{"id":327,"date":"2009-03-10T15:33:11","date_gmt":"2009-03-10T13:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=327"},"modified":"2009-03-10T15:33:11","modified_gmt":"2009-03-10T13:33:11","slug":"ein-blick-aus-dem-jenseits-ins-hier-news","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=327","title":{"rendered":"EIN BLICK AUS DEM JENSEITS INS HIER (NEWS)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief. Nach der Krebsdiagnose inszeniert er wieder an der Burg. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Angst, den Papst und Francescas Hilfe.<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie Regieanweisungen kommen \u00fcber Mikrofon, und die Stimme klingt fest. Ein schwarzer Vollbart rahmt das ausdrucksstarke, hagere Gesicht ein. Christoph Schlingensief, 48, ist zur\u00fcck in Wien. Im Arsenal, der Probeb\u00fchne des Burgtheaters, bereitet er seine n\u00e4chste Produktion vor: \u201eMea Culpa&#8220;, eine opernhafte Verarbeitung der Angst eines Menschen, der um sein Leben ringt, hat am 20. M\u00e4rz Premiere. Elfriede Jelinek schrieb daf\u00fcr einen Text. Dass er das Projekt \u00fcberhaupt beginnen konnte, war auch f\u00fcr ihn selbst noch vor wenigen Wochen ungewiss. Vor einem Jahr erkrankte er, der nie eine Zigarette geraucht hatte, an Krebs, der ihn den linken Lungenfl\u00fcgel kostete. Kunstm\u00e4zenin Francesca Habsburg brachte ihn zur Spezialbehandlung nach Wien. Im September gl\u00fcckte das Comeback im Rahmen der Ruhrtriennale mit der Aufarbeitung der Krankheit im Oratorium \u201eDie Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; (NEWS berichtete). Im Dezember entdeckte man weitere Metastasen. Schlingensief musste sein Team entlassen und wusste nicht weiter. Francesca von Habsburg sprang ein und finanziert ihm eine Mitarbeiterin. Nun plant er gar ein Opernhaus in Afrika. Und die Unterst\u00fctzer kommen in Scharen: Francescas Stiftung TBA 21, Henning Mankell, die Galerien Charim, Hauser &#038; Wirth, das Goethe-Institut, der deutsche Au\u00dfenminister Steinmeier und Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler stehen alle hinter ihrem K\u00fcnstler. NEWS traf Christoph Schlingensief bei seinen Proben und sprach mit ihm \u00fcber Todesangst, den Papst, den neuen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann und seine Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Stimmt es, dass man im Dezember zehn neue Metastasen bei Ihnen gefunden hat?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Es waren wohl doch mehr. Jedenfalls standen wir nach dieser Diagnose unter totalem Schock. Ich war mir sicher, dass ich nicht mehr lange habe. Der Radiologe wollte sofort mit einer weiteren harten Chemo beginnen. Ich wechselte die Klinik und fand einen anthroposophischen Arzt. Er hei\u00dft Grah, so wie der Gral, nur nicht mit \u201el&#8220;. Er ist auch Beuys-Fan und kommt zu meiner Auff\u00fchrung nach Wien. Es ist sehr wertvoll, dass wir eine inhaltliche N\u00e4he haben. Er ist Schulmediziner, aber er sieht den Patienten ganzheitlich. Und das ist wichtig! Ich bekam von ihm eine neue Tablette. Die schneidet den Metastasen die Ern\u00e4hrung ab und l\u00e4sst sie absterben. Im Normalfall wirkt sie aber erst nach zwei bis drei Monaten. Bei mir war das aber schon nach vier Wochen. Und so r\u00e4tseln die \u00c4rzte jetzt. Vor einem Jahr unterzog ich mich in Wien einer dendritischen Therapie bei Dr. Matthai. Dabei wird das Blut gewaschen, und bestimmte Abwehrzellen werden scharf gemacht. Dazu hat mir Francesca geraten und geholfen. Zus\u00e4tzlich mache ich noch eine Mistel-Therapie. Und dann kommen noch ein paar andere kleinere Behandlungen wie eine Darmtherapie dazu. Ich habe meine Wehwehchen. Es gibt Heultage, an denen ich sehr traurig bin, weil es mir nicht gut geht. Es war ein drastischer Krebs. Damit ist man immer im Risikobereich.