{"id":308,"date":"2008-12-17T17:00:20","date_gmt":"2008-12-17T15:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=308"},"modified":"2008-12-17T17:00:20","modified_gmt":"2008-12-17T15:00:20","slug":"ich-habe-keinen-bock-auf-himmel-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=308","title":{"rendered":"\u00bbICH HABE KEINEN BOCK AUF HIMMEL\u00ab (SPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Theater- und Filmemacher Christoph Schlingensief \u00fcber seinen Lungenkrebs, den Umgang mit dem drohenden Tod, Kritik an seiner Kunst und den Fluch, stets gute Stimmung verbreiten zu wollen.<\/strong><\/p>\n<p>SPIEGEL: Herr Schlingensief, in Ihren j\u00fcngsten Theaterarbeiten \u201eEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c und \u201eDer Zwischenstand der Dinge\u201c haben Sie aus dem Kampf gegen Ihre Krebserkrankung grandiose, hochgelobte Kunstfeiern gemacht. Wie steht es aktuell um Sie?<\/p>\n<p>Schlingensief: Der Stand ist, dass ich circa zehn neue erbsengro\u00dfe Metastasen habe in dem einen Lungenfl\u00fcgel, der mir nach meiner Operation geblieben ist. Das sieht nicht gut aus. Diese Metastasen sind sehr schnell gekommen, damit hat keiner gerechnet. Das ist auch f\u00fcr die \u00c4rzte unbegreiflich. Bei der anderen Lunge hat der Krebs drei, vier Jahre gebraucht. Ich war gerade dabei, wieder ins Leben zur\u00fcckzukommen. Das Krankenhaus hatte schon Entwarnung gegeben, aber dann haben sie das R\u00f6ntgenbild genau angeguckt und lie\u00dfen mich noch mal kommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SPIEGEL_bild1.jpg\" width=\"450\" height=\"292\" alt=\"Christoph Schlingensief inszeniert die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>SPIEGEL: Sie schienen fast euphorisch, als Sie im September nach Operation und Chemotherapie in der \u201eKirche der Angst\u201c bei der Ruhrtriennale in Duisburg selber auftraten. Wie schwer hat Sie die schlechte Nachricht jetzt getroffen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Es ist so eine Schei\u00dfe mit dieser Krankheit! Meine Freundin Aino und ich waren in den Wochen zuvor durch die Gegend gelaufen, wir  haben mit neuer Kraft gearbeitet und dachten: Zwei, drei Jahre k\u00f6nnen wir das Leben wieder genie\u00dfen. Wenn nicht sogar mehr. Und jetzt? Wir weigern uns, jeden Tag so zu genie\u00dfen, als w\u00e4re es der letzte, nach diesem bl\u00f6den Satz, den einem manche \u00c4rzte sagen. Essen war f\u00fcr mich fr\u00fcher ein Fest, jetzt habe ich keinen Appetit mehr. Nicht mal auf Rotwein habe ich Lust. Nur die Kornschn\u00e4pse, die ich k\u00fcrzlich in der Kantine des Maxim Gorki Theaters mit dem Intendanten Armin Petras getrunken habe, haben mir geschmeckt.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Ist es ein Trost f\u00fcr Sie, dass Sie nach 25 Jahren des heftigen Streits in diesem Jahr pl\u00f6tzlich von Publikum und Kritik gefeiert werden wie nie zuvor?<\/p>\n<p>Schlingensief: Man sieht vieles wie hinter einer Panzerglasscheibe und wundert sich. Das Tolle an der \u201eKirche der Angst\u201c war, dass ich ohne Zweifel auf meine Arbeit gucken konnte. Diese Arbeit war ganz pur, traurig, aber auch absurd und lustig. Vor einem Jahr, kurz bevor mein Krebs entdeckt wurde, fuhren wir nach Nepal. Wir haben dort einen Film gedreht und ein Kinderkrankenhaus besucht, und ich schrieb ins G\u00e4stebuch: \u201eAuf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden.\u201c Dieser Satz ist mir drei Tage sp\u00e4ter beim Betrachten des ersten R\u00f6ntgenbilds in die Knochen gefahren, und tats\u00e4chlich habe ich das Gef\u00fchl: In der \u201eKirche der Angst\u201c haben die Gedanken einen Grund gefunden, den jeder begreift: sterben m\u00fcssen, aber leben wollen, das ist das Thema.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SPIEGEL_bild2.jpg\" width=\"450\" height=\"319\" alt=\"Duisburger Schlingensief-Inszenierung &quot;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&quot;\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>SPIEGEL: Ist es wirklich so, dass Sie gequ\u00e4lt wurden von Zweifeln an Ihrer Kunst?<\/p>\n<p>Schlingensief: Geh\u00f6rt das nicht dazu? Viele entdecken vielleicht erst jetzt, dass meine Arbeiten immer auch melancholisch oder nachdenklich waren. Ich bin aber kein Leidensbeauftragter, wie viele eingebildete Kranke am Theater. Trotzdem habe ich mit Problemen gek\u00e4mpft, die mir jetzt bescheuert vorkommen. Es hat mich aufgerieben, wenn etwas nicht ankam, dieser Kampf um die Kritik, dieses Lebenm\u00fcssen mit den Verrissen. Bei jeder negativen Kritik gingen sofort die Abwehrkr\u00e4fte hoch, im billigsten Fall wurde der Kritiker auf die B\u00fchne gezerrt.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Es sah meistens wie Spa\u00df aus.<\/p>\n<p>Schlingensief: Klar war das befreiend. Es gibt nichts Sch\u00f6neres, als ein gebanntes, lachendes Publikum mit gro\u00dfen Themen auf die Jagd zu schicken. Das hat mir auch bei Beuys immer gefallen, dass der seine Thesen nie verbissen pr\u00e4sentierte. Bei meinen Filmen war ich immer erstaunt, warum die Leute nicht mehr lachten. In \u201eTunguska\u201c habe ich zum Beispiel ein paar Avantgardefilmer auf dem Weg zum Nordpol gezeigt, die dort die Eskimos mit ihren Werken foltern wollten, das war meine Abrechnung mit meinem Lehrer Werner Nekes und dem deutschen Avantgardefilm. Und gleichzeitig eine Liebeserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Was w\u00fcrden Sie im R\u00fcckblick anders machen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Vielleicht waren meine Arbeiten zu verschl\u00fcsselt oder zu feige. Mein Dramaturg Carl Hegemann warf mir nach meiner ersten  Theaterarbeit an der Volksb\u00fchne, \u201e100 Jahre CDU\u201c, mal vor, ich h\u00e4tte nicht richtig gebeichtet. Da habe ich verstanden, dass es am Theater auch um Haftung gehen muss, dass ich die so oft vermisse. Erst k\u00fcrzlich war ich in der Wohnung meiner Eltern in Oberhausen und merkte, dass es dort ganz dunkel ist, die W\u00e4nde gelblich, der Boden abgewetzt. Das hatte ich vorher nie wahrgenommen. Ich habe dort immer den wei\u00dfen Riesen gespielt, um die Wohnung hell zu kriegen. Ich bin rumgeturnt, habe erz\u00e4hlt, dass ich in Wien oder in Bayreuth war oder ein Angebot aus Manaus habe: Stellt euch vor, da fahre ich hin. Damit habe ich Leben in die Bude gebracht, habe meinen Vater, der zehn Jahre lang allm\u00e4hlich erblindete und damit nicht fertig wurde, ein bisschen aus seiner Depression geholt und bei meiner Mutter gute Stimmung gemacht. Dazu habe ich jetzt keine Lust mehr, wenn ich meine Mutter besuche; mein Vater ist inzwischen gestorben. Was ich da abgekapselt habe, war ein Defizit an Selbstliebe. Ich hab in vielen Punkten mich selber nicht gemocht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SPIEGEL_bild3.jpg\" width=\"450\" height=\"316\" alt=\"Schlingensief, DER SPIEGEL vom 15.12.2008\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>SPIEGEL: Und das galt auch f\u00fcr Ihre Arbeit?