{"id":311,"date":"2009-01-08T18:04:24","date_gmt":"2009-01-08T16:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=311"},"modified":"2009-01-08T18:04:24","modified_gmt":"2009-01-08T16:04:24","slug":"ich-giese-meine-soziale-skulptur-theater-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=311","title":{"rendered":"ICH GIE\u00dfE MEINE SOZIALE SKULPTUR (THEATER HEUTE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber seine Krebserkrankung, die Bedeutung des Sprachflusses, Joseph Beuys, und warum das Christentum eine Riesenfreude sein k\u00f6nnte<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn der Berliner Wohnung Laberenz\/Schlingensief. Christoph Schlingensief kocht Tee.<\/p>\n<p><strong>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF<\/strong> Das ist ein Antikrebstee aus Japan \u2026<\/p>\n<p><strong>EVA BEHRENDT<\/strong> Im Ernst?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Nee. Du kriegst ganz viel so Zeug, Teufelskralle, Katzenkralle, davon zwei Liter am Tag trinken, und dann geht der Krebs zur\u00fcck. Mir wurde Hypnose angeboten, ein Apotheker hat mir ein komplettes Mineralien-Sortiment geschickt. Manche wollen Gesch\u00e4fte machen, aber alles was hilft, ist okay.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Wird man automatisch zum Spezialisten, wenn man an Krebs erkrankt?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders. Das macht die Sache auch so gef\u00e4hrlich, weil man immer lernt: Tust du das, passiert das. Tust du dieses, passiert jenes. Ich habe meist etwas anderes erlebt, als man mir erz\u00e4hlt hat. Bei meiner ersten Chemopackung passierte drei Tage nichts. Sich \u00fcbergeben, Haarausfall, das ist bei mir alles nicht passiert. Stattdessen hat die Seele unglaublich protestiert, die Zellen haben geschrieen. Alles hat getobt in mir. Es gab keinen Ausweg, keine Fluchtm\u00f6glichkeit, das Zeug war in mir drin. So stelle ich mir die H\u00f6lle vor. Deshalb meine ich auch, jetzt ist es erstmal \u00fcberstanden. Was das Sprechen, das Handeln, das Tun betrifft: Ich hab nicht mehr diese kindliche Unschuld, die ist weg. Ich \u00fcberlasse diesen Krebs nicht der Schulmedizin. Es wird besser, wenn ich mich nicht drum k\u00fcmmere. Am liebsten w\u00fcrde ich jetzt ein halbes Jahr lang spazieren gehen und Leute besuchen. Ich hab sogar Lust, Proben anderer Regisseure zu besuchen. Da h\u00e4tte ich mich fr\u00fcher nie drum geschert.Umgekehrt sind die Leute ein bisschen geduldiger mit mir. Ich kann eher zugucken, auch bei den eigenen Proben habe ich Gl\u00fccksgef\u00fchle. Fr\u00fcher bin ich da immer gleich reingerannt, hab alles vorgespielt, am liebsten alle Rollen \u00fcbernommen. So wie bei \u00abAttabambipornoland \u00bb. Da waren lauterWeltstars auf der B\u00fchne. Und wer hat 90 Minuten lang gesprochen? Ich! Horror.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Als K\u00fcnstler soll man \u2013 zumindest nach altem romantischem K\u00fcnstlerbild \u2013 aus sich selbst sch\u00f6pfen. Geht das auch in der Kollektivkunst Theater?