{"id":298,"date":"2008-09-21T19:30:46","date_gmt":"2008-09-21T17:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=298"},"modified":"2008-09-21T19:30:46","modified_gmt":"2008-09-21T17:30:46","slug":"gott-wo-bist-du-hingegangen-nachtkritikde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=298","title":{"rendered":"GOTT, WO BIST DU HINGEGANGEN? (NACHTKRITIK.DE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schlingensief ist zur Inszenierung seines Lebens aufgebrochen \u2013 und, so muss man es wohl leider sagen, auch zur Inszenierung um sein Leben. Ausgerechnet im Ruhrgebiet, dem Ort seiner Kindheit, hat er die erste Arbeit nach seiner Lungenkrebserkrankung angenommen. Privater und pers\u00f6nlicher, nackter und trauriger ist Schlingensief noch nie gewesen.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nEr, dessen Familiengeschichte, Lieblingsk\u00fcnstler, Schw\u00e4chen und Krankheiten man doch bereits zu kennen glaubte, er\u00f6ffnet in &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; eine neue Dimension des Authentischen auf der B\u00fchne \u2013 und verhandelt den eigenen Tod. So radikal, dass sich eine Kritik des Abends eigentlich von selbst verbietet.<\/p>\n<p><strong>30-Cent-Kerzen und Super-8-Filme<\/strong><\/p>\n<p>Die Gebl\u00e4sehalle Duisburg-Nord ist zu einem d\u00fcsteren Kirchenraum geworden: Holzb\u00e4nke, rot leuchtende Schreine, darin Monstranzen mit Schlingensiefs R\u00f6ntgenbild. Dort, wo sonst der Stationenweg Christi ist, finden sich Bilder von seiner &#8222;Family&#8220;. In einer Ecke der Kirche eine Fett-Ecke mit totem Hasen, frei nach Beuys. F\u00fcr 30 Cent kann man eine Kerze spenden.<\/p>\n<p>Angela Winkler, Margit Carstensen und Mira Partecke lesen aus seinen Tagebuchaufzeichnungen. Wie es war, als die Diagnose kam. Adenokarzinom. Was genau der Arzt gesagt hat. Dass es nicht viel Hoffnung gibt. Dass er es seinem Umfeld mitteilen muss, das ihn aber nicht mit Mitleid zusch\u00fctten soll. Dass er keine Reisen mehr unternehmen sollte. Dass er nicht mehr der Mensch ist, der er gewesen ist und das auch nie wieder sein wird.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rt man Schlingensief auf Tonb\u00e4ndern, er weint. Als Nichtraucher mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert zu sein, ist eine grausame Ironie. Unbegreiflich, was das Schicksal macht, hat der Onkologe gleichen Alters gesagt, und danach selbst geweint. Auch die Kritikerin muss weinen. Auf der Leinwand laufen Super-8-Filme: der kleine Junge Schlingensief tollt durch die D\u00fcnen, geht baden, lehnt an einer Steinwand, ballert mit Spielzeuggewehren. Wann hat man genug gelebt? Was ist ein gutes Leben? Kann man die Sache nicht auch beenden, mit Schmerzmitteln in Afrika, und seine eigene Freiheit bewahren? Was kann man noch leisten mit einer halben Stimme? Wozu die Raserei? Wo ist Gott hingegangen?<\/p>\n<p><strong>Die Auferstehung des zuk\u00fcnftig Verstorbenen<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt&#8220;, der Satz von Joseph Beuys steht auf dem Programmheft und \u00fcber allem. Schlingensief zeigt reichlich Wunden: Bilder seines Tumors, seine Mutter auf dem Anrufbeantworter, die nicht ins Krankenhaus kam, Selbstkasteiungen, Schuldzuweisungen. Die einzelnen Etappen der Verarbeitung sind als Kapitel\u00fcberschriften auf die Leinwand projiziert. Die S\u00e4ngerinnen Friederike Harmsen und Ulrike Eidinger singen dazu wundersch\u00f6ne Lieder, ein Kinderchor durchkreuzt sie mit &#8222;Alle meine Entchen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Bilder flimmern schneller, die Lichter gehen aus und an, der Vorhang auf und zu, Menschen str\u00f6men auf die B\u00fchne und verschwinden wieder \u2013 die Eindr\u00fccke verdichten sich zur rauschhaften \u00dcberforderung. Ein schwarzer Gospelchor rauscht durch das Kirchenschiff und tr\u00e4gt kleine S\u00e4rge hinein, auf denen &#8222;Flux&#8220; steht \u2013 wir wohnen einem Happening bei, es \u00fcberf\u00e4llt uns vielstimmig, auf Tonb\u00e4ndern und Leinw\u00e4nden.