{"id":304,"date":"2008-11-18T00:52:12","date_gmt":"2008-11-17T22:52:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=304"},"modified":"2008-11-18T00:52:12","modified_gmt":"2008-11-17T22:52:12","slug":"verdammt-glucklich-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=304","title":{"rendered":"\u00bbVERDAMMT GL\u00dcCKLICH\u00ab (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gott ist ein schweinischer K\u00fcnstlerarsch mit manchmal grausamen Pl\u00e4nen. Christoph Schlingensief \u00fcber Religion, das Arbeiten in anderen Kulturen und das Diktierger\u00e4t als M\u00fclleimer.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>taz: Herr Schlingensief, Sie planen einen neuen Aufbruch: ein Festspielhaus in Afrika zu gr\u00fcnden. Wollen Sie wieder nach Namibia?<\/em><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Nein. An das Projekt denken wir schon seit \u00fcber einem Jahr. Da wir Afrika sowieso beklauen, w\u00e4re es an der Zeit, dies offiziell zu tun. Also ein Haus zu gr\u00fcnden, das sich offen dazu bekennt: Wir klauen euch was weg, was wir nicht haben. Die Idee ist, Probenr\u00e4ume zu bauen, die von Regisseuren und Schauspielern, K\u00fcnstlern, Musikern nicht nur aus Deutschland f\u00fcr vier Wochen angemietet werden, um dann ihr &#8222;K\u00e4thchen von Heilbronn&#8220; an einem Ort zu proben, wo das normalerweise nicht stattf\u00e4nde.<\/p>\n<p><em>Wozu soll dieser Aufwand gut sein?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe das selber erlebt, dass pl\u00f6tzlich die Gedanken, die man immer in den Theaterkantinen w\u00e4lzt oder in den Schreibstuben, durch die \u00dcberlagerung mit einer anderen Umgebung eine neue Dimension erhalten.<\/p>\n<p><em>Gibt es schon einen Ort daf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p>Mali, Tansania oder Kamerun sind bereits im Gespr\u00e4ch. Mali ist das Land mit den gr\u00f6\u00dften Lehmbauten und Lehm ist ein tolles Material. Wenn man sich vorstellt, man w\u00fcrde das Opernhaus von Bayreuth in Lehm nachbauen, dann s\u00e4he man mal, was das f\u00fcr ein Fake ist.<\/p>\n<p><em>Sie haben in den letzten Jahren oft in abenteuerlichen Kontexten produziert: Eine Oper in Manaus, in Namibia gefilmt, in Nepal. Warum ist es f\u00fcr Sie wichtig, sich immer wieder anderen Kulturformen auszusetzen?<\/em><\/p>\n<p>Was passiert mit mir an einem anderen Ort, die Frage besch\u00e4ftigte mich schon mit 16. Ich wollte in den Kartoffelferien immer weg. Wir sind nach M\u00fcnstereifel, fast ein Stunde Autofahrt, ohne Eltern.<\/p>\n<p>Die erste Station f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Reise kam durch meine damalige Freundin Tabea Braun, deren Vater in S\u00fcdafrika als Missionspriester gewesen war. Tabea ist da geboren. Sie sagte mir immer, du musst da mal hin. Dann bin ich 1993 nach Simbabwe geflogen, weil es in Harare die M\u00f6glichkeit gab, ein Kopierwerk zu benutzen, das mit europ\u00e4ischen Geldern zur F\u00f6rderung der Filmindustrie in Simbabwe unterst\u00fctzt wurde. Ich war baff, wie mich das ansprang. Eine Kraft, die ich nicht beschreiben kann. Etwas Spirituelles stellte sich ein. Es war so, als h\u00e4tte ich die sicheren Stadtmauern verlassen. Das ganze Getue hier oder diese kranke Beziehung zur Dritten