{"id":290,"date":"2008-10-01T12:14:25","date_gmt":"2008-10-01T10:14:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=290"},"modified":"2008-10-01T12:14:25","modified_gmt":"2008-10-01T10:14:25","slug":"es-geht-hier-nicht-um-meine-leidensgeschichte-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=290","title":{"rendered":"ES GEHT HIER NICHT UM MEINE LEIDENSGESCHICHTE (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief ist zur\u00fcck: In Duisburg baute er eine &#8222;Kirche der Angst&#8220;, der steirischen herbst zeigt &#8222;The African Twintowers&#8220; &#8211; \u00dcber Krankheit und Kunst im Interview.<\/strong><\/p>\n<p>Standard: Die Film-Installation The African Twintowers, die ab 4. Oktober beim steirischen herbst gezeigt wird, entstand 2005 in Namibia. Seit damals hat sich Ihr Leben dramatisch ver\u00e4ndert &#8230;<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich kam heuer im J\u00e4nner aus Nepal, wo ich f\u00fcr die Inszenierung &#8222;Jeanne d\u2018Arc &#8211; Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna&#8220; f\u00fcr die deutsche Oper Berlin nach Erl\u00f6sungsbildern gesucht habe, um sie mit dem streng katholischen Stoff von Walter Braunfels zu kreuzen. Wir haben dort die Verbrennung von Leichen gefilmt und diese Kinderarbeits-Ziegeleien besucht, wo acht bis 17-J\u00e4hrige Ziegel produzieren und bis zu 30 Kilo Ziegel auf ihrem R\u00fccken tragen. Dann haben wir ein Kinderkrankenhaus besucht, dass ein Einwohner gebaut hatte, weil sein Sohn im Alter von vier Jahren bei einem Unfall \u00fcberfahren wurde und verblutete. Hier werden nun 10.000 Kindern im Jahr durch Impfungen oder \u00e4rztlichen Beistand behandelt. An diesen Orten habe ich gesp\u00fcrt, dass die eigene Arbeit uneffektiv und sinnlos ist. Zweifel an Kunst, an Theater, Oper. Eigentlich hat es mich nach Handgreiflichkeiten gesehnt. Zum Schluss schrieb ich in das G\u00e4stebuch: &#8222;Auf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden.&#8220; Und drei Tage sp\u00e4ter bekam ich das R\u00f6ntgenfoto mit dem gut sichtbaren Tumor. Nach dem ersten R\u00f6ntgen haben wir noch gehofft, es w\u00e4ren irgendwelche Pilze aus dem Amazonas oder Tuberkulose, doch in Berlin wurde klar, es war ein Adenokarzinom, ein Nichtraucherkrebs.<\/p>\n<p>Standard: Wie haben Sie reagiert?<\/p>\n<p>Schlingensief: Man kann sich das nicht vorstellen, man ist erf\u00fcllt von der Arbeit, gut gelaunt &#8211; und auf einmal wird man von 350 Stundenkilometern herunter gebremst. Ich hab mir abends meine Angst und alle Bilder in ein Diktierger\u00e4t von der Seele geredet. Dabei entstanden Fragen wie &#8222;Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?&#8220; oder &#8222;Hast Du mich wirklich verlassen?&#8220; , &#8222;Will Gott mich richten? Aber wer ist Gott?&#8220; , &#8222;Bin ich ein Teil Gottes, der Teil, der sterben kann?&#8220;.<\/p>\n<p>Standard: Das alles ist in die Theater-Produktion &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; f\u00fcr die Ruhr Triennale eingeflossen.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, jeder Mensch produziert jeden Tag 1000 Krebszellen. Die werden dann normalerweise entsorgt. Bei allem, was die Schulmedizin leistet, hat der Krebs f\u00fcr mich ein individuelles Gesicht. Ich hab mich gefragt, warum in mir so genannte &#8222;entartete Zellen&#8220; gewachsen sind.<\/p>\n<p>Standard: Die &#8222;Kirche der Angst&#8220; kam in Duisburg sehr gut an.<\/p>\n<p>Schlingensief: Die Arbeit ist aufrichtig, ehrlich, ber\u00fchrend. Sowohl die Besucher, als auch die Kritik haben nicht nur positiv, sondern vor allem sehr offen reagiert! Es geht hier nicht nur um meine Leidensgeschichte, sondern um die schonungslose Offenheit \u00fcber die \u00c4ngste und die Fragen, die sich einem stellen, zu begegnen. Die Leute kamen nach der Vorstellung zu mir und wollten reden, zum Beispiel, weil ihr Kind an Krebs erkrankt ist. Es sind Fragen, wie jene, warum soviel Leid in dieser gro\u00dfartigen Sch\u00f6pfung sein muss. Es geht auch um den Wert des Inaktiven neben dem Aktiven, die verschiedenen Leiber, die es von Gott geben kann. Ich glaube, dieser Abend hat viele neue Dinge er\u00f6ffnet, \u00fcber die man noch viel arbeiten muss! Und wie es jetzt ausschaut, wird der Abend wohl demn\u00e4chst wieder aufgef\u00fchrt, auch in anderen L\u00e4ndern, vielleicht auch in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Standard: Sie gelten als geheilt.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich hab den Krebs nicht besiegt, ich kann mit solchen Formulierungen nichts anfangen. Ich hab ihn jetzt erst mal raus, ich hab nur mehr einen Lungenfl\u00fcgel und ich kann damit gut leben. Klar gibt es die \u00c4ngste. Aber es war wichtig, den wei\u00dfen Kitteln zu entkommen. Man muss wieder ins Leben eintreten! Jeder Patient hat das Recht dazu und die Gesellschaft muss ihm dabei helfen.<\/p>\n<p>Standard: Leben Sie jetzt intensiver als vor dem Krebs?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich bin supergerne auf der Welt. Aber jeden Tag wie den letzten leben, das erscheint mir zu pessimistisch! Wenn es bl\u00f6d l\u00e4uft, dann will ich lieber wieder nach Afrika, als dass ich hier mit f\u00fcnf Schl\u00e4uchen im Hintern herumliege, darin sehe ich keinen Sinn.<\/p>\n<p>Standard: Was wird das Publikum auf den 18 Monitoren, auf denen African Twintowers l\u00e4uft, sehen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Hier geht es eigentlich um Bilder, die sich aus dem Moment heraus abgebildet haben. Dass sich jeder daraus seinen individuellen Film bauen kann, ist Quatsch &#8211; wenn nicht mal ich in diese Geschichte eingreifen kann, wie soll der arme Besucher aus hunderten Stunden einen Film machen? Ganz im Gegenteil! Die Bilder unterhalten sich sogar miteinander, wenn keiner mehr da ist! Das muss man akzeptieren! Das ist die Freiheit der Bilder. In jedem Museum ist die H\u00f6lle los, wenn der Besucher und W\u00e4rter verschwunden ist. Ich m\u00fcsste das ganze Ding auf einen Bahnhof, in einen Kassenraum, ein Shoppingcenter oder ins Schwimmbad stellen. Das w\u00fcrde den Bildern gefallen.<\/p>\n<p><em>Von Colette M. Schmidt<br \/>\nErschienen im gedruckten Standard vom 01.10.2008 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief ist zur\u00fcck: In Duisburg baute er eine &#8222;Kirche der Angst&#8220;, der steirischen herbst zeigt &#8222;The African Twintowers&#8220; &#8211; \u00dcber Krankheit und Kunst im Interview.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/290"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=290"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}