{"id":329,"date":"2009-03-13T23:08:52","date_gmt":"2009-03-13T21:08:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=329"},"modified":"2009-03-13T23:08:52","modified_gmt":"2009-03-13T21:08:52","slug":"wie-bei-einer-fahrt-gegen-die-wand-profilat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=329","title":{"rendered":"\u00bbWIE BEI EINER FAHRT GEGEN DIE WAND\u00ab (PROFIL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber Wagners Obsz\u00f6nit\u00e4t, sinnlosen Theaterrealismus und den Umgang mit seiner Krankheit.<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Interview: Stefan Grissemann, Peter Schneeberger<\/em><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>profil: Der Arbeitstitel Ihrer neuen Oper lautet: \u201eMea culpa\u201c. Woran genau sind Sie schuld?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Es ist das Vakuum der Schuld, das ich hier meine. Das Normalsein ist futsch. Und somit f\u00fchle ich mich an fast allem schuld, zum Beispiel daran, dass ich im gesellschaftlichen Leben nicht mehr alles hinkriege. Ich habe keine Kraft mehr, bis Mitternacht noch mit Leuten herumzusitzen. Meine Freundin ist 20 Jahre j\u00fcnger als ich, nat\u00fcrlich will sie mit mir ausgehen, aber das bedeutet f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Anstrengung. Da gehe ich lieber fr\u00fch ins Bett, lese oder suche nach neuer Musik. Meine Zeit ist mir sowieso wichtiger als fr\u00fcher. Wenn mich jemand nervt oder zuquatscht, kann es sein, dass ich einfach gehe. Das h\u00e4tte ich fr\u00fcher nicht gemacht.<\/p>\n<p><strong>profil: Mit Schuld hat das doch alles nichts zu tun.<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Nennen Sie mir den, der sich gerade bei so einer diffusen Krankheit wie Krebs nicht in irgendeiner Art und Weise schuldig f\u00fchlt! Auch im Hinblick auf die Anforderungen, die man pl\u00f6tzlich an seine Freunde stellt: \u201eBitte helft mir, lasst mich nicht allein.\u201c Ich habe ja nicht geraucht, und Krebs ist in meiner Familie bislang nicht vorgekommen. Worauf soll ich den Krebs also schieben? Wie kann so was passieren? Wie kommt so ein System ins Schleudern, wie entarten die Zellen? Ich glaube fest daran, dass gerade beim Krebs ein Missverh\u00e4ltnis zwischen der Psyche und dem Immunsystem besteht.<\/p>\n<p><strong>profil: Das alles werden Sie in Ihrer Arbeit auch in Wien wieder thematisieren?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, wobei ich da etwas behaupte, was ich noch gar nicht behaupten kann: dass ich im Augenblick n\u00e4mlich wei\u00df, dass ich wieder ganz gut da bin. Diese Gewissheit hatte ich letzten September noch nicht. Da war ich zwar bestrahlt und durchchemisiert, aber deshalb war auch jeder Schritt etwas Neues. Inzwischen habe ich mich dran gew\u00f6hnt, dass manches nicht so klappt, dass sich die Haare komisch anf\u00fchlen und da und dort seltsame Entz\u00fcndungen auftreten. Ich war mit meiner Embolie ganz knapp vorm Sterben. Nachdem der Krebs wegoperiert war, kamen die Metastasen \u2013 und kurz nach Weihnachten ergab die Computertomografie, dass ich keine Metas\u00adtasen mehr habe. Nat\u00fcrlich wei\u00df man nicht, ob sie wiederkommen, wenn ich das Mittel absetze, das ich gerade nehme. Aber ich sag mal: Jetzt bin ich wieder da \u2013 und die Tr\u00e4ume ver\u00e4ndern sich schon.