{"id":291,"date":"2008-09-23T12:16:29","date_gmt":"2008-09-23T10:16:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=291"},"modified":"2008-09-23T12:16:29","modified_gmt":"2008-09-23T10:16:29","slug":"der-prophet-im-eigenen-korper-der-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=291","title":{"rendered":"DER PROPHET IM EIGENEN K\u00d6RPER (DER TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Performer vor dem Herrn: Christoph Schlingensief feiert bei der Ruhr-Triennale sieben Monate nach seiner schweren Krebsoperation seine Wiederkehr. Dabei verwandelt er das Stahlwerk in eine Kirche.<\/strong><\/p>\n<p>Nachts tragen die Schornsteine der stillgelegten Schwerindustrie einen Heiligenschein. Es sind die gr\u00fcn-blauen Positionslichter \u00fcber dem Landschaftspark Duisburg-Nord, sie weisen Flugzeugen und verlorenen Seelen den Weg. Vor hundert Jahren gl\u00fchten hier f\u00fcnf Hoch\u00f6fen, jetzt sitzt man, in der neoromanischen Gebl\u00e4sehalle des alten Stahlwerks, auf Kirchenb\u00e4nken und erlebt ein bizarres, aufw\u00fchlendes Hochamt.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief feiert seine Wiederkehr. Sieben Monate nach der schweren Krebsoperation inszeniert er f\u00fcr die Ruhr-Triennale mit seinem treuen Dramaturgen Carl Hegemann \u201eEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c. Er verwandelt das Stahlwerk in ein Gotteshaus, mit einem Altar und einer Monstranz, die das R\u00f6ntgenbild des 47-j\u00e4hrigen K\u00fcnstlers zeigt. Den Schattenriss einer Lunge, der ein Fl\u00fcgel fehlt.<\/p>\n<p>\u201eDer Fremde\u201c, das ist der Krebs. Die Angst: Sie ist jetzt sein Leben. Und diese Kirche, die Schlingensief mit einem Kinderchor und Gospels\u00e4ngern, mit Filmprojektionen, Opernfetzen, Schauspielszenen f\u00fcllt, h\u00e4tte man fr\u00fcher, als die christliche Religion noch militant war, als Ketzerveranstaltung gebrandmarkt.<\/p>\n<p>Wer will das aber entscheiden, was bei Schlingensief Blasphemie ist \u2013 oder Gottessuche. Er ist so w\u00fctend auf die Krankheit, so tief gekr\u00e4nkt \u00fcber den Krebsbefall seines K\u00f6rpers, dass er dem Himmel eine Voodoo-Messe schenkt. Eine katholische, barocke, archaische, streng improvisierte Kunstmesse, ein \u201eFluxus-Oratorium\u201c, das Joseph Beuys anruft: \u201eWer seine Wunde zeigt, wird geheilt.\u201c Auf dem Altar: ein ausgestopfter Hase. Inbr\u00fcnstig wird gebeichtet (\u201eIch hab es eigentlich immer gut gemeint, ich habe immer nur Gutes gewollt. Ich habe das Gute gesucht und ich habe es nicht b\u00f6se gemeint\u201c), es wird geschrien und geweint und gebetet, M\u00f6glichkeiten der Selbstt\u00f6tung werden durchgespielt: \u201eIch werd die Entscheidung treffen m\u00fcssen, ob ich mir in den Kopf schie\u00dfe, hab keine Pistole, ob ich in die Badewanne steige und mach mir einfach die Adern auf oder ob ich irgendwie aus\u2019m Fenster falle, dazu ist es hier nicht hoch genug.\u201c<\/p>\n<p>Schlingensief hat diese Texte in der Klinik in ein Diktierger\u00e4t gesprochen, nachts. Protokolle einer Auferstehung: \u201eWir gedenken des zuk\u00fcnftig Verstorbenen . . .\u201c Er ist auch wieder da, der alte Schlingensief\u2019sche Chaos-Humor. Vor allem aber sind diese anderthalb Stunden in der Duisburger Gebl\u00e4sehalle, im Zeichen der wunden Lunge, eine ungeheure Energieaussch\u00fcttung.<\/p>\n<p>Er zieht sich an den eigenen Haaren aus dem medizinischen Sumpf. Er ballert die Sinne zu, er greift nach den Herzen der Zuschauer, die sich hier in einer tempor\u00e4ren Gemeinde versammeln. Schlingensief ist gewiss nicht der Erste, der Religion als Echoraum entdeckt. Beim Berliner Musikfest haben gerade Messiaen, Stockhausen und Bruckner, die katholischen Klassiker, eine begeisterte Neubewertung erlebt. Das M\u00fcnchner Haus der Kunst zeigt \u201eSpuren des Geistigen\u201c, an der Komischen Oper Berlin hat am Wochenende ein \u201eRequiem\u201c Premiere. Als Thema eines sonst orientierungs- und tabulosen Kulturbetriebs hat sich der Glaube wieder ausgebreitet. Doch Christoph Schlingensief, der Performer vor dem Herrn, geht tiefer.<\/p>\n<p>Mit seiner gesamten Existenz hat er sich in diese Produktion geworfen. Sie ist ein radikaler Lebensbeweis. Eine Selbstmitleidsorgie \u2013 und doch weht in den Schlingensief&#8217;schen Zeremonien ein Geist der Bejahung. Hier spricht einer vom Kranksein und vom Sterben, aber es ist kein Arzt, kein Seelsorger, kein Psychologe; keiner mit einem trainierten Vokabular. Schlingensief tr\u00f6stet nicht, belehrt nicht. Er reckt die Faust.