Welt war pl\u00f6tzlich ein Angriff gegen die eigenen Sicherheitsbestrebungen. Sozusagen ein liebevoller Angriff. Lange \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n<p><em>Das hat ihre Perspektive ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p>Seitdem frage ich mich oft, was mache ich hier \u00fcberhaupt. Mit geht es gut, ich bin versorgt, ein bisschen Aufruhr ist auch da; aber das Leben dort hat mich ganz anders angesprungen. Der Film, den wir machen wollten, ging brachial in die Hose, der Geheimdienst war hinter uns her, wir wurden festgenommen. Wenn es Nachrichten gibt, die mich aus dem Schlaf rei\u00dfen, ist das alles \u00fcber Simbabwe, vor allem \u00fcber Mugabe. Ich bin kein Verfechter von Hinrichtungen, aber wenn dieser Typ einfach eines Morgens nicht mehr da w\u00e4re \u2026<\/p>\n<p><em>Im HAU in Berlin zeigen Sie gerade in der Ausstellung &#8222;Fressen oder Fliegen&#8220; Teile ihres Filmmaterials aus Namibia von 2005, aber in einer sehr eigenartigen Projektion, flackrig und ausgefranst.<\/em><\/p>\n<p>Wir sind mit dem Fernglas \u00fcber die Leinwand gefahren.<\/p>\n<p><em>Oft sieht man Sie da als Regisseur ratlos im Bild, die Geschichten ver\u00e4ndern sich st\u00e4ndig.<\/em><\/p>\n<p>Man kommt mit einigen Vorstellungen in Namibia an und denkt, die Missst\u00e4nde der Kolonialzeit und einige Hereros sollten vorkommen. Dann geht es um eine Abarbeitung von Bayreuth, nur ist es hier nicht die Familie Wagner, sondern die Familie Bach, die besitzen die Bachquelle und wollen damit die Opernfestspiele der Tochter Katharina Bach aufbauen. Das sind erkennbare, auch ironische Momente. Wonach ich suche, sind aber die Momente, deren Funktion ich selbst nicht genau erkennen kann. Bin ich vielleicht da, weil ich Angst davor habe?<\/p>\n<p><em>Im HAU hei\u00dft ihre Installation &#8222;Stairway to heaven&#8220;, und tats\u00e4chlich kann man mit einem Treppenlift durch das Filmbild fahren, sieht es dabei aber nicht. Ist das eine Metapher, dass man das Bild, in dem man selbst drin ist, nicht sehen kann?<\/em><\/p>\n<p>Auf den Treppenlift hat mich meine Mutter gebracht, die hat einen in ihrem Haus, der geht ziemlich langsam. Sie sagte nach der ersten Testfahrt, das ist aber langweilig, mach mir mal ein paar Bilder an die Wand. Das habe ich gemacht und gedacht, so stelle ich mir eine Himmelfahrt vor.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren haben der Schauspieler Bernhard Sch\u00fctz und ich immer gerufen: &#8222;Der Raum \u00fcberpr\u00fcft uns und nicht wir den Raum.&#8220; Und so ist das auch, wenn man auf dem Lift durch das Filmbild f\u00e4hrt. Der Film beobachtet uns, nicht wir den Film.<\/p>\n<p><em>Anfang des Jahres konnte man von Ihnen lesen, dass Sie dem Theater den R\u00fccken kehren, um mehr bildende Kunst zu machen. Mir scheint aber, dass Sie in jedem Medium die Verlaufsform Zeit brauchen, nur ohne klar definierten Anfang und ohne Ende.<\/em><\/p>\n<p>Ich habe weder Film noch Theater verlassen. Ich habe nur deren Beschr\u00e4nktheit kritisiert. Die Dramaturgie ist weder das Glotztheater noch der kleine Filmrand. Das Ganze hat st\u00e4ndig miteinander zu tun. Es scheint mir mittlerweile so, dass die Beschr\u00e4nktheit dieser Mittel einen anderen dramaturgischen Rahmen verlangt.