<\/p>\n<p><strong>profil: Inwiefern?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich hatte lange das Gef\u00fchl, mein verstorbener Vater wolle mich nachziehen. Er starb vor eineinhalb Jahren, kurz danach hatte meine Mutter einen Schlaganfall, ein Jahr sp\u00e4ter bekam ich die Krebsdiagnose. Es kam mir manchmal wirklich so vor, als w\u00fcrde er alles daransetzen, uns zu sich zu holen. Inzwischen kann ich um ihn trauern. Ich bin also wieder auf der Erde angekommen, aber ich schaue die Dinge jetzt anders an. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich den Tod gesehen habe und dass das jetzt auch erst mal reicht.<\/p>\n<p><strong>profil: Woher nimmt ein Intellektueller wie Sie so viel Irrationalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich glaube, den drohenden Tod ausschlie\u00dflich rational angehen zu wollen ist selbst ziemlich irrational. Das ist eine absolut emotionale Angelegenheit: ein permanentes Suchen nach Gr\u00fcnden und nach Strohhalmen, an die man sich klammern kann. Im letzten Jahr sind Dinge passiert, wenn ich auf die nicht romantisch oder spirituell reagiert h\u00e4tte, ich w\u00fcsste nicht, wie ich sie durchgestanden h\u00e4tte. Ich glaube, dass ein rationaler Blick auf den Tod nur Menschen m\u00f6glich ist, die ihm noch nicht begegnet sind. Und der k\u00fchle Sachliche war ich sowieso noch nie.<\/p>\n<p><strong>profil: Daher suchen Sie weiterhin nach Antworten auf die Schuldfrage?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Letztlich bringt das nat\u00fcrlich nichts: Wer oder was soll daran schon schuld sein? Bayreuth ist nicht schuld, und Papa ist nicht schuld. Das Irrationale liegt in dem Willen, etwas zu begreifen, das man nicht begreifen kann. Man kann nicht verstehen, was einen so aus der Bahn wirft, wie man da von 380 Stundenkilometern auf null abgebremst wird, wie bei einer Fahrt gegen die Wand. Und ich werde die fixe Idee nicht los, dass ich meine Grenzen falsch eingesch\u00e4tzt habe und deshalb selber schuld bin. Vielleicht ist mir das auch lieber, als den puren Zufall verantwortlich zu machen. Ich habe gegen die \u00c4rzte gewettert und gek\u00e4mpft, die immer meinten, die Krankheit werde mein Leben komplett \u00ad\u00e4ndern: Es hat sich nur zum Teil so entwickelt, wie sie prophezeit haben. Vieles ist neu, sehr anders als fr\u00fcher, aber dadurch auch viel intensiver und sogar sch\u00f6ner. Die Schulmediziner wollen einem viel Angst machen oder eben: keine allzu gro\u00dfen Hoffnungen. Aber das ist falsch. Der Mensch lebt doch gerade wegen seiner Illusionsf\u00e4higkeit. Wer will ihm absprechen, dass er \u00fcber sich hinauswachsen kann?<\/p>\n<p><strong>profil: \u201eMea culpa\u201c wird, \u00e4hnlich wie Ihr \u201eParsifal\u201c, auf einer Bretterverschlag-Drehb\u00fchne stattfinden. Was bedeuten \u00adIhnen diese Rohbauten?