{"id":288,"date":"2008-09-23T12:12:18","date_gmt":"2008-09-23T10:12:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=288"},"modified":"2008-09-23T12:12:18","modified_gmt":"2008-09-23T10:12:18","slug":"passionsspiele-von-schlingensief-nrz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=288","title":{"rendered":"IN DER KIRCHE DER ANGST (WAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Duisburg. Was ist zu sagen \u00fcber den Gestalt gewordenen Alptraum eines Todkranken? Wenn man Schlingensiefs \u201eKirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c eine Note erteilen wollte, es w\u00e4re der Versuch, ein R\u00f6ntgenbild, eine Laborprobe oder eine Fieberkurve nach ihrem k\u00fcnstlerischen Wert einzustufen.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie \u201eKirche der Angst\u201c, die Christoph Schlingensief in der Duisburger Gebl\u00e4sehalle gebaut hat, ist mehr Aufschrei als Aussage. Es ist das Universum der im Januar 2008 diagnostizierten Lungenkrebs-Erkrankung des Regisseurs, ein Denkmal, das er dem eigenen Leiden und seinem Zweifel daran gesetzt hat. Nicht etwa eine gruselige Geisterbahn, die mit den Phobien der Zuschauer spielt, sondern die Krankheit des Menschen Christoph Schlingensief als Raum, gestaltet in gro\u00dfen Teilen mit den Protokollen, die er im Krankenzimmer auf Band gesprochen hat.<\/p>\n<p><strong>Selbstzitate <\/strong><\/p>\n<p>In diesem Universum treten drei Frauen und ein Mann als Schlingensief auf, ein Gospelchor ist dabei und eine Gruppe kindlicher Ministranten. Dazu eine schweigende, kleinw\u00fcchsige Frau in goldener Bischofsmitra, zwei S\u00e4ngerinnen und schwarzen Brautkleidern, Musiker, falsche oder wirkliche Kranke, wer wei\u00df das schon, \u00fcberblendet mit filmischen Selbstzitaten fr\u00fcherer Schlingensief-Werke: Ein verwesender Hase, eine Kreuzigungsszene mit Behinderten. Ewige Lichter flattern, die Zuschauer sitzen in Kirchenb\u00e4nken, Weihrauchduft flutet durch den Raum mit den Buntglasscheiben, die Darsteller halten Metronome in der Hand: Verg\u00e4nglichkeit! Was geschieht, ist viel zu komplex, um es wiederzugeben. Es spricht von Trauer, Furcht, Zweifel, Lebenshunger, Unverst\u00e4ndnis, Trotz, Einsamkeit, Hoffnung. Und Angst, nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Diese Angst, die den Regisseur umtreibt, ist weniger die Angst vor dem Tod als Nichts als vor dem Tod als Lebens-R\u00e4uber. Es ist die Trauer um verpasste M\u00f6glichkeiten, Lebensirrt\u00fcmer und das Bedauern, mit sich selbst nicht im Reinen zu sein, dieses Selbst vielleicht hinter sich lassen zu m\u00fcssen, lange bevor man sich damit auch nur angefreundet hat: \u201eIch kann mich eben nicht so lieb haben, wie ich das eigentlich m\u00fcsste\u201c, hei\u00dft es einmal. Es ist die Wut auf die Eltern, den Vater, der selbst schon gestorben ist und die offenbar mit der Situation \u00fcberforderte Mutter.<\/p>\n<p><strong>Wut des Katholiken Schlingensief <\/strong><\/p>\n<p>Und, ganz wesentlich, ist die Angst auch eine Wut auf Jesus, Gott, Maria \u2013 fast r\u00fchrend h\u00e4lt der chaotische Schlingensief an der katholischen Trinit\u00e4t fest. Selbst seine radikal individualistische Deutung der Liturgie ist doch wieder genau das: Liturgie. \u201eGott ist nicht da. Es ist alles ganz tot. Es ist alles ganz kalt\u201c, fl\u00fcstert einer der Schlingensief-Darsteller im Laufe der Auff\u00fchrung, vielleicht auch die Stimme vom Band. Jesus, so unterstellt der Autor am Ende, habe am Kreuz nicht gefragt: \u201eMein Gott, warum hast du mich verlassen\u201c, sondern ausgesprochen \u201eIch bin autonom.\u201c<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief mag alles M\u00f6gliche sein, provokant bis zur Blasphemie, aber ein Atheist ist er nicht. Gott ist nicht tot \u2013 er ist abwesend, wenn er ihn haben will. Eine Vaterfigur, der der Kranke ganz kindliche Gef\u00fchle entgegenbringt: \u201eIch bin so beleidigt.\u201c Wegen der Zumutung dieser Krankheit, wegen des Mangels an Erkenntnis und der Unf\u00e4higkeit der Kirche, ihm zufrieden stellende Deutungsmuster anzubieten. Und dabei hat er es doch \u201eeigentlich immer gut gemeint\u201c. \u201eIch habe das Gute gesucht und ich habe es nicht b\u00f6se gemeint.\u201c <\/p>\n<p>Er will kein Stellvertreter sein, hei\u00dft es irgendwo von irgendeinem der f\u00fcnf Schlingensiefe, dem echten oder einem seiner vier Doppelg\u00e4nger. Nein, das ist er wohl nicht. Hier hat einer sich selbst ausgebreitet, mit allen \u00c4ngsten, Zweifeln, Unzul\u00e4nglichkeiten, in aller menschlichen Schw\u00e4che. F\u00fcr diesen Mut verdient er Respekt. Wieweit diese Kirche der Krankheit des Christoph Schlingensief zu ihren Besuchern spricht, muss jeder selbst herausfinden.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>von Martina Herzog<br \/>\nerschienen in der WAZ, Kultur, 23.09.2008<\/em>,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Duisburg. Was ist zu sagen \u00fcber den Gestalt gewordenen Alptraum eines Todkranken? 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