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Unabh\u00e4ngigkeit muss man sich leisten k\u00f6nnen. Wie Paul McCarthy oderMatthew Barney. Die haben ihren Fundus an Material, ihre Werkst\u00e4tten und Mitarbeiter, sind selbst\u00e4ndige Unternehmer. Theater ist ja eine seltsame Veranstaltung. Je n\u00e4her die Premiere r\u00fcckt, umso mehr Leute schauen drauf. In Duisburg konnten wir eine Woche vor der Premiere schon eine Art Durchlauf machen. Eswar ein gro\u00dferGl\u00fccksfall, dass ich mit so vielen alten Freunden arbeiten konnte. Die Behinderten waren wieder dabei, Carl Hegemann, Voxi B\u00e4renklau, das alte Team. Dann habe ich fast f\u00fcnf Tage nur darauf verwandt zu gucken, welche Filme in welcher Kombination mit derMusik laufen. Diese Konzentration und Geduld habe ich fr\u00fcher nicht gehabt, da musste das alles immer live und spontan passieren. Gleichzeitig h\u00e4tte ich in meinem geschw\u00e4chten Zustand ohne die Hilfe von Aino (Laberenz), Sophia (Simitzis), Meika (Dresenkamp) und Anna (Heesen), die teilweise auch die Regie \u00fcbernommen haben, gar nicht arbeiten k\u00f6nnen. Auch Margit Carstensen war eine gro\u00dfe Hilfe. Die fand es falsch, aus den Texten Szenen zu bauen. Ich hatte ja anfangs die Idee, daraus eine Kom\u00f6die oder einen Spielfilm zu machen.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Kom\u00f6die? Klingt makaber.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Lachen war auf der Station so selten geworden. Das gabs \u00fcberhaupt nicht. Als mir im Krankenhaus eine verr\u00fcckte Frau vor die Zimmert\u00fcr gekackt hat, da hab ich zum ersten Mal wieder gelacht, und zwar so, dass ich meine Narben festhalten musste. Alle dachten, jetzt ist er durchgedreht. Margit hat mir durch ihr komisches Sprechen meiner eigenen Texte bewusst gemacht, dass das alles auch sehr absurd ist. Und ich wollte ja auf keinen Fall nur auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse dr\u00fccken. Sie war auch dabei, als ich meine Lungenembolie bekommen habe, was dann bei der einen Seite, die ich nur noch habe, bl\u00f6d ist. Da war sie hier auf dem Balkon eine rauchen, und ich bin drinnen fast erstickt. Als sie zur\u00fcckkam, hatte ich schon in die Hose gemacht.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Dokumentieren Sie sich in allen Lebenslagen selbst?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> \u00dcberhaupt nicht. Bei mir ist es wichtig, dass dieser Sprachfluss dabei ist. Vor allem abends. Ich hab Angst gehabt ab 17 Uhr. Da kamen die Geister wie so Figuren angeflogen.Mir wurde kalt von unten nach oben. Unbeschreiblich. Da gibt es ein unglaubliches Stimmengewirr, nicht, weil ich irre bin, aber das muss dann raus. Das Ding (Tonbandger\u00e4t) war derM\u00fclleimer. Ich hab da mein Mantra so reingeredet.Wahrscheinlich werden dabei irgendwelche Endorphine ausgesch\u00fcttet. Auch im Krankenhaus habe ich immerzu erz\u00e4hlt und Gedanken formuliert. Am Morgen, als der Professor f\u00fcrAn\u00e4sthesie kam, hab ich schon schwadroniert. Irgendwann sah ich sie tuscheln und auf die Ger\u00e4te gucken. Da stellten sie fest, dass das Morphium ausgefallen war. Aber ich hatte vor lauter Erz\u00e4hlen und lautem Denken keine Schmerzen! Auch in den OP-Raum bin ich wie zu einem Auftritt gefahren.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Das h\u00f6rt sich wie Psychoanalyse ohne Analytiker an &#8230;<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Egal ob mit oder ohne. Ich halte eigentlich von beidem nichts. Ich habe ja immer in Hochgeschwindigkeit gearbeitet und ein Riesengl\u00fcck gehabt. Und dann sagt einer innerhalb von zehn Sekunden: \u00abDas sieht aber schei\u00dfe aus.