<\/p>\n<p>Einmal l\u00e4sst er in seiner Kirche vom Heiligen Duisburger Gebl\u00e4segeist die ganze Kongregation von Chors\u00e4ngern, Ministranten und seltsamen W\u00fcrdentr\u00e4gern r\u00fcckw\u00e4rts laufen, weg vom Altar. Als wollte er die Zeit umdrehen, den Krebs zur\u00fcckverfolgen bis zu seinem Ursprung. Und einmal dann, schon gegen Ende, steht er selbst im Get\u00fcmmel. ChristophChristus. Das letzte Abendmahl, oder das erste eines neuen Lebens. Er bricht das Brot, aber auch dieser Moment ist nicht blasphemisch. Da will einer was wissen von Gott, und er geht den direkten Weg, bedient sich der Rituale, die in der Amtskirche oft so abgespielt wirken.<\/p>\n<p>Duisburg ist sein einmaliges Oberammergau. Und wenn es fast unertr\u00e4glich wird, das protokatholische Gesummse, das Ich-h\u00e4nge-am-Kreuz und Hab-Erbarmen-mit-mir, dann schreit Schlingensief das Zauberwort Fluxus heraus. Hostien fliegen, alles l\u00e4uft wie angestochen auseinander, der Tempel rockt.<\/p>\n<p>Schlingensief, der Schamane des Ruhrgebiets. Hier um die Ecke, in Oberhausen, ist er geboren. Hier hat er vor zwanzig Jahren seine Kettens\u00e4gen-Saga gedreht. Hier hat sein Vater, ein Apotheker, jene Super-8-Filme aufgenommen, die man in der \u201eKirche der Angst\u201c jetzt sieht. Der kleine Christoph, bald ein Messdiener, mit dem Spielzeuggewehr. Bewegte Bilder von Unschuld und Schmerz. Vom Urlaub am Strand. Selbst nach all den k\u00f6rperlichen und psychischen Torturen ist noch etwas geblieben von dem Jungen in den kurzen Hosen. Vielleicht wollte Schlingensief deshalb nie erwachsen sein, vielleicht hat er deshalb all diese surrealen Spektakel veranstaltet \u2013 weil Erwachsensein bedeutet, dass man auf den Tod zugehen muss.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne spielen Angela Winkler und Margit Carstensen die Mutter \u2013 und den Sohn. Sie sprechen die Schlingensief-Protokolle mit klinischer K\u00fchle, und sie transzendieren die Geschichte dieses Egos. Margit Carstensen liegt als Patient CS im Krankenhausbett, \u00fcberall R\u00f6ntgenbilder der Lunge. In der aufgelassenen Thyssen-Stahlh\u00fctte. Lungenkrebs. Schlingensief hat die alte Seuche des Ruhrgebiets. Wie k\u00f6nnte man das vergessen?<\/p>\n<p>Schon immer waren seine Aktionen w\u00fcste L\u00e4uterungsversuche, manches Mal auf Kosten seiner behinderten Mitspieler, die er diesmal viel sensibler einsetzt. Und er scheut nicht vor einfachen Symbolen zur\u00fcck: Dutzende Metronome ticken, ticken \u2013 und verstummen nach und nach.<\/p>\n<p>Es ist so viel hineingekommen in diesen Abend, der wie ein Manifest wirkt. Und wie die Blaupause, das Skelett der \u201eSzenen aus dem Leben der Heiligen Johanna\u201c. Schlingensief hat die szenische Urauff\u00fchrung des Walter-BraunfelsWerks im April an der Deutschen Oper Berlin vom Bett aus mitdirigiert. Wieder sieht man jetzt den brennenden Leichnam aus Nepal. Die Flammen, die um den Kopf z\u00fcngeln; ein erschreckendes und ebenso friedliches Bild. Schlingensief hat diese Aufnahmen letztes Jahr im Himalaya gemacht, da wusste er noch nichts von der Krankheit, von dem inzwischen schon so schrecklich vertrauten \u201eFremden\u201c in ihm. Wieder auch die \u00dcberblendungen von Film und B\u00fchnenrealit\u00e4t, diese seltsame Mehrfachbelichtung der Kl\u00e4nge und Bilder. Kitsch, Kampf, Kommunion.<\/p>\n<p>\u201eViele sind tot. Viele sind untot. Uns hat man jedenfalls noch nicht beerdigt.\u201c Ein unheilvoller Orgelton. Das Bild eines verwesenden Tierkadavers im Zeitraffer; da rast die Zeit vorw\u00e4rts. \u201eBitte nicht ber\u00fchren\u201c, so h\u00f6rt man Christoph Schlingensief am Anfang und am Ende schreien, mit tr\u00e4nenerstickter Stimme. Noli me tangere. Wer wollte, der k\u00f6nnte niederknien, daf\u00fcr sind Kirchenb\u00e4nke da. Aber \u201eJesus ist trotzdem nicht da, Maria auch nicht\u201c, so klagt, schimpft und flucht es immer wieder durch die pneumatische Behelfskirche, wo einst Hochofenwinde zur Roheisenschmelze erzeugt wurden.<\/p>\n<p>Hitze, Strom, Kohle, fl\u00fcssiges Metall. Fluxus. Die Industrieanlagen, die jetzt der Kultur dienen und die ein Schicksal hatten, das auch den Kirchen bevorstehen kann: museale Leere. Schlinge bringt alles zusammen. \u201eBitte nicht ber\u00fchren.\u201c Aber er, er hat ber\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Von R\u00fcdiger Schaper<br \/>\nErschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.09.2008 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Performer vor dem Herrn: Christoph Schlingensief feiert bei der Ruhr-Triennale sieben Monate nach seiner schweren Krebsoperation seine Wiederkehr. 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