{"id":307,"date":"2008-12-15T16:09:22","date_gmt":"2008-12-15T14:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=307"},"modified":"2008-12-15T16:09:22","modified_gmt":"2008-12-15T14:09:22","slug":"requiem-fur-einen-provokateur-spiegel-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=307","title":{"rendered":"REQUIEM F\u00dcR EINEN PROVOKATEUR (SPIEGEL ONLINE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die S\u00e4ngerin Patti Smith und der schwer kranke Regisseur Christoph Schlingensief debattierten \u00fcber Kunst und Religion.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nPatti Smith r\u00fclpst ins Mikrophon und rutscht auf dem schicken Konstantin-Gricic-Stuhl herum. Sie grinst und sagt, provozieren k\u00f6nne heutzutage jeder. &#8222;Ich k\u00f6nnte hier vorne hinschei\u00dfen. Jetzt sofort.&#8220; Der Skandal w\u00e4re perfekt &#8211; doch sie selbst w\u00fcrde sich dabei nur langweilen. Viel lieber ist sie an diesem strahlend sch\u00f6nen und klirrend kalten Sonntagnachmittag ins vollbesetzte M\u00fcnchner Haus der Kunst gekommen, um mit ihrem engen Freund Christoph Schlingensief \u00fcber die Verbindung von Kunst und Religion zu sprechen, \u00fcber Ekstase und Spiritualit\u00e4t. Und, nat\u00fcrlich, \u00fcber den Tod.<\/p>\n<p>So viel wird schnell klar: Dies ist kein x-beliebiges Gespr\u00e4ch zwischen zwei bekannten Pers\u00f6nlichkeiten \u00fcber Gott und die Welt und \u00fcber die Kunst, wie sie regelm\u00e4\u00dfig in deutschen Museen stattfinden. Hier begegnen sich nicht nur eine Punk-Ikone und ein Theater-Berserker, sondern auch zwei von Tod und Schmerzen gezeichnete Menschen. Zwei Ausnahme-K\u00fcnstler, die sich und ihr Publikum an der Seele zu fassen verstehen und auf ihre unnachahmliche Weise eine ungew\u00f6hnliche vorweihnachtliche Andacht zelebrieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/0_1020_1382734_00.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Foto: Marino Solokhov\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Patti Smith verlor im Laufe ihrer langen Karriere nicht nur geliebte Menschen wie ihren Freund Robert Mapplethorphe und ihren Ehemann, den Musiker Fred &#8222;Sonic&#8220; Smith, sondern machte eine Nahtoderfahrung, die sie dem Jenseits n\u00e4her brachte.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief muss dem Tod, &#8222;der ganzen Schei\u00dfe&#8220;, wie er es nennt, ganz direkt ins Gesicht sehen, seitdem er im Januar 2008 erfuhr, dass er an einer besonders heimt\u00fcckischen Art von Lungenkrebs erkrankt ist. Ihm wurde bereits der linke Lungenfl\u00fcgel entfernt, eine Chemotherapie folgte.<\/p>\n<p>Schmal und ernst sitzt er auf dem Podium. Sein christliches Bild habe sich im Laufe des Jahres gewandelt, sagt er, der fr\u00fchere Messdiener und &#8222;Provokationsprofi&#8220;, bei dem nie klar war, ob er wirklich an Gott glaubte oder ob er ihn nur f\u00fcr seine Kunstproduktion benutzte. Daf\u00fcr schlachtete er auf der B\u00fchne viel zu gerne die heiligen K\u00fche der Gesellschaft. Er lie\u00df sein Publikum die geografische Lage von KZs raten, forderte &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl&#8220; oder zeigte Pornos im Wiener Burgtheater.<\/p>\n<p><strong>Darf man sich selbst so wichtig nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Apothekersohn aus Oberhausen verwurstete alles und jeden f\u00fcr seine respektlosen Aktionen \u2013 und stieg zum gefeierten und gehassten, auf jeden Fall aber stets vieldiskutierten Star auf. Als er krank wurde, gab es f\u00fcr ihn selbstverst\u00e4ndlich nur den Weg, sein Leiden, seinen Schmerz und seine Todesangst \u00f6ffentlich auszustellen. Nicht umsonst zitierte er sein Vorbild Joseph Beuys: &#8222;Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.