<\/p>\n<p>Schlingensief: Man tut nur so, als ob einen Ablehnung motiviert, nach dem Motto: Jetzt erst recht, jawoll, Widerstand! Mit 16 bekam ich von einem WDR-Redakteur, dem ich einen Film zeigte, einen b\u00f6sen Schlag mit. Der sagte: \u201eDu wirst niemals einen Menschen lieben k\u00f6nnen, das sieht man dem Film genau an, du interessierst dich nicht f\u00fcr die Figuren, das sind nur Pappkameraden f\u00fcr dich.\u201c Da sa\u00df ich mitten in der Vollpubert\u00e4t und habe geheult. Nat\u00fcrlich habe ich mich immer schwergetan mit Beziehungen. Sp\u00e4ter drehte ich mit Tilda Swinton, mit der ich damals zusammen<br \/>\nwar, \u201eEgomania \u2013 Insel ohne Hoffnung\u201c, und als ich ihr stolz den Film zeigte, war sie entsetzt, so schlimm unverst\u00e4ndlich und voller Hass fand sie den. Sie hat nur noch geheult.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Und dass es in Ihrer Laufbahn stets auch begeisterte Zustimmung f\u00fcr Ihre Arbeiten gab, richtete Ihr Selbstbewusstsein nicht gleich wieder auf?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das funktionierte nicht, obwohl es immer f\u00fcnfzig zu f\u00fcnfzig war bei mir. Ich habe extremst darunter gelitten, zu Hause bei den Eltern nicht vermitteln zu k\u00f6nnen, dass es gut ist, was ich tue. Dort kam nur an, dass Nachbarn und Verwandte das nicht sinnvoll fanden und Sippenhaft<br \/>\nf\u00fcrchteten. Mein Vater hat bei der Berlinale geweint, als er \u201eMenu total\u201c sah. Da half es nichts, dass seine Schwester sagte, sie f\u00e4nde den Film, wie sie es ausdr\u00fcckte, imposant. Mein Vater hat es so weit getrieben, dass er meiner Mutter aus \u201eEgomania\u201c nur die Landschaftsaufnahmen gezeigt hat. Er hatte sich auf einen Zettel notiert, bis wohin er die Videokassette spulen muss, und lie\u00df meine Mutter glauben, dass ich Dokumentarfilme<br \/>\n\u00fcber deutsche Landschaften drehe.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Sie haben neulich darauf hingewiesen, dass der Krebs in Ihrer Lunge vermutlich zu wachsen begann, als Sie in Bayreuth den \u201eParsifal\u201c inszenierten. Glauben Sie ganz im Ernst, da gibt es Zusammenh\u00e4nge?<\/p>\n<p>Schlingensief: Jeder Krebskranke fragt sich so was. Der eine gr\u00fcbelt, ob er zu viele Zigaretten geraucht oder zu viel Rotwein getrunken hat, ich  frage mich zum Beispiel, ob ich mich in der Kunst zu sehr dem Tod verbunden gef\u00fchlt habe. Die Ergriffenheit, mit der ich 2004 den \u201eParsifal\u201c, dieses<br \/>\nWagner-Abschiedswerk, inszeniert habe, und dass ich meine damalige Freundin aufgab und ein paar meiner dunklen Seiten auslebte, das hat einem Lebenswillen widersprochen und einen Ekel erzeugt, der nicht zum Aushalten war. Ich glaube, dass jeder Mensch von Geburt an eine Stabilit\u00e4t besitzt, die man durch solche Akte des Selbsthasses ins Wanken bringt.