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Wie leben Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich denke immer daran, was w\u00e4re, wenn &#8230; Das ist ein echter Schock. Das ist traumatisch. Aber ich habe Methoden gefunden, damit umzugehen. Aino und ich sind jetzt verlobt. Mit ihr und mit meinen Freunden habe ich gro\u00dfes Gl\u00fcck. Unser ganzes Burg-Team besteht fast ausschlie\u00dflich aus Freunden und Menschen, die helfen und keinen Krieg f\u00fchren wollen, wie so oft am Theater.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Wie schaffen Sie die stundenlangen Proben?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe morgens manchmal wirklich Schwierigkeiten, hierherzukommen. Aber alles, was mir Freude macht und mich nicht anstrengt, macht mich gesund. Positiver Stress ist gut. Was mich zerm\u00fcrbt, macht mich krank. Ich habe jetzt gelernt, wie ich abschalten kann. Das konnte ich fr\u00fcher nicht. Man muss abwarten. Ich habe nach der Produktion wieder eine neue Untersuchung.<\/p>\n<p><strong>NEWS:\u201eMea Culpa&#8220; hei\u00dft im Untertitel \u201eReadyMadeOper&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe in Bayreuth eine tolle Arbeit hingelegt und fand dort den Weg zur Oper. Den verfolge ich weiter. Aber die Oper ist ein Zitat ihrer selbst geworden. Deshalb versucht man sie zu zerst\u00f6ren. Man engagiert Regisseure, die eine Oper im Waschsalon oder im Pornokino spielen lassen. Das mag ich gar nicht. Bei \u201eParsifal&#8220; gibt es genug Stellen, wo man diese Oper anhalten und Fragen stellen k\u00f6nnte. Aber die \u201eKenner&#8220;, die das Werk schon ein paar Mal gesehen haben, stellen keine Fragen mehr. Und das karikiere ich hier auch ein bisschen. Es wird wie ein gro\u00dfer realer Traum. Aber ich zerlege hier keine Wagner-Oper.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Und worum geht es?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Der Mensch ist ein einsames Tier. Er kann sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, wenn er diese Liebe, die es auf dieser Erde gibt, noch einmal sp\u00fcren darf. Es geht in \u201eMea Culpa&#8220; um einen Weg in die Zukunft von jemandem, der schon einmal den Tod ber\u00fchrt hat. Nicht dass ich ein Nahtod-Erlebnis hatte, aber ich zeige, wie man mit diesen Existenz\u00e4ngsten umgeht. Sozusagen ein Blick aus dem Jenseits nach hier. Bei der Ruhrtriennale war ich nur dankbar, dass ich wieder da war und dass ich wieder arbeiten konnte. Jeder Tag war wie ein Ausflug auf den Mond. Viele Leute haben da erstmals begriffen, dass ich auch in meinen fr\u00fcheren Arbeiten das Thema \u201eErl\u00f6sung&#8220; verarbeitet habe.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Glauben Sie an Erl\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich kann nur sagen, ich bin Christ, und ich glaube an Gott. Eine katholische Zeitung schrieb, ich solle mich wieder zum katholischen Weg bekehren, solange es noch geht. Das war eine Drohung. Es gibt sicher tolle Pfarrer, die gute Arbeit machen, und deshalb sollte man auch Kirchensteuer zahlen. Aber vom Vatikan und diesen Aufwandstaktikern werden Gott und Gottes Liebe nicht vertreten. Und dann haben wir noch diesen deutschen Papst, der es nicht schlimmer treiben k\u00f6nnte. Eine riesige Blamage, eine komplette Absage an die Liebe Gottes. Ich glaube, Erl\u00f6sung ist der einsamste Moment, den der Mensch erf\u00e4hrt. Es ist absolut grauenhaft, wenn man merkt, jetzt geh ich. Jetzt ist Schluss, auch wenn es danach etwas gibt. Und das ist nicht auszuschlie\u00dfen. Aber ich habe keine Lust, mich von hier zu trennen. Ich will nicht Harfe spielen, ich will da oben nicht singen. Oder Weintrauben essen und Jungfrauen treffen&#8230; je nach Religionszugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Werden Sie mitspielen?