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Mir sind die fertigen Zimmerchen auf den Theaterb\u00fchnen oft zu viel des Guten. In Peter Zadeks Inszenierung von \u201eRosmersholm\u201c etwa spielte man wie hinter Glas; aber bei den Dekorationsst\u00fccken sah man, wie oft die schon transportiert worden waren. Da waren unten die Ecken abgeschlagen, alles war leicht ramponiert \u2013 und darin spielten die Akteure leibhaftiges Leben. Ich brauche dieses alte Theater nicht mehr, den Samt auf der B\u00fchne, dass da \u00fcberall das echte St\u00f6ffchen ist, immer in dem Glauben, dass man in so was noch besser singt oder noch toller spielt. Das ist vorbei. Selbst die Unterhosenfabrik Castorfs hat da kein Gegengef\u00fchl mehr erzeugen k\u00f6nnen: Der Samt kam nicht mehr in Mode. Andererseits: Ein Film wie Lars von Triers \u201eDogville\u201c, der nur noch auf einer kahlen B\u00fchne spielt, ist mir schon wieder zu wenig.<\/p>\n<p><strong>profil: Hat Ihre Bayreuth-Inszenierung Sie so nachhaltig gepr\u00e4gt?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: F\u00fcr mich hat sich Bayreuth wirklich desillusioniert. Dorthin f\u00e4hrt man nicht, um zu leben, sondern um zu sterben. Dort sitzt f\u00fcr immer der Hitler und spielt schon mal die G\u00f6tterd\u00e4mmerung durch. Das werfe ich dem Bayreuth-Kollektiv schon vor: Man kommt allj\u00e4hrlich zusammen, um sich kritiklos in diesem Schweinkram zu suhlen, den Wagner sich ausgedacht hat und der ja auch wirklich ber\u00fchrt und Seelen zers\u00e4gen kann; da f\u00e4llt der Mensch ganz schnell drauf rein. Man ist voll erregt und stirbt als Wagnerianer mit erhobenem Zeigefinger im Gemeinschaftssaal alleine. Und man sp\u00fcrt sogar in diesem einzelnen Sterben noch das Kollektiv. Das ist genau, was Krieg und Faschismus als Endvorstellung haben. Ich meine, dass mir ein Kollektiv nicht helfen kann, dass mir noch nicht mal eine Einzelperson helfen kann. Denn der Abgang ist blo\u00df: eiskaltes H\u00e4ndchen. Da ist nichts mehr. Da geht es dann einfach ab. Und dieses Abschiednehmen ist ein gro\u00dfer Schmerz. Der gr\u00f6\u00dfte nach der Geburt.<\/p>\n<p><strong>profil: Sie wirken gar nicht so pessimistisch, wie das klingt.<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Na ja, im Moment geht es mir auch gut. Aber in meinen verzweifelten Momenten, die ich jede Woche anderthalb Tage lang habe, ist alles am Ende. Da geht gar nichts mehr, da kriegt mich niemand aus dem Bett, es gibt nicht den Funken einer Lebenslust. Das ist wie ein schwarzes Loch, das alles wegzieht. Da kann mich auch die Kunst, die schon so hineingewachsen ist in mein System, nicht mehr reizen.<\/p>\n<p><strong>profil: Bei Wagner, den Sie in \u201eMea culpa\u201c ausgiebig zitieren, spielt die Erl\u00f6sung keine kleine Rolle. Haben Sie das Gef\u00fchl, erl\u00f6st werden zu m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, nein. Erl\u00f6sung ist das Schrecklichste und Einsamste, was es gibt. Ich bin mittlerweile ein absoluter Gegner der Erl\u00f6sung. Sie f\u00fchrt immer zur Katastrophe, weil der zu Erl\u00f6sende einen supereinsamen Trip antritt. Erl\u00f6sung ist etwas, das in Todesanzeigen \u00adstehen sollte und sonst nirgends.<\/p>\n<p><strong>profil: Die Erl\u00f6sung ist doch ein alter Traum des Katholizismus und der Oper.