{"id":328,"date":"2009-03-13T22:35:19","date_gmt":"2009-03-13T20:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=328"},"modified":"2009-03-13T22:35:19","modified_gmt":"2009-03-13T20:35:19","slug":"bunuel-hat-es-spass-gemacht-frauenbeine-zu-sehen-nzz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=328","title":{"rendered":"\u00bbBUNUEL HAT ES SPASS GEMACHT, FRAUENBEINE ZU SEHEN\u00ab (NZZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seine 2008 in Duisburg begonnene autobiografische Trilogie f\u00fchrt Christoph Schlingensief am Wiener Burgtheater fort. \u00abMea culpa\u00bb, die \u00abReadymade-Oper\u00bb in drei Akten, entsteht als Work in Progress. <\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Werkstatt<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs ist eine Szene der R\u00fchrung. Mit kleinen, unsicheren Schritten tappt ein greiser Laienschauspieler dem Burgtheater-Riesen Joachim Meyerhoff entgegen. \u00abChristoph!\u00bb \u2013 \u00abPapa!\u00bb, t\u00f6nt es von der Probeb\u00fchne. Vater und Sohn begegnen einander im Himmel, und die Frage steht im Raum: \u00abWas macht man, wenn man sich nach eineinhalb Jahren wieder sieht und der eine tot ist?\u00bb<\/p>\n<p><img class=\"centered_mit_text\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/nzz_foto_soulek.jpg\" width=\"430\"  alt=\"nzz foto soulek\" \/><\/p>\n<div style=\"font-size:10px;font-weight:bold;color:555555;padding-bottom:30px;\">Mehr loben als tadeln \u2013 Christoph Schlingensiefs neue Devise. Probenbild.<br \/>(Foto: Georg Soulek)<\/div>\n<p>In der abgedunkelten Halle des Wiener Arsenals sitzt Christoph Schlingensief hinter seinem Regiepult und schaut milde in die Szene. Noch einmal l\u00e4utet der Provokateur die Glocken seiner \u00abKirche der Angst\u00bb, doch anders als in Duisburg vor einem halben Jahr ist das neue Burgtheater-St\u00fcck kein Requiem f\u00fcr einen Untoten. Es soll \u00abchaotisch und albern\u00bb werden. \u00abHalleluja\u00bb, singt jetzt der Chor. \u00abNoch ein bisschen kr\u00e4ftiger und hysterischer\u00bb h\u00e4tte der Regisseur das gerne.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Profane und heilige Messen<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon ihm selbst handelt Christoph Schlingensiefs Burgtheater-Projekt, das am 20. M\u00e4rz Premiere hat und vorerst den Arbeitstitel \u00abMea culpa\u00bb tr\u00e4gt. Welche Schuld kann denn ein an Lungenkrebs leidender Nichtraucher auf sich geladen haben?, fragt Schlingensief. Das Martyrium seiner Krankheit hat der Multik\u00fcnstler in einer Weise \u00f6ffentlich gemacht, dass die Arbeiten wie \u00e4rztliche Bulletins wirkten. Noch einmal dr\u00f6hnt in Wien das Beuys-Zitat mit schwerem Hall durch den Saal: \u00abWer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.\u00bb<\/p>\n<p>Wie in Schlingensiefs Bayreuther \u00abParsifal\u00bb ist es ein grob gezimmertes Geb\u00e4ude, das da auf der Drehb\u00fchne steht. Die Stationen des Dramas ziehen vorbei. Ein Speisesaal und eine Kathedrale, zerw\u00fchlte Krankenbetten und ein Schreibzimmer. Um Wellness und ums Totsein geht es in \u00abMea culpa\u00bb, um profane und heilige Messen. Auf den Holzplanken steht \u00abWegen Unsterblichkeit geschlossen\u00bb oder \u00abGlaube Liebe Mistel\u00bb. \u00abMea culpa\u00bb ist eine \u00abReadymade-Oper\u00bb, die ihren Synkretismus in aller Lust vorf\u00fchrt. Elfriede Jelinek und Friedrich Nietzsche, Wagner-Musik und afrikanische Trommeln sollen zu einem St\u00fcck kompiliert werden, das in der Probenarbeit immer noch entsteht. Texte werden erst formuliert, ein anschwellendes \u00abNiadiadiadiadiii\u00bb des Chors muss zur Nietzsche-Szene passen.