<\/p>\n<p>Aber es ist vor allem eine Geisteraustreibung und eine Gebetsmesse. Wir sind diejenigen, die f\u00fcr Schlingensief F\u00fcrbitte halten, er bringt uns sich selbst als Opfer dar. Doch dann dreht er die Schraube noch weiter, macht den Abend zu seiner eigenen Begr\u00e4bnisfeier, zu seinem Verm\u00e4chtnis \u2013 und zu seiner Auferstehung. Und so wird selbst die brutale pers\u00f6nliche Krankengeschichte des &#8222;zuk\u00fcnftig Verstorbenen&#8220; zu jenem verwirrenden, komplexen und dialektischen Doppelumschlag, den man von ihm kennt. Denn auf der Suche nach Gott kommt Schlingensief nat\u00fcrlich nicht an der Kunst und an sich selbst vorbei.<\/p>\n<p><strong>Zwei gro\u00dfe Autonome: Jesus und Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Mein Gott, warum hast du mich verlassen&#8220; \u2013 der letzte Satz von Christus am Kreuz zeigt, dass selbst Jesus einmal kurz aus seinem Glauben aussteigen konnte. Doch Schlingensief glaubt ihm die trostlosen Worte nicht, &#8222;das ist Quatsch, Jesus war autonom&#8220;. So autonom wie er selbst. Und so erkl\u00e4rt er sich zum eigenen Gott und seine Kunst zum Gottesritual, er sitzt mit seiner &#8222;Family&#8220; schlie\u00dflich als Christusfigur selbst beim Abendmahl und reicht seinen Leib und sein Blut. Gut sieht er \u00fcbrigens aus, etwas schmal geworden.<\/p>\n<p>Und so vereint der Abend auf eigenartige Weise alle Gegens\u00e4tze: er ist eine blasphemische Gottessuche, ein ketzerisches und ebenso tiefgl\u00e4ubiges Ritual. Schlingensiefs radikale Zwiesprache mit dem Gott der Kunst, der dabei zugleich den realen um Gnade bittet. Das alles ist absolut gro\u00dfartig und zutiefst verst\u00f6rend. Und um mehr als das kann es nicht gehen: Schlingensief hat sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel gesetzt und macht der Welt damit tats\u00e4chlich eine Art Geschenk. Man wird das nicht vergessen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zum Schluss aber tickt das Metronom: wie viel Zeit wird noch bleiben?<\/p>\n<p><em>von Dorothea Marcus, Nachtkritik.de vom 21. September 2008<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir<br \/>\nFluxus-Oratorium von Christoph Schlingensief<\/strong><br \/>\nKonzept, Regie, Ausstattung: Christoph Schlingensief, B\u00fchne: Thomas Goerge, Thekla von M\u00fclheim, Kost\u00fcme: Aino Laberenz, Licht: Voxi B\u00e4renklau.<br \/>\nMit: Margit Carstensen, Angela Winkler (Anne Tismer am 23. 9.), Mira Partecke, Komi Mizraijm Togbonou, Stefan Kolosko, Karin Witt, Horst Gelonnek, Kerstin Grassmann, Norbert M\u00fcler, Achim von Paczensky, Klaus Beyer. S\u00e4ngerinnen: Friederike Harmsen, Ulrike Eidinger. Korrepetitor\/Orgelspieler: Dominik Blum. Gospelchor Angels Voices, Kinderchor des Aalto-Theaters.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ruhrtriennale.de\" target=\"_blank\">www.ruhrtriennale.de<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kirche-der-angst.de\" target=\"_blank\">www.kirche-der-angst.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlingensief ist zur Inszenierung seines Lebens aufgebrochen \u2013 und, so muss man es wohl leider sagen, auch zur Inszenierung um sein Leben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/298"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=298"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}