<\/p>\n<p>In den Ausstellungen arbeite ich deshalb auch dramaturgisch, selbst wenn jeder, der kommt, etwas anderes wahrnimmt. Das ist eine Inanspruchnahme aller Mittel, auch des Zweifels. Ob ich das Richtige finden werde, wei\u00df doch kein Mensch. Das finde ich jetzt bei der Finanzkrise so einen Wahnsinn, wie viel Werbung geschaltet wird von neuen Experten, die jetzt wissen, wo wir unseren Fond er\u00f6ffnen sollen.<\/p>\n<p><em>Waren Sie dieses Jahr auf dem Art Forum, wo eine Arbeit von Ihnen ausgestellt war?<\/em><\/p>\n<p>Nein, letztes Jahr war ich mal da, da kann ich wenig mit anfangen. Wenn ich durch so eine Messe gehe, sehe ich nur die Dramaturgie des Geldes: Ein bisschen was Schrottiges vorne, das kostbare hinter dem Tischchen, das interessiert mich nicht. Da gehe ich lieber auf den Wochenmarkt.<\/p>\n<p><em>Lieben Sie denn nicht das Schrottige?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe gelesen, meine Generation sei die Trash-Generation. Stimmt \u00fcberhaupt nicht, zwanzig Jahre lang war ich verbissener Mainstream-Regisseur und wollte, dass Einstellung nach Einstellung gedreht wird. Dass ich mit einer kaputten Kamera gefilmt habe, war nicht geplant, aber das Material habe ich dann umdefiniert in ein Abenteuer der Kamera, das genauso eine Berechtigung hat wie mein Versagen im Erz\u00e4hlen von Zusammenhang. Das ist doch nicht trashig. Auch durch meine Krankheit habe ich gelernt: Es gibt so viele Sachen, die auf dem Abfall liegen, die f\u00fcr mich eigentlich gro\u00dfes Gl\u00fcck bedeuten.<\/p>\n<p><em>Wie meinen Sie das?<\/em><\/p>\n<p>Eine weggeworfene Pflanze, die auf dem Wochenmarkt in der Tonne landete, weil sie keiner wollte. Ein Kaktus, eine Ecke war rausgebrochen, den habe ich mittlerweile gro\u00dfgezogen, dreimal ist er zusammengeknickt, aber im Fr\u00fchjahr hat er eine Krone von Bl\u00fcten bekommen. Adorno hat gesagt, das Sch\u00f6nste ist das Normale, der Kaktus auf meinem Klavier.<\/p>\n<p><em>Am Maxim Gorki Theater in Berlin ist von heute Abend an &#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220; von Ihnen zu sehen. Der Abend entstand in der Zeit ihrer Chemotherapie.<\/em><\/p>\n<p>Schon davor begann ich, abends, wenn es dunkel wurde und die Angst kam, in ein Diktierger\u00e4t zu reden, wie in einen M\u00fclleimer. Das war ein wichtiger Punkt zum Ablassen. Erst wollte ich das in einer Installation verwenden, dann ein Drehbuch draus machen, das habe ich alles verworfen. Dann entstand im Gorki Theater ein Rahmen, in dem es dunkel ist, wo man Ger\u00e4usche h\u00f6rt, leise Stimmen, und es wurde klar: Hier kann es h\u00f6chstens um die kurzen Blitzbilder w\u00e4hrend des Klinikaufenthalts gehen. Ich war in der Zeit immer v\u00f6llig fertig, und wenn es ein bisschen besser ging, hat mich meine Freundin Aino Laberenz ins Gorki gefahren, und manchmal bin ich kurz vor der T\u00fcr wieder umgedreht und kotzend zur\u00fcckgefahren. Die Schauspieler &#8211; Margit Carstensen, Angela Winkler, Mira Patecke und Gunnar Teuber &#8211; wussten auch nicht, in welche Richtung das geht. Aber manchmal, das habe ich da gemerkt, wenn ich mir es wieder anguckte, ist auch Abwesenheit ganz gut.<\/p>\n<p><em>Der Titel &#8222;Der Zwischenstand der Dinge&#8220; bezieht sich auf ihre Krankheit.