<\/p>\n<p>Die Arbeiten mit der Oper, seine Erfahrungen mit Wagners \u00abParsifal\u00bb und Walter Braunfels&#8216; \u00abJeanne d&#8217;Arc\u00bb haben Schlingensiefs Rhythmus ver\u00e4ndert. Als w\u00fcrde er die Bilder h\u00f6ren, bevor er sie sieht, setzt der einstige Radaumacher auf die Musik. Im Himmel von Schlingensiefs neuer Transzendenz erklingt jetzt Wagners \u00abTristan\u00bb. Die seriellen Kompositionen von Moondog passen zum Flackerlicht der Projektionen. Bilder von halb abstrakt wirkenden Krebszellen beleuchten die Szene oder Ausschnitte aus dem Werk von Wim Wenders. Der Regisseur ist nicht mehr der Berufsjugendliche der Provokation, das Kind in ihm aber lebt: \u00abIrgendwie ist es mit der Musik wie in Kindertagen. Kassette zusammenstellen, Kopfh\u00f6rerchen aufsetzen und dann Verfolgungsjagden im Kopf haben oder Actionfilme. Mit der Musik kommen die Bilder.\u00bb<\/p>\n<p>Schm\u00e4ler und ruhiger ist Christoph Schlingensief geworden. Grauer als bisher stehen ihm die Haare vom Kopf. Die b\u00f6sen Launen der vor \u00fcber einem Jahr diagnostizierten Krebserkrankung haben den 48-J\u00e4hrigen einen Lungenfl\u00fcgel gekostet. Nach einer Embolie war er dem Tod nahe, dann kamen die Metastasen zur\u00fcck. Seit Jahresende weiss Schlingensief, dass die Metastasen verschwunden sind. Auch wenn die Depressionen und die von den Medikamenten verursachte Appetitlosigkeit geblieben sind, ist das ein Schlag gegen alle Prognosen und Anlass zur Hoffnung. Dem Himmel seines St\u00fccks ist Schlingensief vielleicht wieder ferner: \u00abAb dem zweiten Akt wird es sehr ruhig hier. Langsam haben die Schauspieler gemerkt, dass das alles auch Geister sind. Die sind ja alle schon tot, nur Christoph nicht. Dem Christoph im St\u00fcck wird gesagt, du bist hier im Himmel, aber da gibt&#8217;s auch Theater, und du darfst inszenieren. Er denkt aber: Macht mal lieber alleine weiter, ich komme sp\u00e4ter mal hier oben vorbei. Das w\u00e4re jetzt so meine Haltung.\u00bb<\/p>\n<p>Im Jenseits hofft Schlingensief dereinst wenigstens gute Gesellschaft zu haben. \u00abBu\u00f1uel im Himmel zu treffen, da w\u00e4r ich scharf drauf, weil der seine Figuren auch ganz liebevoll beschreibt. Bu\u00f1uel hat es Spass gemacht, Frauenbeine zu sehen, aber er wollte auch die Aufl\u00f6sung des Menschlichen zeigen. Die Leute bei ihm sind sehr alleine. Ich f\u00fchle mich den Filmen sehr verbunden.\u00bb In diesem Sinn sind die Schauspieler bei Schlingensief \u00abLeidensbeauftragte\u00bb. Selten weicht seine neue Sanftheit der Ungeduld. \u00abDenkt doch bitte mal ein bisschen voraus\u00bb, heisst es dann in Richtung B\u00fchne, wo Irm Herrmann, Fritzi Haberland, Mira Partecke und Joachim Meyerhoff stehen. \u00abBeuys hat gesagt: Mehr loben als tadeln! Ich will im Moment weniger einschenken und will auch weniger einstecken m\u00fcssen. Ich war auch auf dem Trip, immer alles runtermachen zu m\u00fcssen, weil man dann interessanter ist. Man findet mich komischerweise jetzt schon in den Inszenierungen von Luc Bondy. Sein <em>LEAR <\/em> hat mich beeindruckt, weil die T\u00f6ne ganz leicht in mein Ohr gekommen sind.