u00d6sterreich pr\u00e4feriert man sowieso eher das stille Leiden und Dulden.<\/p>\n<p><strong>Christoph Schlingensief:<\/strong> Diese Zeitung ist Boulevard? Ich finde das Augen-Zuhalten und So-Tun, als w\u00e4re nichts, nicht bewundernswert, glaube auch nicht, dass das zur Heilung f\u00fchrt. Und ich tue im Moment alles, was zur Heilung f\u00fchrt. F\u00fcr mich war es eben super wichtig, dass ich mir die Krankheit bewusst mache und dass ich das dokumentiere. Ich habe auch zahlreiche E-Mails und Briefe gekriegt von Leuten, die einfach nur wissen wollen, an wen sie sich wenden k\u00f6nnen. Ich habe einen sehr guten anthroposophischen Arzt, Dr. Grah. Und nat\u00fcrlich habe ich meine Tablette, die ich nehme, die habe ich auch empfohlen.<\/p>\n<p><strong>Dass Reden hilft, okay. Aber die Frage ist doch immer, mit wem?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich habe sehr bald gesp\u00fcrt, dass es einen Unterschied gibt \u2013 in den Interviews, dieser \u201eHeiligmachung\u201c, und dem, was ich in Duisburg gemacht habe (\u201eEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c, im September bei der Ruhrtriennale, Anm.). Das besteht dann nicht daraus, dass der Schlingensief jetzt M\u00e4rtyrer Nummer eins ist und aus seinem N\u00e4hk\u00e4stchen berichtet. Sondern auf der B\u00fchne geht es um das Bild, auch hier im Burgtheater. Hier geht es wieder einen Schritt weiter: Ich sage, ich war kurz in Ber\u00fchrung mit dem Tod, war schon im festen Glauben, es geht zu Ende, und es sah auch nicht gut aus, weil ich Metastasen gehabt habe. Die sind weg, aber ich bin misstrauisch. Es geht mir jetzt darum, dass ich hierbleiben will. Das ist f\u00fcr mich ganz wichtig geworden seit einer Embolie, durch die pl\u00f6tzlich wieder gar nichts mehr ging und eine Woche alles unsicher war. Da war f\u00fcr mich klar \u2013 ich bleibe hier. Seither sind alle Gedanken an einen Selbstmord weg, ich will leben, hier leben. Hier kann ich mit all den Vorgaben und Ma\u00dfgaben arbeiten und denken und handeln, die mir bekannt sind. Ich habe keine Lust auf die katholische Nummer mit dem Jenseits jetzt schon.<\/p>\n<p><strong>Dabei wurden Sie in einem Text gerade erst als \u201egl\u00fchender Katholik\u201c bezeichnet!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Es wurde auch geschrieben, dass es in \u201eMea Culpa\u201c um Erl\u00f6sung geht. Um Erl\u00f6sung geht es mir \u00fcberhaupt nicht, Erl\u00f6sung ist f\u00fcr mich ein Albtraum.<\/p>\n<p><strong>Also keine Erl\u00f6sung, keine Himmelsfahrt am Ende der Oper?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Nein, ich will diese angelernte Erl\u00f6sung nicht haben, ich brauche die nicht. F\u00fcr mich ist das \u00fcberhaupt kein Begriff, keine Suche. Ich will einfach die Situation des Hier-Lebens, des Bestimmens, die will ich haben. Und was ich dar\u00fcber berichte, ist mein eigenes Bier. Und ich merke jetzt erst wieder \u2013 alles, was ich dar\u00fcber dokumentiert habe, kommt mir zugute, hat mir nicht geschadet, und was andere dar\u00fcber schreiben, auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Also doch nicht katholisch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Was wollen Sie denn?<\/p>\n<p> <strong>Agnostisch? Atheistisch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich sage nur: Ich bleibe hier und k\u00e4mpfe darum und mache hier jetzt weiter. Weil diese M\u00f6glichkeiten, die ich jetzt habe, Dinge zu \u00e4ndern, auf die Bahn zu bringen, umzubauen, die habe ich noch nie so gut gehabt wie jetzt. Ich n\u00fctze das auch und dabei geht es mir nicht um mein Denkmal, meine B\u00f6rsenwerte oder was wei\u00df ich, was die anderen so veranstalten. Ich m\u00f6chte an meiner Arbeit dranbleiben. Die Kreativit\u00e4t ist ein Weg, sich der Krankheit zu verweigern.