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Vielleicht, aber es ist noch alles offen. Ich lege momentan mehr Wert auf einen genauen Ablauf. Fr\u00fcher wollte ich dauernd etwas \u00e4ndern. Damit habe ich die Schauspieler oft verwirrt. Ich kann jetzt nicht mehr so herumrasen wie fr\u00fcher. Und das will ich auch gar nicht. Ich arbeite jetzt viel genauer und lasse mir mehr Zeit. Meine Regieanweisungen spreche ich in ein Mikrofon, damit ich nicht zu laut schreien muss. Das w\u00e4re nicht gut f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Stimmt das: 2010 eine Oper in Berlin, sp\u00e4ter eine Inszenierung in Bayreuth? Und gibt es Pl\u00e4ne mit Matthias Hartmann?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Jetzt mache ich erst einmal die Arbeit hier an der Burg. Dann wird mein Oratorium \u201eKirche der Angst&#8220;, das bei den Ruhrfestspielen unter J\u00fcrgen Flimm stattfand, zum Berliner Theatertreffen als Er\u00f6ffnungsvorstellung eingeladen. Und was Bayreuth angeht &#8230; Na ja, Katharina Wagner hat k\u00fcrzlich in einigen Interviews und auch in einer Laudatio auf mich ge\u00e4u\u00dfert, dass ich unbedingt wieder nach Bayreuth kommen solle, weil ich so viele Verdienste um das Haus und die k\u00fcnstlerische Position der Oper habe. Das hat mich sehr gefreut. Also warten wir mal auf 2016&#8230; Und was Matthias Hartmann angeht, so wird er die Burg sicher gro\u00dfartig leiten. Er erz\u00e4hlte mir, als er gerade zum Burgtheaterdirektor bestellt wurde, dass man ihn bei seiner Bewerbung hier in Wien nat\u00fcrlich auch gefragt habe, ob er denn auch mit dem FP\u00d6-feindlichen Schlingensief arbeiten werde, und da hat er den konservativen Kr\u00e4ften ganz klar gesagt, dass er keinerlei Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit mir habe. Das hat er mir selber erz\u00e4hlt, und das hat mich sehr gefreut! Trotzdem w\u00e4re es sicher nicht gut f\u00fcr ihn, wenn er mich gleich zu Beginn holen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Wollen Sie wirklich in Afrika ein Opernhaus bauen?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Diese Idee habe ich bereits seit vielen Jahren und erst in der Nacht vor meiner Operation mit meinem Notar fixiert. Im J\u00e4nner waren wir dann in Kamerun, aber im Mai fliegen wir noch nach Burkina Faso, dann nach Tansania und nach Mozambik. Henning Mankell, der dort lebt, hat mich eingeladen. Er wird uns dort unterst\u00fctzen. Ich will Stipendien einrichten. Damit sollen junge Europ\u00e4er eine Zeit lang in Afrika arbeiten und junge Afrikaner in Europa. Daf\u00fcr brauchen wir Sponsoren. Francesca hat mir auch geholfen, wieder ein Berliner B\u00fcro f\u00fcr meine Arbeiten einzurichten. Eine ihrer Mitarbeiterinnen arbeitet jetzt in Berlin mein Archiv auf. Durch meine Krankheit musste ich damals alle meine Leute entlassen. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Inzwischen habe ich aber wieder ein neues B\u00fcro und Aino und ich eine neue, wundersch\u00f6ne Wohnung.<\/p>\n<p><strong>NEWS: Was hat die Krankheit f\u00fcr Sie ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief: Das Gr\u00f6\u00dfte war f\u00fcr mich, dass mich so viele Leute begleitet haben. Diese Liebe will ich auch zur\u00fcckgeben. Ich will die Erkenntnis weitergeben, dass die Erde etwas wahnsinnig Tolles ist. Ich will nicht, dass alles so destruktiv ist. Deshalb kommen mir auch das Theater oder die Kultur und viele Leute, die dieses Theater vertreten, viel kr\u00e4nker vor als ich. Und den jungen Leuten, die sich immer wieder melden, rate ich: Genie\u00dft das Leben, solange es geht, aber nehmt euch m\u00f6glichst fr\u00fch eine Idee, die euch wirklich erf\u00fcllt, bleibt dabei und k\u00e4mpft daf\u00fcr.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>SUSANNE ZOBL<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Aus: NEWS, 5. M\u00e4rz 2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief. Nach der Krebsdiagnose inszeniert er wieder an der Burg. 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