\u00bb In demMoment \u2013 dong \u2013 ging so ein Hitzeschlag durch mich durch. Da war eher die Frage: Was kann ich tun? Da hab ich, noch bevor ich operiert wurde, das Buch zur \u00abJohanna\u00bb-Inszenierung in zwei, drei N\u00e4chten wie ein Wahnsinniger bearbeitet. Ein Freund meinte: \u00abJetzt lass das doch mal, erstmal die Krankheit!\u00bb Aber ich habe gemerkt, ich muss es machen, solange ich es noch sp\u00fcre. Genau wie in Duisburg. Da durfte ich pl\u00f6tzlich wieder f\u00fchlen und entscheiden, handeln und analysieren. Bei den nepalesischen Verbrennungsritualen geh\u00f6rt auch alles zusammen, Leben und Sterben. Das hat mich magisch angezogen.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Es gab also schon eine Sehnsucht, das Erlebte in Kunst einzuspeisen?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich habe gerade eher dasGef\u00fchl, die Bilder haben das Erlebte vorweggenommen. Ich entdecke erst jetzt, dass das schonmal da war als Angst, die sich nicht formuliert hat. Der Krebs ist f\u00fcr mich nicht nur ein chemischer Ungl\u00fccksfall, sondern auch ein spirituelles Ding. Das hat ein Gesicht. Der Krebs ist in der Zeit entstanden, als ich mich um das Weltabschiedswerk von Herrn Wagner gek\u00fcmmert hab und umErl\u00f6sung. In meinen Geschichten\u2013 \u00abK\u00fchnen \u00bb, \u00abParsifal\u00bb \u2013 gibt\u2019s immer Verweise auf die Erl\u00f6sungsfrage, gottseidank nicht immer ernst, weshalb \u00abDas deutsche Kettens\u00e4genmassaker\u00bb auch ein lustiger Film ist. Aber Wagners Todessehnsucht hab ich mir komplett angezogen. Und selbst nach der Operation musste ich mir wie im Wahn den \u00abThementag Tod\u00bb auf 3sat ansehen. Da ging es ums Sterben, aber auch um die Ver\u00e4nderungen, diese kleinen Schritte, die den Abschied nicht mehr ganz so schmerzhaft machen.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Es gibt in \u00abEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u00bb sehr pers\u00f6nliche Momente. Sie als Kind im Super8-Film, direkt nach der Diagnose auf Tonband, weinend imVideo und live als Jesus, der das Abendmahl austeilt. Haben Sie keine Angst, sich so zu offenbaren?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Carl Hegemann hat dr\u00fcber philosophiert, ob die Leute nachher nicht denken: \u00abJetzt hat er sich ausgeweidet.\u00bb Ich hab dann immer gesagt: Die Fluxusfilme sind f\u00fcr mich wichtiger. Das ist genau diese Ecke von Werner Nekes, wo ich herkomme. Das andere ist der sich wahnsinnig selbst liebende K\u00fcnstler, der b\u00fcrgerlich das Klavier zers\u00e4gt. Darin steckt ja auch die Vorstellung vom Leben als Fluss, der Wunsch, dass Kunst und Leben zusammenkommen. Allein der Vorsatz ist schon Schwachsinn. Daran ist auch Beuys mit seinen J\u00fcngern krepiert. Du kannst das nicht lehren und praktizieren. Die Hauptgedanken von Beuys sind tats\u00e4chlich in der Sprache passiert.<br \/>\nIch versuche ja auch gerade, Sprache nicht nur zu nutzen um zuzuballern. Fr\u00fcher habe ich mich danach gesehnt, in den Situationen aufzugehen, mich zu verlieren. Jetzt gucke ichmit gro\u00dfer Ruhe und Distanz drauf. Manchmal ist da be\u00e4ngstigend wenig Gef\u00fchl, bevor es doch wieder ausbricht aus dem Fundus der Bilder. Da merke ich, dass ich die Erfahrungen doch nicht ganz abgeben und sagen kann: \u00abJetzt habt ihr das Problem an der Backe, tsch\u00fcss bis zur n\u00e4chsten Krankheit.