<\/em><\/p>\n<p>Das ist der Zwischenstand der Dinge. So viel wei\u00df man zu diesem Zeitpunkt. Inzwischen wei\u00df ich ein bisschen mehr, ich bin wieder ein bisschen kr\u00e4ftiger, ich kann wieder rumlaufen, ob da drin alles in Ordnung ist, wei\u00df der liebe Gott.<\/p>\n<p><em>Hat sich ihr Verh\u00e4ltnis zur Religion ver\u00e4ndert? Pl\u00f6tzlich spielt das Gespr\u00e4ch mit einem pers\u00f6nlichen Gott eine Rolle.<\/em><\/p>\n<p>Ein g\u00f6ttliches Prinzip k\u00f6nnte ja sein, permanente Versuchsanordnungen zu machen, so wie wir das auch gerne machen, die dann eben krachen, in denen Leute umkommen oder gl\u00fcckselig sind, sechs Kinder kriegen und nie krank werden. Und er guckt sichs an. Das einzige Problem ist, ihn geht das dann wirklich an, er sitzt dann nicht in der Kantine und zuckt die Achseln, wieder zwei Wohnblocks mit Kindern weggebombt. Ihm tut das dann wirklich weh, aber er muss es trotzdem noch mal ausprobieren, um Erfahrungen zu sammeln. In dieser Hinsicht ist Gott oder dieses Prinzip ein ziemlich schweinischer K\u00fcnstlerarsch.<\/p>\n<p>Ich erlebe jetzt vieles anders und brauche nicht mehr unbedingt das Tamtam und Brimborium von irgendwelchen religi\u00f6sen Sachen, obwohl ich die Glocken und den Weihrauch immer noch liebe. Manchmal, wenn es mir nicht gut geht, dann sitze ich hier und h\u00f6re die Glocken bimmeln von zwei Kirchen in der N\u00e4he, das erinnert mich an sch\u00f6ne Zeiten, als ich noch im katholischen Traumlandpark lebte. Was Gott angeht, habe ich elende K\u00e4mpfe, und was den Widerstand gegen das Sterben angeht, bin ich manchmal super geladen. Ich will definitiv nicht sterben. Ich will lange, lange leben, und ich bin verdammt gl\u00fccklich mit dem, was ich habe.<\/p>\n<p>So sch\u00f6n wir hier kann es im Himmel gar nicht sein. Das ist der Kernsatz.<\/p>\n<p><em>Die Krankheit hat Sie ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat Krebs ein zweites Gesicht. Viele Leute, die krank werden, haben sich in ihrem Lebenshaushalt etwas geleistet, was ihnen nicht gutgetan hat.<\/p>\n<p><em>Sie reden jetzt \u00fcber die Ursachen der Krankheit?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Krebs ist gerade \u00fcberall mehr im Kommen, weil die Verstellung zunimmt. Das gr\u00f6\u00dfte immunologische Problem ist der Kopf, die durchimmunisierte Gesellschaft, wie es Sloterdijk genannt hat. Diese K\u00f6pfe, die sich mit allem schon zurechtgefunden haben. Tief drin ist da eine St\u00f6rung, der Mensch wei\u00df, dass er das nicht alles aush\u00e4lt. Jeder muss f\u00fcr sich rausfinden, wo seine Moral ist, wo er sagt, das und das mache ich nicht mit.<\/p>\n<p>Ich habe gelitten unter dem, was ich mir selber eingebrockt habe. Warum musste ich so oft auf einen Zug aufspringen, mit dem ich gar nichts zu tun hatte, warum meinte man immer, ja, den Schlingensief fragen wir mal. Warum muss ich zu allem was sagen, ich habe so viele Anfragen erhalten, halt doch die Klappe, Alter.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>taz, 12.11.2008, INTERVIEW: KATRIN BETTINA M\u00dcLLER<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott ist ein schweinischer K\u00fcnstlerarsch mit manchmal grausamen Pl\u00e4nen. 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