<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Das kann man vergessen. Die Erl\u00f6sung wird genauso missbraucht wie das Mitleid. Das habe ich 1985 schon in \u201eMenu total\u201c thematisiert. Da gab\u2019s das von Alfred Edel und Dietrich Kuhlbrodt gesungene Lied: \u201eKommet das Erl\u00f6serlein, so frisst es nur die Eltern dein, und nicht aus Hass und Sorgenqual, sondern weil es schmeckt, das feine Mahl.\u201c Das reimt sich nat\u00fcrlich \u2013 wie bei Wagner auch \u2013 nur bedingt. Am Ende standen in meinem Film alle umgebrachten Verwandten wieder auf: Das war f\u00fcr mich die Erl\u00f6sung. Aber es ist seltsam: Ich habe gar keine Lust, jetzt meinen Vater wieder\u00adzusehen. Allenfalls Luis Bu\u00f1uel w\u00fcrde ich gerne treffen. Solche \u00dcberlegungen hatte ich zeitweise schon: Wen w\u00fcrde ich gerne im Jenseits treffen?<\/p>\n<p>Interview: Stefan Grissemann, Peter Schneeberger<\/p>\n<p>profil: Der Arbeitstitel Ihrer neuen Oper lautet: \u201eMea culpa\u201c. Woran genau sind Sie schuld?<br \/>\nSchlingensief: Es ist das Vakuum der Schuld, das ich hier meine. Das Normalsein ist futsch. Und somit f\u00fchle ich mich an fast allem schuld, zum Beispiel daran, dass ich im gesellschaftlichen Leben nicht mehr alles hinkriege. Ich habe keine Kraft mehr, bis Mitternacht noch mit Leuten herumzusitzen. Meine Freundin ist 20 Jahre j\u00fcnger als ich, nat\u00fcrlich will sie mit mir ausgehen, aber das bedeutet f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Anstrengung. Da gehe ich lieber fr\u00fch ins Bett, lese oder suche nach neuer Musik. Meine Zeit ist mir sowieso wichtiger als fr\u00fcher. Wenn mich jemand nervt oder zuquatscht, kann es sein, dass ich einfach gehe. Das h\u00e4tte ich fr\u00fcher nicht gemacht.<\/p>\n<p>profil: Mit Schuld hat das doch alles nichts zu tun.<br \/>\nSchlingensief: Nennen Sie mir den, der sich gerade bei so einer diffusen Krankheit wie Krebs nicht in irgendeiner Art und Weise schuldig f\u00fchlt! Auch im Hinblick auf die Anforderungen, die man pl\u00f6tzlich an seine Freunde stellt: \u201eBitte helft mir, lasst mich nicht allein.\u201c Ich habe ja nicht geraucht, und Krebs ist in meiner Familie bislang nicht vorgekommen. Worauf soll ich den Krebs also schieben? Wie kann so was passieren? Wie kommt so ein System ins Schleudern, wie entarten die Zellen? Ich glaube fest daran, dass gerade beim Krebs ein Missverh\u00e4ltnis zwischen der Psyche und dem Immunsystem besteht.<\/p>\n<p>profil: Das alles werden Sie in Ihrer Arbeit auch in Wien wieder thematisieren?<br \/>\nSchlingensief: Ja, wobei ich da etwas behaupte, was ich noch gar nicht behaupten kann: dass ich im Augenblick n\u00e4mlich wei\u00df, dass ich wieder ganz gut da bin. Diese Gewissheit hatte ich letzten September noch nicht. Da war ich zwar bestrahlt und durchchemisiert, aber deshalb war auch jeder Schritt etwas Neues. Inzwischen habe ich mich dran gew\u00f6hnt, dass manches nicht so klappt, dass sich die Haare komisch anf\u00fchlen und da und dort seltsame Entz\u00fcndungen auftreten. Ich war mit meiner Embolie ganz knapp vorm Sterben. Nachdem der Krebs wegoperiert war, kamen die Metastasen \u2013 und kurz nach Weihnachten ergab die Computertomografie, dass ich keine Metas\u00adtasen mehr habe. Nat\u00fcrlich wei\u00df man nicht, ob sie wiederkommen, wenn ich das Mittel absetze, das ich gerade nehme. Aber ich sag mal: Jetzt bin ich wieder da \u2013 und die Tr\u00e4ume ver\u00e4ndern sich schon.