\u00bb<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> In der \u00abKirche der Angst\u00bb haben Sie auch erz\u00e4hlt, dass Sie sich selbst nicht richtig lieben k\u00f6nnen, haben von der Utopie des Autonomseins gesprochen. Da dachte ich, dass es schon ganz sch\u00f6n Abstand zu sich selbst braucht, um das, was man in einer existenziellen Situation empfunden hat, als Material f\u00fcr Kunst zu benutzen.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich glaub auch, dass man das in der Kunst braucht. Ich w\u00fcnsch ja keinem die Erfahrung von Krebs, damit er sich wieder f\u00fchlen kann. Eine Psychotherapeutin im Publikum meinte, es sei unglaublich, dass ich so drauf bin. Normalerweise w\u00fcrden die Krebspatienten lange mit sich ringen. Da hab ich gesagt: \u00abIch gie\u00df ja jetzt gerade auch diesen Krebs in eine Form.\u00bb Ich gie\u00dfe gerade meine soziale Skulptur. Ich bin der Bildhauer. Und ich arbeite am erweiterten Krankenbegriff.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Der Begriff \u00absoziale Plastik\u00bb stammt auch von Beuys. Wie wichtig ist Beuys f\u00fcr Schlingensief?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich hab ihn mit 16 als Zuh\u00f6rer kennengelernt, als ich mit meinem Vater im Essener Lions-Club einen Vortrag von Beuys \u00fcber die Entwicklung der Marktwirtschaft geh\u00f6rt habe. Da sagte er, dass das Gesellschaftssystem in sieben Jahren komplett zerst\u00f6rt sein w\u00fcrde. In dem Moment sind alle \u00e4lteren Herren, die vorher eingeschlafen waren, aufgewacht und haben ganz laut gebellt. Das hab ich mir gemerkt. Als ich die Partei \u00abChance 2000\u00bb hatte, sind Beuys-Leute wie St\u00fcttgen oder Rappmann auf mich zugekommen undmeinten, \u00abW\u00e4hle dich selbst!\u00bb w\u00e4re von ihnen gewesen. So kamen wir ins Gespr\u00e4ch. Ich finde Beuys wichtig in meinem Leben, aber ich hab auch meine Zweifel. Vielleicht hab ich ja noch die Gelegenheit, ihn komplett umzudeuten. Auf jeden Fall ist er ein Schl\u00fcssel f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Kunst in der Gegenwart.<br \/>\nWeil die Kunst in der Gegenwart sich das Denken nicht mehr richtig leistet, au\u00dfer vielleicht mit Meta-Meta-Aufs\u00e4tzen, die ich nicht lesen will. Er hatte als einer der ganz wenigen begriffen, dass Kunst Denksysteme ins Wanken bringen kann. Und im besten Fall durfte ich so etwas auch in meinerArbeit erleben. Bei Beuys konnte auch der Normalmensch einfach einsteigen, sei es, weil er w\u00fctend war, sei es, weil man die Ahnung hatte, der Typ wei\u00df viel und hat ein Herz. Das sind einfach gute Faktoren, die ich in der Kunst ganz oft vermisse. Ich mag an Beuys, dass gedacht wurde.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Wird denn, wer seine Wunde zeigt, geheilt?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Das mit derHeilung ist so eine Sache. In den Talkshows haben wir ja genug Leute, die angeblich ihre Wunde zeigen. Aber meist haben die schon meterdicke Verb\u00e4nde dr\u00fcber. Medienkritik ist dabei gar nicht mein Thema. Es gibt Stoffe, da vermutest du auf den ersten Blick, dass hier mit Kalk\u00fcl gearbeitet wird. Auf den zweiten Blick merkst du, dass das etwas ist, das sich musikalisch mit dir verbindet, dadurch pl\u00f6tzlich auch mit dir zu tun hat und deshalb auch deine Fragen mit in den Raum wirft. Nicht unbedingt die Antworten. Vor einem Jahr habe ich auf dem Theater noch rumgehackt, im Moment ist es wieder das Labor, das ich liebe.