<\/p>\n<p><strong>Als Ihre Erkrankung bekannt wurde, haben Sie verboten, dass dar\u00fcber berichtet wird, es wurde sogar mit Geldstrafen gedroht. Jetzt reden Sie in allen Medien dar\u00fcber. Was ist dazwischen passiert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich habe vom Verbot erst nach meiner Operation erfahren, das hat meine Freundin veranlasst, weil sie damit nicht klarkam, dass am Gang die \u201eBild\u201c-Zeitung herumlief und der \u201eSpiegel\u201c beim Arzt anrief, wie die Operation verlaufen ist. Ich habe das dann auch f\u00fcr gut empfunden. Ich will \u00fcber die Informationen selber entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Ihre Ausstellung in Innsbruck vor einem Jahr hatte etwas unheimlich Prophetisches, ein an Ihre Drehb\u00fchnen erinnernder Rundweg, der von ihrem Besuch in Nepal erz\u00e4hlte, von Krankenh\u00e4usern, vom Sterben. Wie erkl\u00e4ren Sie sich diese Vorahnung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich habe damals in Nepal ins G\u00e4stebuch eines Kinderheims geschrieben: \u201eAuf dass die kreisenden Gedanken wieder einen Grund finden.\u201c Damals habe ich gemerkt, dass es das nicht sein kann, dauernd herumgereicht zu werden, dauernd diese Kunstnummern zu machen. Dann kam der Schlag, ich kam zur\u00fcck und habe das Ergebnis der Untersuchung bekommen. Das alles hat f\u00fcr mich Bedeutung, hat f\u00fcr mich eine Dramaturgie, ist kein Zufall, sondern eine Geschichte, die ich schreibe. Diese wahrzunehmen hatte ich immer schon in mir, jetzt nehme ich sie nur ein bisschen genauer wahr. Das G\u00e4stebuch wollte ich aber nicht in der Ausstellung haben, das fand ich im Kunstkontext totalen Schwachsinn, so wie Sophie Calle ihre sterbende Mutter filmte. Wobei ich das jetzt eher verstehen kann.<\/p>\n<p><strong>Wo ist f\u00fcr Sie die Grenze zwischen Kunst und Leben? Es gibt dar\u00fcber immer wieder Diskussionen, der K\u00fcnstler Gregor Schneider etwa hat \u00fcberlegt, einen Sterbenden auszustellen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Davon halte ich gar nichts. Was bildet sich der K\u00fcnstler denn ein, dass er hier tut? Ich habe so etwas schon einmal bei \u201eTalk 2000\u201c (TV-Talkshow Schlingensiefs 1997, Anm.) gemacht, da habe ich in der Sendung einmal umgeschaltet zu der Geburt eines Kalbes und dann zu einem Krankenhaus, zu einem Mann, der stirbt.<\/p>\n<p><strong>Ist er wirklich gestorben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Nein. Ich finde das zu offensichtlich. Mich interessiert viel mehr dieser Hamburger, der Sterbehilfe praktiziert und das im Internet zeigt. Hier wird etwas getan f\u00fcr jemanden, der Schmerzen hat und nicht mehr will. Vorausgesetzt, es geht nicht ums Gesch\u00e4ft, sondern um ein Sterben in W\u00fcrde und ohne Schmerz.<\/p>\n<p><strong>Sie st\u00f6rt also das \u201el&#8217;art pour l&#8217;art\u201c?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ja, wozu, was soll das? Ich kann da nicht mit.<\/p>\n<p><strong>Welche \u201eMea Culpa\u201c meinen Sie eigentlich beim Titel Ihrer Oper?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Es klingt ironisch, aber eigentlich beschreibt es diesen peinlichen Moment, wo man sich als Kranker peinlich f\u00fchlt. Oder wo sich der Gesunde gegen\u00fcber dem Kranken peinlich f\u00fchlt. Eine Schuld ohne Berechtigung. Wenn ich etwa die Treppe hochlaufe, meine Assistentin doppelt so schnell ist, dann stehen bleibt und sich entschuldigt. Und ich das \u00fcberhaupt nicht registriert habe. Dann wird es f\u00fcr uns beide peinlich. Wie soll man sich da verhalten?