<\/p>\n<p>profil: Inwiefern?<br \/>\nSchlingensief: Ich hatte lange das Gef\u00fchl, mein verstorbener Vater wolle mich nachziehen. Er starb vor eineinhalb Jahren, kurz danach hatte meine Mutter einen Schlaganfall, ein Jahr sp\u00e4ter bekam ich die Krebsdiagnose. Es kam mir manchmal wirklich so vor, als w\u00fcrde er alles daransetzen, uns zu sich zu holen. Inzwischen kann ich um ihn trauern. Ich bin also wieder auf der Erde angekommen, aber ich schaue die Dinge jetzt anders an. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich den Tod gesehen habe und dass das jetzt auch erst mal reicht.<\/p>\n<p>profil: Woher nimmt ein Intellektueller wie Sie so viel Irrationalismus?<br \/>\nSchlingensief: Ich glaube, den drohenden Tod ausschlie\u00dflich rational angehen zu wollen ist selbst ziemlich irrational. Das ist eine absolut emotionale Angelegenheit: ein permanentes Suchen nach Gr\u00fcnden und nach Strohhalmen, an die man sich klammern kann. Im letzten Jahr sind Dinge passiert, wenn ich auf die nicht romantisch oder spirituell reagiert h\u00e4tte, ich w\u00fcsste nicht, wie ich sie durchgestanden h\u00e4tte. Ich glaube, dass ein rationaler Blick auf den Tod nur Menschen m\u00f6glich ist, die ihm noch nicht begegnet sind. Und der k\u00fchle Sachliche war ich sowieso noch nie.<\/p>\n<p>profil: Daher suchen Sie weiterhin nach Antworten auf die Schuldfrage?<br \/>\nSchlingensief: Letztlich bringt das nat\u00fcrlich nichts: Wer oder was soll daran schon schuld sein? Bayreuth ist nicht schuld, und Papa ist nicht schuld. Das Irrationale liegt in dem Willen, etwas zu begreifen, das man nicht begreifen kann. Man kann nicht verstehen, was einen so aus der Bahn wirft, wie man da von 380 Stundenkilometern auf null abgebremst wird, wie bei einer Fahrt gegen die Wand. Und ich werde die fixe Idee nicht los, dass ich meine Grenzen falsch eingesch\u00e4tzt habe und deshalb selber schuld bin. Vielleicht ist mir das auch lieber, als den puren Zufall verantwortlich zu machen. Ich habe gegen die \u00c4rzte gewettert und gek\u00e4mpft, die immer meinten, die Krankheit werde mein Leben komplett \u00ad\u00e4ndern: Es hat sich nur zum Teil so entwickelt, wie sie prophezeit haben. Vieles ist neu, sehr anders als fr\u00fcher, aber dadurch auch viel intensiver und sogar sch\u00f6ner. Die Schulmediziner wollen einem viel Angst machen oder eben: keine allzu gro\u00dfen Hoffnungen. Aber das ist falsch. Der Mensch lebt doch gerade wegen seiner Illusionsf\u00e4higkeit. Wer will ihm absprechen, dass er \u00fcber sich hinauswachsen kann?<\/p>\n<p>profil: \u201eMea culpa\u201c wird, \u00e4hnlich wie Ihr \u201eParsifal\u201c, auf einer Bretterverschlag-Drehb\u00fchne stattfinden. Was bedeuten \u00adIhnen diese Rohbauten?