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Kennen Sie Scham in Verbindung mit Theater?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Bernhard Sch\u00fctz hat da eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet, dass man auf der B\u00fchne manchmal anfing Sachen zu machen, die schon an die Grenze gingen. Es gab Vorstellungen, wo wir beide mit dem R\u00fccken zum Publikum standen und uns nach einer Dreiviertelstunde so zugefl\u00fcstert haben: \u00abSag mal, was machen wir jetzt, Bernhard, was machen wir jetzt?\u00bb Und er: \u00abIch wei\u00df auch nicht mehr, ich wei\u00df auch nicht\u2026 \u00bb Sag ich: \u00abDas ist doch furchtbar!\u00bb Und er: \u00abJa, ich sch\u00e4m mich in Grund und Boden.\u00bb Und ich: \u00abIch auch.\u00bb Auch f\u00fcr meine Krankheit habe ich mich die ersten sechsWochen extrem gesch\u00e4mt. Ich konnte mich nicht mehr m\u00f6gen. Das war schon immer eine Grunddisposition \u2013 auch wenn das anders aussieht, weil ich manchmal so rumgetobt bin, bei der Partei oder auch dem Wien-Container oder \u00abTalk 2000\u00bb oder der MTV-Show. Aber das waren nur Teilaspekte.Ungef\u00e4hr so wie ein Selbstzerst\u00f6rungsurlaub nach der Kunstaktion. Tief drin hatte ich oft das Gef\u00fchl, dass die Arbeit doch nicht richtig gut war, nicht konsequent genug oder auch nicht wirklich liebend. Nicht ehrenhaft, also aufrichtig. Sowie Carl Hegemann sagte bei \u00ab100 Jahre CDU\u00bb: \u00abDer Abend ist lustig, aber mehr auch nicht, und vor allem hast du nicht richtig gebeichtet.\u00bb<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Fr\u00fcher waren Ihre Inszenierungen oft politischer. Stimmt die Beobachtung, dass Ihre Arbeiten in den letzten Jahren immer pers\u00f6nlicher geworden sind?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Schon meine Filme hatten ganz viel mit mir zu tun. \u00abEgomania\u00bb von 1987 zum Beispiel mit der obsessiven Welt, in die ich mich damals in meiner Dachzimmerwohnung in M\u00fcnchen verstrickt hatte. Eine Wohnung mit Wasser, aber ohne Strom. Thomas Meinecke wohnte im Haus, auch Prostituierte. Mein Denken und Schreiben dortwar sehr melodramatisch, einsam, sentimental, hasserf\u00fcllt. Die Filme haben viel mit Fassbinder und Schr\u00f6ter zu tun, nur dass ich darin einen Humor verfolge, der nicht ironisch ist oder zynisch-sarkastisch. Ein hoffnungsloser, \u00fcberdrehter Humor. Da wird Schrecken verbreitet, und gleichzeitig muss man lachen. Wie auch jetzt wieder bei diesem Abend. Sp\u00e4ter hab ich mehr preisgeben k\u00f6nnen, manchmal auch fast unter Zwang, immer musste da die Familie auftauchen \u2026<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> \u2026 sie ist auch in Duisburg vorgekommen, in Super-8-Aufnahmen und als Konflikt mit Ihrer Mutter.