{"id":289,"date":"2008-09-22T12:13:10","date_gmt":"2008-09-22T10:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=289"},"modified":"2008-09-22T12:13:10","modified_gmt":"2008-09-22T10:13:10","slug":"requiem-fur-sankt-schlingensief-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=289","title":{"rendered":"REQUIEM F\u00dcR SANKT SCHLINGENSIEF (SPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der an Krebs erkrankte Regisseur Christoph Schlingensief inszeniert in Duisburg eine schrille, herzergreifende und zum Gl\u00fcck voreilige Totenmesse in eigener Sache &#8211; mit Kinderchor, Schmalfilmbildern und einer Nachhilfelektion in Kunstgeschichte.<\/strong><\/p>\n<p>Nach einer Stunde tritt der arme S\u00fcnder endlich selber an den Altar, und es kehrt pl\u00f6tzlich Stille ein in der &#8222;Kirche der Angst&#8220;: Christoph Schlingensief l\u00e4sst die Wagner-Musik schweigen, l\u00e4sst keine schwarzen S\u00e4ngerinnen durch den Mittelgang rasen und keine Prozessionsbilder \u00fcber die im Raum verteilten Leinwandfl\u00e4chen zuckeln. Der K\u00fcnstler tritt zum ersten und einzigen Mal leibhaftig auf an diesem Abend.<\/p>\n<p>Er greift einen Kelch und tut so, als nehme er die Verwandlung von Wein in das Blut Christi vor, wie es die katholische Liturgie vorschreibt. Dann hebt er den Kelch in den Kreis seiner Gef\u00e4hrten, die er allerdings nicht &#8222;J\u00fcnger&#8220; nennt, sondern &#8222;Freunde&#8220;. Sogleich tritt einer dieser Freunde vor und sagt feierlich ins Mikrofon: &#8222;Lesung aus dem f\u00fcnften Evangelium des Joseph Beuys.&#8220;<\/p>\n<p>So kunstfromm und brav blasphemisch geht es zu am Sonntagabend in der &#8222;Gebl\u00e4sehalle&#8220;, einem Industriedenkmal im Landschaftspark Duisburg-Nord, wo das Festival Ruhrtriennale Christoph Schlingensiefs Spektakel &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; pr\u00e4sentiert. Ganz wie in einer echten Kirche leuchten (aufgepappte) bunte Glasfenster in gotischen Fensterb\u00f6gen, flackern Kerzen, dr\u00e4ngen sich die Menschen auf harten Holzb\u00e4nken. Nur gekniet und Weihrauch geschwenkt wird hier nicht.<\/p>\n<p>Mit Filmbildern, die den Regisseur und Darstellungsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief auf einem Bett liegend zeigen, f\u00e4ngt es an. Er schluchzt &#8222;Bitte nicht ber\u00fchren&#8220;. Zwei Operns\u00e4ngerinnen jauchzen, die M\u00e4dchen und Jungs eines Kinderchors lassen rote Halst\u00fccher \u00fcber wei\u00dfen Hemden flattern und singen &#8222;Alle meine Entchen&#8220;. Man sieht verwackelte Schmalfilmaufnahmen, in denen der f\u00fcnfj\u00e4hrige Christoph im Jahr 1965 einen von einer Kugel getroffenen sterbenden Cowboy spielt.<\/p>\n<p>Und zwischen diesen Attraktionen lesen die ber\u00fchmten Schauspielerinnen Angela Winkler und Margit Carstensen Texte, die dieser Christoph Schlingensief w\u00e4hrend der letzten Monate schrieb, als er wegen seiner Krebskrankheit meist im Krankenhaus war: &#8222;In 47 Jahren hab ich wirklich viel gemacht&#8220;, hei\u00dft es da zum Beispiel. Nicht blo\u00df viel Gl\u00fcck habe er erfahren, sondern auch &#8222;viel Schei\u00dfe gebaut&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Der Kranke ins Unbekannte<\/strong><\/p>\n<p>Und das soll jetzt vorbei sein? Im Januar 2008 erfuhr Schlingensief, dass er an einer besonders aggressiven Art von Lungenkrebs erkrankt ist; von den \u00c4rzten wurde ihm der linke Lungenfl\u00fcgel entfernt, seither hat er Bestrahlung und Chemotherapie \u00fcber sich ergehen lassen. Eine Operninszenierung in Berlin, die er schon ausget\u00fcftelt hatte, brachten einige Schlingensief-Helfer, mit denen er per SMS vom Krankenhaus aus kommunizierte, im April noch zu Ende.<\/p>\n<p>Seine Duisburger &#8222;Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; ist Schlingensiefs erste Arbeit nach der Krankheit. Man kann auch sagen: Sankt Christophs Auferstehung. Er selber spricht lieber vom &#8222;Requiem f\u00fcr einen Untoten&#8220;. Deren Motto lautet: &#8222;Wir gedenken des zuk\u00fcnftig Verstorbenen.