<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich Ihre Arbeit zuletzt ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Es ist gut, dass ich jetzt am Regiepult sitze und nicht mehr herumspringe und herumhaste. Das muss ich erst einmal lernen, aber der K\u00f6rper hat daran Gefallen gefunden. Ich mag es, wie ich anders mit der Sprache umgehe, mit dem Laut und Leise. Ich mag es, wie ich mit der Musik umgehe, das wird immer st\u00e4rker, weil ich die Welt jetzt immer mehr als Konzert erlebe. Ich habe etwa Freunde verloren, weil ich ihre Sprache akustisch nicht mehr aushielt.<\/p>\n<p><strong>Auch im Burgtheater wird es eine Drehb\u00fchne geben, wie schon 2006 bei Ihrer Animatografen-Installation hier, nur eben nicht mehr begehbar f\u00fcr das Publikum. Ist dieser R\u00fcckzug auf die B\u00fchne ein Zeichen der Distanz?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Es ist hier so, wie es ist. Eine Installation w\u00e4re mir jetzt aber auch zu viel. Ich mag es momentan, am Regiepult zu sitzen. Es ist ein gro\u00dfes Bild &#8230; Ich bin eigentlich auf dem Weg zum Film.<\/p>\n<p> <strong>Also wieder st\u00e4rker zu dem Medium zur\u00fcck, mit dem Sie angefangen haben. Was bedeutet der Zusatz \u201eEine Ready-Made-Oper\u201c? Meinen Sie mit \u201eReady-Made\u201c Ihre Biografie, die in anderem Umfeld, auf der B\u00fchne, zur Kunst wird?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Das kommt noch von Bayreuth, vom Pissoir, das wollte Wolfgang Wagner unbedingt raushaben. Duchamps Pissoir hat er nicht verstanden. W\u00e4re es auf dem Kopf gestanden, h\u00e4tte er es vielleicht noch akzeptiert. Aber in der Erinnerung hier an der Burg bildet sich das eigentlich Individuelle wieder sehr allt\u00e4glich ab. Wenn da eine 82-j\u00e4hrige Operns\u00e4ngerin den Liebestod singt, dann ist das h\u00f6chste Kunst und gr\u00f6\u00dfte Trauer, gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck, gerade weil sie anders klingt als Waltraud Meier. Sowohl meine Texte als auch die Texte anderer zeigen pl\u00f6tzlich, wie unterschiedlich diese Realit\u00e4t f\u00fcr jeden dasteht. Darum lese und h\u00f6re ich auch gerne von anderen. Vieles ist gleich, ein Abbild der Realit\u00e4t, und doch ganz anders. Die Wahrheit.<\/p>\n<p><strong>Ein gro\u00dfes Wort. Was kann dem noch folgen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich suche Leute, die mir helfen, meine Idee von einem Festspielhaus in Afrika zu realisieren. Ein lang erdachter Traum einer Austauschstation zwischen uns und dem afrikanischen Kontinent. Ein Ort mit Probeb\u00fchnen, Pension, Restaurant, Krankenhaus und Schule. Dort zu leben und zu arbeiten, jungen Leuten die M\u00f6glichkeit zu geben, dass sie Afrika auch l\u00e4nger kennenlernen und diesen kulturellen Reichtum kennenlernen, das ist mein gr\u00f6\u00dfter Traum. Das l\u00e4sst mich am Leben!<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>18.03.2009,  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Freitag hat am Burgtheater Christoph Schlingensiefs \u201eReady-Made-Oper\u201c \u201eMea Culpa\u201c Premiere. \u201eDie Presse\u201c traf den K\u00fcnstler w\u00e4hrend der Proben und sprach mit ihm \u00fcber die Grenzen zwischen Kunst und Leben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=331"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}