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> All dieses Streben nach Erfolg von fr\u00fcher, weil Mutter und Vater dann auch begeistert sind und die Verwandtschaft sich allm\u00e4hlich beruhigt \u2026 Es ist ja absurd, mit 47 solche \u00dcberlegungen! Aber ich kann die auch jetzt noch nicht absto\u00dfen, obwohl es schon wesentlich besser ist. Mein Vater ist weg, und mit meiner Mutter hatte ich in dieser Zeit auch eine ziemlich harte Auseinandersetzung, die aber nun im Frieden geendet ist. Ich liebe sie. Und meinen Vater auch. Sie haben ihr Leben gelebt, und das haben sie ziemlich kr\u00e4fteverzehrend hinbekommen. Und trotzdem frage ich mich, ob ich noch irgendwann ganz ohne Eltern auf derWelt sein werde. Ich w\u00fcnsche meiner Mutter nicht den Tod. Aber wie ist das Gef\u00fchl, wenn man keine Eltern mehr hat, denen man vieles erkl\u00e4ren wollte, auch wenn es keine Chance zum Verstehen gab? Dann wieder derGedanke: Mein Gott, die ganze Familie Schlingensief fliegt auseinander. Schon Vaters Erblindung, die Depression \u2013 meine Eltern sind beide depressiv \u2013, dann der Tod meines Vaters, Schlaganfall derMutter und jetzt das noch. Wer ist daran interessiert, dass wir kaputtgehen? Wer walzt da so \u00fcber uns, wer will das so haben?<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Ist jemand schuld daran?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Zum Gl\u00fcck sterben auch engelhafte Wesen. An unserem Lebensstil kann es nicht liegen. Aber die Frage ist zu stellen, finde ich. Das hat nichts mit der Schuldfrage im Rechtswesen zu tun, das ist das Bed\u00fcrfnis des Menschen, etwas tragen zu wollen. Schuldbewusstsein hei\u00dft deswegen auch, wissen, wie man eingreifen kann. Das ist doch die gro\u00dfe Hoffnung. Wenn man sich nur dem medizinischen Fortschrittswahn hingibt, dann ist das ja eine Abgabe von Autonomie. Man m\u00f6chte beteiligt sein, selber wissen, warum etwas so ist. Das ist doch nichts Schlimmes. Der Katholizismus macht\u2019s schlimm. Es gibt so ein katholisches Heft, der \u00abTagesbote\u00bb. Der hat geschrieben, ich w\u00fcrde mit meiner Krankheit auch diesmal provozieren wollen: \u00abSchlingensief t\u00e4te gut daran, sich auch einmal Gedanken \u00fcbers Sterben zu machen, bevor es zu sp\u00e4t ist.\u00bb Das ist dieser katholische H\u00f6llenhorror. Zum Kotzen! Mit diesem Katholizismus habe ich f\u00fcr immer gebrochen. Sie drohen, sie erheben die Erde zum Fegefeuer. F\u00fcr mich ist das Leben momentan die helle Freude! Ich werde, um es mal in der Sprache dieser Katholikenzombies auszudr\u00fccken: den Teufel tun!<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> In der \u00abKirche der Angst\u00bb kommen Sie nur zum Austeilen der Hostie auf die B\u00fchne. Ist das auch Voodoo?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ja klar, esset mein Fleisch, trinket mein Blut. Das ist doch wunderbar. Jesus hat \u00fcbrigens dabei ganz gl\u00fccklich geschaut und gelacht! Er fand das nicht nur erotisch, sondern auch heilsam. \u00dcberhaupt k\u00f6nnte das Christentum eine Riesenfreude sein. Die tun nur leider so, als w\u00e4ren wir noch im Mittelalter. Gott ist absolut zeitlos. Der braucht diese Jahresringe nicht. Eine Kirche, in der man Gott anschreien oder ihm Paroli bieten kann, das h\u00e4tte bestimmt gro\u00dfen Erfolg. Und es w\u00e4re eine echte Befreiung. Wenn ich wiederkomme, werde ich Papst, und da wird dann kr\u00e4ftig ausgemistet.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Woher nehmen Sie die Freiheit, sich in Jesus hinein und \u00fcber alle m\u00f6glichen Ehrfurchtsgebote hinweg zusetzen?