{"id":296,"date":"2008-10-17T15:26:05","date_gmt":"2008-10-17T13:26:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=296"},"modified":"2008-10-17T15:26:05","modified_gmt":"2008-10-17T13:26:05","slug":"christoph-schlingensief-der-konig-wohnt-in-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=296","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: \u00bbDER K\u00d6NIG WOHNT IN MIR\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief: Der K\u00f6nig wohnt in mir<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnung Dienstag 28.10.2008 20 Uhr<br \/>\nAusstellung 29.10. bis 13.11.2008<\/p>\n<p>Autocenter<br \/>\nEldenaer Stra\u00dfe 34a<br \/>\n10247 Berlin<\/p>\n<p>\u00d6ffnungszeiten:<br \/>\nDo, Fr 16:00-19:00<br \/>\nSa, 14:00-18:00<br \/>\nzu den jeweiligen Ausstellungen und nach Vereinbarung<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.autocenterart.de\">www.autocenterart.de<\/a><\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/invite_2_schlingensief.jpg\" width=\"450\" height=\"319\" alt=\"Christoph Schlingensief: Der K&Atilde;&para;nig wohnt in mir\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p><strong>Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Schlingensief?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr jeden Wochentag einen Kamin. Keinen f\u00fcr den Sonntag, den siebten Tag \u2013 da ist eine Leerstelle. Auch diese Leerstelle jedoch geh\u00f6rt zum Ablauf der Woche, ist also genauso teuer wie jeder Kamin, genauso verg\u00e4nglich, was in Kaminen brennt. Hier brennt keine Flamme, stattdessen glimmen hier die letzten 16mm- und Videoaufnahmen; es sind Bilder, die ich am 3. Januar 2008 machte, bevor ich eine medizinische Diagnose erhielt. Es waren Bilder, die mein Leben von einem auf den n\u00e4chsten Tag komplett ver\u00e4ndern sollten: Leben oder sterben? Palliativ weitermachen?<br \/>\nDie letzten Tage vor dieser &#8222;Offenbarung&#8220; war ich zu Filmaufnahmen in Nepal, Kathmandu, auf dem Land, in Bakthapur. Dort besuchte ich ein Kinderkrankenhaus, welches ein mutiger Mann vor zehn Jahren erbaut hatte, weil es f\u00fcr die Armen bis dahin noch nicht einmal eine Mindestversorgung gegeben hatte und sein Sohn deshalb im Alter von vier Jahren verblutet war. Die Worte, die ich ins G\u00e4stebuch schrieb, lauteten: &#8222;Auf dass die kreisenden Gedanken endlich wieder einen Grund finden&#8220;.<\/p>\n<p>Sechs Filme also: Ein schlafender Baba, dann ein Film, der einen alten gr\u00fc\u00dfenden Nepalesen zeigt, einer \u00fcber das das Ausweiden eines Schweins, vergammelte, verseuchte Hospizzimmer und die \u00f6ffentliche und gut einsehbare Verbrennung der Toten am Fluss von Pashupatinath. Zuletzt ich selbst, zw\u00f6lf Minuten lang als dandyhafter Ethnologe, der im grau-wei\u00dfen Anzug junge Ziegelarbeiterinnen und -arbeiter vor Kaminen malt, die noch gr\u00f6\u00dfer sind als diese hier, in \u00d6l. Wieder stellt sich die Frage nach der Verg\u00e4nglichkeit, die Frage nach der Erl\u00f6sung, die Frage nach der eigenen Unf\u00e4higkeit, der Sinnlosigkeit von Kunst, der Wunsch, zumindest f\u00fcr eine, seine eigene Sache zu brennen.<\/p>\n<p>Aber was soll da eigentlich noch brennen? Wie wichtig ist dieses Sich-Aufzehren, dieses Sich-Infrage-Stellen? Gleich, wie viel Geld jemand mit sich herumschleppt, diese Fragen stellt sich jeder: F\u00fcr wen oder was habe ich im Leben gebrannt? Bin ich wirklich der, der ich bin, oder der, der ich einmal werden wollte? Diese Arbeit hier steht f\u00fcr einen bedrohlichen Einschnitt in mein bisheriges Leben, in meine bisherige Arbeit, in meine Lust am Leben. Es geht um die Frage nach Gott oder dem verloren gegangenen Tropfen Liebe, der jeden Schmerz ertr\u00e4glicher werden l\u00e4sst. Verbrennen, um geliebt zu werden? Die Vorh\u00f6lle, das Fegefeuer schon auf Erden?<\/p>\n<p>Den so genannten Limbus \u2013 jenen Aufenthaltsraum f\u00fcr Seelen, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind \u2013 hat der Papst 2007 verboten, einfach abgeschafft. Doch ich klebe nicht am Katholizismus. Mit dieser Arbeit m\u00f6chte ich darauf verweisen, dass der Leidende genauso zum Weltgeschehen beitr\u00e4gt wie der vermeintlich Aktive. Ich glaube: Man darf auf Erden Gutes tun und darauf hoffen, dass es mit aufs Konto kommt. Dieser Vorgang \u2013 ich nenne ihn ab sofort: AB-LEIDEN \u2013 ist Menschensache, ist notwendige Vorarbeit zum Tod. Wer dies nicht akzeptiert, hat Gott verloren. Und wer Gott verliert, oder zumindest f\u00fcr Tage und Wochen glaubt, er sei verloren oder sei von Gott vergessen worden, der kommt vielleicht zu sich, kommt zur Ich-Erkenntnis. Aber Erkenntnisse zu teilen, d\u00fcrfte auch im Interesse Gottes liegen. Mir ist ganz warm. Ich brenne. Die \u00dcbermalung, die Ver\u00e4nderung, fand nicht von au\u00dfen statt, sondern von innen. Mit dieser Arbeit kam ich in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. Die Bilder haben gesprochen. Sechs Kamine und ein freier Tag, die Leerstelle!\u201c <\/p>\n<p><em>(Christoph Schlingensief in Financial Times Deutschland, 12. September 2008) <\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p><strong>Der K\u00f6nig wohnt in Mir<br \/>\nInstallation von Christoph Schlingensief<\/strong> <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.autocenterart.de\" target=\"_blank\">Autocenter <\/a> &#038; <a href=\"http:\/\/ www.kunstraum-innsbruck.at\" target=\"_blank\">Kunstraum Innsbruck<\/a><\/p>\n<p>Videos<br \/>\nKamera: Christoph Schlingensief<br \/>\nSchnitt: Lilli Kuschel, Stefan Schmied<\/p>\n<p>Film Raum II<br \/>\n&#8222;Drei Sonnen \/ Prozession&#8220; (2008)<br \/>\nKamera: Christoph Schlingensief<br \/>\nSchnitt: Heta Multanen<\/p>\n<p>Fotografien: Aino Laberenz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu sehen von 29. Oktober bis 13. November 2008 im Autocenter, Eldenaerstrasse 34a, Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/296"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=296"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}