{"id":292,"date":"2008-09-22T12:17:49","date_gmt":"2008-09-22T10:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=292"},"modified":"2008-09-22T12:17:49","modified_gmt":"2008-09-22T10:17:49","slug":"schlingensiefs-wilde-tolle-krebs-messe-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=292","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS WILDE, TOLLE KREBS-MESSE (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit seiner \u201eKirche der Angst\u201c gelingt Christoph Schlingensief in Duisburg ein gro\u00dfartiges Comeback<\/strong><\/p>\n<p>Die Gebl\u00e4sehalle auf dem Gel\u00e4nde eines ehemaligen Stahlwerks in Duisburg sieht innen tats\u00e4chlich aus wie eine Industriekirche, lang, schmal, neogotisch, nicht viel anders als die sakralen Geb\u00e4ude, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden. Christoph Schlingensief hat diesen Eindruck noch verst\u00e4rkt, indem er die hohen Fenster mit bunten Glasmalereien verzieren lie\u00df. Und das Publikum sitzt auf echten Kirchenb\u00e4nken.<\/p>\n<p>Der Gottesdienst, den der letzte unterhaltsame Wahnsinnige des deutschen Theaters hier im Rahmen der Ruhrtriennale zelebrieren l\u00e4sst, hat allerdings wenig mit der gez\u00e4hmten staatsfrommen Vernunftreligion zu tun, die sich das Kaiserreich damals w\u00fcnschte. Es ist eine wilde synkretistische Messe, in der viele G\u00f6tter, D\u00e4monen und Heilige beschworen werden.<\/p>\n<p><strong>Der Regisseur und der Krebs<\/strong><\/p>\n<p>Der Himmel erscheint offenbar nicht so leer, wie es Christoph Schlingensief w\u00e4hrend der schw\u00e4rzesten Phasen seiner Krebserkrankung vorkam und wie er es in zahlreichen Interviews vor der Premiere von \u201eEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c erz\u00e4hlt hat. Maria, Gott und Jesus sind eben doch da, stellt er am Ende der Vorstellung fest, nachdem er zwischendurch mal geflucht hat, dieser ganze \u201eKirchenkack\u201c k\u00f6nne ihm gestohlen bleiben. Und neben der traditionellen christlichen Besetzung ist sogar noch Platz f\u00fcr einen Heiligen namens Joseph Beuys, aus dessen \u201ef\u00fcnftem Evangelium\u201c auch Ausz\u00fcge verlesen werden. Hier ist der Prophet mit dem Hut allerdings ein schwarzer Mann.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nimmt Schlingensief die Zutaten f\u00fcr sein liturgisches Zeichengewitter von \u00fcberall her: Katholische Messknaben und -m\u00e4del, ein schwarzer Gospelchor und christliche sowie j\u00fcdische Priester treten auf. Heidnisches wird zitiert: Der verwesende Hase, Symbol von Fruchtbarkeit und Tod, der schon in Schlingensiefs Bayreuther \u201eParsifal\u201c so zentral war, ist wieder da. Bocks- und stierk\u00f6pfige Pane und Minotauri ziehen durch die Filme, die auf den Leinw\u00e4nden rechts, links, oben und unten in diesem Kirchengeb\u00e4ude flackern.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, wie abendl\u00e4ndisch Schlingensiefs religi\u00f6ser Kosmos ist. Au\u00dfereurop\u00e4isches schleicht nur sich dort ein, wo er afrikanische oder s\u00fcdamerikanische Mischreligionen einzubeziehen scheint (zugegeben: nicht jede Quelle erschlie\u00dft sich dem Betrachter &#8211; die Auff\u00fchrung hatte keine Fu\u00dfnoten). Islam und Buddhismus stehen ihm ebenso ebenso fern wie die moderne westliche Kaufhausesoterik.<\/p>\n<p><strong>Das Denken der Klassiker<\/strong><\/p>\n<p>Doch Schlingensiefs Weltbild ist auch eine Kunstreligion. Sein ganzes Leben lang hat er immer wieder gefragt: Was haben die Klassiker uns heute noch zu sagen? Nur dachte er dabei an andere Klassiker als Peter Stein: An die Kirchenv\u00e4ter der modernen Entgrenzungskunst. An Beuys, an die Fluxus-Bewegung, an die Wiener Aktionisten (deren Schock-und-Ekel-Performances er allerdings schon lange nicht mehr zitiert, als w\u00e4re er milde geworden) und manchmal auch an Rudi Dutschke.