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Wahrscheinlich,weil meine Eltern das mit mir praktiziert haben. Zum Beispiel hatte meine Mutter in den Sommerferienmal einen Hitze-Kollaps und kriegte keine Luft mehr. Da hab ich ein Gel\u00fcbde abgelegt, dass ich ein Bild male und in Alt\u00f6tting dreimal imKreis laufe. Wir sind dann tats\u00e4chlich nach Alt\u00f6tting gefahren. Da gab\u2019s Kinderkreuze, mit so einem bin ich losgezogen. Mein Vater meinte nach einer Runde, \u00abso, komm, jetzt reicht\u2019s, das ist genug\u00bb. Mir war\u2019s recht, dass es vorbei war, auch ein bisschen peinlich. Aber da hab ich Kirche als etwas ganz Geborgenes und Spielerisches erfahren, weil mein Vater nicht auf folternde Totalerf\u00fcllung bestanden hat. Da fand ich ihn gro\u00dfartig!<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Und au\u00dferhalb von Kirche? Sie sind jemand, der anscheinend gar keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngstemit Leuten hat. Weil Sie immer sehr direkt auf Augenh\u00f6he auf sie zugehen.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich hatte gedacht, durch die Krankheit w\u00fcrde ich die Leute jetzt nicht mehr so oft umarmen. Ich soll ja m\u00f6glichst Omnibusse und Flugzeuge und Massenaufl\u00e4ufe meiden. Wegen Infektionsgefahr. Aber in Duisburg habe ich bestimmt Hunderte von Menschen umarmt. Die Geste ist drin. Was hei\u00dft die Geste? Ich mag das, mach das einfach.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter am Telefon: ein neuer Zwischenstand. Schlingensief macht eine Kurzkur in Bad Schandau.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Mitte November haben Sie die Rohfassung der \u00abKirche der Angst\u00bb nochmal im Gorki Studio in Berlin gezeigt. Zu Beginn der Vorstellung \u00abDer Zwischenstand der Dinge\u00bb haben Sie vor dem Publikum angedeutet, dass Sie eine neue Krebs-Diagnose bekommen haben. Wie gehen Sie damit um?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Man versucht nat\u00fcrlich alles M\u00f6gliche: Ern\u00e4hrungsumstellung, Reinigung und der ganze Kram. Mir wurde der Kopf untersucht, da ist alles blitzeblank. Trotzdem hat diese Magnetresonanztomografie einen Schock ausgel\u00f6st, weil ich pl\u00f6tzlich realisiert habe, wo das Schei\u00dfzeug \u00fcberall sein kann. Aino und ich waren \u00fcberzeugt, dass ich jetzt zwei, drei Jahre wieder ins Leben einkehren kann \u2013 und jetzt muss ich schon wieder die n\u00e4chste Tablette fressen. Das ist zwar keine Chemo, gibt aber Nebenwirkungen. Mittlerweile k\u00f6nnte ich bei chemischen Versuchsanlagen problemlos durch die kontaminierten Zonen rennen. Wie es ausgeht, wissen wir nicht.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Zu Beginn der dritten Vorstellung haben Sie sich au\u00dferdem dar\u00fcber ge\u00e4rgert, dass manche Kritiker ratlos waren und ihre \u00abKriterien\u00bb dahinschwinden sahen.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich hab mich nicht ge\u00e4rgert. Das war fr\u00fcher. Nein! Es war pl\u00f6tzlich die Erkenntnis geboren, dass es Kritiker gibt, die f\u00fcr wirkliche Lebensinhalte keine Ma\u00dfst\u00e4be haben, diese aber umsomehr fordern und einklagen. Man kann es ja keinemvorwerfen, wennman nicht damit umgehen kann. Ich kann ja auch nicht richtig damit umgehen, weil ich nichtwei\u00df,was man tun k\u00f6nnte. Nur ein paar haben verstanden, dass hier ein Kunstwerk aufgef\u00fchrt wurde, das nicht nur mit meinemTod zu tun hat. Aber bei manchen Kritikern ist es so, dass ein Kritiker auf gar keinen Fall menschlich sein darf.