<br \/>\nSchlingensief: Mir sind die fertigen Zimmerchen auf den Theaterb\u00fchnen oft zu viel des Guten. In Peter Zadeks Inszenierung von \u201eRosmersholm\u201c etwa spielte man wie hinter Glas; aber bei den Dekorationsst\u00fccken sah man, wie oft die schon transportiert worden waren. Da waren unten die Ecken abgeschlagen, alles war leicht ramponiert \u2013 und darin spielten die Akteure leibhaftiges Leben. Ich brauche dieses alte Theater nicht mehr, den Samt auf der B\u00fchne, dass da \u00fcberall das echte St\u00f6ffchen ist, immer in dem Glauben, dass man in so was noch besser singt oder noch toller spielt. Das ist vorbei. Selbst die Unterhosenfabrik Castorfs hat da kein Gegengef\u00fchl mehr erzeugen k\u00f6nnen: Der Samt kam nicht mehr in Mode. Andererseits: Ein Film wie Lars von Triers \u201eDogville\u201c, der nur noch auf einer kahlen B\u00fchne spielt, ist mir schon wieder zu wenig.<\/p>\n<p>profil: Hat Ihre Bayreuth-Inszenierung Sie so nachhaltig gepr\u00e4gt?<br \/>\nSchlingensief: F\u00fcr mich hat sich Bayreuth wirklich desillusioniert. Dorthin f\u00e4hrt man nicht, um zu leben, sondern um zu sterben. Dort sitzt f\u00fcr immer der Hitler und spielt schon mal die G\u00f6tterd\u00e4mmerung durch. Das werfe ich dem Bayreuth-Kollektiv schon vor: Man kommt allj\u00e4hrlich zusammen, um sich kritiklos in diesem Schweinkram zu suhlen, den Wagner sich ausgedacht hat und der ja auch wirklich ber\u00fchrt und Seelen zers\u00e4gen kann; da f\u00e4llt der Mensch ganz schnell drauf rein. Man ist voll erregt und stirbt als Wagnerianer mit erhobenem Zeigefinger im Gemeinschaftssaal alleine. Und man sp\u00fcrt sogar in diesem einzelnen Sterben noch das Kollektiv. Das ist genau, was Krieg und Faschismus als Endvorstellung haben. Ich meine, dass mir ein Kollektiv nicht helfen kann, dass mir noch nicht mal eine Einzelperson helfen kann. Denn der Abgang ist blo\u00df: eiskaltes H\u00e4ndchen. Da ist nichts mehr. Da geht es dann einfach ab. Und dieses Abschiednehmen ist ein gro\u00dfer Schmerz. Der gr\u00f6\u00dfte nach der Geburt.<\/p>\n<p>profil: Sie wirken gar nicht so pessimistisch, wie das klingt.<br \/>\nSchlingensief: Na ja, im Moment geht es mir auch gut. Aber in meinen verzweifelten Momenten, die ich jede Woche anderthalb Tage lang habe, ist alles am Ende. Da geht gar nichts mehr, da kriegt mich niemand aus dem Bett, es gibt nicht den Funken einer Lebenslust. Das ist wie ein schwarzes Loch, das alles wegzieht. Da kann mich auch die Kunst, die schon so hineingewachsen ist in mein System, nicht mehr reizen.<\/p>\n<p>profil: Bei Wagner, den Sie in \u201eMea culpa\u201c ausgiebig zitieren, spielt die Erl\u00f6sung keine kleine Rolle. Haben Sie das Gef\u00fchl, erl\u00f6st werden zu m\u00fcssen?<br \/>\nSchlingensief: Nein, nein. Erl\u00f6sung ist das Schrecklichste und Einsamste, was es gibt. Ich bin mittlerweile ein absoluter Gegner der Erl\u00f6sung. Sie f\u00fchrt immer zur Katastrophe, weil der zu Erl\u00f6sende einen supereinsamen Trip antritt. Erl\u00f6sung ist etwas, das in Todesanzeigen \u00adstehen sollte und sonst nirgends.<\/p>\n<p>profil: Die Erl\u00f6sung ist doch ein alter Traum des Katholizismus und der Oper.<br \/>\nSchlingensief: Das kann man vergessen. Die Erl\u00f6sung wird genauso missbraucht wie das Mitleid. Das habe ich 1985 schon in \u201eMenu total\u201c thematisiert. Da gab\u2019s das von Alfred Edel und Dietrich Kuhlbrodt gesungene Lied: \u201eKommet das Erl\u00f6serlein, so frisst es nur die Eltern dein, und nicht aus Hass und Sorgenqual, sondern weil es schmeckt, das feine Mahl.