&#8220;<\/p>\n<p>Darf man sich selbst so wichtig nehmen, fragten viele Kritiker schwankend zwischen Befremden und R\u00fchrung nach seinen beiden letzten Inszenierungen &#8222;Kirche der Angst&#8220; und &#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220;. In beiden trat er als Hohepriester in eigener Krankensache auf, in beiden inszenierte er schon mal seine eigene Totenfeier.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"centered\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/0_1020_1382726_00.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"0 1020 1382726 00\" \/><\/p>\n<p>H\u00f6rt man ihn in M\u00fcnchen atemlos und konzentriert sprechen, wird einmal mehr klar: In Schlingensiefs Kosmos muss das sogar sein, es gibt keine Trennung zwischen K\u00fcnstler und Mensch, zwischen \u00f6ffentlich und privat. Gesellschaftlich erw\u00fcnschte Verhaltensweisen wie Piet\u00e4t oder Zur\u00fcckhaltung existieren in seiner Welt nicht, alles muss raus. Egal, ob durchdacht, angedacht oder einfach nur spontan durch den Kopf geschossen. Auch falsch darf gedacht werden, das war bei Schlingensief schon immer so. Hauptsache, es passiert etwas: &#8222;Volle Angst voraus&#8220;, so der Titel seines \u00f6ffentlichen Wander-Tagebuchs.<\/p>\n<p>Und so steigert sich Schlingensief in eine lange, emotionale Rede hinein. Er spricht von seinem &#8222;Fight&#8220; mit Jesus, der ihm jedoch immer sympathischer werde. Davon, dass er Liebe zeigen will, indem er sich als Wrack pr\u00e4sentiert. Er fragt sich: &#8222;Wie stirbst du denn mal, demn\u00e4chst? Sitzt da ein Mann mit Bart, wenn ich in den Himmel komme?&#8220; Davon, dass er weiterleben will und keinen Grund sehe, hochzufahren, wie schwer es ihm falle, seine Freundin zu verlassen. Denn: &#8222;So sch\u00f6n wie hier kann es im Himmel gar nicht sein.&#8220; <\/p>\n<p>Er spricht so lange, bis seine Stimme bricht, bis es im Saal ganz still geworden, bis seine Verzweiflung auch in den letzten Reihen sp\u00fcrbar geworden ist. Patti Smith, die neben ihm sitzt und kaum ein Wort verstanden hat, sagt, sie habe gesp\u00fcrt, was er gesagt habe und es erinnere sie an Allen Ginsberg, der ebenfalls nicht gehen wollte und dessen Seele, selbst als sein K\u00f6rper schon tot war, noch lange Zeit im Raum geschwebt habe.<\/p>\n<p>&#8222;Als K\u00fcnstlerin kann ich alles sein: liebend, blasphemisch, eine Diebin, eine Verbrecherin&#8220;, sagt Patti Smith, &#8222;als Mensch versuche ich so gut wie m\u00f6glich zu sein.&#8220; Christoph Schlingensief dagegen hat sich als Mensch und als K\u00fcnstler immer herausgenommen, alles zu d\u00fcrfen, und das tut er noch immer. Der Unterschied zu fr\u00fcher ist nur, dass sein eigener, von der Krankheit gezeichneter K\u00f6rper ihm enge Grenzen setzt. Und das ist nur schwer zu akzeptieren, von ihm und von seinen Zuschauern.<\/p>\n<p>Zum Schluss holt Patti Smith ihre Gitarre und singt mit wundersch\u00f6ner klarer Stimme f\u00fcr ihren Freund den Song &#8222;Grateful&#8220;. Christoph Schlingensief sitzt einfach da, blickt sie an und h\u00f6rt zu. Und das Publikum macht \u2013 mit ihm zusammen \u2013 eine stille Erfahrung des Schmerzes.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Jenny Hoch, SPIEGEL ONLINE vom 15.12.2008<\/em><br \/>\n<em>Fotos: Marino Solokhov<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die S\u00e4ngerin Patti Smith und der schwer kranke Regisseur Christoph Schlingensief debattierten \u00fcber Kunst und Religion.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=307"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}