\u00bb<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Zwischen Zorn und Spiritualit\u00e4t<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDer Arbeitstitel seines neuen Werks mag von Schuld handeln, seine Schuldigkeit aber hat Christoph Schlingensief noch nicht getan. Aus dem Festspielhaus irgendwo in Afrika soll noch etwas werden. \u00abSo etwas wie Bayreuth, nur ganz aus Lehm!\u00bb Deutschland, sagt Schlingensief, k\u00f6nne ihm gestohlen bleiben: \u00abWas gibt&#8217;s da noch f\u00fcr Themen ausser der Pendlerpauschale. Ich sitze vor dem Fernseher und denke mir: Meine Zeit ist wirklich anders strukturiert. Was reden die Leute da? Man kann das doch alles in drei S\u00e4tzen sagen. Auch im Theater.\u00bb Eine Opel-Oper von Christoph Schlingensief wird es nicht geben. Auch wenn es aus Bayreuth Signale gibt, der Regisseur k\u00f6nne dort vielleicht 2016 wieder etwas machen, hat er keine Lust, auf diesen Feldherrenh\u00fcgel der deutschen Hochkultur zur\u00fcckzukehren. Die Gespenster der Vergangenheit sieht der Regisseur in Bayreuth ihr Wesen treiben. \u00abDort sitzt f\u00fcr immer der Hitler und spielt schon mal die G\u00f6tterd\u00e4mmerung durch\u00bb, hat Schlingensief dieser Tage in einem Zeitungsinterview gesagt.<\/p>\n<p>Um andere Formen des Jenseits wird Schlingensiefs Wiener St\u00fcck kreisen. Es entsteht zwischen Zorn und Spiritualit\u00e4t. Er habe im Krankenbett im Werk des K\u00fcnstlers Dieter Roth gelesen und sich bei Beuys \u00fcber das \u00abLeidwesen\u00bb informiert, sagt Christoph Schlingensief. Am Pathos arbeitet der aufkl\u00e4rerische Antirationalist wie ein Schreiner. Man muss sehen, wie es gemacht ist und woher es kommt. Das Spirituelle will er gerne gelten lassen. \u00abDer K\u00fcnstler darf nur nicht sagen: Hey, ich hab mit Gott gesprochen, und ich sag euch jetzt was.\u00bb<\/p>\n<p>Schlingensiefs grosses Tremolo der Angst, das noch seine letzten St\u00fccke bestimmt hat, ist m\u00f6glicherweise einem heiligen Zittern gewichen. Auf der Probeb\u00fchne stirbt die Figur der Elfi, sie sackt vor dem versammelten Schlingensief-Pand\u00e4monium zusammen, w\u00e4hrend das Licht die Szene wie ein altmeisterliches Tableau wirken l\u00e4sst. \u00abAls Kunst ist es okay\u00bb, sagt der Christoph des St\u00fccks. Wo endet das Leben, wo beginnt die Kunst? Wo ist die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits? \u00abOhne Gehampel! Wie Geister!\u00bb, br\u00fcllt Schlingensief seinen Schauspielern im Dunkel der Halle entgegen. \u00abUnd bitte mehr Knattermusik!\u00bb<\/p>\n<p><em>Text: Paul Jandl; Neue Z\u00fcricher Zeitung, 13.03.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief probt f\u00fcr das Burgtheater sein neues St\u00fcck \u00bbMea culpa\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/328"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=328"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/328\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=328"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=328"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=328"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}