\u201c Das reimt sich nat\u00fcrlich \u2013 wie bei Wagner auch \u2013 nur bedingt. Am Ende standen in meinem Film alle umgebrachten Verwandten wieder auf: Das war f\u00fcr mich die Erl\u00f6sung. Aber es ist seltsam: Ich habe gar keine Lust, jetzt meinen Vater wieder\u00adzusehen. Allenfalls Luis Bu\u00f1uel w\u00fcrde ich gerne treffen. Solche \u00dcberlegungen hatte ich zeitweise schon: Wen w\u00fcrde ich gerne im Jenseits treffen?<\/p>\n<p><strong>profil: Und? Wen h\u00e4tten Sie gern getroffen?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Das waren ganz wenige: mal Humboldt ein bisschen \u00fcber die Schulter sp\u00e4hen oder Gandhi beobachten. Aber das waren alles eher nur Autogrammw\u00fcnsche. In meiner Krankheit hatte ich jede Woche ein anderes Thema, f\u00fcr das ich eine Art L\u00f6sung gefunden hatte: nicht die Er-L\u00f6sung, nur eine L\u00f6sung in der Frage, an wen ich mich halten konnte. Einmal war\u2019s eine Physiotherapeutin, die dabei war, als ich einen meiner Heulkr\u00e4mpfe kriegte, der nicht mehr aufh\u00f6rte. Sie sagte: \u201eDie Engel hat Jesus geschickt, damit sie euch auf H\u00e4nden tragen.\u201c Fr\u00fcher h\u00e4tte ich geantwortet: \u201eDas ist ja sch\u00f6n, da w\u00fcnsch ich Ihnen alles Gute\u201c \u2013 und w\u00e4re gegangen. In jenem Moment aber hat mir das geholfen, weil ich jemanden an meiner Seite brauchte, den ich vielleicht nicht sehen konnte, der aber da war und mich auf H\u00e4nden tragen w\u00fcrde. So wurde ich ruhig und konnte schlafen. Das war billiger und wirkungsvoller als ein Wellness-Wochenende. Alles ist erlaubt, was nichts kostet und der Seele hilft.<br \/>\nSchlingensief: Das waren ganz wenige: mal Humboldt ein bisschen \u00fcber die Schulter sp\u00e4hen oder Gandhi beobachten. Aber das waren alles eher nur Autogrammw\u00fcnsche. In meiner Krankheit hatte ich jede Woche ein anderes Thema, f\u00fcr das ich eine Art L\u00f6sung gefunden hatte: nicht die Er-L\u00f6sung, nur eine L\u00f6sung in der Frage, an wen ich mich halten konnte. Einmal war\u2019s eine Physiotherapeutin, die dabei war, als ich einen meiner Heulkr\u00e4mpfe kriegte, der nicht mehr aufh\u00f6rte. Sie sagte: \u201eDie Engel hat Jesus geschickt, damit sie euch auf H\u00e4nden tragen.\u201c Fr\u00fcher h\u00e4tte ich geantwortet: \u201eDas ist ja sch\u00f6n, da w\u00fcnsch ich Ihnen alles Gute\u201c \u2013 und w\u00e4re gegangen. In jenem Moment aber hat mir das geholfen, weil ich jemanden an meiner Seite brauchte, den ich vielleicht nicht sehen konnte, der aber da war und mich auf H\u00e4nden tragen w\u00fcrde. So wurde ich ruhig und konnte schlafen. Das war billiger und wirkungsvoller als ein Wellness-Wochenende. Alles ist erlaubt, was nichts kostet und der Seele hilft.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Quelle: Profil.at, 11.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber Wagners Obsz\u00f6nit\u00e4t, sinnlosen Theaterrealismus und den Umgang mit seiner Krankheit.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/329"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/329\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}