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Der \u00abZwischenstand\u00bbwar keine Totenmesse, sondern in seiner Offenheit sehr ermutigend und doch formal so offen, dass jeder seinen eigenen Film dabei laufen haben konnte.<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> Ich habe das offen ausgesprochen, umes in seiner M\u00e4chtigkeit anzugreifen, das werde ich weiterhin tun, und das kann mir auch keiner nehmen. Wennman so \u2019ne halbe Stunde beim MRT in der R\u00f6hre liegt und drum herum h\u00e4mmert es und du wei\u00dft, die \u00c4rzte gucken jetzt alle auf einen Monitor \u2026 Mein Gehirn lieb ich schon sehr. Das Reden und schnelle Denken und die ganzen Bilder und all das. Wenn das alles angeknabbert w\u00e4re! Diese halbe Stunde war hardcore, und ich hatte ziemlich schwarze T\u00e4ler seither. Ich dachte immer, ich h\u00e4tte noch 35 Mal Weihnachten vor mir. Dieses Jahr werd ich das wohl problemlos hinkriegen, aber wie ist das n\u00e4chstes Jahr? Mir ist klar geworden, dass ich einen Auftrag habe, das mitzuteilen. Und ich hoffe nat\u00fcrlich, dass sich durch das Mitteilen etwas umformt oder dass man das etwas kr\u00e4ftiger oder besser erleben und ertragen kann. Die dritte Ebene ist wirklich der v\u00f6llig autonome Betrachter, der dabei mit sich umgehen muss. Dann ist das nicht Christoph Schlingensiefs Leidensweg, sondern viel mehr.<\/p>\n<p><strong>EB<\/strong> Wie geht es jetzt weiter?<\/p>\n<p><strong>SCHLINGENSIEF<\/strong> 25 Prozent sterben, weil da einfach die Krankheit nicht zu stoppen ist, bei 50 Prozent kann der Mist zum Stillstand gebracht werden. Das ist gerade das Ziel, und 25 Prozent der Patienten werden einfach weiterleben. Da wollen wir hin. Die \u00c4rzte wollen mich vonmeiner Arbeit profitieren lassen. Der Kampf gegen die Krankheit wird einfach konkreter. Ich lasse viel Revue passieren. Aino und ich sitzen h\u00e4ndchenhaltend da und denken dar\u00fcber nach, wo wir \u00fcberall waren. Es gab schon tolle Arbeiten, wir haben das mal zusammengerechnet, 78 St\u00fccke, Theater und Aktionen, ohne die ganzen Filme und Installationen, Objekte, Bilder und Skulpturen. Ich bin schon scharf darauf, das nochmal zu sehen und zu lesen. Und ich bin stolz auf das Archiv, dass meine Freunde seit fast zehn Jahren an meiner Seite erstellt haben und nun noch intensiver dran arbeiten. Da soll mehr von meiner filmischen Arbeit rein. Die war immer das Zentrum meines Denkens. Der Film, das Bild, das Erinnern, das \u00dcbermalen. Ich glaube, es geht nichts verloren. Das hab ich als gr\u00f6\u00dfte Erleichterung.<br \/>\nManchmal sterben K\u00fcnstler fr\u00fch, und f\u00fcr ihr Werk ist das oft auch ganz gut. Bevor sie sich im Alter nur noch selbst zitieren. Deshalb will ich auf keinen Fall mehr K\u00fcnstler sein, da will ich dann doch lieber leben.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Aus: Theater Heute, 01\/2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber seine Krebserkrankung, die Bedeutung des Sprachflusses, Joseph Beuys, und warum das Christentum eine Riesenfreude sein k\u00f6nnte<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/311"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}