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Gelingt es Ihnen denn jetzt, sich mehr zu m\u00f6gen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nicht nur mich, auch die anderen, ich habe mir zum Beispiel vorgenommen: mehr loben! Ich freue mich \u00fcber die W\u00e4rme, die ich von so vielen Freunden, aber auch von K\u00fcnstlern zu sp\u00fcren bekomme, von Margit Carstensen oder Ren\u00e9 Pollesch, von Matthias Lilienthal oder Peter Zadek, der mir ein riesiges lustiges Buch mit Pornozeichnungen ins Krankenhaus geschickt hat. Aber es ist Quatsch zu sagen, dass man als Krebskranker die Welt ganz anders sieht. Man bildet sich das ein, man ist schwach, und die Umgebung reagiert anders auf einen. Trotzdem bin ich jetzt so weit zu sagen: Das Normalste ist das Sch\u00f6nste. Ich freue mich dar\u00fcber, mit meiner Freundin einfach dazuliegen und meinetwegen auf eine graue Hochhauswand zu blicken, ohne dunkle Wolke, ohne die Frage: Wie lange liegen wir \u00fcberhaupt noch hier? Ich habe eine Lunge weg, ich kann nicht mehr rennen, ich bin au\u00dfer Atem, meine F\u00fc\u00dfe sind wie aus Eisen, aber mir geht\u2019s echt gut, ich werde besser versorgt als jedes Kind in Nepal, das in meiner Lage keine Chance h\u00e4tte, ich habe echt wundersch\u00f6ne Momente und ganz viel Freude.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Jetzt machen Sie wieder gute Stimmung.<\/p>\n<p>Schlingensief: Sagen wir so, ich versuche es. Tief drin heule ich wahrscheinlich. Grunds\u00e4tzlich gilt: Jeder Krebskranke darf f\u00fcr sich einen Weg finden. Wenn einer immer die gleiche Schallplatte spielen will bis zum Schluss, ist es okay. Wenn er Qigong oder Yoga machen will, auch. Schlimm ist nur, dass man bei all diesen Therapien und Ratschl\u00e4gen nicht durchblickt. Dauernd denkt man, h\u00e4ttest du doch blo\u00df dieses oder jenes auch noch gemacht. Wichtig w\u00e4re, dass man den Krebskranken rausholt aus seiner Verzweiflung, aus dieser Vertrauenskrise. Die Krankenh\u00e4user sollten einem Helfer vermitteln, die mit einem die Angst besprechen und dir die Mechanismen der Angstbek\u00e4mpfung erkl\u00e4ren. Stattdessen liest man sich fest in diesen Foren im Internet, von denen man sofort noch schlimmer krank wird. Zum Gl\u00fcck habe ich einen Arzt, der mich als Menschen sieht,  der spricht offen und zart mit mir und nicht so amerikanisch nach dem Motto: \u201eIch kl\u00e4re Sie jetzt mal beinhart auf. Sie sind am Ende!\u201c<\/p>\n<p>SPIEGEL: Waren Sie zuvor je schwer krank?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, einmal, mit 18, im Abiturjahr. Ich hatte auf der Kirmes Fischbr\u00f6tchen gegessen und lag zu Hause mit Bauchschmerzen im Bett. Man behandelte mich auf Fischvergiftung, aber in Wahrheit war mein Blinddarm durchgebrochen. Als ich nach zwei Tagen endlich ins Krankenhaus<br \/>\neingeliefert wurde, war ich bewusstlos. Die haben sieben Stunden nur Eiter weggemacht aus meinem Bauch. Nach der Operation lag ich sechs Wochen erst auf der Intensiv-, dann auf der Wachstation, mit Darmverschluss. Da h\u00f6rte ich Leute aus dem OP rollen und schreien und sah einige auch sterben, das war sehr hart.<\/p>\n<p>SPIEGEL: R\u00fchrt Ihre k\u00fcnstlerische Obsession mit Krankheit und Tod aus dieser Zeit?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das kann ich nicht so genau sagen. Mein Vater war Apotheker, ich habe kranken Menschen noch und n\u00f6cher zugeh\u00f6rt. Ich habe nie so an das total Gesunde geglaubt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/SPIEGEL_bild4.jpg\" width=\"425\" height=\"359\" alt=\"Schlingensief, DER SPIEGEL vom 15.12.2008\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>SPIEGEL: Haben Sie das Gef\u00fchl, dass Sie jetzt erst recht arbeiten m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich mache mir nicht vor, dass die Arbeit mich am Leben h\u00e4lt. Es ist gut zu denken, dass man gebraucht wird, aber viel wichtiger ist, dass ich in Aino eine Freundin gefunden habe, die f\u00fcr mich k\u00e4mpft und mich aus dem Bett holt, wenn ich nur noch schluchze. Aino ist so ein Gl\u00fcck, dass ich durchheulen k\u00f6nnte bei dem Gedanken, das je zu verlieren. Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und Singen und musizieren und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln!<\/p>\n<p>SPIEGEL: Wie wird Ihr Krebs behandelt? Schlingensief: Vorerst kriege ich Tabletten. Man wei\u00df halt noch nicht, ob die Wirkstoffe in die Lunge reingehen und die Metastasen aufhalten oder kleiner machen. Ich hatte anfangs die Idee, mich umzubringen. Ich wollte nicht gelb und gr\u00fcn und blau nach der f\u00fcnften und sechsten Chemotherapie sterben. Aber ich hab mich entschieden: Umbringen kommt nicht in Frage. Ich werde<br \/>\nauf alle F\u00e4lle Christ bleiben \u2013 auch wenn ich die katholische Kirche, die eine aberwitzige H\u00f6llenmaschine auf Erden anwirft, in dieser Form ablehne. Nur Schmerzen will ich keine erleben. Da habe ich aber ganz gute Leute, die mir da helfen w\u00fcrden, damit ich ged\u00e4mpft bin. Jesus hat man auch in die Seite gesto\u00dfen, um sein Leiden zu verk\u00fcrzen, dadurch hat er Blut und Wasser verloren. Das war Sterbehilfe! Aber sag das mal einem in der katholischen Kirche!<\/p>\n<p>SPIEGEL: Ist das auch Thema Ihres neuen Theaterprojekts in Wien?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, da geht es nat\u00fcrlich um Krankheit, um das kreisende Universum, in dem man doch drinbleibt, auch wenn man weg ist. Und es geht um Afrika und die Er\u00f6ffnung eines Festspielhauses, das ich dort errichten m\u00f6chte, damit K\u00fcnstler aus Europa dort auf Zeit leben und die Afrikaner ganz offiziell beklauen k\u00f6nnen und nicht wie bisher heimlich. Das sind die Versatzst\u00fccke. Den Text hat mir Elfriede Jelinek geschenkt, ein Komponist macht gerade die Partitur f\u00fcr die S\u00e4nger. Am 20. M\u00e4rz ist Premiere am Burgtheater. Ich kann nicht singen, ich kann nicht komponieren,<br \/>\nalso muss ich mich auf andere Leute verlassen, das habe ich gelernt in der letzten Zeit. Diese Fernregie, das ist ein alter Wunsch von mir: Du baust einen Zug, auf dem du eines Tages nicht mehr mitfahren kannst, dann fahren andere den Zug weiter und erkunden unbekannte L\u00e4nder.<\/p>\n<p>SPIEGEL: Sie haben angek\u00fcndigt, dass Sie, wenn es so weit ist, zum Sterben nach Afrika gehen wollen. Warum dorthin?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nicht, weil ich mich dort besonders verankert f\u00fchle oder so etwas. Nur habe ich, seit ich vor fast 30 Jahren zum ersten Mal dorthin kam, das Gef\u00fchl, dass ich dort zur Ruhe komme. Das ist etwas Spirituelles. Aber so schnell sterben kann ich ohnehin nicht. Ich habe noch lange<br \/>\nnicht abgeschlossen. Ich bin noch nicht mit mir im Reinen. Ich lass mich jetzt noch nicht fallen. Ich habe noch K\u00e4mpfe!<\/p>\n<p>SPIEGEL: Herr Schlingensief, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten die Redakteure Anke D\u00fcrr und Wolfgang H\u00f6bel.<\/em><\/p>\n<p><em>Der SPIEGEL vom 15.12.2008, Seite 156<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Theater- und Filmemacher Christoph Schlingensief \u00fcber seinen Lungenkrebs, den Umgang mit dem drohenden Tod, Kritik an seiner Kunst und den Fluch, stets gute Stimmung verbreiten zu wollen. 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