&#8220;<\/p>\n<p>Als Leidender, als heiliger Narr, der die \u00dcbel der Welt pers\u00f6nlich nimmt, dabei aber (anders als echte M\u00e4rtyrer) jede Stellvertreterrolle ablehnt, gilt Schlingensief schon lange. F\u00fcr Filmprojekte wie das fr\u00fche Pubert\u00e4tswerk &#8222;Rex, der M\u00f6rder von London&#8220; und den sp\u00e4ten Klassiker &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220; lie\u00df er \u00fcppig (und notfalls auch eigenes) Blut flie\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Theaterabende wie &#8222;Rocky Dutschke&#8220; in der Berliner Volksb\u00fchne sprang er mit roten Pusteln und eitrigen Blasen auf der nackten Brust durchs Publikum, weil er gerade an einer Allergie laborierte und weil er ein paar Zuschauer erschrecken wollte. Der Gedanke, dass seine Kunst eine einzige \u00fcble Krankheit sei, ist keine \u00fcble Verleumdung seiner Ver\u00e4chter, sondern eine alte Grund\u00fcberzeugung des Entertainers und Selbstinszenierungsk\u00fcnstlers Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p><strong>Flugs noch Fluxus<\/strong><\/p>\n<p>Das Chirurgenhandwerk, der Verfall toter K\u00f6rper waren schon fr\u00fch seine Themen: In der Volksb\u00fchne zeigte er, wie sich Seziermesser bei der Beschneidung von M\u00e4nnern ins Fleisch senken, in Bayreuth, wo er 2004 den &#8222;Parsifal&#8220; auff\u00fchrte, schwelgte er endlos in Filmbildern von verrottenden Hasenkadavern.<\/p>\n<p>Diese Hasenbilder, eine Huldigung an Joseph Beuys, sind nun auch in der Duisburger Totenmesse wieder zu bestaunen, Zitate von Beuys und Heiner M\u00fcller zieren das Programm; und eine Nachhilfestunde in Sachen Kunstgeschichte gibt es auch: Was es mit dem Begriff Fluxus und K\u00fcnstlern wie Nam June Paik in den Sechzigern auf sich hatte, erkl\u00e4rt eine Lehrfilm-Einspielung. Kern der Sache: Den Fluxusk\u00fcnstlern galt das Leben selber als Kunstwerk, in seiner ganzen, munter flie\u00dfenden (daher der Name) und dahinsprudelnden Totalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Schlingensief hat ein paar Banner mit der Aufschrift &#8222;Flux&#8220; in seinen Kirchenraum geh\u00e4ngt und nennt die Duisburger Auff\u00fchrung ein &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220;. Dieser \u00dcberbau l\u00e4sst sich sehen, mag er jetzt auch nicht allzu erhellend sein. Er st\u00f6rt auch nicht weiter. F\u00fcr die Kunst, aus der eigenen Krankheit, aus seinem Zorn, aus seiner Hilflosigkeit einen ergreifenden Theaterabend zu machen, br\u00e4uchte Schlingensief aber kein Fluxus-Brimborium.<\/p>\n<p>Die Kraft dieser &#8222;Kirche der Angst&#8220; kommt aus der Musik; aus der Faszination am christlichen Ritual und dem Widerwillen dagegen; aus der Sprache von Schlingensiefs Krankenakte; manchmal auch aus dem Kitsch.<\/p>\n<p>&#8222;Zu alldem bricht aus mir eine gro\u00dfe Wut, eine gro\u00dfe B\u00f6sartigkeit aus&#8220;, hat Schlingensief in seinen Aufzeichnungen geschrieben, was seinen Hass (etwa auf die Eltern) nicht unbedingt verst\u00e4ndlicher macht. Fast immer aber strahlt eine Poesie, eine Trauer und eine W\u00e4rme aus diesen Zeilen, die vielleicht auch jene \u00fcberraschen wird, die Schlingensief blo\u00df immer als Zyniker, als Provokateur und als Clown missverstehen wollen.<\/p>\n<p>&#8222;Der anf\u00e4ngliche Schub zu Jesus und Gott geht eher wieder weg. Vielleicht kommt er wieder, wenn man ganz am Arsch ist&#8220;, verk\u00fcndet Schlingensief an einer Stelle.<\/p>\n<p>Jetzt, in Duisburg, steht er am Altar, blinzelt durch die Lesebrille und spricht von Jesus, der &#8222;eben doch da&#8220; sei, obwohl gerade noch das Gegenteil behauptet wurde. Schlingensief wird nach der Auff\u00fchrung sagen, dass er sich gut f\u00fchlt; dass er k\u00e4mpfen will gegen den Krebs, der im Augenblick durch Chemotherapie und Strahlen einged\u00e4mmt ist; er wird reden davon, nach Afrika zu reisen, wenn es ihm besser geht in ein paar Monaten.<\/p>\n<p>Jetzt aber hebt er nur den Kelch und l\u00e4chelt in die Runde, und f\u00fcr einen Augenblick glaubt man sie zu sp\u00fcren: die Abwesenheit der Angst in der &#8222;Kirche der Angst&#8220;.<\/p>\n<p><em>Von Wolfgang H\u00f6bel<br \/>\nErschienen im SPIEGEL am 22.09.2008 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der an Krebs erkrankte Regisseur Christoph Schlingensief inszeniert in Duisburg eine schrille, herzergreifende und zum Gl\u00fcck voreilige Totenmesse in eigener Sache &#8211; mit Kinderchor, Schmalfilmbildern und einer Nachhilfelektion in Kunstgeschichte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/289"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=289"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/289\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=289"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=289"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=289"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}