<\/p>\n<p>Der junge deutsche Film, der revolution\u00e4re Aufbruch der Oberhausener Kurzfilmtage &#8211; all diese starken Bewegungen, f\u00fcr die Schlingensief zu jung war und die er immer wieder beschw\u00f6rend zu reanimieren versuchte, werden in die Duisburger Messe integriert. Schl\u00fcsselszenen der Bewegung wie Nam June Paiks Performance mit einem Cello aus drei Fernsehapparaten sind nachinszeniert f\u00fcr kleine Schwarzwei\u00df-Filme &#8211; das Medium des R\u00fcckblicks. Und wer die Kreuzigung Christi mit Zwergen und Behinderten nachstellt, der begibt sich in den langen Schatten von Luis Bu\u00f1uel.<\/p>\n<p>Dazwischen ist viel Tiefprivates. Ein Film zeigt Schlingensief schmerzenswimmernd wie er: \u201eNicht mehr ber\u00fchren!\u201c fleht. Man h\u00f6rt Tonbandaufzeichnungen, auf denen er erz\u00e4hlt, wie die Krebsdiagnose bekam. Am Ende bricht er in Tr\u00e4nen aus. Dazwischen wirken die S\u00e4tze seiner Mutter auf dem Anrufbeantworter fast wie eine komische Erleichterung.<\/p>\n<p><strong>Seine Tagebuchaufzeichnungen<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief selbst tritt erst ganz zum Schluss auf. Davor l\u00e4sst er sich von einem Schauspieler vertreten. Seine Tagebuchaufzeichnungen lesen zwei so unterschiedliche Diven wie Margit Carstensen und Angela Winkler. Die erste, einst dem Fassbinder-Clan verbunden, geh\u00f6rt schon lange zum Schlingensief-Personal.<\/p>\n<p>Doch Angela Winkler bei Schlingensief? Das \u00fcberrascht doch ein wenig. Sie wandelt bisher im ganz anders gearteten Theater-Universum Peter Zadeks. Und noch in seiner Volksb\u00fchnen-Produktion \u201eDie Berliner Republik\u201c hat Schlingensief Angela Winkler von Sophie Rois fein parodieren lassen. Jetzt hat der Kindskopf mit dem Netz seines Charismas offenbar auch sie eingefangen. Und es ist gro\u00dfartig, wie sie als Tod mit der Taschenlampe die Kinder des Chors anleuchtet und diese daraufhin umfallen. Der Schreckliste und das Heiligste als aufgekratztes Kinderspiel &#8211; das ist der ganze Schlingensief in nuce.<\/p>\n<p>Diese Szene hat ein Vorbild in jenem Film, den Schlingensiefs Vater Hermann-Josef 1966 gedreht hat. Man sieht den kleinen Christoph und seine Freunde mit Spielzeuggewehren herumballern. Irgendwann steht der F\u00fcnfj\u00e4hrige an einer Mauer und wird \u201eerschossen\u201c. Er sinkt zusammen und \u201egeht tot\u201c. Das ist das letzte Bild dieses 90min\u00fctigen \u201eOratoriums\u201c. Es ist Kitsch. Naiv. Frivol. Banal auch, weil doch wirklich jeder solche Kinderspiele gespielt hat und weil jeder dann irgendwann stirbt. Aber es ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Man war ja nach der Interview-Offensive vor der Premiere misstrauisch gestimmt. Bei der Berliner Opernpremiere \u201eJeanne d\u2018Arc\u201c im Fr\u00fchjahr, die Schlingensief vom Krankenbett aus inszenierte, stand er ja schon Ruch der Jenseitigkeit. Das waren Vorraussetzungen, die den kritisch-unvoreingenommen Blick tr\u00fcbten. Nun hat er sich freiwillig wieder in die irdische Trivialit\u00e4t des Medienzirkus zur\u00fcckbegeben. Da konnte man auch wieder sch\u00e4rfer hinsehen.<\/p>\n<p>Es \u00e4ndert aber nichts. Nach eher schw\u00e4cheren Produktionen \u00fcber uninteressante Medienfiguren wie Lady Diana ist Schlingensief wieder ganz der tolle Alte. Es ist als h\u00e4tte ihn die Krankheit vom Pfad der bl\u00f6dsinnigen Zerstreuung auf das zur\u00fcckgeworfen, was ihn wirklich etwas angeht.<\/p>\n<p>Wenn es unter uns einen Menschen gibt, der das Zeug zum Schamanen h\u00e4tte, wie sie in fr\u00fcheren Zeiten die Schl\u00fcssel zu den Pforten zwischen dieser und anderen Welten bewahrten, dann ist es Schlingensief. Und ganz nebenbei war es der unterhaltsamste Gottesdienst, an dem ich je teilgenommen habe. Schlingensief muss Papst werden. Wenigstens Narrenpapst. Dann kann der Islam einpacken.<\/p>\n<p><em>Von Matthias Heine<br \/>\nErschienen in der WELT vom 22.09.2008 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seiner \u201eKirche der Angst\u201c gelingt Christoph Schlingensief in Duisburg ein gro\u00dfartiges Comeback<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/292"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=292"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/292\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}