{"id":316,"date":"2009-01-29T12:52:02","date_gmt":"2009-01-29T10:52:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=316"},"modified":"2009-01-29T12:52:02","modified_gmt":"2009-01-29T10:52:02","slug":"bz-kulturpreis-fur-christoph-schlingensief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=316","title":{"rendered":"B.Z.-KULTURPREIS F\u00dcR CHRISTOPH SCHLINGENSIEF"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum 18. Mal verleiht die B.Z. ihre Kulturpreise. Christoph Schlingensief ist einer der Preistr\u00e4ger. F\u00fcr ihn schreibt Katharina Wagner, Intendantin der weltber\u00fchmten Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Katharina Wagner<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas \u201eEnfant terrible der deutschen Theaterszene\u201c, der \u201eBerserker\u201c, \u201eSt\u00f6renfried\u201c, einer, dem nichts und niemand heilig ist, der weder Tabus noch Grenzen kennt, ein wilder und z\u00fcgelloser \u201ePerformer\u201c, ein Filmemacher, Regisseur, Autor, Politiker und Maler.<\/p>\n<p>All diese und weitaus weniger schmeichelhafte Etiketten kleben an ihm, ebenso richtig wie grundfalsch: Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p>Er ist gleicherma\u00dfen gehasst, bewundert, gef\u00fcrchtet und begehrt \u2013 beim Publikum und in den Medien. Bei allem, was er macht, darf er der gespanntesten und breitesten Aufmerksamkeit sicher sein.<\/p>\n<p>Nun \u2013 endlich, m\u00f6chte ich sagen \u2013 erh\u00e4lt er den renommierten Kulturpreis der B.Z..<\/p>\n<p>Und damit wird keine der passgerechten Lichtgestalten des etablierten Kulturbetriebs geehrt, sondern zum Gl\u00fcck einer, der in keine der g\u00e4ngigen Schubladen geh\u00f6rt, einer, der \u201eDarling\u201c und \u201eBad Guy\u201c, zumindest in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung, in Personalunion verk\u00f6rpert wie kaum ein Zweiter.<\/p>\n<p><strong>Kunst ist Christophs Fleisch und Blut<\/strong><\/p>\n<p>Mag er das alles auch in Teilen oder zeitweise sogar zur G\u00e4nze sein, was man ihm nachsagt, vor allem aber ist er eins: ein durch und durch ernsthafter, ernst zu nehmender K\u00fcnstler, der in allem, was er tut, ganz er selbst ist und sich selbst ganz gibt, mit Haut und Haaren, ohne Schonung und ohne Erbarmen.<\/p>\n<p>Kunst ist f\u00fcr Christoph, scheint mir, weder Surrogat f\u00fcr Leben noch sch\u00f6ne, \u00e4sthetisch \u00fcberh\u00f6hte Zutat, vielmehr etwas Elementares, Fleisch &#038; Blut, Schmerz &#038; Scham, Schrecknis &#038; Grauen genauso wie Komik &#038; bitterer Ernst.<\/p>\n<p>Das Machen von Kunst ist ihm weit wichtiger als das Resultat, das \u201eWerk\u201c wird aufgehoben in seinem Herstellungsprozess. Dadurch verweigert er nat\u00fcrlich jeden liebensw\u00fcrdigen Konsens zwischen Machern und Rezipienten vollst\u00e4ndig, dadurch verliert zum Beispiel eine Theaterproduktion, und ich denke dabei durchaus auch an seinen Bayreuther \u201eParsifal\u201c, die Eigenschaften eines musikalisch-szenischen Aufbaupr\u00e4parats und wird fragw\u00fcrdig \u2013 im mehrdeutigsten und abgr\u00fcndigsten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p>Dass er damit herausfordert und provoziert, liegt auf der Hand und ist zwar sicher nie Absicht, sondern unvermeidlich.<\/p>\n<p><strong>Dass er provoziert, liegt auf der Hand<\/strong><\/p>\n<p>In einer chaotischen, undurchschaubaren und wohl in vielem unerkennbaren Welt, die stets gef\u00e4hrdet ist und immer ein bisschen am Rande des Abgrunds taumelt, sieht er sich als K\u00fcnstler in der Verantwortung, nicht irgendeinen banalen Trost zu spenden oder Ordnung vorzut\u00e4uschen, dagegen die unverheilten Wunden ohne Besch\u00f6nigung zu zeigen und den Menschen eben nicht als human-edles Wunderwerk vorzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Menschliches ist ihm Kreat\u00fcrliches bis hin zum Freakigen. Aber er denunziert nichts und keinen. Das Zeigen der D\u00fcrftigkeit aller gro\u00dfen Entw\u00fcrfe und Utopien und zugleich die immense, wolfshungrige Bed\u00fcrftigkeit des Einzelnen (nach Liebe, W\u00e4rme, Zuneigung, Verst\u00e4ndnis\u2026), das macht das Best\u00fcrzende, das Ersch\u00fctternde, Ber\u00fchrende seiner Arbeiten f\u00fcrs Theater aus, das erzeugt Feindseligkeit und Faszination.<\/p>\n<p>Widerspr\u00fcche bleiben ungel\u00f6st, \u201eErl\u00f6sungsw\u00fcnsche\u201c gar verdampfen in Trauer, Tod und Trash, er ist ein Realist ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfige Hoffnung auf die Wendung zum Guten. Er sp\u00fcrt den chthonischen Seiten des Daseins nach wie kaum ein anderer, findet dazu immer aufs Neue Bilder, die sich einbrennen.<\/p>\n<p>Christoph folgt seinen eigenen Kategorien und sprengt lustvoll wieder und wieder die Grenzen der Genres, bricht sie auf, macht ihre Mechanik und ihr Elend sichtbar.<\/p>\n<p><strong>Ich gratuliere ihm von Herzen zum Kulturpreis der B.Z. und hoffe, dass er uns weiter \u00fcberraschen, verst\u00f6ren und beunruhigen wird. <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 18. Mal verleiht die B.Z. ihre Kulturpreise. Christoph Schlingensief ist einer der Preistr\u00e4ger. 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