{"id":305,"date":"2008-11-27T00:13:41","date_gmt":"2008-11-26T22:13:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=305"},"modified":"2008-11-27T00:13:41","modified_gmt":"2008-11-26T22:13:41","slug":"einer-der-nie-aufgibt-waz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=305","title":{"rendered":"EINER, DER NIE AUFGIBT (WAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief war schwer krank, jetzt ist er wieder da und mischt mit: Streitbar wie eh und je kritisiert er den Bochumer Kulturdezernenten, die Intendanten insgesamt und die Kulturhauptstadt sowieso.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn einer \u00e4u\u00dferst erfolgreichen Inszenierung f\u00fcr die Ruhr Triennale hat er gerade seine schwere Krebserkrankung verarbeitet: Christoph Schlingensief. Im Herbst bewarb er sich als Intendant f\u00fcr das Schauspiel Bochum \u2013 und wurde es nicht. Gudrun Norbisrath sprach mit ihm \u00fcber seine Motive und neue Pl\u00e4ne.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Was reizt Sie an Bochum? Sie sind doch Regisseur.<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Nicht nur. Ich habe die H\u00e4lfte meiner Aktionen und Filme selber geplant und co- oder ganz produziert. Eine Intendanz habe ich mir \u00f6fter zugetraut, vor allem, weil ich oft mitansehen musste, in welcher Bequemlichkeit die Herren Intendanten landauf, landab ihre Kohle abziehen, ohne Elan, ohne wirklich diskussionsw\u00fcrdige Ideen. Und nat\u00fcrlich ist Bochum genau der richtige Ort. Eine Ikone.<\/p>\n<p><em>Sie hatten sich gemeinsam mit Armin Petras beworben.<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, er sollte der Intendant sein und ich k\u00fcnstlerischer Direktor. Armin ist Intendant des Berliner Gorki-Theaters, er hat mir sehr geholfen w\u00e4hrend meiner Krankheit und gesagt, ich kann sofort bei ihm arbeiten. Ich hatte auch ein Angebot von der Volksb\u00fchne, aber das Gorki ist anders, eine ganz weiche, sehr famili\u00e4re Angelegenheit.<\/p>\n<p><em>Wie lief die Bewerbung ab? <\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich hatte ein Gespr\u00e4ch mit dem Bochumer Kulturdezernenten und dann hat Armin mir erz\u00e4hlt, dass er angefragt worden sei. Es war seine Idee, dass wir das zusammen machen sollten, und ich fand auch, dass wir ein Superteam w\u00e4ren. Wir h\u00e4tten uns fantastisch erg\u00e4nzt und ich h\u00e4tte Kollegen angesprochen, die gern mit mir arbeiten, Martin Wuttke oder Rene\u00b4 Pollesch wollten dabei sein, und Bierbichler, Minnichmaier, Angela Winkler, Pucher. Fragen Sie mal Zadek, der fand die Idee auch ganz toll und richtig; Bondy, Breth, Marthaler, alles Freunde. Aber es ist dann sehr merkw\u00fcrdig gelaufen, ich kriegte nicht mal einen Anruf.<\/p>\n<p><em>Was wollten Sie in Bochum verwirklichen?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich wollte die Aufbruchstimmung nutzen. Nach dem Absturz der Weltwirtschaft gibt es wunderbare M\u00f6glichkeiten, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Kunst hat mehr Reserven, als die Politik je haben wird. Stattdessen holt man ein zw\u00f6lf Kilometer entferntes Erfolgsmodell. Warum? Anselm Weber macht gute Arbeit, aber dass er an einem Verschiebebahnhof Gefallen hat, wusste ich nicht. Andererseits muss ich zur Kenntnis nehmen, dass man mich im Wanderpark Ruhrgebiet nicht haben will. Schade.<\/p>\n<p><em>Was bedeutet Ihnen das Ruhrgebiet?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich komme aus Oberhausen, war aber in den letzten Jahren nur als Durchreisender hier. In Duisburg bei der Triennale habe ich wieder gemerkt, wie viel Kraft in der Region steckt. Das wird nicht genutzt, stattdessen werden nachts Industriest\u00e4tten f\u00fcr viel Geld beleuchtet. <\/p>\n<p><em>In Essen wird demn\u00e4chst eine renommierte Intendantenstelle frei. Bewerben Sie sich?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe mit dem Ruhrgebiet nicht abgeschlossen, aber ich glaube nicht, dass ich mich bewerbe. Den Bochumer Vorgang finde ich sehr schade, er zeigt wieder mal die eingeschr\u00e4nkte Sichtweise von zugereisten Kulturmachern, die wohl eher durch Zufall in diesen Job gerasselt sind. Das gleiche gilt leider auch f\u00fcr die herumeiernde Kulturhauptstadt.<\/p>\n<p><em>Warum die?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Sie kommen nicht wirklich zu Potte. Die Sponsoren haben keinen Bock, die Ideen sind teilweise brillant, aber oft an den Haaren herbeigezogen, einfach zu bl\u00f6d. Sie machen dicke B\u00fccher voller Visionen, aber der Reflex auf das, was das Ruhrgebiet wirklich ist und was es in Zukunft treiben sollte, fehlt.<\/p>\n<p><em>Was war Ihr Vorschlag?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Kein gro\u00dfer, aber ein werbewirksamer! Ich wollte etwas machen, das auch Leute in anderen Bundesl\u00e4ndern auf dieses Kulturereignis auf spielerische Art und Weise hinweist. Etwas, das seinen Charme und auch seine Absurdit\u00e4t spiegelt. Ich wollte ans h\u00f6chste Gut des WDR: n\u00e4mlich einen ganz merkw\u00fcrdigen Tatort drehen. Er sollte den Mythos Ruhrgebiet aufnehmen, mit verdrehten Kommissaren und Verfolgungsjagden, ein Sinnieren \u00fcber das Weltgeschehen, am\u00fcsant und unkompliziert. Aber seit einem ersten Treffen vor anderthalb Jahren gab es nur noch die Hoffnung, zahlreiche Versuche von Herrn Pleitgen, aber der zust\u00e4ndige Redakteur hat wahnsinnig viel um die Ohren und muss gucken, dass das ganze Geld sch\u00f6n bei Colonia Media landet. Die m\u00fcssen das produzieren, damit das alles gleich aussieht und der WDR seinen Omastil behalten kann.<\/p>\n<p><em>Was machen Sie stattdessen?<\/em><\/p>\n<p>Schlingensief: Meine gr\u00f6\u00dfte Angst w\u00e4hrend der Krankheit war, dass ich nicht mehr gebraucht w\u00fcrde. Aber jetzt habe ich mehr M\u00f6glichkeiten als fr\u00fcher. Ich entwickle mit dem Architekten Stephan Braunfels einen Opern-Neubau mit v\u00f6llig neuen Ans\u00e4tzen \u2013 ein Haus, f\u00fcr das die Musik noch komponiert werden wird. Dann arbeite ich wieder an der Burg, drehe einen Spielfilm und hoffe, dass ich mit dieser Arbeitsfreude noch lange leben bleibe.<\/p>\n<p><em>Erschienen in der WAZ, Kultur, 26.11.2008, Gudrun Norbisrath<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief war schwer krank, jetzt ist er wieder da und mischt mit: Streitbar wie eh und je kritisiert er den Bochumer Kulturdezernenten, die Intendanten insgesamt und die Kulturhauptstadt sowieso.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=305"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}